WIR SIND NICHT…!

Von unseren Sprechchormitgliedern Udo Höderath und Peter Jacob

 

Am vergangen Sonntag (18. Januar) feierte der Verein „Rettet das Ostwallmuseum“ mit überwältigendem Besuch Dormunder Bürgerinnen und Bürger den Erhalt des Gebäudes am Ostwall Nummer 7: das ehemaligen Museum am Ostwall. Die Rettung fällt in eine Zeit, in der gar nicht genug betont werden kann, wie sinnvoll der Erhalt dieses Hauses ist. Der Dortmunder Sprechchor am Schauspiel Dortmund gratulierte mit einem Beitrag aus seiner aktuellen Produktion „Hamletmaschine“ von Heiner Müller. Uwe Schmieder, Regisseur des Abends, dirigierte seine ChoreutInnen aus dem Off des Zuschauerraums.

Nach all den Tagen der angsterfüllten Irritationen in Europa und weltweit, war dies ein Moment des Innehaltens, des Aufspürens der Solidarität, die uns verbindet und stärkt.

Dortmunder Sprechchor, Regisseur Uwe Schmieder, Jahresauftakt im

„Von jetzt ab und eine ganze Zeit über wird es keine Sieger mehr geben auf eurer Welt, sondern nur mehr Besiegte.“ Was könnte klarer und eindeutiger zu den Morden in Paris gesagt werden.

Aber hier fehlt noch ein ‚Wort zum Sonntag‘, jener Sonntag, an dem die Begnadigung eines zum Tode Verurteilten mit Genugtuung aber auch mit einem kleinen Rest von Skepsis gefeiert wurde. Wenn man bedenkt, wie geschickt Investoren mit festem Renditeblick auch im feinen Zwirn die Spitzhacke zu führen wissen, dann darf man die Bewahrung des Museums am Ostwall schon als kleines Wunder bezeichnen. Und weil die Retter das Wunder nicht so recht glauben konnten, haben sie ein paar Leute unter dem Motto ‚kneift uns mal‘ eingeladen. Die haben erstmal nicht gekniffen, sind in Scharen gekommen und haben vorab schon ordentlich Applaus gespendet. Man muss hoffen, dass ausliegende Spendenbescheinigungen auch eine nachhaltige Wirkung ermöglichen. Um das Erfolgserlebnis auch kulturell zu überhöhen, war unter anderem auch der Sprechchor des Dortmunder Schauspiels um einen Beitrag gebeten worden.

Gewiss, der Sprechchor hätte das Lamento der Petenten noch einmal dramatisch in Erinnerung rufen und die Diskussion und das Hin und Her der Ratsbeschlüsse als Kanon oder Fuge intonieren, das Geheul der Investoren dem Jubelchor der Bevölkerung gegenüberstellen können, aber wäre das nicht allzu trivial und lediglich eine Ausmalung eine Unterstreichung des bereits Abgeschlossenen? Brauchen wir nicht mehr? Gibt es ‚die Moral von der Geschicht‘? Visionen, die aus dem Einzelfall ein Exempel ableiten?

Dortmunder Sprechchor, Regisseur Uwe Schmieder, Jahresauftakt im

Man kann dennoch davon ausgehen, dass vom positiv gestimmten Auditorium ein Chorfinale à la „Freude schöner Götterfunken“ erwartet wurde, „per aspera ad astra, Happy End, das Licht am Ende des Tunnels“, etc. Aber statt dessen gab’s – salopp gesagt – Heiner Müller auf die Ohren. Wir begannen mit einem rätselhaften „Wir sind nicht… und mündeten alsbald in einem das heute zu feiernde Erfolgserlebnis konterkarierenden Satz: Und als verloren war die Schlacht und endete mit der düsteren Erkenntnis: Der Rest heißt Abgrund, Grauen oder Fernsehen. Dann folgt die Aufzählung von Dingen, die ein sensibler Zeitgenosse eklig finden sollte. Ja, da sah man schon Irritationen in den Gesichtern. Aber liebe Leute: das ist Heiner Müller. Wenn man sich gerade nach einem kleinen Erfolg gemütlich hinsetzen will, dann hat man plötzlich Müllers spitzen Schuh im Hintern, mit der Aufforderung jetzt mal die wichtigen Dinge anzugehen.

Und dann ließ der Chor die Internationale auf das Publikum los; ohne Pathos, aber mit dem Bemühen um Textverständlichkeit. Die Reaktionen waren erstaunlich: vom Mitsingen des Refrains, bis hin zu offensichtlicher Abscheu. Einige erlitten wohl körperliche Schmerzen beim Herunterwürgen dieser als kommunistische Agitation empfundenen Melodie. Keine Reflektion des Textes, sondert nur ein irgendwann eingeübter Reflex. Schade, schade. Aber man kann, gerade in der aktuelle Situation, auch sagen April, April: Arme und Reiche, Menschenrechte…alles nur Satire, je suis Charlie Hebdo.

Vielleicht noch schlimmer: Nous sommes Heiner! Wer auch Heiner werden will, hat am 21. Februar die nächste Gelegenheit zur Hamletmaschine. Da wird nicht gekleckert, da wird geklotzt. Da gibt es keine Handarbeit. Da geht’s maschinell. Oder gleich in die Heiner Müller Factory #2 am 13. Februar

Ein weiterer Kommentar zu der Veranstaltung von Regine Anacker finden Sie hier.

 

Fotos: Michael Rasche/Dortmund

Ein Gedanke zu „WIR SIND NICHT…!

  1. Die Internationale kommt von Internationalismus,
    der wiederum bezeichnet einen Gegensatz zum Nationalismus.

    Der Text ist entstand von März bis Mai 1871 und ist von Eugene Pottier, einem Dichter und aktiven Beteiligten der Pariser Kommune. Die Melodie wurde 1888 vom Belgier Pierre Degeyter komponiert.

    Und wer immer noch nicht weiß, wie der Text der Internationalen eigentlich geht, hier folgt er.
    Ich glaube Pegidaanhängern dürfte es schwer fallen, laut mitzusingen. In diesem Sinne viel Spass beim lesen euer Uwe Schmieder

    Wacht auf, Verdammte dieser Erde,
    die stets man noch zum Hungern zwingt.
    Das Recht wie Glut im Kraterherde,
    nun mit Macht zum Durchbruch dringt.
    Reinen Tisch macht mit dem Bedränger!
    Heer der Toten, wache auf!
    Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger,
    alles zu werden, strömt zuhauf!

    Völker hört die Signale!
    Auf, zum letzten Gefecht!
    Die Internationale
    erkämpft das Menschenrecht

    Es rettet uns kein höh’res Wesen,
    kein Gott, kein Kaiser, noch Tribun,
    Uns aus dem Elend zu erlösen,
    können wir nur selber tun!
    Leeres Wort: des Armen Rechte!
    Leeres Wort: des Reichen Pflicht!
    Unmündig nennt man uns und Knechte,
    ertragt die Schmach nun länger nicht.
    Völker hört die Signale!
    Auf, zum letzten Gefecht!
    Die Internationale
    erkämpft das Menschenrecht

    In Stadt und Land, ihr Arbeitsleute,
    wir sind der stärkste „CHORVEREIN“
    Die Müßiggänger schiebt beiseite,
    denn diese Welt wird unser sein.
    Unser Blut sei nicht mehr der Raben
    und der nächt‘ gen Geier Fraß!
    Erst wenn wir sie vertrieben haben,
    dann scheint die Sonn‘ ohn‘ Unterlaß!

    Völker hört die Signale!
    Auf, zum letzten Gefecht!
    Die Internationale
    erkämpft das Menschenrecht

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