„VIELE AUF DER BÜHNE. UND JEDER EINZIGARTIG.“

Ein Gespräch mit Alexander Kerlin

Seit 2011 betreut Alexander Kerlin das 17. Ensemblemitglied des Schauspiel Dortmund – den Sprechchor. Nun gibt es, nach fünf Jahren Chorgeschichte und über 200 Auftritten in verschiedenen Inszenierungen, ein Gespräch über die Geschichte des Dortmunder Sprechchors, über Enttäuschungen und Erfolgsmomente – und über das künstlerische Potenzial von 50 Menschen, die sich bei Karstadt auf den Boden legen. Übrigens, am Samstag feiert das neuste Stück des Sprechchors Premiere: Das Bildnis des Dorian Gray nach Oscar Wilde.

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Woher kommt dein Interesse an Sprechchören am Theater?

2004 wurde einer ein ehemaligen Chorleiter von Einar Schleef an die Bochumer Uni eingeladen, um dort mit den Theaterwissenschaftsstudenten ein Chorstück zu machen. Unter anderem also auch mit mir. Einar Schleef war wohl der wichtigste Chor-Theatermacher im 20. Jahrhundert und der einzige, auf den Heiner Müller laut Eigenaussage jemals wirklich neidisch war. So kam auch ich erstmals mit dem Chor-Theater in Berührung und habe überhaupt verstanden, dass der Chor eine der beiden Theaterfiguren ist.

Was meinst du damit?

Die eine Theaterfigur ist die Einzelfigur, der Protagonist. Und das andere ist das Kollektiv, das die bürgerliche Stadtgesellschaft im antiken Athen repräsentierte, der Chor. Im Zuge der Moderne und der Erfindung der Guckkastenbühne hat der Chor seinen Platz im Theater verloren, auch in der Architektur: Wo früher der Chor unter freiem Himmel tanzte und sang, sitzt heute das Parkettpublikum in roten Plüschsesseln, Dach drüber. Parallel zur Guckkastenbühne setzte sich in Europa ein bürgerlich-kapitalistisches Denken durch, das den Einzelnen entweder als Produzenten oder Konsumenten verstand. Der Gedanke des Wimmelns, des Kollektiven, das Massenhaften wurde im kapitalistischen Europa verdrängt, kam dann als grauenhafte Fratze im Nationalsozialismus aus den Gullideckeln wieder hoch. Das Schöne am Chor ist, dass das Kollektive und Einzelne sich in ihm vereinigt: Man hat beim Chor die Vielen auf der Bühne, doch jeder bleibt einzigartig. Dadurch, dass die Leute so im Licht stehen und man jedes Gesicht einzeln anschauen kann, tritt ihre Individualität erst zutage, genau im Kontrast zum nächsten.

"Das phantastische Leben der Margot Maria Rakete", 2013. (Regie: Thorsten Bihegue, Christoph Jöde, Alexander Kerlin)
„Das phantastische Leben der Margot Maria Rakete“, 2013. (Regie: Thorsten Bihegue, Christoph Jöde, Alexander Kerlin)

Soviel zur Theorie. Wie entstand denn der Dortmunder Sprechchor ganz genau?

Ich war stets mit Chören verbunden, entweder theoretisch oder praktisch. Ich hatte bei vielen Inszenierungen, die ich gemacht habe, Chöre auf der Bühne. Und dann kam von Kay Voges 2010 die Idee, sowas nun auch hier am Schauspiel zu probieren. Das war zunächst nur im Rahmen der „Kulturhauptstadt Ruhr.2010“ für eine Veranstaltung am Dortmunder U. Beim ersten Zeitungsaufruf meldeten sich direkt sage und schreibe 70 Menschen, davon sind heute noch vielleicht vier, fünf Leute dabei. Es hat sich also eine Menge ausgetauscht. Inzwischen stand der Chor 200 Mal auf der Bühne, in wechselnden Konstellationen und in verschiedenen Stücken, mal sind es nur 10, mal 40, mal 90 Leute.

Probe für den "Chor der Kreativen", 2010.
Probe für den „Chor der Kreativen“, 2010 (mit Schauspieler Christoph Jöde)

Wann kam der Gedanke auf, eine Inszenierung mit klarem Plot wie Dorian Gray zu machen? Also keine Collage oder Stückentwicklung, sondern ein tatsächlich schon bestehendes Werk mit festen Figuren?

Ich glaube, das kam nach „Kaspar Hauser“. Wir steckten so ein bisschen mit dem Chor in einer Sackgasse. Im Studio hatten wir drei schöne Stücke gemacht, aber wir merkten, dass es einen nächsten Evolutionsschritt geben muss. Wir brauchten einen größeren Raum und eine Konzentration auf die Körper und Gesichter des Sprechchors. Also kamen wir auf die Idee, diese phantastischen Sprechchor-Gesichter mit all ihren Spuren und ihrem Glanz einfach mal riesengroß auf die Wand des Megastores zu projizieren, während der Chor davor steht und spricht. Und da landeten wir dann rasch bei Dorian Gray.

Die Wahl auf Dorian Gray war also gar nicht mal so sehr eine inhaltliche, sondern eher ästhetische Frage?

Beides. Unser ältestes Mitglied im Sprechchor ist 91 Jahre alt. Wir haben viele Mitglieder jenseits der 50 und jenseits der 60, aber auch mit Mitte 30 fragt man sich ja solche Fragen. Das Altern ist also ein Thema für uns. Das Thema „Eitelkeit“ aber auch – denn ohne ein kleines bisschen Eitelkeit würden niemand das Bühnenlicht suchen. Die Themen Schönheit, Altern und Eitelkeit verbinden sich wunderbar mit diesem Material von Oscar Wilde.

"Das Bildnis des Dorian Gray", 2016. (Regie: Thorsten Bihegue, Alexander Kerlin)
„Das Bildnis des Dorian Gray“, 2016. (Regie: Thorsten Bihegue, Alexander Kerlin)

Hast du 2010 gedacht, dass du 2016 immer noch mit dem Chor arbeiten wirst?

Nein, sicher nicht. Es blieb aber dabei, weil sowohl Publikum wie auch Chormitglieder es liebten. Der Chor wurde sehr schnell unverzichtbar für das Theater, das Ensemble. Er hat eine unheimlich große Reichweite in die Stadt, trägt unsere Themen weiter, öffnet unser Theater für neue Leute. Aber der Hauptgrund ist künstlerischer Natur: Viele Regisseure interessierten sich für den Chor und fragen ihn für ihre Inszenierungen an. Der Schauspieler Uwe Schmieder hat sich sehr reingeworfen in die Arbeit mit dem Sprechchor und viel Verantwortung übernommen, hat Hamletmaschine großartig mit ihnen inszeniert. Er kümmert sich auch um Einzelne aus dem Chor, wenn es ihnen nicht gut geht. Er bindet sie in seine eigenen Arbeiten ein, z.B. in die Heiner Müller Factory.
Wir haben nie angekündigt, den Chor so lange leben zu lassen, aber es ging irgendwie einfach immer weiter. Das Tolle für mich ist, dass das ganze fast ohne bürokratischen Aufwand funktioniert: Kein behäbiger Apparat steht dahinter, sondern ein einziger Emailverteiler und 100 Menschen, die zuverlässig, leidenschaftlich und gleichberechtigt arbeiten, über Wochen, Monate, Jahre. Meines Wissens nach ist dieses Konstrukt einzigartig in Deutschland.

Gab es in diesen sechs Jahren denn auch Momente der Skepsis oder der Niederlage mit dem Chor?

Ja, natürlich. Republik der Wölfe nach Märchen der Gebrüder Grimm (2014) war so ein Fall, in dem es mir nicht gelungen ist, den Chor so ins Stück zu integrieren, wie wir es uns anfangs vorgestellt hatten. In der heißen Endprobenphase flogen die Szenen eine nach der anderen raus oder wurden reduziert und einige Chormitglieder waren wütend oder enttäuscht. Das lief unglücklich, obwohl es künstlerisch richtig war. Letztendlich haben sie es mit Fassung getragen. Sie haben die sieben Zwerge und die tanzenden Prinzessinnen super gespielt und am Ende fuhren sie auch mit nach Berlin, standen bei unserem Gastspiel mit auf der Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz. Das hat sicher etwas wieder gut gemacht.

"Republik der Wölfe", 2013. (Regie: Claudia Bauer)
„Republik der Wölfe“, 2013. (Regie: Claudia Bauer)

Deine und Thorsten Bihegues Arbeit mit dem Chor besteht darin, achtzig Leute in mühsamer Textarbeit und Choreograophie durch zu orchestrieren. Warum tut man sich das an?

Es ist ein solches Gewusel auf den Proben und eine solche Chaos-Gefahr, dass man sehr geduldig sein muss und gefühlt sehr langsam vorankommt. Aber irgendwie kann man’s nicht lassen, nach einem Projekt zu sagen: „Ich will noch einen Schritt weitergehen und was Neues mit ihnen ausprobieren.“ Man merkt nämlich immer wieder, dass noch mehr Potenzial in ihnen steckt, als man schon weiß. Die Mitglieder entwickeln sich rasant schnell. Sie sind in fünf Jahren Chorarbeit teilweise so unglaublich gut geworden mit toller Präsenz und Sprache. Ich habe mich bei irgendeiner Abschlussveranstaltung mal mitten in den Chor auf die Bühne gestellt, um mit ihnen einen Text zu sprechen. Aufgrund ihrer Professionalität und Souveränität auf der Bühne fühlte ich mich dabei fast schon eingeschüchtert.

Sprechchor-Produktionen haben ja bisher nie nur einen Regisseur, sondern mindestens zwei oder drei. Neben dir sind das noch Thorsten Bihegue oder Christoph Jöde gewesen. Warum?

Das ist eher Zufall und weniger Konzept. Aber man merkt in den Endproben dann immer wieder, wie sinnvoll das ist. Thorsten und ich ergänzen uns gut. Thorsten kann Sachen, die ich nicht kann oder ungern mache. Umgekehrt mache ich dann Dinge, vor denen er sich eher scheut. Christoph Jöde, mit dem ich das begonnen habe, ist inzwischen als professioneller Chorleiter in ganz Deutschland unterwegs, Düsseldorf oder Stuttgart. Er richtet dort die Chöre ein für den Regisseur Volker Lösch.

"Lessings Gespenster", 2012. (Regie: kainkollektiv)
„Lessings Gespenster“, 2012. (Regie: kainkollektiv)

Ihr habt ja noch einen Kindersprechchor gegründet, also eine weitere Eskalationsstufe.

Ja, das war so ein persönliches Ding von mir bei „Kaspar Hauser“,  weil ich selbst zwei Töchter bekommen hatte und man sich dann natürlich andere Fragen stellt als zuvor. Das ging mit Enthusiasmus los, aber nach der ersten Probe mit den 14 Kids dachte ich, das wird niemals was. Aber wir waren hartnäckig und die Kinder fleißig. Sie sind mittlerweile richtig gut geworden. Bei den Kindern sind es erstmal natürlich pädagogische Aufgaben, die man bewältigen muss: Wie kriege ich die ruhig und konzentriert, wie fokussieren sie sich auf eine Aufgabe? Wie schaffe ich es, dass sie sich auf der Bühne nicht privat verhalten? Dass sie einen Text nicht leiern? Das musste ich erstmal kapieren, das Motto war „Let’s cook first – recipe will follow“. Ich schmeiße mich oft in so Situationen, von denen ich eigentlich garnicht weiß, wozu. Das ist Handeln im Futur 2: Wir werden wissen, wozu es gut gewesen sein wird. Ist anstrengend, aber meist lohnt es sich.

Eine der besten Sprechchor-Szenen war für mich am Ende von Margot Maria Rakete, wenn das jüngste und älteste Sprechchor-Mitglied gemeinsam in diese Rakete steigen. Solche Gruppenunterschiede sind euch ja schon sehr wichtig. Größtenteils ist der Chor aber weiblich, im mittleren bis fortgeschrittenen Alter und weiß.

Ich finde den Chor wunderbar, wie er ist. Das drückt ja auch etwas aus, über bis dahin ungelebte Bedürfnisse zum Beispiel, die sich dann mit 50 Bahn brechen. Vielleicht müssen sich Männer heute auch immer noch ein bisschen mehr überwinden, etwas zu tun, was mit Preisgabe von sich selbst zu tun hat, oder loslassen. Natürlich könnte der Chor noch diverser sein, mehrsprachiger, und es fehlt auch ein Alterssegment, die zwischen 20 und 40-Jährigen. Aber was soll’s! Ich bin mit dem Chor und seiner Zusammensetzung zufrieden. Ich mag auch die besonderen Charaktere darin, die liebenswerten Störfaktoren.

"Das Maschinengewehr Gottes", 2015. (Regie: Wenzel Storch)
„Das Maschinengewehr Gottes“, 2015. (Regie: Wenzel Storch)

Kann man dem Sprechchor noch beitreten? Sucht ihr noch Mitglieder?

Ja. Der Sprechchor ist und bleibt ein offenes Projekt, es wird niemand abgelehnt, kein Casting. Wer Interesse hat, kann eine Mail an dortmunder_sprechchor@theaterdo.de schreiben und dann wird man in den Verteiler aufgenommen. Bei DORIAN GRAY kann man natürlich nicht mehr mitmachen, aber bei allen Projekten in Zukunft.

Was ist denn für die Zukunft geplant?

Festgezurrte Ideen gibt es noch nicht. Mal schauen. Was mich schon länger interessiert, wäre eigentlich ein Stück zwischen Flashmob und Theater, im öffentlichen Raum. Wir haben im letzten Jahr mal ein paar Sachen ausprobiert: Man kann mit 100 Leuten in der Innenstadt mit Leichtigkeit untertauchen und dann plötzlich wie aus dem Nichts wieder auftauchen. 80 Leute haben beispielsweise einer Bettlerin unabhängig voneinander 50-Cent-Stücke gegeben. Sie hat innerhalb von zehn Minuten 40€ erhalten, aber für sie war überhaupt nicht ersichtlich, weshalb und wie das sein kann. Sie fing nach einer Zeit an, sich nur noch zu bekreuzigen. Oder wir haben uns auf dem Hansaplatz in einer riesigen Menschenkette aneinandergekrallt, aber von außen war überhaupt nicht zu sehen, warum und woher das entsteht.

Spontaner Flashmob auf dem Friedensplatz, 2014
Spontaner Flashmob auf dem Friedensplatz, 2014

Bei fast allen Flashmobs stecken heutzutage ja Marketing- oder Aufmerksamkeits-Gründe dahinter. Man erwartet danach immer, dass jemand ins Mikrofon sagt, dass damit ein neuer Laden beworben oder eine neue Kampagne vorgestellt werden sollte.

Diese Erwartungshaltung gab es auch uns gegenüber. Bei der Aktion auf dem Hansaplatz meinte ein Passant: „Ah, das ist eine Solidaritätsaktion für die Karstadt-Mitarbeiter“, die sich zu dem Zeitpunkt gerade im Arbeitskampf befanden.

Indem ihr es aber gar nicht erklärt, woher diese Menschenmassen plötzlich kommen und warum sie das tun, wird es schön geheimnisvoll.

Wir sind während einer Probe mal in die Karstadt Sport-Filiale gegangen und haben uns allesamt im Erdgeschoss auf den Boden gelegt, zum Test. Wenn Securitys nachgefragt haben, wieso man das macht, antworteten alle: „Ich wollte mal die Perspektive wechseln.“ Das ist schon eine geile Irritation und zeigt das Potential dieser Menschen: Unbescholtene, scheinbar harmlose Bürger zwischen 40 und 70 Jahren liegen alle da plötzlich auf dem Boden, und die Securities sind in ihren Feindbildern erschüttert. Da sieht man auch, wie mutig die Sprechchor-Mitglieder sind. Vor vier Jahren sind wir gemeinsam in die frisch eröffnete Thier-Galerie gegangen und haben unangemeldet ein paar Aktionen gemacht und einen Text gesprochen. Christoph Jöde als Chorleiter wurde abgeführt von Securities, ebenso Journalisten, die uns begleitet haben. Den Chor hat das nicht abbringen lassen, er sprach einfach ohne Dirigent weiter.

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

Ein Gedanke zu „„VIELE AUF DER BÜHNE. UND JEDER EINZIGARTIG.“

  1. Ein schönes Interview, dass mir die zurückliegenden fünf Jahre im Sprechchor wieder wunderbar in Erinnerung gebracht hat. Der Dortmunder Sprechchor ist eine echte Bereicherung meines Lebens!
    Andreas, ein Chormitglied der ersten Stunde

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