WEISSE WÖLFE

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WEISSE WÖLFE – Eine grafische Reportage über rechten Terror von David Schraven und Jan Feindt von CORREKTIV hängt seit dem 15. April als Ausstellung im Schauspielfoyer.

Anbei die Eröffnungsrede zur Ausstellung von Friedrich Küppersbusch:

„Guten Abend, sehr geehrte Damen und Herren,

herzlichen Dank an das Schauspiel Dortmund für die Gastfreundschaft heute und für die kommenden zwei Monate der Ausstellung. Willkommen an Vertreter des Recherchenetzwerkes „Correctiv“. An die Ruhrbarone, Nordstadtblogger, an Kolleginnen und Kollegen, die ich namentlich nicht erwähnen muss, weil Sie sie aus degoutanten Todesanzeigen kennen. (Auch an Mitarbeiter der Dortmunder Behörden, die dagegen kämpfen müssen.) Und vor allem – herzlich willkommen und schön, dass Ihr da seid – an die beiden Autoren, David Schraven, und, in Abwesenheit : Jan Feindt.

Gerade war Gedenkfeier in Buchenwald , 70 Jahre Befreiung. Angekündigt für Mai : 10 Jahre „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“. Vor 14 Tage : die TV-Neuverfilmung „Nackt unter Wölfen“, wo auch gute Deutsche das Leben eines jüdischen deutschen Jungen verteidigten – gegen teils karikaturhafte böse Deutsche. Folgt der Kinostart von „Elser“, der Hitler-Attentäter, lange als schrulliger Einzelgänger beiseite berichtet. Nun doch als einsamer Held dargestellt. Dann geht das Licht wieder geht an, man wischt sich eben noch etwas Rührung aus den Augen, und der Sitznachbar tut auch – und man guckt ihn sich an und denkt : allerdings könnte der auch bei „Pegida“ sein.

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Denn drumherum ist Tröglitz, gestern zwei Brände mit bisher unbekannten Ursachen in Flüchtlingsheimen in Hamburg und Berlin. Geert Wilders predigte Montag islamfeindlich in Dresden. Dies Nebeneinander zeigt – wir sind ein Volk. Ein eher drolliges. Wir finden Nazis entschlossen und mutig abscheulich – wenn sie erstmal tot sind. Dummerweise finden viele Nazis das auch doof, wenn Nazis tot sind. Das gemahnt an den NPD – Klassiker : „es muss auch mal gut sein mit dem ganzen alten Scheiß. Wir haben schon tolle Ideen für neuen.“

Deshalb, so die „Süddeutsche“ gestern, spreche man in Hollywood von solchen Kunstwerken und Kino – events als „KZ-Porno“. Der deutsche Historiker Götz Aly meint : „das NS-Regime“ oder „die Nationalsozialisten“ : das seien „Distanzvokabeln“. Man schafft es sich damit vom Hals. Oder, wieder die „Süddeutsche“ : es gebe hier eine „sentimentale Bereitwilligkeit sich kranzabwerfend und fernsehend mit den Opfern zu identifizieren: und damit sei der Verdrängungsmechanimus komplett“.

Klar – jeder neuen Generation muss das neu erzählt werden. Jede neue Erkenntnis übertrifft die alte und gehört berichtet. Und doch sitzt man am Ende da in einem Strudel von Convenience-Gedenken.

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Hier kommt ein Buch, dessen Bilder sind schroff und kratzig, scharfkantig und beunruhigend, also, wenn es das gibt : grell schwarz-weiß. Und seine Geschichte, seine Story, ist noch ungemütlicher – sie ist nämlich gar keine Geschichte. Sondern Gegenwart und non fiction:

„WEISSE WÖLFE – Eine Grafische Reportage über rechten Terror“ von JAN FEINDT / Bilder und DAVID SCHRAVEN /Text

Man sieht :

  • Fotografisch hartes schwarz – weiß
  • Protagonisten oft in Konturen, flächigen Schemen, „austauschbar“,
  • Dortmunder Schauplätze ohne „Tatort“-Kolorit und ebenso kenntlich wie typisch für viele deutsche Städte. (Wobei der Dortmunder Tatort mit rekordverdächtigen vier durchgeknallten Ermittlern aufwartet. Die brauchen für 90 Minuten auch nicht mehr unbedingt einen Kriminalfall brauchen. Steht dahin, ob das den Arbeitsalltag der Dortmunder Kripo hinreichend beschreibt.)

–         Erzählrhythmus bricht aus strengen Panels aus, macht Tempo mit vielen Bildern, verlangsamt und konzentriert den Betrachter mit großen Bildern. Gönnt dem Auge Ruhe, konfrontiert es, bietet mitunter keinen Asuweg.

Und man liest mehrere gliedernde und spannend verwobene Erzählstränge :

  • Recherche des Journalisten, ausgehend vom NSU-Mord am Dortmunder Mehmet Kubasik am 4. April 2006; trifft Antifa-Aktivistin, rechte Szeneleute,
  • nachvollzieht den Weg eines ehemaligen „Combat 18“ – Kriminellen. Elternhaus, rechte Szene , „Blood and Honor“, „Combat 18“, Ausbildung in Belgien, Morde in Dortmund
  • „Turner – Tagebücher“ , US-Amerikaner William L. Pierce, „führerloser Widerstand“
  • Professionalisierung, internationale Vernetzung, Waffenhandel,

–         NSU keine „Einzeltäter“, „Dortmund kein Zufall“ – bis hin zur obskuren Brieffreundschaft eines Dortmunder Nazis mit der Münchner Angeklagten Beate Zschäpe

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Schließlich gibt es einen durchgehenden Aspekt mit Bonustrack : Die Rattenfängerfunktion rechter Musik. Dazu auch ein Nachwort Thomas Kuban über den Einfluss der Nazi-Musik auf rechte Jugendliche.

So erzählen Schraven und Feindt eine ausdauernde Recherche. Und der Bericht wird gerade da wahrhaftiger als nur wahr, wo nur noch die Bilder sprechen. Wo der Protagonist, ein Reporter – nennen wir ihn „David gegen Goliath“ – in Worten bei seiner Sache bleibt. Doch in Taten und im Handeln den emotionalen Abgrund abmisst, der anders weniger erzählbar wäre.

Die Recherche – so bestätigen auch die hiesigen Behörden – ist das Maximum dessen, was zu dem Thema vorzulegen ist. „Journalisten können Leute ans reden bekommen, die mit der Polizei nicht sprechen.“ sagte mir ein beschlagener Dortmunder Kripo-Beamter dazu. Und doch hat mich das Buch endgültig am Wickel gehabt mit einem kleinen, vielleicht unscheinbaren Bild auf Seite 180 links unten :

Da sitzt der Reporter am Küchentisch, die Frau als Schatten steht gegenüber, es ist gedeckt für Dreie, da ahnt man und sieht doch nicht das Kind der beiden. – Und die ganze Bilderstrecke mit Details aus der Küche hindurch – liest man den inneren Monolog. Der Reporter überlegt, ob er noch näher, bis zum persönlichen Kontakt – zu einem Nazi-Verbrecher vordringen soll. – Da ist mit keinem Satz von seiner persönlichen Angst die Rede. Nur ein Bild von der Partnerin, kopfgroß, nah, die grimmig schaut. Der Reporter monologisiert weiter, über die Familien der Opfer, über die Kinder. Und – und das ist tückisch schlau – er landet bei dem Mörder, und der erzählt von seiner ruinierten Familie.

Puh.

Nach den Todesdrohungen gegen Journalisten sieht Polizeipräsident Lange „die Grenzen der rechtsstaatlichen Zugriffsmöglichkeiten erreicht“. Am 9. März wurde so ein Kollege (Markus Arndt) in der Innenstadt angegriffen. Doch auch für die bekannten Internet-Plattformen sei, so amtlich, „die Urheberschaft der Bedrohungen nicht klar zuzuordnen.“

Dann – versuchen wir es doch mal so : Ein prominenter SPD-Politiker fordert diese Woche :

„Wenn ein Ereignis teureren Schutz verlangt, weil zum Beispiel besonders viele Hooligans erwartet werden, muss sich ein Verband (wie die DFL) finanziell beteiligen, statt den klammen öffentlichen Haushalt noch weiter zu belasten.“ (SZ 11.4.2015) Das sei auch beim Transport von Großwindanlagen über Autobahnen üblich, niemand rege sich über Gebührenbescheid auf.

Wobei der Vergleich Großwindanlage – Hooligandemo seinen ganz eigenen Charme hat.

Also – für den Polizeieinsatz bei Hooligan-Demos einfach mal ne fette Rechnung schicken. Interessant. Leider habe ich diesen Vorschlag – Sie kennen das, Lügenpresse – um einen halben Satz gekürzt : Er stammt nämlich von Bremens Innensenator Ulrich Mäurer, SPD , und mit dem Verband, dem er ne Rechnung schicken will, meint der : Die deutsche Fußball Liga, DFL.

Und während wir auf die Gründung einer Selbsthilfegruppe aus DFL und „Die Rechte“ warten, sind wir schon mitten in der tiefsten Hölle des – Rechtsstaates.

2010 nämlich hieß es zu Vorschlägen aus der CDU, Demonstranten eine Rechnung zu schicken :

–         (Das Vertrauen in die Vernunft der Regierenden schwindet.) Mit Strafzahlungen lässt es sich mit Sicherheit nicht wiederherstellen.

 

Wer meint, im 21. Jahrhundert mit wilhelminischen Methoden gesellschaftliche Konflikte befrieden zu können, hat von moderner Demokratie nichts verstanden.

Das stammt von der Homepage der Anti-Atom-Organisation „ausgestrahlt“, damals ging es um Blockaden bei Gorleben. Also – werden wir so vorgeführt ? Bestreitet man, die Nazikohorten vor Augen –

  • Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland Art 8 Demonstrationsfreiheit
  • (1) Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln.
  • (2) Für Versammlungen unter freiem Himmel kann dieses Recht durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes beschränkt werden.

Noch ein Beispiel : vor fast genau 24 Jahren wurde ein bedeutender Dortmunder ermordet. Auch von Terroristen. Und doch ist es uns komplett unvorstellbar, dass zum Jahrestag des RAF Mordes an Hoesch-Chef und späteren Treuhand-Vorsitzenden Detlef Karsten Rowedder – Sympathisanten der Mörder mit einer haßerfüllten Band und unverhohlenem Bezug auf den Jahrestag dieses Mordes – von der Polizei beschützt – durch unsere Stadt ziehen dürften.

Doch eine solche Demo gab es. Am 28.3. – die Geschichte von Thomas Schulz, genannt „Schmuddel“ wird in „Weisse Wölfe“ auch gestreift.

Hier beziehen Schraven und Feindt eindeutig Stellung: Auf Seite 71 muss, kurz gefasst, der Reporter kotzen. Man sieht den Oberbürgermeister, der bestreitet, dass seine Stadt eine Nazi-Hochburg sei, und anführt : Dortmund sei nur Schauplatz „wegen seiner günstigen Verkehrslage“.

Das reicht nicht. Dieses rhetorische Konzept ist fertig gescheitert. Das ist die Convenience-Politik zum Convenience-Gedenken. Ich möchte nicht in einer Stadt leben, in der Morde gefeiert werden dürfen, weil sie so nett an der Autobahn liegt. Und weder Dortmund noch ich werden hier weggehen.

Die Polizei geht inzwischen endlich den mühseligen Weg durch die Instanzen der Verwaltungsgerichte. Sysiphos, sagen sie. Manche fordern einen „runden Tisch“, der bei den Anfangen ansetzt : Wo Nazis ihre Kader im Jugendheim rekrutieren wollen. „Weiße Wölfe“ legt in seinem zentralen Erzählstrang eine Dortmunder Jugend offen, die in diesen Irrsinn führte. Da taugt das Buch auch zur Lernfiebel für Jugendarbeit in dieser Stadt.

Mag sein, dass Dortmund seine ureigene Geschichte des Scheiterns hat. Nicht mehr Hansestadt. Kohle, Stahl – weg, Bier bald auch. Hummels Bude im Pokalfinale vom Schiri nicht gegeben. Klopp weg. Und doch stimmt´s nicht, dass auf dem Dortmunder Stadtwappen mit unsichtbarer Zaubertinte steht : „Dortmund – mit uns kann man´s ja machen“. Dass hier nicht nur beschönigt und weggeguckt wird, zeigen David Schraven und Jan Feindt mit ihrem bundesweit beachteten Aufschlag „Weiße Wölfe“. Und dafür : Danke. “

 

Friedrich Küppersbusch

 

Grafiken: Jan Feindt, Fotos zur Ausstellung: Laura Sander

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