THE NOISE OF ELEKTRA II – LARRY MULLINS

 Bei ELEKTRA steht ein wahnsinniges Musik-Trio auf der Bühne. Larry Mullins, Geoffrey Burton und Paul Wallfisch liefern den Sound der zersplitterten Tragödie. Ob nun laut und lärmend, sanft oder grotesk – die drei Vollblutmusiker sind Meister ihres Fachs. Kurz vor der Generalprobe von ELEKTRA hat Matthias Seier bei den drei Mitgliedern aufgeschnappt, welche Musik sie privat hören. Womit wuchsen sie auf? Was hat sie beeinflusst? Wem schulden sie Dank? Den Anfang macht Drummer und Perkussionist LARRY MULLINS, bekannt durch seine Arbeit mit Iggy Pop und den Swans.

„Ich bin in Tennessee aufgewachsen, daher hörten meine Eltern ständig Country und Bluegrass-Musik. Die erste Musik, die ich als Kind hörte, wird also Country gewesen sein – HANK WILLIAMS oder DOLLY PARTON. Die beiden Interpreten höre ich heute noch gern. Es ist wirklich gutes Zeug. Es gibt einen ganz großartigen Song von Dolly Parton, den ich erst vor kurzer Zeit entdeckt habe. Er stammt aus den Mittsechzigern, 1966 oder so, und sie klingt dort sehr roh, wie eine Soul-Sängerin. Das ist ziemlich bemerkenswert.“

„Als ich begann, Musik zu spielen, war es ausschließlich klassische Musik. Meine Eltern überredeten mich dazu, dem Schulorchester beizutreten und es gefiel mir von Beginn an sehr gut. Ich war ziemlich gut im Spielen, ich konnte rasch Noten lesen, es fiel mir alles recht leicht. Ich las die Partituren von MOZART oder BACH. Und recht schnell begann ich mich für die dunkleren Gefilde und Schatten klassischer Musik zu interessieren – für Leute wie BERLIOZ oder GUSTAV MAHLER. Damals war ich zwölf oder dreizehn. Ich las Biographien über ihre Leben, um zu verstehen, was sie zu so einer Musik geführt hatte.“
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„Allerdings gab es in der Kleinstadt, in der ich aufwuchs, nichts, womit ich alternative Kultur oder Musik hätte kennenlernen können. Durch puren Zufall entdeckte ich einmal ein paar Schallplatten von GEORGE CLINTON, zum Beispiel PARLIAMENT oder FUNK-A-DELIC. Die Cover dieser Platten waren so seltsam und bunt. Ich hatte so etwas noch nie zuvor gesehen und dachte mir, man, das ist ja wirklich was ganz Anderes! Eine ganz neue Welt! Musik von George Clinton höre ich heute noch – sie ist so freaky, wirklich bizarr. Das hat meinen Horizont für Musik jenseits der klassischen Sphäre geöffnet.“
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„Die Musik von George Clinton führte mich dann allmählich zum Punk. Sobald ich seine Platten gehört hatte, merkte ich, dass die Musikwelt so viel mehr zu bieten hatte als ich wusste. Ich suchte nach Magazinen oder jedweden Medien, um zu erfahren, was es sonst noch für Musik gibt. Ich hatte kein Punk-Erweckungserlebnis oder dergleichen, sondern es war mehr wie eine natürliche Fügung, sich dieser Musik zuzuwenden. Punkrock hatte damals seine Blütezeit, ich sah Bilder davon und dachte als Teenager natürlich direkt: Krass, wie aufregend. Ich holte mir ein Schlagzeug, startete meine erste Punkband und brach die Schule und das Schulorchester ab. Zu der Zeit war ich damals auf einer Hausparty, im Wohnzimmer stand ein Plattenspieler und jemand sagte mir, ich solle bitte mal die Musik wechseln. Auf dem Wohnzimmerboden lagen überall Schallplatten, ich kannte keine davon. Ich fand das „Raw Power“-Album von IGGY POP AND THE STOOGES, war ganz fasziniert vom Cover, diesem seltsamen Foto. Ich legte die Platte auf den Teller und dachte mir, tja, schauen wir mal, wie das klingt. Der erste Track war „Search and Destroy“. Was für ein monumentaler Moment. Ich sehe noch heute vor mir, wie ich damals in diesem Wohnzimmer saß, mir das anhörte und vollkommen begeistert war. Ich fühlte mich direkt mit der Musik verbunden. Natürlich konnte ich damals nicht ahnen, dass all diese Musiker aus der Band später ein riesiger Teil meines Lebens wurden. Die Stooges sind heute meine Familie. Und das alles nur wegen „Search and Destroy“. Der Moment war ein wirklicher game changer. Das habe ich damals aber noch nicht begriffen.“
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„Als ich 19 war, sah ich, dass IGGY POP durch die Vereinigten Staaten tourte und dabei auch nach Memphis, also in meine Nähe kam. Auf dem Konzert brüllte er die ganze Zeit seinen Drummer an, der anscheinend neu war, die ganzen Lieder noch nicht kannte und es einfach noch nicht im Blut hatte. Es klang wirklich grausig. Ich stand im Publikum und dachte, man, das könnte ich soviel besser, ich wüsste genau, was zu tun wäre. Ich habe den Rest seiner Tourdates gecheckt – sie waren nicht so weit entfernt. Also schnappte ich mir mein Auto, packte das Schlagzeug in den Kofferraum und folgte ihm für eine Woche mit dem Auto. Ich machte Kassetten mit Aufnahmen meines Schlagzeugspiels und schrieb ihm Briefe, wie sehr ich seine Musik liebte, was ich an seinen Konzerten verbessern könnte, wer ich sei und woher ich käme. Auf jedem seiner Konzerte gab ich mehrere dieser Pakete mit den Aufnahmen und den Briefen ab – an die Roadies auf der Bühne, an die Ticketverkäufer oder an den Tourbusfahrer. Aber nichts geschah. Ich dachte schon, es wäre sinnlos und ich müsste aufgeben. Auf dem letzten Konzert, das ich besuchen wollte, las Iggy Pop dann aber plötzlich aus meinem Brief vor – Satz für Satz! Ich war überglücklich. Er las davon, wie es war aus einer kleinen Stadt zu kommen, kein Geld zu haben, aber getrieben von einer kreativen Energie jemandem zu folgen, weil man es für richtig halte. Das hat mich ziemlich versöhnt mit Iggy. Nach dem Konzert kam dann einer seiner Roadies auf mich zu, der mir sagte, ich solle mich jetzt endlich mal verpissen oder es würde was setzen! Lustigerweise ist dieser Roadie von damals einer meiner besten Freunde.

Zurück in Tennessee habe ich dann einfach weiter Briefe an Punkstars geschrieben, unter Anderem auch Greg Ginn von BLACK FLAG. Der rief mich dann eines Tages plötzlich in der Wohnung an. Ob es für mich möglich sei, nach Los Angeles zu ziehen. Also direkt, jetzt gleich. Er schickte mir das Spritgeld und dann habe ich Tennessee verlassen. Und ich kehrte nie wieder zurück.“
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„In Los Angeles – und das war ein krasser Zufall – veranstalte dann jemand ein Vorspielen, denn Iggy Pop suchte anscheinend neue Bandmitglieder. Ich erzählte ihm die gleiche Story, die ich jetzt dir erzählt habe, und sagte dem Kerl: ‚Sag Iggy Pop, dass ich der Typ mit dem Brief bin. Sag ihm, dass ich hier bin.‘ Und am nächsten Tag rief mich Iggy Pop an. Er lud mich ein, mit ihm und seiner Band ein paar Songs zu spielen. Es lief klasse – einfach so, wie ich es mir gedacht hatte. Wir wurden direkt Freunde. Und seitdem arbeite ich mit ihm zusammen. Wir hatten auch mal eine Phase der Funkstille, aber das ist jetzt auch schon 25 Jahre her.“
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„Fast alle Proben für Iggy Pop fanden in New York City statt, von daher musste ich also sehr oft dorthin. Schon damals war ich ein großer Fan der SWANS und hatte ihre Platten schon als Teenager stets rauf und runter gespielt. Ich mochte ihre Energie und den Schreibstil von Michael Gira, die gesamte Ästhetik. Sie hatten auch immer großartige Schlagzeuger. Und irgendwie wurde ich ihm dann mal in New York vorgestellt. Wir kamen super miteinander aus, trafen uns oft in Bars und redeten dort stundenlang oder gingen was zusammen essen.  Wir wurden enge Freunde. Es vergingen Jahre so und dann fragte mich einmal plötzlich, ob ich nicht der Band beitreten möchte. Ich hatte damals Zeit und daher sagte ich natürlich zu. Das führte zu einer extrem langen Kollaboration. Insgesamt habe ich zehn Alben mit ihnen veröffentlicht. Als die Swans dann ihre lange, lange Ruhephase begannen, startete Michael Gira direkt die Nachfolgeband ANGELS OF LIGHT, wo ich von Beginn auch mit dabei war.“
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„Ich höre viel Soul und Blues aus Chicago. Es gibt eine großartige Schallplatte von KOKO TAYLOR – sie heißt einfach „Koko Taylor“ und ist aus dem Jahr 1969. Das ist einfach ein perfektes Album. Vollkommen faszinierend, eine geniale Sängerin mit einer so lauten, ausdrucksstarken Stimme. Und dann noch Platten von HOWLIN WOLF, CHARLIE PATTON. Und zurzeit höre ich auch wieder sehr viel Musik von ENNIO MORRICONE. Ich sammle die Schallplatten von ihm, mittlerweile sind es über 250. Es wäre wirklich schwer, eine von ihnen als die Beste auszuwählen. Ich glaube, Morricone hat für über 600 oder 700 Filme die Musik geschrieben, da kommt niemand auch nur ansatzweise in die Nähe. Es ist wirklich schwierig, etwas nicht so Gutes von ihm zu finden. Es kommt auch immer ein wenig darauf an, auf welche Art von Film oder Filmepoche man steht.“
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„Davon mal abgesehen höre ich sehr viel von JOHANN SEBASTIAN BACH – und zwar nahezu immer. Seit gut fünf oder sechs Jahren bin ich von seinen Orgelwerken wirklich besessen. Es gibt eine großartige Albenreihe mit 22 CDs eines deutschen Organisten, GERHARD WEINBERGER. Das sind sämtliche Orgelwerke. Es ist einfach so, so gut. Er reiste für dieses CD-Projekt durch Europa an die verschiedenen Kirchenorgeln, an denen auch Bach damals tatsächlich gespielt hat. Bach war damals ja auch Orgelreparateur und -bauer.  Weinberger hat sich das Repertoire so ausgesucht, welches Stück am Besten zu welcher Orgel passen würde. Und alles davon nahm er an. Es ist eine phänomenale Serie. Wenn ich nachts schlafen gehe, ist das die Musik, die ich zum Einschlafen höre. Ich nehme mir dann einfach per Zufallsprinzip eine dieser CDs aus dem Regal und höre die Musik dann während des Schlafs. Wenn man schläft, nimmt man Musik ganz anders wahr – man nimmt sie unterbewusst wahr, aber ist gleichzeitig viel aufmerksamer. Tagsüber gibt es neben der Musik natürlich noch zahlreiche Nebengeräusche, die ins Ohr dringen. Aber nachts gibt es dann nur diese Musik.“

„In letzter Zeit mag ich die Musik eines norwegischen Komponisten elektronischer Musik – ARNE NORDHEIM. Er war der große Innovator elektronischer Musik in Skanndinavien und nahm zahlreiche Alben auf. Es ähnelt ein bisschen so Tonbänderbearbeitungen, mitunter sehr düster und obskur klingend. Wie Musik aus einer anderen Welt. Er hat auch die Soundtracks für zahlreiche, großartige Kurzfilme in den 60ern gemacht. In Oslo habe ich im letzten Jahr eine Retrospektive über Nordheim gesehen. Ich hatte zuvor noch nie von ihm gehört und war direkt von seiner Musik infiziert.“
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„Jemanden aus neuerer Zeit könnte ich auch empfehlen, obwohl es bei ihm gar nicht so sehr neuere Zeit ist. ARIEL PINK veröffentlicht schon seit zehn oder zwölf Jahren Musik. Ariel ist ein guter Freund von mir, daher habe ich auch seine gesamte Musik – was eine ziemliche Menge ist.  Zurzeit veröffentlicht er diese ganzen experimentellen Demo-Kassetten von sich, die er als Teenager oder junger Student gemacht hat. Vollkommen verrücktes Zeug. Mein Lieblingstrack ist aber nicht unbedingt dieses seltsame Zeug, aber ein Lied von ihm heißt „Politely Decline“. Großartiger Songtitel. Es gibt auch ein großartiges Genre aus Indonesien – JAIPONG. Wirklich schnelle, aggressive Musik mit diesem Instrument namens Gamelan. Sehr roboterhaft, sehr mechanisch. Extrem krasses Zeug.“

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

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