DAS ABC DES GOLDENEN ZEITALTERS

DAS ABC DES
GOLDENEN ZEITALTERS

Adam Erster Mensch, geschaffen aus Erde und Gottes-Atem. Zunächst geschlechtsloser Gärtner im Garten Eden. Nach unerlaubtem Fruchtgenuss und Versteckspiel mit → Gott erster Feld-Arbeiter. Zeugte mit seiner Frau → Eva Kain, Abel u.a. Gilt in der jüd.-chr. Tradition als Stammvater aller Menschen. Verstarb im Alter von 930 Jahren.

Alltag „Routinemäßige Abläufe bei zivilisierten Menschen im Tages- und Wochenzyklus,“ die sich durch „wiederholende Muster von → Arbeit und Arbeitswegen, Konsum, Freizeit, Körperpflege, sozialer sowie kultureller Betätigung und Schlaf“ auszeichnen (Wikipedia) (→ Hamsterrad, → Freiheit).

Also sprach Zarathustra (Strauss) Sinfonische Dichtung von Richard Strauss nach Friedrich Nietzsches gleichnamigem Buch. Das durch Stanley Kubricks Filmepos 2001: Odyssee im Weltraum (→ Menschenaffe) und durch Werbung für Warsteiner Bier weltberühmt gewordene „Naturmotiv“ (c’-g’-c’’) kehrt in ihr in Variation wieder, was als Verweis auf Nietzsches Idee der → Ewigen Wiederkunft interpretiert wurde.

Arbeit Umkämpfter Begriff, dessen Bedeutung weitgehend unklar ist. Arbeitet nur, wer dafür auch Lohn erhält? Was ist mit Staubsaugen, Stillen, Butter kaufen, Praktikum machen und Tagebuch bloggen?

Baal Frühes Stück von → Bertolt Brecht, für das er teils aus eigenen Liedern, teils aus Gedichten von Francois Villon sampelte (->Sample). Zuletzt aufgeführt 2015 am Münchener Residenztheater, jedoch nach wenigen Vorstellungen verboten. Der Suhrkamp-Verlag begründet: „Innerhalb der Produktion werden umfängliche → Fremdtexte verwendet, die Werkeinheit wird aufgelöst. Dies verletzt das Urheberrecht (→ Zitatrecht) und ist durch Aufführungsvertrag nicht gedeckt.“ (→ Beckett-Erben, → Goethe, → Original)

Beckett, Samuel Literarischer Riese im 20. Jh. (), auf dessen Schultern man unsicher steht aber weit sieht (→ Zwerge auf den Schultern von Riesen). Bekannt geworden u.a. durch die Erfindung der Feldwegbewohner Wladimir und Estragon, die in sich endlos wiederholenden → Variationen auf einen gewissen Godot warten, der nicht kommt.

Beckett-Erben Relativ humorlose Vertreter der Urheberrechts-Interessen → S. Becketts. Bewirkten immer wieder Aufführungsverbote, weil sie Becketts originäre Absichten verletzt sahen (→ Original) – zuletzt an der Landesbühne Wilhelmshaven, weil ein Regisseur Estragon und Lucky mit Frauen besetzte.

Beuys, Joseph Bedeutender deutscher Kunstlehrer und Aktionskünstler (). Lauschte 1968 bei einem Leichenschmaus am Niederrhein dem Gemurmel alter Frauen und machte es zum Ausgangspunkt einer akustischen Skulptur, die 60 Minuten lang ausschließlich die Worte „Ja, ja, ja, ja, ja. Nee, nee, nee, nee, nee“ variierte (heute für ~ 900,- Euro als LP erhältlich).

Blanche du Bois Theaterfigur und tolle Rolle. Kommt gebürtig aus Tennessee Williams Südstaatendrama „Endstation Sehnsucht“ (1947), verirrte sich jedoch schon häufiger in andere Stücke, z.B. in Woody Allens „→ Gott“. Wie alle Theaterfiguren muss sie ihr Trauma wieder und wieder durchschreiten. Soll heißen: Theaterbühnen ziehen sie an wie magischer Zauber (→ Wiederholungszwang).

Brecht, Bertolt Deutscher Dichter im 20. Jahrhundert, dem → Fremdtexte nicht fremd, sondern Texte wie alle anderen auch waren. Zitat: „Ihr könnt meine Interpretationen ja zum Teil wegstreichen, neues einfügen, kurz: Die Stücke als Rohmaterial verwenden.“ (→ Baal, → Beckett-Erben, → Zitat Ende, → Zitatrecht).

Bühnenweihfestspiel Gattungsname der Parsifal-Oper, vom Komponisten selbst gewählt. Wagner verdrahtete die Theater-Bühne mit dem christlichen Jenseits wie niemand zuvor, um dort mit Kunst den „Kern der Religion zu retten“ wo „Religion künstlich“ geworden ist. Ein → Fetisch Wagners war die → Erlösung der Menschheit durch Mitleid.

Burka Einfarbig dunkles Objekt der Furcht, aus dem ein Blick dringt, den man nicht erwidern kann. Eine Burka eliminiert Gegenseitigkeit, Gleichheit und Individualität (→ Individuum). Dazu Philosoph Slavoj Zizek: „Genau das Verdecken des Gesichts vernichtet das Schutzschild, so dass die Andersheit, das Anders-Sein uns direkt anstarrt.“ (→ Das macht das Leben eben bunt, → Exactitudes)

Campbell Soup Company US-amerikanisches Unternehmen mit charakteristischem rot-weißem Etikett, das ein großes Sortiment haltbarer Lebensmittel in Konserven herstellt. Bereits 1962 verkaufte C.S.C. Suppen in 32 Geschmacksrichtungen: Grundlage für → Andy Warhols berühmte 32teilige → Serie Campbell’s Soup Cans.

Clown Figur mit langer Tradition in Zirkus, Varieté und Theater. Hat die ungeheure Pflicht, die Leute zum Lachen zu bringen. Bekannte C.s sind der Dumme August (rote Nase, große Schuhe, verkörpert so was wie die „Freiheit des Triebes“) und der Weiße Clown (weiß, verkörpert die „Vernunft“). Fast alle Figuren → S. Becketts haben Clowns im Stammbaum.

Collage „Systematische Ausbeutung des zufälligen oder künstlich provozierten Zusammentreffens von zwei oder mehr wesensfremden Realitäten“ (Max Ernst, Maler, 1891-1976) (→ Détournement, → Mashup).

Copy and Paste Die Computerbefehle Strg + C sowie Strg + V, die eine beliebige Menge Text in Sekunden von Dokument zu Dokument wandern lassen. Hat in den letzten 25 Jahren still und heimlich das Schreiben revolutioniert.

Couch Liegemöglichkeit im psychoanalytischen Behandlungszimmer. Liegend fährt sich’s reibungsloser hinab ins Unbewusste.

Cover Recycling-Technik in der Musik: Ein bestehendes Lied wird neu eingespielt und dabei notwendig variiert. Wird im amerikanischen Kontext auch ‚tribute’ genannt, was das C. weniger zu einem Diebstahl am → Original als zu einer Verbeugung vor demselbigen macht.

Danton, Georges Französischer Revolutionär (1759–1794), ausführlich gesampelt (→ Sample) in Georg Büchners Drama Dantons Tod. Dort äußert er sich vor seiner Hinrichtung ungehalten über die lästigen → Wiederholungen → im Alltag: „Das ist sehr langweilig, immer das Hemd zuerst und dann die Hosen drüber zu ziehen und des Abends ins Bett und morgens wieder herauszukriechen.“

Das macht das Leben eben bunt Pointe eines fröhlichen Kinderlieds, das sich um die Vermittlung von Toleranz an Grundschüler bemüht: „Ich bin anders als / Du bist anders als / Er ist anders als / sie (…) Na und?“ (→ Burka, → Identität, → Individuum)

Der Engel der Geschichte Eine der letzten Denkfiguren im Leben des Philosophen Walter Benjamin und ein Gegenbild zu Nietzsches Idee der → Ewigen Wiederkunft. Der EdG blickt zurück auf die Vergangenheit, wird jedoch der Zukunft zugetrieben von einem Sturm, „der aus dem Paradiese weht“ und der ihn daran hindert, zu „verweilen“, um „die Toten zu wecken und das Zerschlagene zusammenzufügen“. „Das, was wir den → Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

Die Wiederholung Philosophische Dichtung von Sören Kierkegaard von 1843, in der ein fiktives Ich namens Constantin Constantius wiederholt ins Theater geht um herauszufinden ob die „→ Wiederholung möglich sei“ (→ Messi, Lionel). Mündet immer wieder in geistreichen Paradoxien, die sich jedem Versuch einer eindeutigen Antwort lachend entgegenwerfen: „Das einzige, was sich wiederholte, war die Unmöglichkeit einer Wiederholung.“

Die Schöpfung Oratorium von Joseph Haydn (1798), der die Schöpfungsarbeit an seinem Werk selbst als religiöse Erfahrung beschrieb. Das Libretto erzählt die → Geschichte der Erschaffung der Welt als → Remix der Bücher → Genesis und Psalmen sowie John Miltons Epos Paradies Lost.

Donau, an der schönen blauen Walzer und hartnäckiger Ohrwurm von Johann Strauss aus dem Spätherbst 1866, der alljährlich das alte Jahr in Österreich verabschiedet und das neue begrüßt. Cineasten werden dabei wohl für immer ein Raumschiff um eine Raumstation tanzen sehen. Im 3/4-Takt des Walzers vermuteten Musikwissenschaftler übrigens schon mal eine besondere Zahlenmystik: die Zahl 3 gilt seit Pythagoras als Symbol für die ewige Wiederkehr (→ Alltag, → Ewige Wiederkunft, → Hamsterrad).

Détournement Kulturtechnik der „Entwendung“, von den Situationisten um Guy Debord in den 1950ern so benannt. Etablierte und damit zu „Lügen“ (Debord) erstarrte Kunstwerke und Ideen werden aus ihrem musealen Kontext gerissen und „wieder der Subversion zugeführt.“ (→ Collage, → Mashup, → The Grey Album)

Deutscher Michel Knapp 500 Jahre alte Personifikation Deutschlands mit Zipfelmütze aber ohne geklärte Herkunft (nein, auch nicht der Erzengel Michael). Dieser mal schlaftrunken, tumb und friedliebend, mal völlernd und saufend dargestellte Biedermann hat in John Bull (England), Onkel Sam (Amerika) und Marianne (Frankreich) seine wichtigsten westlichen Alliierten. Als „Etikette deutscher Identität“ (Website des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland) erschreckend identitätslos (→ Identität).

Duracell-Hase Rosafarbenes Plüschhäschen mit Alkali-Batterie-Antrieb (*1973), das beim Trommelkonzert der Häschen als einziges bis zum Morgen unermüdlich weitertrommelte und dadurch Selektionsvorteile gegenüber Häschen mit herkömmlichen Zink-Kohle-Batterien bewies (→ Erschöpfung, → Menschenaffen).

Ehije ascher ehije Hebräische Aussprache der berühmten Worte aus dem brennenden Dornbusch, die → Gott in Exodus 3,14 als unmissverständlichen Ausdruck seiner Selbst-Identität zu Mose spricht, als dieser ihn nach seinem Namen fragt. Verschieden übersetzt, u.a. mit „Ich bin der ich bin“ (Elberfelder), „Ich werde sein, der ich sein werde“ (Luther), „Ich bin der Seiende“ (Septuaginta), „Ich werde sein der Ich bin“ (Zunz) und „Ich bin der, der ist und immer sein wird“ (Neue Evangelistische) (→ Identität).

Einstein on the Beach Experimentelle Oper in vier Akten mit fünfstündiger Aufführungsdauer und enormer hypnotischer Kraft, 1975 komponiert von dem Theatermusiker Philip Glass. Das Libretto besteht aus sich wiederholenden Silben, Zahlen und Gedicht-Fragmenten (→ Mantra).

Ende der Geschichte Idee des Politikwissenschaftlers F. Fukuyama aus den 1990er Jahren, nach der mit dem Ende des Realsozialismus in Osteuropa der liberal-demokratische Kapitalismus endgültig gewonnen hätte und das → Goldene Zeitalter einer liberalen Weltgemeinschaft vor der Tür stehe. Stand September 2013: Völliger Unsinn!

Endloslied Lied mit textlicher und/oder musikalischer Struktur, in der das Ende notwendig zurück zum Anfang führt. Bekannte Beispiele sind die Volkslieder Ein Loch ist im Eimer und Ein Mops kam in die Küche sowie Eisgekühlter Bommerlunder (Die Toten Hosen) und Das rote Pferd (→ Remix von Markus).

Erklärbär Vierpfotiger schwarzer Pädagoge im Pelz mit schusssicherer Weste und Hang zur großen Geste. Zitiert gern → Die Wiederholung und verhöhnt individuelles Glück mit dem bestialischen Wahrheitsanspruch, dass die ewige → Wiederholung gottgewollt und somit unhintergehbar sei (→ Alltag, → Hamsterrad, → Noah).

Erlösung Insbesondere jüd.-chr. Vorstellung von der endgültigen Befreiung eines Einzelnen oder größerer Gruppen von Menschen von allem Negativen (→ Goldenes Zeitalter). Wer nun aber erlöst wird, darüber werden seit jeher heftige Debatten geführt. Alle, die glauben? Alle, die getauft sind? Alle, die sich an die Gebote halten? Alle reuigen Sünder? Alle, die → Gott dafür ursprünglich vorgesehen hat? Alle? (→ Erlösung dem Erlöser)

Erlösung dem Erlöser Epochaler Schlusschoral in Richard Wagners Oper Parsifal (→ Bühnenweihfestspiel). Von „allen“ gesungen, direkt nachdem Parsifal die Wunde von Amfortas mit dem Speer geschlossen hat und sich kniend in den Anblick des Grals versenkt. Widmet sich dem Gedankenspiel, wer eigentlich denjenigen erlöst, der die anderen erlöst (→ Erlösung). Wagner schlägt einen heller werdenden Lichtschein und eine weiße Taube aus dem Schnürboden vor.

Erschöpfung Geistig-körperlicher Zustand während einer großen Anstrengung bzw. als Folge einer großen Anstrengung. Von der Unfähigkeit begleitet, weiter wie geschmiert zu funktionieren und Sinneseindrücke zu verarbeiten. Kritiker der Leistungsgesellschaft sahen in der E. Potential zum Widerstand: Am Nullpunkt der Seelenkräfte ist die Empfangsbereitschaft für das Nonkonforme besonders hoch. E. der Schauspieler und/oder → Zuschauer wird auch als ästhetisches Mittel im Theater verwendet.

Erzland Bayreuth Umbenennung des Richard-Wagner-Festspielhügels durch den säbelrasselnden Erzkunstballettmädchensoldaten Jonathan Meese, nachdem ihm 2014 die Regielizenz für den Bayreuther → Parsifal entzogen wurde. „Die Führungsriege dort ist der letzte Dreck. Die müssen sich bei Richard Wagner entschuldigen.“ (→ Bühnenweihfestspiel)

Eva Erste Frau der Menschheitsgeschichte (geschaffen auf Grundlage einer Organspende unter Vollnarkose). Erst sie machte den Gärtner → Adam zum Mann (im logischen wie im geschlechtlichen Sinne). Schlechtes Image brachte ihr der in der christlichen Tradition seit Augustinus so genannte Sündenfall, als sie Früchte vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse aß und Adam ebenfalls davon gab. Was selten bedacht wird: Adam hätte ja auch nein sagen können.

Ewige Wiederkunft Logischer Schluss Friedrich Nietzsches, der sich aus der Annahme ergibt, dass die Anzahl der Dinge im Raum endlich, die → Zeit jedoch unendlich in Vergangenheit und Zukunft erstreckt sei. Alle möglichen Situationen und Handlungen wiederholen sich demnach unendlich oft. Mit der Annahme dieser Annahme bricht die Ewigkeit in den Augenblick ein (→ Werther).

Exactitudes Fotostudien von Ari Versluis & Ellie Uyttenbroek. Unter Stichworten wie ‚Americanos’, ‚Latte Lovers’, ‚New Skool’ u.v.m. machten sie Fotos von → Individuen mit ähnlichem Sozius und stellen sie in seriellen → Collagen aus. Massiver Angriff auf jedes Gefühl von Einzigartigkeit (Verluis, Ari und Uyttenbroek, Ellie: Exactitudes, Rotterdam 2011) ( → Serie).

Feedback → Rückkopplung

Fetisch (Lat.: facticius ‚nachgemacht, künstlich’, franz.: fétiche ‚Zaubermittel’) Objekt, dem Eigenschaften zugeschrieben werden, die es nicht hat, und das dadurch mit außerordentlicher Wirkungsmacht ausgestattet ist – z.B. als ‚Sexueller F.’ (Fixierung auf blonde Langhaarperücken, rote Pumps o.ä., → Puppen) oder als von → Karl Marx so genannter ‚Warenfetisch’ im Kapitalismus: Ein Markenprodukt wie ein → Zott-Sahnejoghurt erhält seinen Wert am Markt letztendlich nicht durch → Arbeit, sondern durch einen quasi-religiösen Zauber, der seine verhexten Esser in ein relaxtes sogenanntes ‚Weekend-Feeling’ versetzt.

Fordismus Begriff des Marxisten (→ Marx, Karl) Antonio Gramsci für stark standardisierte Massenproduktion mithilfe spezialisierter Maschinen und radikaler Arbeitsteilung. Benannt nach Henry Ford, der dank Fließbandarbeit als erster Autos als Massenprodukt verkaufen konnte und dafür in dem Dystopia-Evergreen Schöne Neue Welt von Aldous Huxley einen zweifelhaften Ehrenplatz erhielt.

Fortschritt Eine Art guter Geist, der über den Jahrtausenden menschlichen Werdens und Vergehens waltet und der noch auf jeden Rückschlag mit zwei Schritten nach vorn zu antworten wusste. Liefert der deflationären Gesellschaft wie dem verunsicherten → Individuum die passende Erzählung dazu, mutig weiterzuwerkeln, auch wenn’s mal schief gegangen ist. Wohin uns der F. jedoch führt, ins → Paradies oder in den Untergang, ist Gegenstand von Debatten, die auch schon mit dem Messer geführt wurden (→ Der Engel der Geschichte, → Ewige Wiederkunft, → Goldenes Zeitalter, → Von der Entstehung der Arten).

Freiheit Im Zuge der NSA-Abhörskandale wieder hervorgekramter Begriff, dessen Untiefen jedoch selbst von der Partei, die seinen Namen in ihrem trägt, selten wirklich ausgelotet werden. Theatermacher Heiner Müller erinnerte einst daran, dass F. nicht die freie Wahl zwischen Pepsi und Coca Cola meinen könne. Und Kant befand schon im 18. Jh., dass wir im → Alltag – gerade dann, wenn wir uns für besonders frei halten – unfrei und vollständig determiniert sind (→ Zombies im Kaufhaus).

Fremdtexte Ausländer im Gastland eines Theaterstückes, dem sie nicht von Natur, d.h. vom Autor aus zugehören. Ungeliebt bei nicht wenigen Autoren (Ausnahme: → Brecht), ihren Verlegern und Erben, jedoch seit den 1980ern zunehmend benutztes Mittel im Sprechtheater, um als unzureichend empfundene Dramaturgien zu aktualisieren, auszubauen oder zu kritisieren. (→ Mash-Up, → Détournement, → Zitat Ende)

Geschichte Menschliche Eigenart, vergangene oder erfundene von einander isolierte Ereignisse mit Hilfe von → Kausalität in einen leicht zugänglichen Zusammenhang zu bringen.

Geburt Nicht zu lösendes Problem für die Vernunft, weil zwei Dinge zusammengedacht werden müssen, die nicht zusammen gedacht werden können: 1) Etwas kommt, das vorher nicht da war, 2) Aus dem Nichts kann nichts kommen.

Genesis Erstes Buch der Bibel. Beginnt mit der Schöpfung der Welt und landet über → Adam und → Eva, Kain und Abel relativ umstandslos bei → Noah. Zwischen den Figuren und ihren Abenteuern liegen jedoch Jahrhunderte ausgedehnt wie Sand in der Wüste Sinai, in denen der Staffelstab des Menschseins von Mann zu Mann weitergereicht wird, wovon das Buch G. ausgiebig und doch effizient Zeugnis ablegt.

Glitch (Jiddisch: glitsch ‚Ausrutscher’, ‚Fehler’, ‚Unvollständigkeit’) Kurzlebiger Fehler im System, so z.B. bei Elektrotechnik oder Computerspielen. Übliche G.s: falsch dargestellte Farben, Störgeräusche, Bildverzerrungen – kurz: Material, das an den Datenrändern einen eigenen Willen zur Gestaltung entwickelt. Künstler schätzen den G. als Mittel zur Würdigung des unvermeidbaren Fehlers.

Goethe, Johann Wolfgang von Deutscher Dichter im 18. und 19. Jh. und Verfasser des → Werther, dem das Image eines → Originals vorauseilt. Von G. selbst sind Äußerungen überliefert, in denen er der Möglichkeit von Originalität prinzipiell widerspricht. Trotz des nicht zu leugnenden Understatements ein zu seiner Zeit origineller Gedanke.

Goldenes Zeitalter Eine bis auf die gr. Antike zurückgehende Vorstellung eines → Zeit-Raums, in dem alles stimmt (→ Erlösung). Die jeweilige Gegenwart wurde vielfach als Degeneration des GZ beschrieben und z.B. Silbernes oder Kupfernes Zeitalter genannt. Dient als rhetorisches Mittel sowohl zur Verherrlichung von Vergangenheit als auch dem utopischen Entwurf von Zukunft.

Gott Einziges Wesen, das aus dem Nichts schöpfen kann. Reimt sich auf → Zott.

Guttenberg, Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Ehem. Politiker (CSU), u.a Bundesminister der Verteidigung, mit vielen Vornamen. 2011 von allen Ämtern zurückgetreten, nachdem bekannt wurde, dass er in seiner Doktorarbeit nicht aus dem Nichts schöpfte, aber so tat (→ Hegemann, Helene, → Zitatrecht).

Hamsterrad Laufrad, das um eine Mittelachse rotiert und ahnungslosen Säugetieren ein Gefühl von Fortschritt vermittelt, wo es keinen gibt. Schauerliches Sinnbild für die Vergeblichkeit unser aller Bemühungen (→ Alltag).

Hegemann, Helene Autorin, die in ihrem ersten Roman Axolotl Roadkill die Idee vom → Remix sehr weit trieb, indem sie Passagen des Bloggers Airen ohne Zitatangaben in den Roman integrierte, und damit den versammelten Groll des deutschen Feuilletons und diverser Schriftstellerkollegen auf sich zog (→ Copy and Paste, → Zitatrecht).

Hetzmasse Von Elias Canetti bezeichnete Gruppe von Menschen, die sich in der Jagd (z.B. auf einen Menschen) zusammenrottet und durch sie bestehen bleibt. Laut Schriftsteller Klaus Theweleit 1998 „zunehmend an die Bildschirme und Zeitungen verwiesen.“ Berichterstattung sei überwiegend „Mord auf Raten“, der uns nicht „vorgesetzt wird, damit wir informiert sind, sondern damit wir etwas Lust verspüren im erlahmten Leben, wenigstens die Lust am Sterben anderer“ (→ Tagesschau).

Herz Schlägt und schlägt und schlägt und schlägt und schlägt und schlägt dann, eines nahen oder fernen Tages, nicht mehr (→ Tod). Metronom, konstanter Beat, Lebensmaschine, umgangssprachlich der Sitz der Liebe. Das H. sitzt im besten Falle am rechten Fleck.

Hundert Berühmte Quadratzahl zwischen 99 und 101. Vielleicht weil sie die durchschnittliche Lebenszeit der Menschen überschreitet, wird sie häufig als Synonym für eine besonders lange → Zeit oder große Menge verwendet.

Hundert Quintillionen Zahl mit 32 Nullen und Dauer (in Jahren) bis zum endgültigen Zerfall unseres Sonnensystems. Die Sonne – längst zum weißen Zwerg geschrumpft – wird aus der Milchstraße hinaus wandern oder in ein Schwarzes Loch stürzen. Unser Erdball wird zu dem Zeitpunkt schon längst von ihr verschluckt sein und mit ihm der gesamte → Goethe (→ Erlösung, → Hundert, → Tod).

Identität (Lat.: idem ‚derselbe‘‚ dasselbe‘) Je näher man sich über diesen Begriff beugt, desto strudeliger der Strudel, in den man hinabgezogen wird. Wie kann A = A sein, wenn ein Gleichheitszeichen sie trennt? Wie kann ich von mir als selbstidentische Einheit ausgehen, wenn in mir die Wünsche auseinander stäuben wie → hundert Pferde bei Gewitter?

I Got You Babe Number-One-Hit des Pop-Duos Sonny & Cher aus dem Jahre 1965. Das hundertfach (→ Hundert) gecoverte (→ Cover) Liebesduett schrieb Sonny an einem Abend in seinem Keller und wurde von der Redaktion des Rolling Stone zum 444besten Lied aller Zeiten gekürt. Cineasten werden dabei wohl für immer die Zahlen eines Radioweckers umklappen sehen.

Individuum (Lat.: ‚Unteilbares‘, ‚Einzelding‘) Das westliche Konzept vom I. besagt, dass jeder Einzelne unverwechselbar und – Vorsicht: Paradox – dass Unverwechselbarkeit ein Ziel sei, dass es im Leben zu erreichen gilt. Als Angriffe auf das I. werden z.B. Kopftücher, Uniformen oder gleichförmige Rhythmen gewertet. Nur die Logik widerspricht: Wenn am Ende alle individuell sind, ist’s keiner mehr (→ Exactitudes).

Irgendwann Lied von Gerhard Schöne, das an den Umstand erinnert, dass es im Leben „alles, alles“ ein letztes Mal gibt: Brot schmecken, Schnee sehen, durch den Saal tanzen (→ Tod).

Jam Improvisiertes Zusammenspiel verschiedener Instrumente und Stimmen, welches nach kurzem Anlauf in ungeahnte Sphären abheben kann. J.s laden den Zufall an den Tisch, das nicht Komponierbare mit zu gestalten.

Jubelgesellschaft Wir. Die J. vereint habituelle Ungeduld und kurze Planungshorizonte zu ihrem obersten Lebensziel: dem möglichst ununterbrochenen Erleben von Spannung, Spektakel, Spiel und Spaß. Aufgestaute → Langeweile und Unlust entladen sich in orgiastischem Jubel, der jeden Kriegslärm übertönt (→ Witzischkeit kennt keine Grenzen, → Zott).

Kaspar Theaterstück des frühen Peter Handke, in dem ein Chor von sogenannten „Einsagern“ dem sprachlosen Kasper (Hauser) in unbarmherzigen, nicht enden wollenden Variationen Worte und Grammatik einpeitscht.

Kausalität Mentaler Klebstoff, mit dem wir Erfahrenes zu sinnvollen Einheiten strukturieren: „Dieses folgte deshalb aus jenem“. Wo jedoch das ‚Deshalb’ fehlt und nur ‚Dieses’ und ‚Jenes’ ohne Haftung durch den Äther schweben, ist das Denken anders gefragt: Wir müssen uns erstmal um die Beschaffenheit des Klebstoffs kümmern.

Kobold Staubsaugermodell der Firma Vorwerk mit 11cm langem Ansaugstutzen, an dessen Ende sich ein rotierender Ventilator befindet. Führte zu mindestens sechzehn Fällen von Riss-Quetschungen an Penissen während der Selbststimulation. Über die Staubsauger-Szene hinaus bekannt geworden durch die Dissertation Penisverletzungen bei → Masturbation mit Staubsaugern des Urologen Michael Alschibaja Theimuras.

Kopie Hatte immer mit dem schlechten Ruf zu kämpfen, so in etwa, jedoch nicht ganz wie das → Original zu sein. Imageverbesserungen durch künstlerische Produktionsverfahren im 20. Jh., die das Unperfekte und Serielle (→ Serie) der K. selbst als Qualität entdeckten (→ Warhol, Andy). Digitale Kopien sind heute ohne Qualitätsverlust möglich, siehe jedoch → Glitch.

Kybernetik (Engl.: ‚cybernetics’) Wissenschaft von der Steuerung und Regelung, u.a. von Menschen. Ihre Erfinder erträumten sich Mitte des 20. Jh., mit Hilfe von Datenanalysen Verhalten vorauszusagen. Der Traum scheint in fortgeschrittenen Zeiten des Internets realisiert: Wir produzieren ausreichend Daten von uns (Bilder, Worte), um unsere nächsten Schritte mit hoher Wahrscheinlichkeit voraussagen zu können (→ Freiheit, → Zombies im Kaufhaus).

L’Âge d’Or (Dt.: ‚Das → Goldene Zeitalter’) Rätselhafter Tonfilm des Regisseurs Luis Buñuel von 1930 über Skorpione und eine bourgeoise Feierlichkeit. Gilt als Hauptwerk des surrealistischen Kinos. Laut Metzler Film Lexikon mit dutzenden bewusst gesetzten Tabubrüchen ein „anarchistischer Hymnus auf die → Freiheit.“ Spielte bei der Titelwahl zum Dortmunder Stück keine Rolle.

Langeweile Ist sie, wie Blaire Pascal glaubte, „unerträglich für den Menschen“, weil er „ohne Geschäfte, ohne Zerstreuung“ nur sein „Nichts fühlen“ würde und ihn deshalb „Schwärze“ und „Verzweiflung“ überkommt? Oder erfährt man auf dem „Gipfel der L. den → Sinn des Nichts“ (Emil Cioran, Philosoph)? Oder, auch nicht unwahrscheinlich: Ist die L. ein Symptom des Mittelmäßigen, wie → Schopenhauer annahm, weil sich der große Geist nie langweilt, da er doch immer sich selbst zum Amüsement dabei hat? (→ Jubelgesellschaft)

Leck mich im Arsch Sechsstimmiger Kanon von Wolfgang Amadeus Mozart (1782), dessen Originaltext mit repitetiver Struktur („Leck mich, leck mich, leck mich, leck mich, leck mich. Leck mich, leck mich, leck – g’schwindi, g’schwindi, g’schwindi, g’schwindi! G’schwindi, g’schwindi, g’schwindi, g’schwindi! Leck mich im Arsch g’schwindi, g’schwindi, g’schwindi!“ usw.) lange Zeit durch die Zeilen „Lasst uns froh sein! Murren ist vergebens!“ ersetzt wurde.

Loop Musikalisches oder dichterisches Verfahren mit intensiver Wirkung, bei dem ein Abschnitt herauspräpariert, beliebig oft wiederholt und zu anderen L.s ins Verhältnis gesetzt wird. Dabei können Variationen durch Effekte, Rhythmusverschiebungen und Melodiewechsel erzeugt werden. L.s verändern die Wahrnehmung von → Zeit (→ Beuys, Joseph).

Macbeth Blutrünstiger Anti-Held von Shakespeare, dem ähnlich wie Büchners → Danton kurz vor seinem Tod die zähe Konsistenz der → Zeit selbst übel aufstößt: „Morgen und morgen und morgen. Das kriecht / mit diesem kleinen Schritt von Tag zu Tag / zur letzten Silbe.“ (→ Irgendwann, → Langeweile, → Schopenhauer)

Mantra (Sanskrit: ‚Schutz des Geistes’) Formelhafte Wortfolge, die sprechend, flüsternd, singend oder in Gedanken endlos wiederholt wird, z.B. im Gebet oder in der Meditation. Bewährtes Instrument zur Ausbildung einer ausgeglichenen Grundstimmung, die negative Energien erkennt, beobachtet und gelassen ins Nichts verschwinden lässt (→ Einstein on the Beach).

Marx, Karl Wichtigster Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft und Vorbild für die zweitgrößte Büste der Welt (→ Pars-pro-toto-Opfer). Seine Schrift Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte eröffnete er mit berühmt gewordenen Worten zum gespenstischen → Wiederholungszwang in der Geschichte der Revolutionen: „Hegel bemerkt irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich so zu sagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als große Tragödie, das andre Mal als lumpige Farce.“

Mashup (Engl.: ‚Vermischung’) Künstlerische Praxis, die die Verbindung zweier oder mehrerer Produkte zu einem neuen betreibt. Titel eines Buches von Dirk von Gehlen mit dem Untertitel „Lob der Kopie“ (2011), das die „Kraft der kreativen Adaption“ am M. lobt und die → Arbeit an → Das Goldene Zeitalter wesentlich inspiriert hat (→ Remix, → The Grey Album).

Masturbation Stimulation von Geschlechtsorganen durch wiederholte und variierte Bewegung, meist mit der Hand. Die gegenseitige Masturbation ist häufig Teil des Pettings. Fast 85 % aller geschlechtsreifen Menschen masturbieren regelmäßig selbst, während der Pubertät häufig mehrmals täglich. Freud bezeichnete die M. als Ursucht, die andere Süchte begünstigt. Kant bewertete sie als „schlimmeres moralisches Vergehen als Selbstmord“ (Wikipedia). Dass häufige M. mit Akne, Tuberkulose oder Schlimmerem im Kausalzusammenhang steht, gilt heute als widerlegt (→ Kausalität).

Max MSP Populäre Programmiersprache für Musik und Multimedia, mit deren Hilfe seit 20 Jahren unabhängig von Vorgaben kommerzieller Produkte Software für Live-Performances geschrieben wird. Ohne M. kein → Goldenes Zeitalter in Dortmund.

Menschenaffen Aus der Familie der Primaten und Unterform der Trockennasenaffen. Hauptdarsteller der bekanntesten Gegenerzählung zu → Adam und → Eva, nach der sich Lebewesen in weitgehend zufälligen evolutionären Prozessen herausbilden (→ Wiederholung, Variation und Selektion). In Form des Menschen sind die M. heute weltweit verbreitet.

Messi, Lionel Argentinisches Fußballgenie im Dienste des FC Barcelona, das 2007 im Alter von 19 Jahren bewies, dass es die → Wiederholung gibt. Im spanischen Pokalhalbfinale dribbelte M. aus der eigenen Hälfte über das gesamte Spielfeld, umkurvte den Torwart und schob den Ball aus spitzem Winkel ein – und schoss damit ein Tor, an dem seit dem Viertelfinale der WM 1986 eigentlich sein Landsmann Diego Armando Maradona das alleinige geistige Eigentum besaß.

Mops Engl. Hunderasse und ehemaliger chinesischer Kaiserhund. Nach einem bekannten → Endloslied kam ein M. in die Küche und stahl dem Koch ein Ei, woraufhin dieser eine Kelle nahm und ihn zu Brei schlug. Gesampelt ohne Zitatangaben von → S. Beckett in Warten auf Godot (→ Beckett-Erben).

Noah Gottesfürchtiger hebräischer Schiffsbauer und Flutüberlebender. Durch das Nadelöhr seiner Arche gelangte → Gottes Schöpfung in die endlos sich wiederholende Gegenwart von „Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“, welche Gott durch die Flutopfer besänftigt einrichtete.

Original Häufig genutzte Wendung, die in etwa meint: Auf nichts Vorgängiges mehr rückführbar, unkopierbar, mit sich selbst identisch. Zweifelhaft geworden im Zuge diverser philosophischer und künstlerischer Anstrengungen im 20. Jahrhundert, die im Anspruch auf Originalität auch immer Herrschaftsansprüche vermuteten (→ Warhol, Andy, → Goethe, Johann Wolfgang von).

Pars-pro-toto-Opfer Ein Teil eines Körpers oder ein Abbild eines Körperteils wird stellvertretend für den ganzen Körper geopfert – z.B. eine Büste für einen Dichter (→ Marx, Karl).

Postmoderne Bezeichnung für die → Geschichts-Epoche zwischen Moderne und dem 23. Juni 2011 (~ 13:30 Uhr), als der Philosoph Markus Gabriel in Neapel beim Mittagessen ihr lang ersehntes Ende ausrief (siehe auch sein Buch Warum es die Welt nicht gibt) (→ Ende der Geschichte). Die P. hatte ein ganz besonderes Faible für das Serielle (→ Serie).

Puhdys Rockband mit 44jähriger Geschichte, bekannt u.a. durch den Soundtrack zum DDR-Kultfilm Die Legende von Paul und Paula. Hierfür komponierte sie einen ins Mark fahrenden Song mit dem Titel Wenn ein Mensch lebt (→ Tod), eine musikalische Übermalung des ursprünglich für den Film vorgesehenen Liedes Spicks and Specks von den Bee Gees, das aus Kostengründen aus dem Soundtrack flog (→ Cover, → Sample).

Puppen Vielleicht das älteste Spielzeug der Welt und Kultobjekt mit magischen Eigenschaften: Fast alle Kulturen kennen diese figürlichen Umbildungen des menschlichen Körpers. P. verdanken ihre Beliebtheit nicht nur bei Kindern der bedingungslosen Bereitschaft, sich in die für sie vorgesehenen Spielwelten zu fügen (→ Fetisch, → Freiheit). Entwickeln P. wider alle Erwartung einen eigenen Willen, wird ein Horrorfilm oder eine Pixar-Animation draus.

Remix Obwohl mitunter etwas despektierlich Bastard-Pop genannt, ist R. in der Musik heute weitestgehend als eigenständige Kunst anerkannt (→ Détournement, → Mashup, → Sample, → The Grey Album).

Rückkehr Im Gegensatz zur Fortsetzung (engl. „sequel) bezeichnet die R. keinen Appendix an einem „ersten Körper“ (→ Original), sondern den ersten Körper selbst, der zu einem veränderten Zeitpunkt wieder am alten Platz auftaucht (mehr oder weniger geläutert). (→ Wiederholung)

Rückkopplung Siehe Feedback

Sample (Engl.: ‚Stichprobe’) Bruchstück aus einem bereits abgeschlossenen Kunstwerk, welches in einen anderen Kontext überführt wird und sich dort neu ausnimmt (→ Collage, → Détournement, → Loop, → Remix, → Mashup)

Schopenhauer Lied der deutschen Punkrock-Band „Die Ärzte“ auf ihrem Album „Bestie in Menschengestalt“ (1993) und Familienname des ersten Irrationalisten der deutschen Philosophiegeschichte (1788-1860), der allem narzisstischen Wünschen zum Trotz den → Tod als Ende ohne neuen Anfang für das → Individuum dachte, und „dabei nichts Bleibendes als allein die Materie und die Wiederkehr derselben organischen Formen, die nun einmal da sind“ (→ Erlösung).

Serie Eine Reihe von miteinander in → Zeit oder Raum in Verbindung stehender, aber dennoch voneinander isolierter Phänomene in der Form A’, A’’, A’’’ usw. Wurde wiederholt zu einem Charakteristikum der → Postmoderne erhoben. Zum Beispiel bilden alle Fernsehzuschauer um 20 Uhr eine S. Andere S.n sind vom Fließband kommende Markenprodukte (→ Fordismus, → Tetra Pak, → Warhol, Andy) oder ähnlich gekleidete Peers (→ Exactitudes, → Individualität, → Puppen).

Sisyphos Fesselte Thanatos, den Gott des Todes, so dass eine zeitlang keiner starb. Zur Strafe rollt S. nun bis in alle Ewigkeit einen Gesteinsbrocken einen Berg hinan, der dann kurz vor dem Gipfel wieder herabrollt. Albert Camus provozierte einst mit dem Gedanken, sich S. doch als glücklichen Menschen vorzustellen, denn „der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen.“

Supergirl Comicfigur aus prominenter Familie: Ihr Cousin ist Superman persönlich, mit dem sie sowohl die übernatürlichen Kräfte als auch die Allergie gegen Kryptonit teilt.

Tagesschau Gilt als Musterbeispiel objektiven Journalismus im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. In Zeiten des Analog-Fernsehens im 20. Jh. wichtigster Taktgeber im Tagesrhythmus Deutschlands. Insbesondere die T. um 20 Uhr in ihrer charakteristischen Länge von 15 Minuten diente der täglichen Einläutung des Feierabends (Kinder sind im Bett) und als Grundlage politischer Meinungsbildung.

Tagesschau-Gong Die charakteristische Erkennungsmelodie der → Tagesschau existiert seit 1956. Wurde seitdem viermal überarbeitet, jedes Mal gegen Protest der Zuschauer. Keine Bange, hieß es dann regelmäßig, der T. bleibe gleich, nur halt ein bisschen anders. Die letzte geplante Neuvertonung 2012 wurde durch ein Veto der Komponistenwitwe abgelehnt – die Melodie sei nicht ähnlich genug.

Tausend Plateaus 700-Seiten-Schinken der Philosophen und Psychiater Gilles Deleuze und Felix Guattari (1980). Grundannahme: Die Gesellschaft muss sich von der binären Logik verabschieden und stattdessen an die Vielheit gewöhnen. Davon ist auch die Kunst nicht ausgenommen. In ihr gibt es „nichts zu verstehen, aber viel, womit man etwas anfangen kann.“ Das bleibt die richtige Ansage (Stand: Februar 2015).

Tetra Pak „Schützt, was gut ist“, z.B. Milch während des Transports. In einem Leben trinkt der Durchschnittsdeutsche 6.921 Liter Milch. Bei einem Marktanteil von 80 % für T.P. kommt man somit auf einen Verbrauch von ca. 5536 T.P. pro Menschenleben, Saft, Wein und Sojamilch noch gar nicht eingerechnet.

Texte im Traum Sind einer berühmten Annahme Sigmund Freuds zufolge nie originär, sondern immer nur Zitate. Nur? (→ Brecht, → Goethe)

Tod Unwiederholbares, absolut einzigartiges, niemals kopierbares Ende eines individuellen Lebewesens.

The Grey Album Enorm erfolgreiches → Mashup-Album von DJ Danger-Mouse aus dem Jahr 2004, der das White Album der Beatles und The Black Album von Jay-Z in den Mixer warf und etwas richtiggehend Neues schuf. Verboten durch das Musik-Label EMI, dadurch erst recht berühmt geworden und im Netz tausendfach geteilt (→ Détournement, → Original, → Remix, → Sample).

Tschechow, Anton Russischer Dramatiker im ausgehenden 19. Jh. mit Gespür für Unglück, Zeitstillstand und hilflose Utopien. Zu seinen Erfindungen gehören jene Figuren im Morast ihrer Seelenleiden, die ein glückliches Zeitalter heraufziehen sehen – allerdings erst in „tausend Jahren“ (Onkel Wanja).

Turritopsis nutricula Glockenförmige Quallenart aus der Familie der Oceaniidae mit 4 mm Durchmesser und einem → göttlichen Geschenk: Die T. ist der bisher einzige bekannte Vielzeller, der dem Prinzip nach biologisch unsterblich ist. Das Individuum kehrt nach der Fortpflanzung in den Zustand vor der Geschlechtsreife zurück, ohne dass es zu genetischen Veränderungen kommt (→ Menschenaffen).

Über die Entstehung der Arten Wichtigste Gegenerzählung zur → Genesis im 19. Jahrhundert von Charles Darwin (1809-1882). In der Natur wirke ein über → Wiederholung und Variation agierendes Gesetz von „Versuch und Irrtum“, das auf einer Bahn des → Fortschritts „immer höhere und vollkommenere Wesen“ erzeuge (→ Menschenaffen, → Paradies, → Schöpfung).

Uraufführung Begriff, der Theateraufführungen von bis dato unaufgeführten Texten mit dem Zeichen des nie und und nimmer Dagewesenen adelt (→ Original). Bei der genauen Definition von „unaufgeführt“ scheiden sich die Geister. Können ein → Mashup oder ein → Remix UAs sein? Was ist mit einer alten Geschichte in neuen Worten?

Verschiedenartige Geschichtsauffassung Essay mit sperrigem Titel von Heinrich Heine (1797–1856) aus dem Jahr 1830. Stellt darin den Optimismus des Fortschritts dem Pessimismus eines traurigen Kreislaufes („Alle irdischen Dinge sind nur ein trostloser Kreislauf: Ein Wachsen, Blühen, Welken und Sterben“) gegenüber, verwirft dialektisch geschult beides und entwickelt ein Drittes.

Warhol, Andy Pop-Art Künstler im 20. Jh., der Staffelei und Farbpalette aus dem Fenster warf und mit seinen Ideen in eine Fabrik einzog (→ Fordismus). Von W. ist die Aussage berühmt geworden: „I love to do the same thing over and over again“ (→ Campbell Soup Company, → Postmoderne, → Wiederholung).

Wenn Gott die Wiederholung nicht gewollt hätte Titel einer Backstage-Dokumentation von Mario Simon über das → Goldene Zeitalter, in Anlehnung an ein Zitat von Sören Kierkegaard (→ Die Wiederholung): http://vimeo.com/117836518

Werther Hauptfigur aus → Goethes berühmtem Briefroman von 1774, die sich von der Idylle der Natur und der Natürlichkeit eines Mädchens zu einer Serie herzzerreißender Beschreibungsversuche unwiederhol- und zu Werthers Leidwesen undarstellbarer Augenblicke verleiten lässt (→ Kopie, → Original).

Wiederholung Im Theater eines der wichtigsten Forschungsobjekte. → S. Becketts Formel „Das Gleiche noch mal anders“ bringt die Schwierigkeit auf den Punkt: Damit eine Szene im jeweiligen Jetzt funktioniert, muss sie wiederholt und zugleich völlig neu erfunden werden.

Wiederholungszwang Von Sigmund Freud erstmals ausbuchstabierte und später von Jaques Lacan auch „Automaton“ genannte gespenstische menschliche Eigenart, Schmerz auslösende Gedanken, Handlungen, Träume oder Szenen immer und immer wieder zu wiederholen – z.B. im Konflikt-, Konsum- oder Suchtverhalten sowie bei der Partnerwahl.

Witzischkeit kennt keine Grenzen Schunkelfähiger Ohrwurm, der die gleichnamige Fernseh-Show in Hape Kerkelings Film Kein Pardon (1993) eröffnete. Gesungen von Showmaster Heinz Schenk als Showmaster Heinz Wäscher. Zeitlose Metapher für die Samstagabend-Amüsierhöllen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen des 20. Jahrhunderts.

World Trade Center Ehemaliger Bürogebäudekomplex (→ Arbeit) in New York City, dessen nicht rückgängig zu machender (→ Der Engel der Geschichte) Einsturz 2001 den Anfang vom Ende des → Endes der Geschichte markierte. (→ Fortschritt)

Zeit Jenseits der Frage, ob sie nun an sich existiert oder nur ein Produkt unseres vergänglichen irdischen Bewusstseins ist (die Philosophen haben sich darüber die Köppe eingehauen), muss man doch vermuten, dass ihr Empfinden körperlich bedingt ist: Einer Raupe etwa wird unser → Alltag vorkommen wie ein Film in 64facher Geschwindigkeit. Wer Mitgefühl für singende Raupen entwickeln will, sollte das berücksichtigen (→ Zuschauer).

Zitat Ende Markiert in einer Rede oder einem Text („) das Ende eines geborgten Gedankens und den Anfang eines eigenen (→ Brecht, → Détournement).

Zitatrecht Die Erlaubnis, unter Angabe der Quelle gemäß §63 deutsches UrhG, wörtlich übernommene Textstellen in eigenen Arbeiten zu wiederholen, sofern diese Arbeiten eine eigene ‚Schöpfungshöhe’ aufweisen. Wird allgemein begründet mit der kulturellen Weiterentwicklung einer Gesellschaft (→ Guttenberg, Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu, → Hegemann, Helene, → The Grey Album).

Zombies im Kaufhaus (auch: Zombie oder Dawn of the Dead) Kultfilm von George A. Romero (1978), in dem sich vier Menschen in einer Shopping-Mall vor eindringenden Zombie-Massen verschanzen. Unvergessen ist die Mutmaßung der Bedrohten, dass die Untoten einem → Wiederholungszwang erliegen und an jenen heiligen Ort zurückkehren, zu dem es sie auch zu Lebzeiten am heftigsten hinzog (→ Freiheit).

Zott „Die Genuss-Molkerei“ mit „Leidenschaft für Milch“, Expertise für Käse- und Joghurtspezialitäten und mit Stammsitz in Mertingen, Bayern (→ Fetisch). Reimt sich auf → Gott.

Zuschauer Sollte sich bei Vorstellungen vom → Goldenen Zeitalter die → Freiheit nehmen, bei zwischenzeitlicher → Erschöpfung den Saal zu verlassen und nach ein paar Dehnübungen mit Bierchen oder Wässerchen wieder an seinen Platz zurückzukehren.

Zwerge auf den Schultern von Riesen Selbsteinschätzung von Künstlern oder Wissenschaftlern mit Benehmen, die den eigenen Weitblick mit der Genialität ihrer Vordenker erklären.

Adam Erster → Mensch, geschaffen aus Erde und Gottes-Atem. Zunächst geschlechtsloser Gärtner im → Garten Eden. Nach unerlaubtem Fruchtgenuss und Versteckspiel mit Gott später erster Feld-Arbeiter. Zeugte mit seiner Frau → Eva Kain, Abel u.a. Gilt in der jüd.-chr. Tradition als Stammvater aller Menschen. Verstarb im Alter von 930 Jahren.

Von Alexander Kerlin. Ein herzliches Dankeschön für die tatkräftige Unterstützung beim Verfassen geht an Hannah Sophie Martell und Matthias Seier.

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

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