BÖSE MENSCHEN KENNEN KEINE LIEDER

Von unserem Regieassistenten Maximilian Steffan

Ein Blick in die nahe Zukunft: 24. Januar 2015. Premierenabend am Schauspielhaus Dortmund. Reisebusse, gefüllt mit bierdurstigen, Springerstiefel tragenden langhaarigen Chaoten, quetschen sich gemächlich über den Ring der Dortmunder Stadtmitte, bis sie mit zischender Hydraulik und dampfenden Motoren vor dem Schauspielhaus zum Stehen kommen. Die automatischen Türen öffnen sich und einem Schwall leerer Bierdosen folgen zweihundert Punks, die grölend das Foyer stürmen und mit erhobenem Mittelfinger das Interieur zerlegen. Müde und verschwitzt lässt sich die Meute zeitgleich mit dem Hochfahren des eisernen Vorhangs in die bequemen roten Theatersitze fallen. Es erklingen die ersten Akkorde von dem Kassierer-Song „Das schlimmste ist wenn das Bier alle ist“.

Punk um 1980

So, oder so ähnlich könnten Visionen von besorgten Theatergängern aussehen, denen der Name

Die Kassierer geläufig ist oder die ihn im Spielzeitbuch entdeckt haben. „Häuptling Abendwind – Eine Punk-Operette“, heißt das von Andreas Beck inszenierte Stück, in dem „das Theater“ und „der Punk“ aufeinander treffen und es sich Letzterer sozusagen wie ein schmieriger Tropfen Öl auf kristallklaren Wasser gemütlich macht. Auf derselben Bühne, auf der schon große Worte wie „Sein oder Nichtsein“ gesprochen wurden, erklingt nun „Blumenkohl am Pillemann“ und andere geistreiche Ergüsse vom selben Kaliber. Unerhört! Da teilt sich die 1985 gegründete Punkband die Bühne mit einem Shakespeare, Goethe, Beckett, Offenbach und natürlich mit Nestroy, der die Textgrundlage zu Häuptling Abendwind liefert.

 

Aber ein Blick in die Geschichtsbücher wird es schon richten. Hier kommt etwas Wundsalbe auf die Schürfwunden des Theatergängers älterer Schule. Der Dramatiker, Schauspieler und Opernsänger Johann Nepomuk Eduard Ambrosius Nestroy erblickte 1801 das Licht der Welt. Diversen Engagements und Inszenierungen folgte 1826 die erste Inhaftierung Nestroys, weil er während einer laufenden Vorstellung vom Textbuch abwich und in einer kunstvollen Improvisation den Wiener Kritiker Franz Wiest beleidigte. Um 1836: seine zweite Verhaftung, wieder wegen einer unerlaubten Improvisation auf der Bühne. Nur ein Jahr später verursachte er einen großen Theaterskandal mit dem Stück „Eine Wohnung ist zu vermieten“, in dem er dem Stammpublikum aus den Vorstadttheatern unverblümt ihre eigene Spießigkeit unter die Nase rieb.

Punk um 1828

Moment mal, eine nonkonformistische, rebellische Haltung? Johann Nestroy: Ein Punk?

Egal durch welches Geschichtsbuch man blättert, man wird zwangsläufig immer wieder auf sie stoßen. Querdenker, deren Erkennungsmerkmale – wenn sie überhaupt jemals existierten – sich in den immer wieder verändert haben. So sind heute z.B. die mit Nieten verzierte Lederjacke und die farbenfrohe Haarpracht der Punks größtenteils aus dem Stadtbild verschwunden. Heute tragen sie Anzüge, die Post aus, entwerfen Kollektionen, stehen auf der Bühne und inszenieren. Die Punks aus den 80ern sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Aber was ist Punk eigentlich? Mit Sicherheit nicht das auf den Kleidungsstil reduzierte, arbeitsscheue Klischee – Es ist eine Haltung zur Welt. Klar, jede Epoche entwirft ihre eigene Form der Punk-Kultur die in sich so kleinteilig sein kann, dass selbst dem aufmerksamen Beobachter Details entgehen. Man kann nicht alles in einen Topf schmeißen, Nestroy, Die Kassierer und das Dortmunder Schauspielhaus allerdings schon.

 

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