EINE NEUE SEKTE? EIN FLASHMOB? ODER BLOß THEATER?

Auf dem Hansaplatz wacht die Militärpolizei. Es ist Champions-League-Tag. FC-Arsenal-Fans feuern ihre Mannschaft in der Stadt schon ab den frühen Mittagsstunden lautstark an. Für die Polizei gilt: Obacht vor weiteren Versammlungen, als ein Mädchen mitten auf dem Platz zum Stehen kommt. Nur wenig Zeit vergeht. Dann stellt sich eine ältere Dame daneben und nimmt das Mädchen bei der Hand. Zufällig hält ein weiterer Passant, ein adrett gekleideter Herr mittleren Alters, stellt sich dazu und nimmt die Dame an die Hand.

 

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Und der Zufall scheint es gut mit den vom realen Treiben entrückt erscheinenden Händchenhaltern gemeint zu haben. Innerhalb weniger Minuten hat sich eine Menschenreihe von gut 50 Metern über den gesamten Platz angesammelt. Passanten machen Fotos. „Dat is ma ne Aussage!“ Die Polizisten tuscheln. Ein Polizist geht auf das eine Ende der Reihe zu und fragt eine sympathisch wirkende Frau, was das denn sei – und bekommt keine Antwort. Nach kurzem Zögern flüstert er der Frau zu, dass er schon wisse, dass es sich um eine Solidaritätsbekundung für die Beschäftigten des Karstadthauses handele und sie natürlich nichts sagen dürfe, von wegen unangekündigter Versammlung… und schlich wieder von dannen. Der Polizist hatte schnell eine Antwort parat, die umherstehenden Passanten eher nicht. Es wird gerätselt, was das soll. Vielleicht ein Flashmob? Oder eine neuartige Sekte? Aber ganz normale Menschen? Was, wenn ich mich einfach dazustelle – gehöre ich dann dazu? Antworten der Beteiligten bekommt man ja nicht. Aber es fühlt sich gut an, so Hand in Hand auf dem Marktplatz in einer Reihe, die vom einen bis zum anderen Ende der Gebäude reicht.
Ein Phantom mit 80 Gesichtern geistert durch die Stadt. Taucht es vielgestaltig in der Stadt, auf einem öffentlichen Platz oder in einem Geschäft, auf, wirken seine Aktionen auf die Passanten ansteckend. Doch in die Karten gucken lässt es sich nicht. Sollte es sich bei den Aktionen doch um Theater handeln, könnte man meinen, das Diktum des Dichters Birger Sellins, „Einmal spreche ich mal etwas ohne Worte“, werde endlich in die Tat umgesetzt. Macht denn Sprache frei? Schlägt sie goldene Brücken von Herz zu Herz? Oder ist sie ein zu eng geschnürtes Korsett? Zieht die Sprache unsichtbare Mauern zwischen den Menschen hoch?

 

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Liebe Dortmunder Mitbürger, seien Sie auf der Hut! Zwischen Smartphone-Zombies und Securitypersonal geht in der Innenstadt ein Phantom der Unbescholtenheit umher und verlockt Sie, mit ihm und miteinander in Kontakt zu treten – auf die denkbar einfachste und höchstmenschliche Weise. Es hört auf den Namen Kaspar Hauser.

Und für alle die DIE HAMLETMASCHINE nach Heiner Müller mit dem Dortmunder Sprechchor noch nicht gesehen haben, es gibt neue Termine und wieder Karten.

 

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Ein Gedanke zu „EINE NEUE SEKTE? EIN FLASHMOB? ODER BLOß THEATER?

  1. Wege zum Hauser-Feeling I
    Die Choreuten als besondere Spezies, auf der Resonanz gleicher Wellenlängen schwebend, spüren wohl noch, dass zu enge soziale Netzwerke den Eigensinn längst überfischten und sind nun von den Anforderungen der Kasper Hauser Exerzitien stark verunsichert. Einfach nur herumkaspern reicht nicht, weder performativ noch als bloße Imagination. Für eine Deklination der Fremdheit von A wie Alien bis Z wie Zombie, reichen ein paar wohlmeinende Anweisungen nicht, und bewusstseinsverändernde Drogen stehen nicht in ausreichender Menge und Qualität zur Verfügung. Die wenig präzise Aufforderung zur Vereinzelung, als ersten Schritt zur Hauser-Identität, bietet als Suchbegriff immerhin einen Anhaltspunkt für Autodidakten. Man findet im Internet Vereinzelungstechniken ebenso wie Vereinzelungsanlagen, und von diesen wiederum einfachste mechanische, bis hin zu hochkomplexen Systemen, mit oftmals überraschenden Selektions- bzw. Sortieralgorithmen. Damit ließe sich jederzeit überprüfen, ob man entsprechend einer zuvor definierten Hauser Charakteristik vom hauserfremden Mainstream unterscheidbar ist. Allerdings weisen Gender studies auf eine eklatante sexistische Schieflage hin, der die überwiegend weiblichen Choreuten/innen bei ihren Vereinzelungsbemühungen oftmals unmittelbar in eine Identitätskrise führen. Ein weibliches Pendent ist weder zur Person noch zum Namen existent. Ein Vorschlag könnte Cas oder Caschi Hauser sein, aber selbstverständlich ist der Hauserismus als komplettes Fremdkörpergefühl geschlechtlich unspezifisch, und insofern prinzipiell und universell. Jeden kann es treffen. Ein Hauser-Gen ist nicht bekannt und Hauserismus ist als Anpassungsstörung wohl auch keine übertragbare Krankheit. Wenn, liegt die Inkubationszeit im Bereich von Jahrzehnten und dürfte eher bei Senioren gehäufter auftreten. Ob dieser temporäre Autismus für jeden erlernbar und eine sinnvolle Erfahrung ist, soll in einem Projekt am Dortmunder Theater mit intensiven Feldstudien (Freilandversuche!) ermittelt werden. Und – ob solche Versuche am Menschen, obwohl freiwillig, ethisch vertretbar sind, darf und muss kritisch hinterfragt werden; denn: so mancher, der in sich ging, kam nicht wieder heraus.

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