„DIE DEBATTE ÜBER BESCHNEIDUNG WAR VÖLLIG KATASTROPHAL“

REGISSEUR TUĞSAL MOĞUL IM GESPRÄCH

Die Proben zur Studioproduktion Der Goldene Schnitt haben begonnen. In der Uraufführung geht es um rituelle Beschneidung bei Jungen. Der Autor, Regisseur und Schauspieler Tuğsal Moğul ist zugleich Anästhesist und kennt sich daher aus: Er hat als Arzt selber zahlreiche Beschneidungen an Jungen durchgeführt. Wir haben nach einer Probe mit ihm gesprochen und gefragt, wieso das Thema weiterhin für solche Kontroversen sorgt.

REGISSEUR TUĞSAL MOĞUL IM GESPRÄCH

 

Wie kam es dazu, dass du dich mit dem Thema Beschneidung beschäftigst?

Die rituelle Beschneidung der Jungen beschäftigt mich schon seit meiner Kindheit, da ich die Beschneidung natürlich selber erlebt habe. Zudem bin ich auch Arzt und habe in der Türkei in der Chirurgie und Urologie gearbeitet. Da habe ich während meiner Famulatur Beschneidungen selber durchgeführt oder dabei assistiert. Ich kenne also die Sichtweise des Beschneiders. Und seit der großen Beschneidungsdebatte 2012 denke ich, dass das ein Thema wäre, über das man auch am Theater reden sollte.

Du sagst, du hättest Beschneidungen eigens durchgeführt und betreut. Wie genau laufen Beschneidungen heutzutage ab?

Beschneidung ist ein operativer Eingriff, der häufigste weltweit. Ein Drittel der männlichen Menschheit ist beschnitten. Heutzutage sind Beschneidungen in Kliniken und Arztpraxen Alltagsgeschäft. Mittlerweile achtet man auch sehr auf eine Betäubung – nicht nur eine lokale Betäubung, sondern viele Kinder erhalten eine richtige Vollnarkose für den Eingriff. Meist ist das ein Routineeingriff, der nicht länger als zehn Minuten dauert. Doch mit Ein- und Ausleitung, also dem Verabreichen der Narkose und dem Entfernen der Narkose im Aufwachraum, bedeutet das schon einen halben Tag Krankenhausaufenthalt. Aber rituelle Beschneidung bezieht sich ja nicht nur auf muslimische, sondern auch auf jüdische Kinder. Die jüdische Beschneidung, die Brit Mila, findet am achten Tag nach der Geburt statt, meist in Krankenhäusern oder Synagogen.

Am 16. April feiert dein Stück Der Goldene Schnitt Premiere. Kannst du uns ein wenig über die Story und Figuren des Stücks erzählen?
Es geht um ein Ehepaar mit einem zehnjährigen Sohn, der beschnitten werden soll. Die Eltern sind beide Ärzte, die Mutter in der Ausbildung zur Urologin und der Vater als Anästhesist. Der Vater ist Muslim, selbst beschnitten und hat türkisch-kurdische Wurzeln. Die Mutter ist in Deutschland geboren, hat aber bosnische Wurzeln. In ihrer Heimat Sarajevo war es damals nichts Ungewöhnliches, dass der Vater jüdischer Abstammung und die Mutter Muslima war.

Auf der Probebühne: Tuğsal Moğul spricht mit Schauspieler Murat Seven
Auf der Probebühne: Tuğsal Moğul spricht mit Schauspieler Murat Seven

Wieviel vom Stücktext ist autobiographisch? Auf eurer Probe wirkt es so, als erzählten die Schauspieler tatsächlich von ihren eigenen Erfahrungen.

Wirklich autobiographisch ist da summa summarum fast nichts. Stattdessen gab es vor der Erstellung des Texts eine längere Recherchearbeit. Man kann sich über verschiedene Internetforen zum Thema informieren und kann da auch sehen, wie viele Betroffene es gibt, die eine Beschneidung zum Beispiel nicht gut weggesteckt haben. Eine Beschneidung kann Entzündungen und Infektionen hervorrufen, aber es kann auch zu post-traumatischen Belastungsstörungen führen. Es gibt eine ganze Reihe von Krankheitssymptomen, die da tatsächlich auftreten können. Wobei man natürlich sagen muss, dass es der großen Mehrheit nicht so geht. Die meisten überstehen eine Beschneidung gesund und führen danach ein normales Leben.

Nach der Entscheidung eines Kölner Landgerichts, Beschneidungen seien zu verbieten, kam 2012 eine riesige Debatte auf. Zwischendurch wirkte sie aber auch wieder recht eingeschlafen. Nun hat die Journalismusplattform CORRECTIV Pläne des AfD-Wahlprogramms vorgelegt, in dem ebenfalls ein Beschneidungsverbot gefordert wird. Beschneidung verstoße gegen das Recht auf menschliche Unversehrtheit und die Menschenwürde. Was sagst du dazu?

Es besteht immer die große Gefahr, sich in antisemitisches oder islamophobes Terrain zu begeben, wenn man dieses Thema auf die Agenda setzt. Selbst wenn man das Thema differenziert betrachten will, kann man schnell in solches Fahrwasser gelangen. Ich fand auch die Beschneidungsdebatte 2012 völlig katastrophal.

Warum?

Damals wurde von der Mehrheitsgesellschaft festgestellt, dass Beschneidung das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit verletzt. Natürlich muss so etwas besprochen werden. Aber prinzipiell sollte man nicht so pauschal darüber urteilen dürfen, ohne sich mit den Minderheiten und Religionen auseinanderzusetzen. Sonst wird man dem Thema nicht mehr gerecht. Gerade mit der historischen Vergangenheit Deutschlands wirkt das dann schwierig. Die Entscheidung des Kölner Landgerichts wurde ja bereits innerhalb von sechs Monaten von der Legislative wieder revidiert! Das gab’s in Deutschland vorher noch nie, dass eine neue Gesetzgebung das alte Verbot so schnell wieder aufhob.

Geht die AfD ähnlich pauschal vor? Es ist Deutschland fremd, darum lehnen sie es ab? Sie begründen es auch mit dem ärztlichen Grundsatz primum non nocere. Übersetzt heißt das etwa „Als Erstes: Schade nicht“.

Die AfD will ja auch andere jüdische und muslimische Rituale verbieten, etwa das Schächten. Das passt natürlich zum Islambild jener Partei. Kontroverse Themen wie das Beschneiden oder Schächten sind ein prima Nährboden für islamophobe oder antisemitische Denkmuster. Religiöse Rituale werden zur Barbarei uminterpretiert.

Doch angesichts der von dir erwähnten post-traumatischen Belastungsstörungen und Infektionen sollte Kritik am Beschneiden doch auch dringend geäußert werden dürfen.

Absolut. Es ist ein Thema, das auf jeden Fall thematisiert werden muss – auch in unserem Stück. Doch wir können natürlich keinen Rundumschlag über Religion und Justiz leisten. Wir werden das Thema aus einem Mikrokosmos, einer sehr persönlichen Familiengeschichte, erzählen. Wir können nur Fragen stellen. Es geht mir nicht darum, ein Plädoyer für oder gegen Beschneidung zu halten. Ein tiefreligiöser Mensch wird mehr Verständnis für Beschneidung haben als ein harter Atheist. Beide Seiten müssen zu Wort kommen, dieses Gleichgewicht liegt mir am Herzen. Ich finde, die muslimischen und jüdischen Gemeinden müssten sich auch kritischer mit diesem Thema auseinandersetzen.

Als letztes noch ein Themenwechsel. In einem Münsteraner Stück von dir, Die deutsche Ayşe, hast du die Schicksale türkischer Einwanderinnen in den 1970ern beschrieben. Die Inszenierung erhielt bei unserem NRW-Theatertreffen 2014 auch den Publikumspreis. Was denkst du, ausgehend von diesem Stück, über die jetzige Flüchtlingssituation?

Wir spielen das Stück immer noch, jetzt bereits in der vierten Spielzeit. Es wird auch weiter im Theater Memmingen gespielt, wohin es verkauft wurde. Die Aufführungen sind fast immer ausverkauft. Wir merken auch, dass das Stück seit dem Aufkommen der Flüchtlingsfrage im Sommer 2015 so richtig angezogen hat und mehr Zuschauer sich dafür interessieren. Die Geschichten der drei Frauen im Stück ähneln den jetzigen Lebensläufen sehr. Damals waren unter den Ankommenden sehr viele Menschen mit Träumen. Und heute ist das auch so: Menschen mit Talenten und Träumen, die wir aber nicht sehen, weil sie in der Masse untergehen. Die Flüchtlinge sehen für uns alle gleich aus, selbst wenn Herzchirugen oder Künstler dazugehören.

Bist du denn langfristig gesehen pessimistisch oder optimistisch? Glaubst du, „wir schaffen das“?

Es ist zwiegespalten: auf der einen Seite gibt es unglaublich viel Anteilnahme und Unterstützung. Und auf der anderen Seite merkt man auch enorm viel Abschottung und Fremdenfeindlichkeit. Damals in den 60ern und 70ern haben keine 900 Flüchtlingsheime im Jahr gebrannt. Daran sieht man, um wie viel angespannter die Situation jetzt ist. Ich bin aber doch optimistisch. Ich glaube, wir können das schaffen. Wir dürfen nur keine faulen Kompromisse eingehen. Dieser Deal der deutschen Regierung mit der Türkei zurzeit – der ist so faul. Da kann ich nicht nachvollziehen, wieso Deutschland einen Rettungsanker bei so einem zwielichtigen Machtmenschen wie Erdoğan sucht.

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

Ein Gedanke zu „„DIE DEBATTE ÜBER BESCHNEIDUNG WAR VÖLLIG KATASTROPHAL“

  1. „Ich fand auch die Beschneidungsdebatte 2012 völlig katastrophal.“

    Das war sie auch.
    Es war in der Tat ein unerhörter, demokratieunwürdiger Vorgang, wie da den Abgeordneten, die eigentlich wegen Notkrediten an Spanien aus der Sommerpause ins Parlament zitiert worden waren eine Resolution auf den Tisch geknallt wurde die den Bundestag verbindlich festlegte ohne dass das Thema wirklich angemessen ausgeleuchtet wurde. Ohne dass man mit Menschen die unter den Folgen des Verlustes leiden gesprochen hätte. Ohne dass man sich die geringsten Gedanken über Sinn und Zweck und Funktion von Vorhaut und Frenulum gemacht hätte.
    Danach waren die Würfel gefallen, es gab kein Zurück mehr.
    Im Hau-Ruck-Verfahren durchgepeitscht – „Augen zu und durch!“
    Und so kam es zu jenem einzigartigen Gesetz, dass einen gesunden, funktionalen kindlichen Körperteil geschlechtsspezifisch für vogelfrei erklärt. Der elterlichen Willkür preisgibt.
    Nicht nur muslimische oder jüdische Eltern, alle Eltern dürfen jetzt diesen Körperteil zerstören lassen.
    Man hat alle Jungen ihres Rechtes auf vollständige Genitalien beraubt. Bzw. des Rechtes, selbst darüber zu entscheiden.

    Diesen Körperteil, für den die Evolution Millionen Jahre gebraucht hat ihn zu perfektionieren. Den nicht nur der Mensch, sondern auch die allermeisten Säugetierarten haben – aus gutem Grund. In der Natur gibt es keinen Luxus.

    Ach ja, auch Mädchen haben eine Vorhaut.
    Und nur ein Jahr später hat eben jenes Parlament (lobenswerterweise) beschlossen, dass von den Genitalien von Mädchen nicht auch nur ein Fitzelchen abgeschnitten werden darf. Also auch nicht die Klitoris-Vorhaut.
    Schizophrener und diskriminierender geht nicht.

    Wer A sagt muss auch B sagen. Wer Erwachsene – die sich immerhin zumeist noch wehren können – vor Körperverletzung schützt, der muss auch die schwächsten in der Gesellschaft, die Kinder davor schützen. Wer die Genitalien von Mädchen vor nicht-indizierten reduktiven Eingriffen schützt, der muss auch Jungen schützen. So sollte es sein, in einem Rechtsstaat.
    Die Genitalien von Kindern sollten endlich in Frieden gelassen werden.

    Das Argument „Religionsfreiheit“ kann nicht überzeugen. Religionsfreiheit hat Grenzen. Religionsfreiheit kann keine Körperverletzung rechtfertigen. Das hat man bei den „12 Stämmen“ auch nicht gelten lassen – zu Recht.

    Und ja, auch mit anderen, nicht-indizierten „Elternwunsch-Operationen“ an Kindern muss endlich Schluss sein. Der Körper des Kindes gehört dem Kind, und alle Teile davon. Und sonst niemandem. Von einem gesunden Kind ist nicht abzuschneiden, da ist nichts überflüssig oder unwesentlich.

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