DIE ZEIT IST AUS DEN FUGEN

DIE ZEIT IST AUS DEN FUGEN

Wie oft William Shakespeares Tragödie HAMLET seit ihrer Entstehung um 1600 auf den Bühnen dieser Welt aufgeführt wurde, vermag niemand genau zu sagen. Eins aber ist sicher: Es gab in den vergangenen rund 400 Jahren Millionen von Zuschauern, die die Geschehnisse hinter den Mauern von Helsingör immer wieder neu mit offenen Herzen und Hirnen erleben wollten. Und wenn – was selten genug vorkommt – ein Theatertext die Menschen dermaßen konstant fasziniert, und das in vielen Sprachen und Ländern, so ist oft einer der Gründe dafür, dass die Dialoge, Figuren und Fragen des Dramas Kompositionen ermöglichen, die – unabhängig vom Wann und Wo – unsere Synapsen zum Schwingen bringen. Unsere Gegenwart.

Ein Mikrokosmos, in dem das Theater der Welt stattfindet. Ein Schauplatz, ein Ort des Sehens und Gesehen-Werdens: Schloss Helsingör, Dänemark. Eine neue Epoche beginnt mit Gewalt. Claudius ermordet heimlich seinen Bruder, den König von Dänemark, heiratet dessen Frau Gertrud und reißt den Thron an sich. Dann sind da noch Polonius, der Claudius zur Seite steht, dessen Sohn Laertes, der sofort abrei­sen will, seine Schwester Ophelia – und die Schauspieler. Von außen drohen Feinde, innen verfaulen Ethik und Moral – verfault ein Land. Das Verbrechen, mit dem so manches begann, bleibt nicht lange ein Geheimnis, doch auf allem, aus dem eine echte Revolution erwachsen könnte, liegt ein Mehltau. Hamlet, Sohn des Ermordeten, ringt mit Wahrheit und Wahnsinn. Und er ist nicht der Einzige, der bald erkennen muss, dass man in der eigenen Heimat zum Fremden werden kann. Im Spannungsfeld von Virtualität, Realität, Sein oder Nicht-Sein: Was genau ist das, was alles und jeden zu verzehren droht? Was sind die Krankheiten der Zeit? Wo anfangen, sie zu bekämpfen? Und – wie?

MENSCHEN, DIE IN IHRER ZEIT VERLOREN GEHEN

William Shakespeare (1564 – 1616) zeichnet in HAMLET eine Welt am Abgrund. Sein Dänemark ist ein Kosmos im Umbruch, in dem überall Paranoia, Zweifel und Einsamkeit lauern. Shakespeares wohl berühmteste Tragödie strahlt seit Stückentstehung durch die Jahrhunderte, lauscht gleich einem Seismographen in die Erschütterungen der Jetztzeit. Macht sich auf die Suche nach der Architektur der Welt – nach dem, was die Menschen zusammenhält, nach dem Ich in einer Zeit aus den Fugen, sieht Verlorengegangenes und Verlorengegangene, Macht und Ohnmacht, lädt ein zu einem offenen Blick auf die Gegenwart der Evolution und auf die Evolution der Gegenwart – auf all das, was fasziniert und überfordert, verängstigt und anspornt, verwirrt und verblüfft. Europa, 2014: Was ist der Mensch?

 

Über Anne-Kathrin Schulz

Anne-Kathrin Schulz, geboren in Berlin, arbeitete nach ihrer Ausbildung an der Berliner Journalistenschule u.a. bei der taz, dem SFB Hörfunk und bei MTV London. Von 1998 bis 2000 als Dramaturgieassistentin in der Intendanz von Leander Haussmann am Schauspielhaus Bochum engagiert. 2001 wurde ihr Theaterstück Unter Land am Jungen Theater Göttingen uraufgeführt, 2003 dann Silly Songs am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, für das sie 2002 den Förderpreis der Freunde des Deutschen Schauspielhauses erhielt. Von 2005 bis 2008 arbeitete sie als Assistentin der Künstlerischen Leitung und Dramaturgin am Deutschen Theater Berlin, 2009 war sie Gastdramaturgin am Theater Aachen. Seit Sommer 2010 ist sie Dramaturgin am Schauspiel Dortmund.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.