2099

(Einige Gedanken zum Ansatz der Inszenierung)

Das erste Theaterstück des Zentrums für Politische Schönheit stellt vier Philosophen vom Ende des 21. Jahrhunderts auf eine Theaterbühne des Jahres 2015. Menschen vom Beginn des Jahrhunderts sehen sich Menschen vom Ende des Jahrhunderts gegenüber. In dieser Gegenüberstellung fliegt der Funke einer historischen Kraft: Menschen, die sich gerade erst aufmachen, ihr politisches Wollen im 21. Jahrhundert zu erforschen, werden auf der Bühne des Schauspiels Dortmund mit dem Urteil konfrontiert, das sich die Nachwelt über sie gebildet hat. Eine Theater-Zeitreise, die allen Beteiligten – sowohl auf, vor, neben und hinter der Bühne – buchstäblich alles abverlangt. Die Philosophen aus dem Jahre 2099 versuchen dabei, die Geschichte des 21. Jahrhundert umzuschreiben und das Schicksal zu korrigieren. Von dieser Überzeugung sind sie alle getragen – Natur würfelt nicht, aber die Geschichte würfelt. Das Publikum muss handeln, bevor es zu spät ist.

"2099" Zentrum für Politische Schönheit und Schauspiel Dortmund

„2099“ setzt sich mit einem Materialfehler der menschlichen Vorstellungskraft auseinander, den Alexander Kluge an einer jungen Mutter im Bombenkeller von Halberstadt im Jahre 1944 festmachte. Kluge stieß auf ein prometheisches Gefälle zwischen Organisations- und Bewusstseinsfrage: „Sie hätte vielleicht Mittel gehabt im Jahr 1928, wenn sie sich da noch, vor einer Entwicklung, die dann auf Papen, Schleicher und Hitler zuläuft, mit andern organisiert hätte. Also die Organisationsfrage liegt 1928 und das dazu gehörige Bewusstsein liegt 1944.“

Die junge Frau hätte im Jahre 1919, spätestens aber 1928 den Kampf gegen Hitler organisieren müssen. Aber die Dringlichkeit der Organisation, die Frage, warum sie 1928 hätte handeln müssen, wird ihr erst 1944 einleuchten. Zu spät, um sich selbst vor den Bombenangriffen der Alliierten zu retten. Die amerikanischen Bombenpiloten fliegen zu weit von ihr entfernt, als dass sie in einem historischen Sinne noch Einfluss nehmen könnte.

"2099" Zentrum für Politische Schönheit und Schauspiel Dortmund

Die antike Philosophie entstand aus dem Theater. Seither ist das Theater entweder zu wenig Philosophie. Oder zu viel. Weil die meisten Menschen sich die Zukunft nicht vorstellen können, kommt alles darauf an, ihnen eine Vorstellung von der Zukunft zu geben. Deshalb ist Theater wichtiger als die meisten anderen Kunstformen. Theater kann Denken möglich machen. Theater kann Philosophie möglich machen. Es gibt keinen besseren sozialen Reflexionsraum als das Theater. Das Theater der Griechen probierte aus und erforschte den unbekannten Kontinent der menschlichen Seele. Es formulierte große Ideen. Die Demokratie entstand genauso im Theater wie die Entscheidung. Epochemachende Ideen über Politik, Menschen und Gesellschaft wurden gnadenlos im Theater entdeckt, artikuliert und durchgespielt. Oder wie der Altphilologe Bruno Snell es in seinem berühmten Buch von der „Entdeckung des Geistes“ ausdrückt: „Wie ein Chemiker im Reagenzglas Stoffe vereint, die so in der Natur nur selten oder nie zusammenkommen, um die Reaktionen klar und deutlich vor Augen zu haben, konstruiert der Dramatiker Handlungen, um die Quintessenz des Handelns rein darzustellen.“

"2099" Zentrum für Politische Schönheit und Schauspiel Dortmund

Geschichte ist die Zentrifugalkraft der Werke des Zentrums für Politische Schönheit. Wie in den meisten Aktionen dreht sich auch in „2099“ alles um „Geschichte“. Unser Zeitalter durcheilt den Ablauf der Geschichte in rasender Geschwindigkeit. Aber es wird ihr nicht entkommen. Die Geschichte wird richten, die Nachkommen werden ihr Urteil sprechen. „2099“ beschäftigt sich mit der Historisierung der Gegenwart und versucht, historisches Denken und Fühlen wieder möglich zu machen. Die Menschen vom Ende des 21. Jahrhunderts bestechen nicht durch futuristische Erfindungen, sie erobern nicht mit Laserschwertern oder fliegenden Autos den Theaterraum – sie tun es durch die Kraft der Worte. Es geht darum, die Gegenwart als Vergangenheit durchzudenken und durch die Rhetorik des Vergangenen die eigene Möglichkeit erst zu erkennen.

Szenenfotos „2099“: Nick Jaussi

Über Michael Eickhoff

Michael Eickhoff, 1972 in Göttingen geboren, studierte Geschichtswissenschaft, Germanistik, Romanistik und Philosophie in Bielefeld und Paris. Während seines Studiums arbeitete er u.a. am Deutschen Literaturarchiv Marbach, am Institut Mémoires de l‘Édition Contemporaine in Paris sowie an der Universität Bielefeld (Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft und Fakultät für Geschichtswissenschaft). Seine Arbeit am Theater begann er am Theater Bielefeld, noch als Regieassistent, später als Produktionsleiter. Der Wechsel in die Dramaturgie führte ihn für kurze Zeit an das Berliner Ensemble, gastweise an das Staatstheater Wiesbaden und von 2003 bis 2009 an das Theater Bonn, wo er mit zahlreichen Regisseuren Inszenierungen, Projekte, Szenische Lesungen etc. realisierte. Seit der Spielzeit 2010/11 ist Michael Eickhoff Chefdramaturg am Schauspiel Dortmund und Lehrbeauftragter an der Folkwang-Hochschule Essen (Studiengang Schauspiel Bochum). Er ist Mitglied der „dramaturgischen Gesellschaft“.

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