MIT HEINER MÜLLER IN DER MAPPE

Unser Sprechchormitglied Regine Anacker über den Auftritt des Chors im Museum Ostwall am vergangenen Sonntag

 

Beinah wär’s weg gewesen, das ehemalige Museum am Ostwall, sein Abriss war schon fester Stadtratsbeschluss. Am Sonntag feierte es seine Wiederauferstehung. Im November 2013 gründete sich die Bürgerinitiative „Rettet das ehemalige Museum am Ostwall“ und schaffte, was sie sich vorgenommen hatte: Sie rettete.

Keine Abrissbirne. Das Museumsgebäude wird das Baukunstarchiv NRW beherbergen und soll darüber hinaus ein „lebendiger öffentlicher Ort“ werden. Und aus der Initiative wurde ein Verein, der das neue Leben am Ostwall 7 mit einer Auftaktveranstaltung am 18. Januar feierte – ein Testlauf in Sachen „lebendiger öffentlicher Ort“. Es gibt nur wenige Räume in Dortmund, die so geeignet sind, die Sinne zu öffnen, wie der Lichthof des ehemaligen Ostwall Museums. Wir alle dürfen diesen Raum nun behalten und mit Leben füllen. Für die Füllung war am 18. Januar nur ein eher kleiner Raum vorgesehen – der dann so richtig voll wurde.

Dortmunder Sprechchor, Regisseur Uwe Schmieder, Jahresauftakt im

Vielleicht hatten die Veranstalter nicht mit den vielen Toten gerechnet. Während Leonie Reygers noch zögerte, aus dem Dunkel des Vortrags von Brigitte Sonnenthal-Walbersdorf herauszutreten, hatte Gilda Rasani mit dem Theremin längst Saint-Saëns und Rachmaninow beschworen – mit der Hand und zwei Antennen. Geister reisen eben gern elektromagnetisch. Wim Wollner holte mit dem Saxophon später das plüschige Fernseh-Museumsphantom Belphegor dazu.

Noch mehr Gespenster: Wir, der Dortmunder Sprechchor, warteten an der Wand. Mit unserem toten Heiner Müller in der Mappe, waren wir die Toten auf der Gegenschräge, die leise sagen: Wir – sind – nicht … – Wer’s nicht selbst versucht, kann sich vielleicht gar nicht vorstellen, wie gut das ist, in Zeiten, in denen jeder ruft, tippt oder auf große Pappen malt, was oder wer er oder sie ist, was ich bin und was wir sind, mit vielen Stimmen ganz leise zu sagen: „Wir sind – nicht …“ Und dann lauter das tausendmal Gesagte immer wieder zu sagen: „Was wir vergessen, das verraten wir.“ Und dann noch lauter: „Von jetzt ab und eine ganze Zeit über wird es keinen Sieger mehr geben auf eurer Welt, sondern nur mehr Besiegte.“

Dortmunder Sprechchor, Regisseur Uwe Schmieder, Jahresauftakt im

Das stammt alles aus der Hamletmaschine von Heiner Müller, wie sie Schauspieler Uwe Schmieder am Theater Dortmund inszeniert hat, der uns an diesem Nachmittag dirigierte. Und ganz am Schluss haben wir leise die „Internationale“ gesungen. Im Publikum sangen ein paar mit, einige guckten indigniert, einige amüsiert, manche sogar glücklich, einige genervt oder peinlich berührt. Oder auch so richtig … leer.

Die Toten: Manchmal halten sie eine Hand ins Licht, als lebten sie. Schöner noch wäre es gewesen, wir hätten die Hände ins Licht des Lichthofs tauchen können.

 

Ein weiterer Kommentar zu der Veranstaltung von Udo Höderath und Peter Jacob findet Ihr hier.

Fotos: Michael Rasche/Dortmund

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