THE NOISE OF ELEKTRA I – PAUL WALLFISCH

 Bei ELEKTRA steht ein wahnsinniges Musik-Trio auf der Bühne. Larry Mullins, Geoffrey Burton und Paul Wallfisch liefern den Sound der zersplitterten Tragödie. Ob nun laut und lärmend, sanft oder grotesk – die drei Vollblutmusiker sind Meister ihres Fachs. Kurz vor der Generalprobe von ELEKTRA hat Matthias Seier bei den drei Mitgliedern aufgeschnappt, welche Musik sie privat hören. Womit wuchsen sie auf? Was hat sie beeinflusst? Wem schulden sie Dank? Den Anfang macht PAUL WALLFISCH.

Paul Wallfisch

„Ich bin mit klassischer Kammermusik aufgewachsen – hauptsächlich Bratsche- und Pianoduette. Was Anderes gab es bei uns zu Hause nicht. Mit zehn Jahren hörte ich dann im Schulunterricht erstmals LED ZEPPELIN, vermutlich „Stairway To Heaven“.  Mir war diese Art von Musik damals vollkommen unerklärlich: Was ist das? Wie ist so eine Musik möglich? Bei mir zuhause war sowas verboten. Es existierte einfach nicht. Meine Eltern waren noch Menschen des 19. Jahrhunderts. Beatles oder Elvis ging noch so gerade, alles danach nicht. Ich begann dann, mehrere Platten aus der Bücherei zu holen. Ich nahm mir eine Platte von THE GUESS WHO, weil ich dachte, das seien THE WHO. Ich hatte ja keine Ahnung. Das war aber kanadischer Soft-Rock. Nicht sonderlich toll.“

„Die Musik habe ich dann zuhause mehrere Tage lang laut laufen lassen, bis mein Vater die Schallplatten nahm und sie im Garten zerbrach. Ihm waren die Strafgebühren der Bücherei egal – hauptsache, ich würde so eine Musik nicht hören. Ich war natürlich ungeheuer wütend. Dann habe ich mir aus unserem örtlichen Plattenladen „God Save The Queen“ von den SEX PISTOLS geklaut. Freunde hatten mich auf die Band aufmerksam gemacht und ich war vollkommen begeistert – besonders von dem Lärm, der Lautstärke. Die Konstellation war ja gleich – vier, fünf Leute machen zusammen Musik. Aber die Lautstärke machte es ganz besonders.“

„Mein erstes Konzert mit solcher Art von Musik waren dann TOM WAITS und THE KINKS. Ich war damals 13 Jahre alt.  Ich wusste damals schon, dass ich irgendwann mal so eine Band haben wollte wie Ray Davies mit den Kinks.  Kurz danach kamen dann THE VELVET UNDERGROUND und LOU REED. Das sind so die Künstler, die ich heute noch unheimlich gern höre. „The Blue Mask“ von Lou Reed ist fantastisch. Damals, während meiner Punkphase,  hörte ich auch viel Soul – ARETHA FRANKLIN oder JAMES BROWN. Aber die Liebe zu Lou Reed und The Velvet Underground hat mich nie losgelassen – erst gerade haben Larry, Geoffrey und ich zusammen noch „Femme Fatale“ gespielt.  Das war auch der Song, den ich erstmals vor Publikum gesungen habe, 1986 in Paris. Wenn ich mich entscheiden müsste, wäre mein Lieblingssong von ihnen aber „Pale Blue Eyes“ von ihrem dritten Album.“

„Eigentlich höre ich gar nicht so viel Musik. Larry hört am Tag pausenlos Musik, ohne Unterbrechung. Ich könnte das aber nicht, ich mag Stille sehr gern. Heutzutage höre ich aber auch immer noch gern Kammermusik. Ich nehme das meinen Eltern damals auch nicht übel, dass sie nur solche Musik hörten. Die Französischen und Englischen Suiten oder die Goldberg-Variationen von BACH. Mein liebstes Klassikstück ist aber der 2. Satz des 3. Pianokonzertes von BARTÓK. Oder auch das Opus 117 von BRAHMS. Es gibt auch unglaublich interessante moderne Musiker im klassischen Feld, die beispielweise Rock-Instrumente ,Vocals oder Loops in einem sehr strikten, klassischen Kontext nutzen. Ich mag Musiker wie OWEN PALLETT (FINAL FANTASY) sehr gerne. Er ist ein klassischer Geiger, macht aber auch ganz großartige Popmusik.“

„Vor mehr als dreißig Jahren habe ich an einer New Yorker Schule  mit einem Arp 2600-Synthesizer und ein paar Kassettenbändern eigene Elektro-Kompositionen gemacht. Rein elektronische Musik, sowas wie APHEX TWIN oder dergleichen, höre ich aber kaum. Heutzutage ist ja alles elektronische Musik, auch bei „Elektra“ arbeite ich zum Beispiel mit einem Laptop. Da, wo es innovativ klingt, gibt es so eine strikte Trennung zwischen elektronischer und nicht-elektronischer Musik eh nicht mehr. Ich selbst bin aber kein Musikprogrammierer, wenn man es mal so nennen will.

Kurz nach meiner Phase mit den Kinks kamen SUICIDE. Die haben immer mit Elektro-Effekten experimentiert, auf eine ganz radikale Art und Weise. Ich liebe sie dafür sehr. Mit 16 war ich in New York auf einem Konzert von ihnen. Sie haben das Mikrofon in die Menge gehalten, ich stand in der vordersten Reihe und habe einfach reingebrüllt. Es war eine unheimliche Energie im Saal und es hat mir in dem Moment eine derartige Freude bereitet, einfach in dieses Mikrofon zu schreien. Sowas habe ich nie wieder erlebt. Unglaublich laut, unglaublich hart. Definitiv eines der Konzerte, das ich niemals vergessen werde.“

„In den späten 80ern habe ich dann auch in Paris SWANS live gesehen. Es gab fünf Vorbands, die viel zu lang gespielt hatten. Die Swans selbst hatten zum Schluss also nur noch 20 Minuten Zeit für ihren Auftritt. Michael Gira, der Frontmann, trat ans Mikrofon und erklärte: „Schade, die anderen haben zu lang gespielt. Wir haben nur 20 Minuten. Ihr könnt jetzt hier ruhig alles zerstören.“ Die haben dann für die Zeit des Konzerts einfach nur Lärm gemacht, eine große Wand aus Krach. Es war so unglaublich extrem, man konnte die Bandmitglieder förmlich fühlen. So nah waren sie einem. Tausend Leute waren im Saal. Und die haben den Saal wirklich demoliert. Die ganze Tonanlage kam runter.“

„Das waren so zwei meiner besten Konzert-Erlebnisse. Das dritte ist erst ein paar Monate her. Die EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN. Ich kenne Axel Hacke schon seit den 90ern, er spielte bei uns ja auch in „Republik der Wölfe“. Aber die Neubauten hatte ich noch nie live gesehen. Es wurde zum aufregendsten Konzert der letzten Jahre oder sogar Jahrzehnte.“

„Geoffrey hat uns vor ein paar Tagen einen Interpreten namens DEAN BLUNT gehört. Ich kannte ihn vorher nicht, habe reingehört und fand es fantastisch. Die Cover seiner Alben sind sehr klug. Auch für die Elektra-Produktion habe ich wieder viel von THE JESUS LIZARD gehört – „Goat“ finde ich super. Dann gibt es noch einen Kanadier namens DANIEL LANOIS, der lange Zeit in New Orleans lebte. Er ist ein bekannter Produzent, der mit Bob Dylan oder auch U2 gearbeitet hat. Sein neues Album heißt „Flesh And Machine“. Es ist ein instrumentelles Album. Das Flesh im Titel bezieht sich auf ihn an der Gitarre. Und die Machine ist das Mischpult, vor dem er live sitzt. Mit ihm spielt ein Trio und er mischt es live und jedes Mal neu zusammen. Er macht daraus Loops, Samples – das klingt sehr hart und schmutzig, macht aber unheimlich viel Freude. Ich habe es erst vor ein paar Monaten in New York gesehen und kann das Album dazu nur jedem empfehlen.“

 

Foto: Philip Lethen

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

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