DER ZOMBIE – DAS BIN DOCH ICH!

Julia Schubert und Mario Simon im Interview

Im Theater stehen die Toten, so Heiner Müller, immer mit auf der Bühne. Das Schauspiel Dortmund geht jetzt einen Schritt weiter und überlässt den Untoten die virtuelle Bühne. Passend zu Halloween veröffentlichen wir auf YouTube eine Zombie-Saga. Neben Trailern für die Herbstpremieren, die den zentralen Wesenskern der Inszenierungen auf ungewöhnliche Art und Weise darstellen, wird auch das Leben, das Sterben sowie das Zombie-Dasein dieser allzu menschlichen Figuren in den Clips verhandelt. Wieviel Untotes steckt im Leben? Wie kam es zu dieser neuen Videoästhetik? Wer soll damit angesprochen werden? Fragen, die Dramaturgieassistent Matthias Seier den Machern der Clips, dem Videokünstler und Produzenten Mario Simon sowie der Schauspielerin Julia Schubert, an einem sonnigen Herbstnachmittag stellte.

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Hallo, ihr beiden. Wie kam es zu den neuen Zombie-Videos?

SIMON: Julia und ich haben intern öfters miteinander diskutiert, wie man die zentralen Themen, die das Schauspiel Dortmund aufgreift und verhandelt, dem Publikum besser näherbringen kann. Wie kann man sie an die Inhalte heranführen, ohne sie zu verschrecken? Wir haben uns öfters zusammen gesetzt, gemeinsam gebrainstormt und haben einfach lose Ideen gesammelt. Die Idee zu den Zombies kam dann quasi aus dem Nichts. Wir glauben, dass diese Clips das Potenzial haben, unser Publikum gewissermaßen an die Hand zu nehmen. Nicht, weil unsere Zuschauerschaft aus Zombies besteht (lacht herzlich), sondern weil diese Videos vermitteln: „Guckt mal! So ist das gemeint.“

SCHUBERT: Es war auf jeden Fall ein kollektiver, langwieriger und mitunter auch schmerzhafter Prozess. Sobald die Idee aber dann da war, ging alles ganz schnell.

Julia, war es schwierig, die Zombies darzustellen?

Julia Schubert, Schauspielerin: "In den Zombies steckt viel Julia Schubert drin."
Julia Schubert, Schauspielerin: „In den Zombies steckt viel Julia Schubert drin.“

SCHUBERT: Auf jeden Fall. Sowas wurde uns damals nicht beigebracht, ich musste mir die Schauspielabläufe quasi selbst beibringen. Am Anfang stand die Frage – wer oder was sind diese Zombies, wo kommen sie her, was hat sie geprägt, was fühlen oder denken sie? Wie wurden sie zu dem, was sie sind? Simple Schwarz-Weiß-Malereien sind dort fehl am Platz. Man muss ihre Emotionen, ihre ganze Biographie greifen können. Und wenn ich das spiele, dann muss ich in dem Moment alle Gefühle zusammenballen zu einem Emotionsball und den feuert man dann ab. Man muss alles reinpacken, alle Emotionen, alle Gedanken, und man muss sie zu einem kleinen Tropfen komprimieren. Und diesen Tropfen packen wir in die Videos rein und schenken sie gewissermaßen den Zuschauern, damit sie mit einem Blick sehen können: „Ah ja, darum geht’s. Deswegen will ich dieses Stück sehen.“

Wieviel Julia Schubert steckt im Zombie?

SCHUBERT: Eine ganze Menge. Ich packe auch meine Emotionen da rein, die Dinge, die mich an dem Stoff interessieren. Der Zombie – das bin doch ich!

Man sieht in diesen Videos natürlich ganz viel David Lynch, man sieht Peter Greenaway, man sieht auch Cassavetes oder Romero oder so. Was waren eure Inspirationen dabei?

Mario Simon, Videokünstler: "Die Trailer sollen unsere Zuschauer bei der Hand nehmen."
Mario Simon, Videokünstler: „Die Trailer sollen unsere Zuschauer bei der Hand nehmen.“

SIMON: Julia beschreibt diese Zombies im Prinzip ja auch als emotionalen Sehnsuchtsort. Was mich reizte, war das Konfrontative an der Geschichte. Eben nicht als Identifikation, sondern als Projektion des Negativen. Da ist dieser Zombie für mich ideal. Für mich war die Frage: wie geht man technisch da ran? Zombiefilme sind schon tausende gemacht worden, alle mittlerweile komplett hyperrealistisch. Ich suchte eine Abstraktionsebene. Und ich dachte: Julia ist vom Ensemble die einzige, die so eine Zombiefigur wirklich gut ausfüllen kann – mit ihren Fingern. Ich musste natürlich auch Makro-Objektive wählen, denn die Clips liefern auch eine Makro-Perspektive auf die Gesellschaft. Das wollte ich mit der Kamera und fokalen Länge einfach auch deutlich machen.

SCHUBERT: Es ist auch ein bisschen Nouvelle Vague, finde ich. Es ist ein bisschen Godard drin.

Ja, Wahnsinn zum Beispiel diese beinah schon schmerzhaft lang wirkende Einstellung im „Szenen einer Ehe“-Trailer, wo die Zombies einfach nicht voneinander lassen können. Das ist ja eigentlich schon Die Verachtung von Godard.

SIMON: Wir nahmen, was die Szene einfach brauchte – worum geht’s inhaltlich? Was muss gezeigt werden? Danach richtet sich dann die ganze Technik. Inhalt vor Form!

SCHUBERT: Das Schöne ist auch, dass Mario als Filmemacher einem auch ganz viel Raum lässt. Es gibt zwar einen klaren Rahmen, aus dem man nicht rausfallen darf, weil sonst sieht man nichts mehr. Aber in diesem Rahmen habe ich eine ganz große Freiheit.

Das ist auch ein großes Geschenk, oder?

SCHUBERT: Das ist ein großes Geschenk, ja, auch für mich als Spielerin. Das gibt es heute nicht mehr so oft.

Jeder Film hat eine Zielgruppe und so hat auch jeder Trailer die seine. Was ist die Zielgruppe der Zombie-Trailer?

SIMON: Die Welt. Jeder Mensch, der sich angesprochen fühlt. Vielleicht gibt’s irgendwelche Bergdörfer, wo das vielleicht nicht hin durchdringt, aber in erster Linie ist das für die Menschen. Die Menschheit. Eben auch als Gegenentwurf zur Menschheit das Zombie-Dasein.

Ist das der Start einer Serie? Können wir jetzt vom Schauspielhaus Dortmund in Zukunft weiteren geilen Zombiescheiß erwarten?

SIMON: Ja.

SCHUBERT:  Ja.

Danke für das Gespräch.

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

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