LOOP IST NICHT GLEICH LOOP

Loop ist nicht gleich Loop

Im Theater gelten Wiederholungen eher als unüblich. Nicht so im „Goldenen Zeitalter“. Ein Abend, der aus zahllosen musikalischen, sprachlichen und szenischen Loops besteht. Doch was sind Loops und warum lohnt es sich, über sie nachzudenken? Musiker Tommy Finke und Matthias Seier über das Prinzip der Wiederholung und dessen verschiedene Auswirkungen.

„Musik stellt Ordnungsverhältnisse in der Zeit dar.“
– Karlheinz Stockhausen: Wie die Zeit vergeht

An einem noch sommerlich frischen Septembermorgen beschließt der New Yorker Avantgarde-Komponist William Basinski, ein paar alte orchestrale Kassettenloops, die er in den frühen 80ern erstellt hat, auf Festplatte zu digitalisieren. Die Kassetten sind jedoch so schlecht gealtert, dass der Ferrit des Kassettenbands immer mehr abfällt, je öfter der Tonkopf des Digitalisierungsgeräts über das Band fährt. Basinski lässt die Loops stundenlang laufen, während sie durch die Auflösungsprozesse des selbstzerstörerischen Tonbands immer weiter zerfallen. Der Sound der Loops wird allmählich flacher, es entstehen kurze Pausen, Lücken, Leerstellen. Am Ende der meist überlangen Loop-Aufnahmen bleibt nicht viel mehr übrig als geisterhafte Stille oder ein Loop, der sehr viel schwächer, abgenutzter, toter klingt als zu Beginn. Basinski ist von dieser Materialermüdung begeistert. Am nächsten Morgen wird er von Freunden per Telefon geweckt, bitte sofort die Nachrichten einschalten, zwei Flugzeuge seien ins World Trade Center gestürzt, anscheinend sogar mit voller Absicht. Nach einer Zeit steigt Basinski mit Freunden auf das Flachdach seines Wohngebäudes in Brooklyn. Er lässt die Loops laufen und schaut den pechschwarzen Rauchschwaden zu, die langsam aus Manhattan aufsteigen.

Während die Loops vor ihren Ohren sterben, stirbt direkt vor ihren Augen eine Epoche. Die Loops – noch ein Tag zuvor bloß eine konzeptuell ausgefuchste Soundspielerei – werden plötzlich zum berührenden Soundtrack der Entropie und zur Parabel auf Leben und seine Vergänglichkeit. Die Loops blühen auf und scheinen, sich mit letzter Kraft dagegen zu wehren, in der Stille unterzugehen. Doch während die Nacht über Manhattan hereinfällt, verstummt auch der letzte. Die Zeit und die Wiederholung machen das Werk dabei zu dem, was es ist. Erst durch die hundert-, zweihundertfache Wiederholung des in gletscherartiger Langsamkeit zerfallenden, achtsekündigen Musikfetzens fällt die Variation wirklich auf. Erst durch die Wiederholung wird die Musik zu ihrem eigenen Grabstein und zum Memento Mori. Das Aufbegehren der orchestralen Musik und die darauf folgende gespenstische Stille werden erst durch den Verfallsprozess des unnachgiebigen Wiederholens, der vollkommenen Materialermüdung so bedeutsam. Basinski nannte das Projekt „The Disintegration Loops“, die Loops des Zerfalls also, und veröffentlichte es auf insgesamt vier CDs. Manche Loops halten sich über neunzig Minuten, bis sie in einem weit entfernten, kaum mehr wahrnehmbaren Summen und Rauschen enden. Manche brauchen nur zwanzig Minuten, um zu schweigen. The Disintegration Loops wurde zum modernen Klassiker der experimentellen Musik und auch in das offizielle Mahnmal der Terroranschläge, das National September 11 Memorial and Museum, aufgenommen.

Der Loop, der einen an die Vergänglichkeit gemahnt. Der Loop, der den Inhalt von Sprache auflöst. Der Loop, der als Meditation funktioniert. Der Loop, der einen näher zu Gott bringt. Der Loop, der Zeit und Raum verdeutlicht.

Um es einmal festzuhalten: Loop ist nicht gleich Loop. Sprachliche Loops funktionieren beispielsweise anders als musikalische. Wenn man einen gesprochenen Satz loopt, achtet man zuerst auf den Inhalt. Sobald er aber verstanden ist und spätestens nach ein paar Wiederholungen redundant wird, gewinnt die Musik der Sprache. Der Rhythmus der Worte, die Melodie der Betonungen, der Beat der Sprechpausen tritt in den Vordergrund. Der Inhalt selbst wird zum nicht mehr beachteten Hintergrundrauschen. Bei Musik ist das nicht automatisch der Fall. Es gibt mehrstündige House-Sets, in denen sich der Beat nicht unbedingt ändern muss und die dennoch noch nach langer Zeit extrem tanzbar sind. Man tanzt sich in eine Art Ekstase oder Trance, je nachdem – wie ein Ritus.

This is where the magic happens - der Arbeitsplatz von Tommy Finke beim "Goldenen Zeitalter".
This is where the magic happens – der Arbeitsplatz von Tommy Finke beim „Goldenen Zeitalter“.

Die Wiederholung wird so zum Mittel, um eine Art von „Transzendenz“ zu erreichen. Erst durch sie verschiebt sich der Fokus des Alltags hin zum Außeralltäglichen. Das ist natürlich nicht nur bei Elektro-Musik in Clubs wie dem Berghain beobachtbar, in dem die Tanzenden Zeit und Raum vergessen und sich dem erbarmungslosen Prinzip der Wiederholung ergeben. Denn auch jedes religiöse Mantra, jedes Om, jedes Hare Krishna, jedes Havenu Shalom Aleichem und jedes orthodoxe Jesusgebet funktioniert als Loop. Durch beständige Anrufung göttlicher Namen oder das repetitive Rezitieren heiliger Silben, Wörter oder Sätze erhofft man sich die möglichst hohe Annäherung an Gott, die Vergegenwärtigung einer spirituellen Präsenz. An dieser Stelle beruft man sich dann rasch auf Jahrtausende alte afrikanische Riten oder Musikrituale indigener Naturvölker, von denen uns die Ethnologen so gern berichten und von denen wir so gern lesen: Eine repetitive, monotone Musik bei Vollmond – ein Tanz ums Lagerfeuer – ein großer Schluck vom Feuerwasser des Schamanen. Die Wirkung dieser Rituale und ihrer Musik auf das menschliche Gehirn ist dabei unbestritten. Deshalb ist das Prinzip der Wiederholung so alt wie Musik selbst. Ohne Wiederholung wäre die Geschichte der Musik unmöglich. Ohne Wiederholung kein Fortschritt.

Was entscheidend sein kann, ist die Kürze des Loops. Ein musikalisch komplexer Loop, der eine ganze Stunde lang ist und dann wieder von vorn beginnt, wird in der Regel so nicht als Wiederholung erkannt. Wenn man die Episode einer Fernsehserie direkt im Anschluss nochmal schaut, merkt man natürlich, dass sie sich wiederholt. Aber bei komplexer Musik, die nicht sofort wiedererkennbar ist, würde man die Wiederholung überhaupt nicht merken. Je kürzer der Loop und je kleiner seine Sequenz, desto schneller wird er entlarvt. Auch sich einzeln wiederholende Töne sind ein Loop. Der Ton einer wiederholt in einem gleichbleibenden Rhythmus angeschlagenen Klangschale ist auch nur ein Loop der wiederkehrenden Frequenz.

Noch ein anderes Beispiel über die Macht des Loops. Manche Loops führen dazu, dass man Zeit und Raum um sich vergisst – andere machen genau das erst möglich. 1969 nimmt der Komponist Alvin Lucier ein paar Sätze seiner Stimme auf: „I am sitting in a room different from the one you are in now.“ Diese Aufnahme dieser Sätze wiederum spielt er im Raum ab und nimmt sie währenddessen zeitgleich wieder auf. Diesen Prozess wiederholt er so lange, bis es unkenntlich wird, dass eine menschliche Stimme das Ausgangsmaterial des Klangs war. Die Resonanzfrequenz des Raums addiert sich immer mehr auf die Aufnahmen, bis sie am Ende quasi nur noch allein übrig bleibt. Sie wird dadurch unmittelbar hörbar. Der Loop dabei ist an sich sekundär, dennoch funktioniert der Clou dieses Werks nur durch den Prozess des Wiederholens. Der Loop fungiert als Mittel, Zeit und Raum hörbar zu machen. So wie man den Prozess des Verwesens am besten an einem Apfel darstellbar machen kann, der diesen Verwesungsprozess allmählich durchlebt – so kann auch der Prozess des Verstummens oder der Prozess der Raumfrequenz durch den konstant wiedergegebenen Loop erfahrbar werden. Nur bei etwas, was man schon sehr gut kennt und oft wiederholt wurde, kann man die winzigsten Variationen am Besten erkennen. Minimal Music arbeitet oft mit diesen kleinen Verschiebungen: ein sich wiederholender Loop beginnt plötzlich eine Sechzehntelnote später. Da man Hörgewohnheiten hat, die ein Rhythmusgefühl diktieren, nimmt man diese Veränderungen erst störend oder interessant wahr – je nachdem, wie man gepolt ist.

Um es nochmal zu wiederholen: Loop ist nicht gleich Loop. Es gibt also kein Patentrezept für das Loopen. Was aber immer gilt: Die Veränderung ist jedem, wirklich jedem Loop inne – sie findet im Kopf des Hörers immer statt und ist unausweichlich. Ohne unser Gespür für Veränderungen gäbe es keine Loops.

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

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