ALLES IST MATERIAL FÜR DIE KUNST, AUCH LIEBESBEZIEHUNGEN

Ein Interview mit Ed Hauswirth, dem Erfinder der neusten Schauspiel-Produktion im MEGASTORE

Ed Hauswirth 3

Der Regisseur Ed Hauswirth hat mit seinem Schauspielensemble ein unheimliches Drama über Fernbeziehungen entwickelt: Vier Menschen, zwei Paare – Tonia (Julia Schubert) ist Studentin der Mediensoziologie und geht für ein Auslandssemester nach Rom. Ihren Freund Tomasz (Peer Oscar Musinowski) lässt sie dabei zurück – er steht vor einen Karrieresprung bei IKEA. Tonias Professor Wolf-Adam (Uwe Schmieder) tritt seinerseits eine Gastprofessur in Aalborg, Dänemark an. Seine Frau Helena ist Schauspielerin und geht für eine internationale Theaterproduktion nach Breslau in Polen. „Wird das halten?“ fragt Wolf. Das Auseinanderdriften der Beziehungen beginnt schon kurz nach dem Aufbruch in die neue Heimat. Trotz Skype. Wegen Skype? Misstrauen und Fremdheitsgefühle treten zwischen die Figuren. Wie beeinflusst das Medium Skype die menschlichen Beziehungen? Darüber haben wir uns mit Ed Hauswirth im Vorfeld der Premiere von „Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“ unterhalten.

Sie leben und arbeiten normalerweise in Graz, Österreich. Nun sind Sie für sechs Wochen in Dortmund, um hier am Schauspielhaus zu inszenieren. Wo ist Ihre Freundin?

Sie lebt in Graz, und ich vermisse sie sehr. Wir skypen drei Mal in der Woche miteinander.

5780p

Ist das auch Inspiration für Ihr neues Stück?

Sicherlich, alles ist Material für die Kunst, auch Liebes-Beziehungen. Vielleicht gerade die. Es ist ja heute Normalität, dass Paare in verschiedenen Städten arbeiten oder sogar leben. Und wenn man die Beziehung lebendig halten und beim Wiedersehen nicht allzu sehr fremdeln möchte, dann tut man gut daran, sich ab und zu in die Augen zu schauen. Und wenn es nur über den Bildschirm ist.

Aber einen echten, menschlichen Kontakt kann es über Skype nicht geben.

Da möchte ich widersprechen. Sicherlich gibt es Momente, in denen der Computer zwischen Mensch und Mensch ein Gefühl von Fremdsein auslöst. Aber es kann auch das Gegenteil geschehen: Dass gerade der Abstand eine Vertrautheit ermöglicht, die von Angesicht zu Angesicht nie funktioniert hat.

Die Liebe in Zeiten der Glasfaser

Und das ist ein Stoff für das Theater?

Sicherlich, über Skype kann man das ganze große Drama und auch die kleinen Dramen des Alltags erzählen. „Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“ ist ein Stück, dass wir während der Proben entwickelt haben. Drei der vier Schauspieler auf der Bühne führen auch im echten Leben eine Fernbeziehung. Sie sind sehr mit den Fragen vertraut, die eine Liebesgeschichte auf Distanz mit sich bringt: Kann ich dem Partner, der Partnerin restlos vertrauen? Was ist mit den langen Phasen ohne Umarmungen und Sex? Wie hält man die aus? Wie kompensiert man die unterschiedlichen Entwicklungsschritte, die man an von einander entfernten Orten macht? Wie hält man trotzdem zusammen? Oder gibt es sogar Kräfte in einem Menschen, die eine Trennung herbeiführen wollen, ohne dass er es weiß?

Die Liebe in Zeiten der Glasfaser

Sie erzählen also von einem Aufbruch in die Fremde. Gibt es eine glückliche Rückkehr für die Figuren?

Was ich verraten kann: Das Stück handelt auch von Emanzipation und davon, wie ein Aufbruch ein neuer Anfang für Menschen sein kann. Aber ein Anfang ist zugleich immer auch das Ende von etwas anderem, und das kann ein komplizierter Prozess sein. Tonia z.B. fühlt sich in ihrer gegenwärtigen Beziehung mit Tomasz nicht mehr ganz wohl und sie freut sich sehr auf Italien – aber als sie dort ankommt, ist erstmal alles schrecklich und unheimlich – und sie sehnt sich zurück zu ihm. Oder Wolf, der in Dänemark an seinen Büchern arbeiten will, aber kaum dazu kommt, weil er erstmal krank wird – und dann auch noch damit umgehen muss, dass es seiner Frau Helena in Polen offenbar blendend geht. Er quält sich mit der Frage, ob seine Frau ihm dort überhaupt treu ist.

Die Liebe in Zeiten der Glasfaser

Wie sind Sie ausgerechnet auf Rom, Aalborg und Breslau gekommen?

Einer geht nach Norden, eine nach Osten und eine nach Süden. In „Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“ geht es auch um Europa. Die Handlung spielt in einer nahen Zukunft. Die politische Situation ist irgendwie angespannt, aber man weiß nicht, was los ist. Z.B. gibt es ein mysteriöses Flugverbot. Das macht unser Stück besonders spannend: Wie der Druck auf die Figuren steigt – aus den privaten Beziehungen heraus, aber auch durch die prekäre politische Situation.

Die Liebe in Zeiten der Glasfaser

Das Interview führte Alexander Kerlin

Termine: 5., 12., 30. März im Megastore in Dortmund-Hörde

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

Ein Gedanke zu „ALLES IST MATERIAL FÜR DIE KUNST, AUCH LIEBESBEZIEHUNGEN

  1. Ich sah gestern die Generalproblebe: Die schauspielerischen Leistungen fand ich enorm – danke und ein großes Kompliment an die DarstellerInnen!!

    Diese künstlerische Aufarbeitung des Themas „Kommunikationstechnologien“, deren Möglichkeiten, Grenzen und Abgründe, hatte für mich an einer Stelle einen Bruch: Es war die Szene, in der Helena, die Schauspielerin, beim Dreh eines Filmes Vergewaltigungsszenen spielen muss. Hier wurden die Zuschauenden ungewollt zu Voyeuren und es gab – anders als beim Laptop oder TV-Gerät – keinen Knopf zum Abschalten.
    Ach wenn diese Szene sexueller Gewalt doppelt gebrochen war – die Schauspielerin spielt die Szene als Schauspielerin – fragte ich mich: Begibt sich das Stück hier nicht auf das Niveau von Formaten wie dem „Dschungelcamp“? Auch wenn das bewusst geschieht, kann dies ein legitimes Stilmittel sein?
    Ganz wichtig: Mir geht es dabei nicht ums Moralisieren. Mir geht es um die Sensibilität für die Grenzen, die die Menschenwürde bewahren und um die Rolle, die die Kunst dabei spielen kann.
    Für mich als Zuschauerin war mit dieser Szene diese Grenze überschritten und ich fragte mich: Wie erging es wohl der Frau dabei, die diese Szene spielte?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.