DIE KASSIERER – WAS IST DAS EIGENTLICH?

Ein in Vorfreude auf HÄUPTLING ABENDWIND getunkter Konzertbericht aus dem FZW mit den KASSIERERN

 Kassierer Konzert

DIE KASSIERER – WAS IST DAS EIGENTLICH, fragte die Band 2003 – bereits graumeliert weise – im gleichnamigen Lied auf ihrem vorletzten Album MÄNNER, BOMBEN, SATELLITEN. Das Jahr 2015 wird das 30jährige Jubiläum der mächtigen Ruhrpottprollpunkband einläuten. Da sollte man eigentlich wissen, was die KASSIERER denn nun sind oder zumindest, was sie in den Augen und Ohren derer, die sie immer wieder gerne sehen und hören, seien sollten.

Und nun so was!

Gleich zu Beginn ihres Jubiläumsjahres nehmen die „aus der Tiefe des Alls stammenden zuckenden Muluskeln“, wie sich die KASSIERER im eingangs erwähnten Lied selbst titulieren, die Eroberung einer neuen Galaxie in Angriff: die Hochkulturmarktschänke Theater! Gemeinsam mit dem Schauspiel Dortmund werden sie die Punk-Operette HÄUPTLING ABENDWIND, eine „Indianische Faschingsburleske“ nach Johann Nestroy und Jacques Offenbach, der Nachwelt in den Schoß legen. Dass die KASSIERER auf die Theaterbühne gehören, beweisen sie mit ihren Auftritten seit Äonen von Jahren selbst: In ihrem naturwissenschaftskritischen Einakter MATHE-GENIE bedienen sie sich virtuos den Elementen des Chorischen Theaters und des Happenings; in ihrer berüchtigten AFTER-SHOW reiten sie durch die theatralischen Abgründe der Burleske, ohne sich dabei für kabarettöse Ausflüge allzu schade zu sein.

Zwischen solcherlei Exkursen in avantgardistische Darstellungsarten, welche auf der Bühne des FZW zu bewundern gewesen waren, kündigte Wolfgang Wendland, der eloquente Sänger und kulturbeflissene Berufspunk der Band, jenes theatrale Stelldichein auf dem Hochkulturparkett mit Namen HÄUPTLING ABENDWIND der schon ziemlich breiten Bevölkerungsschicht an. Natürlich nicht ohne Augenzwinkern: dass es nach 30jähriger Punker-Karriere endlich einmal Zeit würde, sich an die E-Kultur zu verraten, konnte sich der Impressario der Enternsteten Kunst nicht verkneifen.

Kassierer Boden

Doch ob U oder E, Theater oder Punk, nüchtern oder dicht, hochpolitisch oder asozial, dass die Kassierer mit derlei Dichotomien nicht viel am Hut haben, das wurde mir – man verzeihe mir den persönlichen Schlenker – schon als politisch schwer korrekt agierender Pubertätsautonomer schlagartig klar. Anfang der 1990er Jahre sah ich die Band zum ersten Mal bei BOCHUM TOTAL spielen – nackt und draußen – und ich musste die Kundtat vom Genuss dieses Konzertes meinerseits aufs Vehementeste gegen meine damals ebenfalls politisch schwer korrekten FreundInnen, allesamt eingefleischte Anti-Sexismus- und Anti-Speziezismus-Apologeten, verteidigen. Nun, es kam wie so oft im Leben: die Freunde gingen, die Lieder blieben… GOTT HAT EINEN IQ VON FÜNF MILLIARDEN oder MEIN SCHÖNER HODENSACK füllen nach wie vor nicht nur mein Plattenregal sondern auch mein vom windigen Alltagsritt geschundenes Herz mit ihrem phänomenologischen Witz und ihrem utopiesatirischen Sachverstand. Bis heute bin ich nicht müde geworden, diese und jene Ode oder Ballade aus dem Œuvre der KASSIERER weiterzuempfehlen. Das zehnsekündige Lied WARUM ICH IMMER SO TRAURIG BIN steht in seiner Wirkungskraft, die sich aus einer einzigartigen Symbiose aus Lakonie und Lärm speist, gleich neben Samuel Becketts und Morton Feldmans NEITHER und Napalm Deaths YOU SUFFER.

Doch zurück zum Kassierer-Konzert im FZW – hatte ich doch das Vergnügen, unsere HÄUPTLING-ABENDWIND-Flyer verteilen zu dürfen. Und wer auf einem KASSIERER-Konzert mit Flyern hantiert, auf denen DIE KASSIERER drauf steht, dem darf ich verraten, dass er nicht unbedingt angeschwiegen wird; dass er ganz gegenteilig im Stakkato ein Glas nach dem nächsten leerprosten und jede Menge Anfangszeilen aus dreißig Jahren KASSIERER-Hitparade mitsingen darf. Besonders hinreißend war allerdings – Backlash Dichotomie – das Begehren einer (ich zitiere: „regelmäßigen“) Besucherin von gitarrenverzerrten Konzertveranstaltungen seitens ihrer Imagination eines (ich induziere: eher exotisch anmutenden) Theaterbesuchs: „Dann komm ich aber in Theaterkleidung!“, jauchzte sie euphorisch – „Aha, und wie sieht das aus?“, fragte ich, irgendwie wirklich unwissend, zurück – „Na schick und in schwarz natürlich“.

 Kassierer New York

Als ich sie gerade davon überzeugen wollte, dass neuerdings der kaputt gewaschene, farblich in ein dezentes Einerlei erbleichte und mit abgewetztem graffitiesken Schriftzug veredelte Kapuzenpulli das feine Schwarze plus Burberry-Schal als Theateroberbekleidung abgelöst hat, verstummte ich mit einem Mal, lächelte beherzt beipflichtend und verschwand diskret. Denn während dieser meiner so eben begonnenen feierlichen Rede von der Liquidität sub-kulturell heterogener Identitätsmerkmale, hatte ich den Fehler begangen, an mir selbst herabzuschauen und das nachmittägliche Werk meines Midlife-Trotzes vor dem Garderobenspiegel wiederzuentdecken. Ich hatte mich schließlich vorsätzlich, quasi demonstrativ in Merinopulli und Wolljackett, dazu Anzugshose plus gepflegter Seitenscheitel, auf einem gitarrenverzerrten Rock- oder Punkkonzert verirrt.

„Und ich fragte mich, am Strand verharrend,

Ins gespenstische Geflatter starrend:

Und du selber? Bist du (…)“*

Punk oder Hardcore? Hard- oder Softcore? Soft- oder Hochkultur? Hoch- oder Underground? Under- oder Mainstream? Main- oder Mahlstrom? usw. usf. etc. pp. Das war Kopfkino pur und da spielten sie nun DIE DICHOTOMIE DES GRAUENS und die zermarterte mir das Resthirn, in dessen Langzeitgedächtnis erst kürzlich meine erste Retrospektive 20 JAHRE ANDERS SEIN Vernissage feierte. Ja, ich wollte immer anders sein! Theater machen! Punk bleiben! Anders oder nicht anders sein – das ist doch die Frage! Die Antwort darauf war so schön wie einfach und wartete backstage. Nachdem Wölfi bei Ansicht unserer oldschoolig fanzinehaften Theaterflyer meinte: „Ihr seid ja mehr Punk als wir“, brachte es Andreas Beck, Ensemblemitglied im Schauspiel Dortmund und Regisseur des HÄUPTLING ABENDWIND, mit Blick auf die formidablen MATHE-GENIE- und AFTER-SHOW-Performances der KASSIERER auf den Punkt: „Und ihr seid mehr Theater als wir.“

 

*Conrad Ferdinand Meyer, MÖWENFLUG (1881)

 

Über Thorsten Bihegue

Thorsten Bihegue studierte Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis an der Universität Hildesheim, sowie Performance Writing am Dartington College of Arts in England. Gemeinsam mit der Dramatikerin Abi Basch gründete er 2005 das Theaterkollektiv kInDeRdEuTsCh PrOjEkTs. Gastauftritte führten sie zu Festivals nach Bangkok, St. Petersburg und Austin. In zahlreichen freien Theaterproduktionen wirkte er als Schauspieler, Autor und Musiker mit. Von 2010 bis 2012 war er Dramaturg am Theater Rudolstadt. Seit 2012 springt er regelmäßig als Dramaturg am Schauspiel Dortmund ein und führt gemeinsam mit Alexander Kerlin Regie beim Dortmunder Sprechchor.

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