JELINEK IM MEGASTORE

Hass wird mit SS geschrieben. Zwischen 2000 und 2006 ermordeten Unbekannte neun türkischstämmige Männer in verschiedenen Großstädten. Überall fielen sie den Kugeln aus immer der gleichen Pistole zum Opfer; doch weder in Nürnberg, noch in München oder Hamburg, noch in Rostock, Kassel oder Dortmund wurden die offensichtlichen Parallelen zu einem Verdacht gemünzt, der die Täter auch nur annähernd in den Fokus genommen hätte. Stattdessen stigmatisierten die Ermittlungen im kriminellen Drogenmilieu oder Vermutungen auf Morde aus Eifersucht die Opfer postum und ihre Familien gleich mit. Erst als am 4. November 2011 die beiden Rechtsextremen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in ihrem Wohnmobil in Eisenach vermutlich Selbstmord begingen, erst als sich Beate Zschäpe wenige Tage später der Polizei stellte, konnten die neun Morde und darüber hinaus mehrere Banküberfälle, vier Sprengstoffanschläge und der Mord an einer Polizistin als Serie verstanden werden – verübt von Mitgliedern der rechtsextremen terroristischen Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU).

Seit Mai 2013 geht in München der Prozess gegen Mitglieder des NSU über die Bühne – bislang geprägt von Erinnerungsverlusten, Falschaussagen und von Aussageverweigerung der Zeugen aus der rechten Szene und Mitarbeitern des Verfassungsschutzes. Vor allem aber geprägt durch das Schweigen der Hauptangeklagten Beate Zschäpe – bislang. Skandalöserweise steht im Prozess nicht im Fokus, wie viel die ermittelnden Behörden im Vorfeld gewusst haben oder wie elementar die Rolle des Verfassungsschutzes bei der indirekten Finanzierung, der Tarnung und Vertuschung des NSU gewesen ist (bislang weiß die Öffentlichkeit von 41 verdeckten V-Leute rings um das NSU-Mordtrio).

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Doch genau darum muss es heute gehen – damit die Öffentlichkeit versteht, in welcher politischen Situation von Hass geleitete Rechtsextreme sich entschließen abzutauchen und welchen organisatorischen Rückhalt, welche finanziellen Mittel sie im Untergrund benötigen, um einen bewaffneten Kampf gegen Migranten zu führen – oder Journalisten oder Politiker oder Menschen, die sich für ein friedliches Miteinander der Kulturen stark machen. Denn: Angst, Schwäche, Unwissen verwandelt sich in unseren digitalen Zeiten in rechtsradikale Propaganda. Hass hat wieder Konjunktur. Die Gewalt eines NSU 2.0 kann niemand wollen.

Elfriede Jelinek, weltbekannte Autorin und Nobelpreisträgerin, nimmt in ihrem hochaktuellen Stück „Das schweigende Mädchen“ in den Blick – Beate Zschäpe und die deutschen Verhältnisse. Regie führt Michael Simon, der 1994 in Dortmund mit „The Black Rider“ als Schauspielregisseur debütierte. Mit sechs Schauspielern und dem Dortmunder Sprechchor inszeniert er Jelineks assoziativen Text als begehbare Rauminstallation am Ausweichspielort an der Felizitasstraße nahe Phönix-West.

Premiere: 11.12.2015, 19:30 Uhr im MEGASTORE

weitere Termine: 17. und 27.12.2015, 16.1.2016 im MEGASTORE

Über Michael Eickhoff

Michael Eickhoff, 1972 in Göttingen geboren, studierte Geschichtswissenschaft, Germanistik, Romanistik und Philosophie in Bielefeld und Paris. Während seines Studiums arbeitete er u.a. am Deutschen Literaturarchiv Marbach, am Institut Mémoires de l‘Édition Contemporaine in Paris sowie an der Universität Bielefeld (Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft und Fakultät für Geschichtswissenschaft). Seine Arbeit am Theater begann er am Theater Bielefeld, noch als Regieassistent, später als Produktionsleiter. Der Wechsel in die Dramaturgie führte ihn für kurze Zeit an das Berliner Ensemble, gastweise an das Staatstheater Wiesbaden und von 2003 bis 2009 an das Theater Bonn, wo er mit zahlreichen Regisseuren Inszenierungen, Projekte, Szenische Lesungen etc. realisierte. Seit der Spielzeit 2010/11 ist Michael Eickhoff Chefdramaturg am Schauspiel Dortmund und Lehrbeauftragter an der Folkwang-Hochschule Essen (Studiengang Schauspiel Bochum). Er ist Mitglied der „dramaturgischen Gesellschaft“.

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