PARIS, PEGIDA UND DIE ANGST

Wie das politische Klima in Europa einen Probenprozess verändert hat

Am 7. Februar feiert die Tragödie Elektra Uraufführung im Schauspielhaus. Der Dramaturg und Autor Alexander Kerlin hat in Zusammenarbeit mit Regisseur Paolo Magelli, dem Ensemble und Musiker Paul Wallfisch ein Stück geschrieben, das sich an dem antiken Vorbild von Euripides orientiert – und dabei einen eigenen Fokus setzt. Wir haben mit ihm über seine Arbeit gesprochen.

 Hätte es nicht gereicht, Euripides Tragödie zu inszenieren?
Ich glaube nicht. Der Regisseur kam auf mich zu – mit der Bitte, ein neues Stück für ihn zu schreiben. Es gibt eine Tradition, den mythischen Stoff der Elektra zu bearbeiten – in jüngerer Zeit von Hugo von Hofmannsthal, Gerhard Hauptmann oder Sartre. Sie waren von der Idee besessen, Elektras Geschichte um Mord, Macht und Revolution für die eigene Zeit lesbar zu machen. Das war auch unser Motor. Und Paul Wallfisch hat die Elektra-Oper von Richard Strauss rockig überschrieben und steuert die Live-Musik bei, gemeinsam mit Toby Dammit  und Geoffrey Burton.

 Ist es Euch denn gelungen, aktuelle Probleme einzufangen?
Das wird das Publikum beurteilen müssen. Ich stand vor der Herausforderung, wie man mit einer Geschichte über einen Königsmord heute umgehen soll. Die politischen Verhältnisse sind uneindeutiger geworden. Man kann schon lange keinen König mehr töten: Spätestens seit 1989 gibt es keine klaren Feindbilder mehr im Westen. Und in jüngster Zeit beobachte ich eine wachsende ideologische Verwirrung, der man auch nicht mehr mit gewohnten Zuschreibungen von rechts und links beikommen kann.

 Zum Beispiel?
Bewegungen am rechten Rand wie Pegida fordern basisdemokratische Abstimmungen. Altlinke schimpfen plötzlich auf den Islam als solchen. Und seit den Anschlägen von Paris herrscht eine Verunsicherung, die mit den Händen greifbar ist. Alle suchen jetzt den wahren Feind, wollen ihn einkreisen. Aber je mehr man sich beschäftigt, desto ungenauer werden die Feindbilder. Es herrscht ein gutes Klima für extreme Bewegungen und Verschwörungstheorien. Die Leichen von Paris waren noch nicht kalt, da wurden sie von überall her schon instrumentalisiert. Unsere Wut darüber verwandeln wir in Kunst und Humor.

Wie geht das?
Wir schreiben bis zur letzten Probenwoche. Wir fangen die Sprache der Medien ein, die Sprachen von Angst, Hass und Verwirrung. Die unterschiedlichen Figuren verkörpern dabei so etwas wie politische Haltungen. Elektra (Caroline Hanke) denkt den reinen Widerstand, ihre Mutter Klytaimnestra (Friederike Tiefenbacher) ist eine Autokratin unter dem Deckmantel des Pluralismus, der Chor (Bettina Lieder, Merle Wasmuth) so etwas wie Kleinbürgertum, das immer genau denjenigen unterstützt, der gerade im Vorteil ist.

 Wohin führt das im Stück?
Wir wollten wissen, was an Utopie bei diesen Figuren noch übriggeblieben ist. Es war voraussehbar: Trümmerhaufen, Setzbaukästen aus Klischees und gescheiterten Versuchen. Das ist sehr lustig und bedrückend zugleich. Aber das Lachen wird man niemandem wegnehmen können, auch wenn die Bombeneinschläge derzeit näher zu kommen scheinen und radikale Denkweisen wieder salonfähig werden.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.