ÜBERALL AMEISEN, NIRGENDS TERMITEN!

Das Probenjournal zu ELEKTRA. Erster Eintrag.

Die Probenzeit für Elektra ist gestartet. Das angedeutete Bühnenbild ist einfach, reduziert, weitläufig – Holzstreben, eine Leinwand, Papierbahnen, Schottersteine und Kies. Erste Videoaufnahmen auf der Leinwand: die verfremdete Umgebung, schwarze Erde, wehendes Geäst. Nach den Leseproben und vorgeschlagenen Kürzungen in der Textfassung beginnen jetzt die szenischen Proben auf der Neuen Probebühne im Schauspielhaus. Die Schauspieler lernen den Text und probieren die ersten Szenen des Stücks aus – den Prozess Klytaimnestras gegen Elektra. Elektras Zusammenleben mit ihrem neuen Gatten, dem Bauern. Sie, im Dreck hockend, fern von den gigantischen Stadtmauern, schwört Rache: „Zu lang hat dieser Staat keine Leichen gesehen.“ Der Chor meint, sie zu belehren: „Vom Jammern werden deine Haare weiß. / Jung bist du nur kurz / und schön.“

Proben zu Elektra

Der Regisseur Paolo Magelli hat neben diversen Arbeiten im ehemaligen Jugoslawien u.a. in Italien, Frankreich, Rumänien, Bulgarien, Belgien, der Schweiz, Deutschland, Ungarn, der Türkei, Finnland, Venezuela, Kolumbien, Israel und Palästina inszeniert. Eine philologische Ehrfurcht vor Klassikern ist ihm fremd. Er nutzt für seine Inszenierungen häufig neue Übersetzungen, neue Versionen, neue Zusammensetzungen, um auf neue, gegenwärtige Gedanken innerhalb der Klassiker zu stoßen und sie so vor einem musealen Versauern zu bewahren. Um dies zu schaffen, muss viel überlegt und debattiert werden – Regisseur Magelli und Alexander Kerlin, Autor der Neufassung, sind während der Proben im ständigen Dialog, diskutieren nicht nur während der Pausen und fügen spontane Änderungen in den Stücktext ein. Und so geht es täglich immer weiter voran – auf dem steten Weg Richtung Premiere.

Kerlin bringt täglich neue Textkopien auf die Probebühne – neue Zeilen, neue Kürzungen, neue Gedanken. Danach gemeinsames Lesen, Überlegen, Diskutieren, und dann wird es ausprobiert. Wer oder was ist König Aighist in dieser Deutung – das Volk, eine Leerstelle und ein Konstrukt, eine symbolische Ordnung? Wie kann man diese zentralen Gedankengänge anschaulich machen? Wie und womit beschimpfen sich Elektra und Klytaimnestra? Was genau ist die zentrale Motivation von Orest, dem jüngeren Bruder der Elektra, der aus der Ferne nach Argos heimkehrt, um den Tod seines Vaters Agamemnon zu rächen? Und wie bringt der Bauer und ehemalige Henker, an den Elektra vermählt wurde, ihr das Töten bei – also ganz konkret? Wie tötet man am effektivsten einen Menschen? Wie funktioniert Enthauptung, womit kann man sie üben? Und welche Worte sind dafür erforderlich? „Erst ein glatter Schnitt / tief / durch Haut und Fleisch in einem Zug“, lehrt der Bauer. „Den Knochen erledigt die Axt.“ Hier festhalten – zack – kaputt.

Eine Methode, mit der Paolo Magelli seine Gedanken und Bilder vermittelt, ist das Erzählen biographischer Anekdoten. Auf der letzten Probe erzählte er vom belgischen Künstler Jan Fabre, der mit einem slowenischen Zoologen aus Ljubljana über mehrere Jahre lang einen Briefwechsel über ein Thema führte: Warum sind die winzigen Ameisen – Insekten ohne eigenen Willen, befehlsgesteuert und nur in der Masse stark – in jedem Winkel der Erde zu finden, wohingegen die robusteren und um ein Vielfaches intelligenteren Termiten vor allem bloß in den Urwäldern und Savannen Afrikas und Südamerikas bestehen können? Es gab zu jedem Zeitpunkt der Geschichte immer mehr Ameisen als Termiten auf dem Planeten. Magelli fragt: Warum also ist die Dummheit der Masse (auch) im Tierreich immer der Klugheit der Minderheit überlegen? Warum fast überall Ameisen und fast nirgends Termiten? Der slowenische Zoologe starb irgendwann, ohne Jan Fabre eine befriedigende Antwort gegeben haben zu können. Eine Frage ohne Antwort?

Viel Kaffee, viel Papier.

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

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