DER SCHREIBTISCH DES DRAMATURGEN #2

Über allem angehäuften Theorie- und Praxisgedöns, das sich auf dem Schreibtisch eines Pseudodramaturgen scharrt, thront Richard Clayderman, dessen Namen ich an dieser Stelle richtig schreiben kann, da das Plattencover mit den “Träumereien am Klavier“ direkt vor meiner Nase steht. Meinen Schreibtisch ziert ein Haufen wie hingeworfen anmutender Liebhaberdevotionalien, also Amateurschätze. Diese Ordnung repräsentiert auch jenen Schreibtisch, der tagtäglich meine eigenen vier Wände aus dem Reich der Geometrie verbannt. Ich brauche das. Gedanken entstehen ja auch nicht aus penibel gestapelten Erinnerungskatalogen… Außerdem hatte schon Heraklit, einige kulturellen Lichtjahre vor unserer sogenannten Jetztzeit, dekretiert: „Die schönste Weltordnung ist wie ein aufs Geratewohl hingeschütteter Kehrichthaufen.“

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Und dieser Kehrichthaufen Ich beschreibt nun folgendes subjektverseuchtes Planquadrat. Verrückterweise blockiert griffbereit vorn mittig ein Erzählband mit den letzten Prosastücken Thomas Manns meinen Schreibtisch. Ich bin kein Mann-Apologet. Ich mag die „Buddenbrooks“. Ich verabscheue „Joseph und seine Brüder“. Doch begehre ich den „Zauberberg“. Egal. Der Manni liegt da, weil mir der Hobbyprälat Wenzel Storch die Eierstocknovelle „Die Betrogene“ empfohlen hat. Die ersten drei Seiten waren ziemlich zäh, und jetzt bleibt er da auch erst mal liegen, als Mahnung quasi für all die unausgelesenen Bücher auf dieser Welt. Dass er nun aber so zentral da liegen muss, liegt ggf. an der Aura meines ehemaligen Deutschlehrers, der diesen Autoren mindestens so innig verehrte, wie ich meinen Deutschlehrer… links daneben (rechts neben der Maus) liegt ein Stapel „Häuptling Abendwind“-Flyer, die vom Kassierer-Konzert im FZW übrig geblieben sind. Dahinter steht ein Karton von Filmretter, in dem der Super-8-Film für „Komm in meinen Wigwam“ plus die digitalisierte DVD lag, deren Inhalt in der Inszenierung nun im Studio des Schauspiels Dortmund zu sehen ist. Darauf hüpfen zwei Schwerenöter unbeholfen auf einem Autowrack, Ende der 1980er Jahre auf einem Hinterhof in Hildesheim, herum. Dazu wird ein Hare Krishna-Mantra musikalisch eingespielt. Eine ästhetisierte Bewusstseinserweiterungsmethode Wenzel Storchs, dessen Output nun auch endlich im artenbedrohten Medium Theater zu sehen ist. Vielleicht hilft’s ja.

Rechtsdaneben liegen drei verschweiste Zahnbürsten des reformistischen Theaterkombinats dm, sowie eine fast aufgebrauchte Zahnpastatube der Marke „Rembrandt“. Gekauft hatte ich diese in einem temperaturmäßig extrem herunter gekühlten Supermarkt in San Francisco. Das neben dem Theateranthropologiepapst Eugenio Barba letzte quicklebendige Gründungsmitglied des Odin Teatret, Else-Marie Laukvik, hatte mir diese Marke empfohlen. Soviel dazu.

Ach ja, nebst dem Film-Retter-Karton liegt der tolle Prosamonolog „So wirst du stinkreich im boomenden Asien“ von Mohsin Hamid; ein von mir hitzigst empfohlenes Kaufobjekt. Seine Bücher fielen mir in einer Buchhandlung in Ubud auf Bali in die Hände. Die Buchhandlungen bestehen dort zumeist aus liegengelassenen, eventuell ausgelesenen Büchern europäischer Touristen, die in Ubud viel lieber Yoga praktizieren, als am Surfstrand zu hocken und zu lesen, geschweige denn durch Reisfelder zu latschen. Mohsin Hamid war also ein absoluter Ausnahmeglücksgriff. Hinter Mohsin liegen eine Packung Chai-Tee und eine Rolle Packetband. Ob diese Kombination einem ontologischen Dualismus unterliegt, vermag ich an dieser Stelle leider nicht hinlänglich zu eruieren. Dazwischen (eines meiner Lieblingswörter: dazwischen) ist ein Spielzeit-T-Shirt des Schauspiels Dortmund gebettet. Ein gewisses inzestuöses Fantum meinerseits kann und will ich augenblicklich nicht negieren… ich weiß, Kleidungsstücke, die man mag, trägt man entweder am Körper oder sie liegen sorgsam gefaltet im Kleiderdings, aber… !§?K$**=t’Q!%&?!

Fehlt die, zugegebenermaßen für dieses Momentum (heimlich) rechts oben drapierte, Innenseite einer der letzten Printausgaben der Zeitschrift De:Bug, welche mir in schwerelosen Zeiten der Identitätsfindung nicht nur in musikalischer Hinsicht Halt spendete. Eine Zeitschrift „für elektronische Lebensaspekte“, die inzwischen ausschließlich aber immerhin noch digitalerweise zu Atmen versteht. Unbedingte Linkempfehlung. Einmal hinüber geschwenkt, entdeckt man die Oberfläche des Pseudodramaturgenbildschirms, dessen Computermausbeschwörerfinger sich tagein, tagaus durch den Äther des halluzinogenen Gegenwartsmartyriums schlagen. Angeklickt ist studygroupcomics.com, ausgelöst durch die atemlose Suche nach immer Mehr der Bildermagierin Renne French. Schwere Suchtempfehlung.

So. Das war’s auch schon fast. Schön, dass das Leben am Ende immer ein heiteres „fast“ mit sich führen tut. Das liegt in der Sache der Dinge oder dings, rechts vorn, neben Richard Clayderman, prangt der schneidige Schriftzug: „I was a Teenage Dominatrix“ von Shawna Kenney. Eine verschüttete Perle aus den Niederungen ubiquitärer Alltagsbeschreibung, welcher die deutschsprachigen Literaturkommissare bislang noch keinen Fahndungsschein ausgestellt haben. Mal sehen, ob ich da als Hobbydetektiv zumindest dem Undergroundkanon Tribut zollen kann. Womit wir wieder bei der eingangs erwähnten Pseudo- und Amateurmetapher angelangt wären. Der polnische Prinz der Absurden Literatur, Konstanty Ildefons Galczynski, nannte seine Anfang der 1950er Jahre in der Krakauer Illustrierten Przekrój erschienenen Theaterminiaturen „Pseudostücke“. Darin verdichtete er die bekanntesten theatralischen Sujets zu in ein paar Zeilen hineingegossenen pseudopolitischen Zeitdiagnosen, die heute noch ihres Gleichen suchen. In diese Tradition möchte ich, obwohl ich Traditionen von Haus aus verachte, diese Glosse des kleinen Pseudodramaturgen eingebettet wissen.

Über Thorsten Bihegue

Thorsten Bihegue studierte Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis an der Universität Hildesheim, sowie Performance Writing am Dartington College of Arts in England. Gemeinsam mit der Dramatikerin Abi Basch gründete er 2005 das Theaterkollektiv kInDeRdEuTsCh PrOjEkTs. Gastauftritte führten sie zu Festivals nach Bangkok, St. Petersburg und Austin. In zahlreichen freien Theaterproduktionen wirkte er als Schauspieler, Autor und Musiker mit. Von 2010 bis 2012 war er Dramaturg am Theater Rudolstadt. Seit 2012 springt er regelmäßig als Dramaturg am Schauspiel Dortmund ein und führt gemeinsam mit Alexander Kerlin Regie beim Dortmunder Sprechchor.

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