ZWISCHEN IDEALISMUS UND REALISMUS

Die Familie – das ist noch immer der feste Kern der Gesellschaft, das politische Ideal unseres Zusammenlebens. Wir werden in sie hineingeboren und unser Leben lang nicht mehr los. Doch das, was früher als Großfamilie ein Bündnis fürs Leben war, in dem alle Generationen unter einem Dach lebten, und das nicht selten gemeinsam eine „Wirtschaft“ betrieb, hat inzwischen der Zahn der Zeit gewandelt. Familie meint heute viel öfter Kleinfamilie, bestehend aus einer Kernfamilie und an anderen Orten lebenden weiteren Verwandten. Und die Gegenwart pluralisiert sich weiter und entwickelt immer neue Konstellationen: Patchwork-, Regenbogen-, Wahlfamilie etc. Empirisch betrachtet gibt es so viele individuelle Konstellationen, Geschichten, Verwicklungen, Verstrickungen, dass keine Familie ist wie die andere – genau wie der individuelle Umgang mit ihr: Fühlen sich die einen erst dann wohl, wenn um sie herum die Großfamilie tobt, halten die anderen es kaum aus, wenn eine Familienfeier ansteht.Eine Familie

Die Familie im soziologischen Sinn betrachtet, die gibt es nicht mehr. Der Soziologe Claude Lévi-Strauss kennzeichnete Familie einmal als willkürliches System von subjektiven Beziehungsvorstellungen im Bewusstsein der Familienmitglieder: Wer zur Familie zählt, bestimmt heute nicht mehr unbedingt ein gemeinsamer Gen-Pool, sondern ein soziales System, das auf selbst gewählten, willkürlichen Bündnissen beruht. Verwandtschaft kann auch geistige Verwandtschaft heißen. Und trotzdem bleibt das Hauptcharakteristikum, was das System Familie definiert eben dies: Verwandtschaft.

Eine Familie
Der Mensch der Gegenwart fühlt sich nicht selten damit konfrontiert, Familie und eigenes Vorankommen nicht oder kaum noch miteinander vereinbaren zu können. Auf der einen Seite sieht er sich dem Druck ausgesetzt, individuellen Erfolg zu erreichen und dafür ein hohes Maß an Mobilität vorweisen zu müssen, auf der anderen Seite geht dabei die enge Bindung in die Herkunftsfamilie verloren – und der Aufbau neuer familiärer Beziehungen wird erschwert, da Konstanten immer seltener werden. Dieser Individualismus ist nicht erst ein Kind der Gegenwart, schon früher in der Geschichte rückte die eigene Person und das Streben nach Selbstverwirklichung in den Vordergrund. Bereits in der Aufklärung wurde die selbstständige Persönlichkeit gefordert. Seither gewann das Individuum mehr und mehr an Aufmerksamkeit, in vielen westlich geprägten Verfassungen steht das selbstbestimmte, in seiner Würde unantastbare Subjekt an der Spitze der Artikel. Doch wird das System Familie von Individualismus und Egoismus bedroht?

Eine Familie

Nein, denn gerade die Emanzipation der Frau ist eine Errungenschaft dieser Entwicklung und hat nicht zugleich familiäre Strukturen aufgelöst. Individualisierung muss nicht zum Zerfall von Familie führen, sie sorgt aber für deren Modernisierung und Flexibilisierung: Die erfordert eine offene Familienkommunikation, die einen Ausgleich zwischen  Individualitätsstreben und der Übernahme von Verantwortung für die Gemeinschaft der Familie schafft. Und so finden wir uns als Individuum wieder im Spannungsfeld zwischen unserer eigenen Identität und Individualität, die wir mühsam im Prozess des Heranwachsens herausgebildet haben, und der Gemeinschaft der Herkunftsfamilie – in der wir nicht selten immer die Tochter oder der Sohn bleiben, auch wenn wir schon lange das Erwachsenenalter erreicht haben. Erwartungen, Hoffnungen, Enttäuschungen, all das lastet ein Leben lang auf unseren Schultern. Das Kinderzimmer mag noch immer so aussehen, wie wir es vor Jahren verlassen haben, als sei nichts geschehen – und doch ist das ganze Leben passiert! Das hat jeden von uns mal rauf, mal runter gespült, in fernere oder nähere Gefilde, auf jeden Fall haben wir uns etwas Eigenes aufgebaut, vielleicht eine eigene Familie gegründet. Das mag die Herkunftsfamilie „nur“ noch als Fundament unseres neuen Lebens erscheinen lassen, an dem wir unablässig weiterbauen. Doch: Seit einiger Zeit ist eine Rückbesinnung auf die Familie als Konstante in einem sich stetig wandelnden Leben zu beobachten. Ob die nun mit unsicheren wirtschaftlichen Zeiten zu tun hat oder woanders begründet liegt, ist umstritten.

Eine Familie

Tracy Letts hat genau dieses Spannungsfeld in seinem Pulitzer-Preis und Tony-Award gekrönten Stück eingefangen: Drei erwachsene Schwestern kehren in ihr Elternhaus zurück, um die Mutter in einer Krisensituation zu unterstützen – der Vater ist verschwunden. Die drei finden sich konfrontiert mit der Tatsache, dass ihre Mutter nicht mehr alleine bleiben kann. Doch wer von ihnen soll wieder zurückkehren, das eigene Leben aufgeben? Jede hat ihre eigenen Vorstellungen von den kommenden Jahren, und da war kein Platz für die Rückkehr ins Elternhaus und die Pflege der Mutter – gleichbedeutend mit Aufgabe des eigenen Lebens – und dem subjektiven Gefühl des Scheiterns. Letts erschafft in seinem Stück starke  Charaktere – allen voran die Mutter Violet, deren cholerischer Charakter durch die Einnahme der verschiedensten Tabletten noch unberechenbarer geworden ist, und natürlich die drei Schwestern, die alle stark mit sich selbst und der Behauptung ihres eigenen Charakters zu kämpfen haben – und lässt sie in einem abgeschlossenen Setting aufeinandertreffen. Im wahrsten Sinne des Wortes eine gärende Mischung, die allerhand Ausbrüche bereithält, uns als Zuschauer unterhält, abschreckt, belustigt, aber auch berührt – gerade dann, wenn wir uns in der einen oder anderen Situation selbst zu erkennen glauben.

Eine Familie

Wo beginnt meine Verantwortung für diese Schicksalsgemeinschaft, in die ich hineingeboren wurde? Was bedeutet Familie für mich? Wie viel Raum für Individualität kann ich verlangen, wie viel Kompromisse muss ich eingehen, um (m)einer Verantwortung gerecht zu werden? Was bin ich meiner Elterngeneration schuldig? Tracy Letts hat ein tragikomisches Meisterwerk geschaffen, das unter die Haut geht.

Dirk Baumann

Über Dirk Baumann

Dirk Baumann ist seit der Spielzeit 2013/14 Dramaturg am Schauspiel Dortmund. Während des Studiums assistierte und hospitierte er u.a. am Burgtheater Wien, dem Theater an der Parkaue Berlin und am Staatstheater Kassel. Im Anschluss an sein Studium arbeitete er als Assistent und Dramaturg am Maxim Gorki Theater Berlin und der Komischen Oper Berlin, u.a. mit Armin Petras und Sebastian Baumgarten. Daneben entstanden in Zusammenarbeit mit der Regisseurin Anja Gronau und der Theatergruppe PortFolio Inc. mehrere Inszenierungen und Stückentwicklungen am Berliner Theater unterm Dach, zuletzt "Untertan. Wir sind dein Volk". Es folgte ein Engagement als Regieassistent und Dramaturg am Deutschen Nationaltheater Weimar, hier entstand auch seine erste eigene Inszenierung "Kein Ort. Nirgends" nach Christa Wolf. In Dortmund arbeitet er u.a. regelmäßig mit den Regisseuren Claudia Bauer, Sascha Hawemann und Kay Voges zusammen. Außerdem initiierte er mit der Theaterpädagogin Sarah Jasinszczak die Reihe "Herbstakademie" für Jugendliche von 14 bis 21 Jahren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.