„STRATEGIEN, DIE WELT ZU RETTEN“ – EIN GESPRÄCH MIT CLAUDIA BAUER

Claudia Bauer

Regisseurin Claudia Bauer im Interview mit Dramaturg Dirk Baumann


„Die Simulanten“ ist das erste Stück des jungen Schweizer Dramatikers Philippe Heule. Wie bist Du darauf aufmerksam geworden?

Ich bin eigentlich ganz klassisch darauf aufmerksam geworden. Ich habe in der Broschüre des Henschel Verlags die Beschreibung gelesen, in der stand, dass Menschen an einem Ort ohne Wiederkehr den Weltklimagipfel simulieren. Das fand ich eine so bemerkenswerte Beschreibung, dass ich das Stück dann gleich gelesen habe.

Was ist für Dich das Interessante an diesem Stück?

Mich interessiert an dem Stück, dass es eine merkwürdige Art von Fegefeuer-, Zwischenwelt- oder Vorhöllensituation beschreibt, in der sich fünf Global Player plötzlich wiederfinden und verschiedene Strategien probieren, die Welt zu retten. Zu sehen, wie Menschen ohne Handyempfang, ohne Internet, ohne Nahrung, eigentlich nur ausgestattet mit 20 Stangen Marlboro und einer Sprinkleranlage, aus der sie trinken, wie sie in und trotz dieser ausweglosen Situation immer noch versuchen die Welt zu retten. Letztlich ist das vielleicht sogar ein Bild für den gesamten Planeten.

Björn Gabriel Ekkehard Freye Sebastian Kuschmann Bettina Lieder Julia Schubert
Björn Gabriel, Ekkehard Freye, Sebastian Kuschmann, Bettina Lieder, Julia Schubert

Erzählt das Stück für Dich etwas über eine Generation oder ist es eher ein Sinnbild einer Gesellschaft, in der wir leben?

Ich glaube, dass es ein Sinnbild der Gesellschaft ist. Die Figuren sind für mich Menschen, die unter Umständen die Macht hätten, in dieser Welt etwas zu verändern. Der Klimagipfel im Stück kommt ja auch nicht von ungefähr. Das Stück erzählt etwas über Menschen, die – wenn auch nur im Ansatz – an den Hebeln der Macht sitzen. Und die es aus verschiedensten taktischen, diplomatischen Gründen aber natürlich wieder nicht schaffen, die Welt zu verändern. Wie wir ja eigentlich alle. Wir wissen genau, was in und mit der Welt passiert, aber wir machen trotzdem nichts. Es braucht Solidarität unter den Mächtigen dieser Welt, um etwas verändern zu können, aber die gibt es nicht. Dafür müssten schließlich alle an einem Strang ziehen – und das fällt schon diesen Fünf im abgeschlossenen Raum wahnsinnig schwer, obwohl es nur fünf Leute sind. Sie sind einfach zu individuell. Sie wissen zwar alle, dass es so nicht weitergehen kann, dass man gemeinsam stärker ist, aber ihre individuellen Ansprüche an die Welt, ihr Glücksanspruch, ist so hoch, dass eine Gemeinsamkeit fast nicht mehr möglich ist. Ich sage fast, weil ich im Grunde meines Herzens doch noch ein bisschen Optimismus in mir trage.

„Das Stück erzählt etwas über Menschen, die an den Hebeln der Macht sitzen.“

Das Stück scheint sich auf den ersten Blick klaren Situationen zu verweigern, man gerät von der einen in die nächste. Wie gelingt es Dir dabei den Überblick zu behalten?

Das Stück ist tatsächlich eine lange Verwirrung, wenn man es das erste Mal liest. Ich versuche mir bei solchen Stücken immer fünfaktige Eselsbrücken zu bauen, nur zur Orientierung, auch wenn man das später dann vielleicht gar nicht mehr merkt. Damit man während der Proben weiß, wo man gerade ist. Bei den „Simulanten“ habe ich dafür die fünf Sterbephasen von Elisabeth Kübler-Ross genommen. Der Autor Philippe Heule hat mir in einem Kantinengespräch am Theater Basel erzählt, dass es für ihn um Menschen geht, die wahrscheinlich schon gestorben sind, das aber noch nicht realisiert haben und sich deshalb in einer Art Zwischenwelt befinden. Und ich finde, sie begreifen sukzessive immer mehr, dass sie eigentlich schon tot sind. Daher fand ich diese fünf Sterbephasen sehr passend und interessant. Die erste Phase ist Ignoranz/Ablehnung/Verweigerung, die zweite Wut/Zorn, die dritte Verhandlung, die vierte Depression und die fünfte Phase schließlich Akzeptanz. Das fand ich für diese fünf Global Player sehr passend, die merken, dass sie nichts mehr bewirken können.

Björn Gabriel Bettina Lieder Julia Schubert
Björn Gabriel, Bettina Lieder, Julia Schubert

„Die Simulanten“ sind Deine vierte Inszenierung am Schauspiel Dortmund, nach „Welt am Draht“, „Republik der Wölfe“ und „Szenen einer Ehe“. War das Dortmunder Ensemble und das Dortmunder Schauspiel Deine Wunschoption für diesen Text?

Ja. Das Stück lässt vom Text her relativ viel offen. Die Figuren beispielsweise tragen nur Nummern und keine Namen, man muss sie beim Proben erst erfinden. Deshalb war es mir sehr wichtig, „Die Simulanten“ mit einem Ensemble zu erarbeiten, von dem ich weiß, dass es auf so etwas Lust hat: Aus Texten Schicksale zu schnitzen. Ich wusste, dass das Dortmunder Ensemble die Fähigkeit und die Lust dazu hat und dass ich mich auf die Schauspieler verlassen kann. Die Offenheit des Stückes bedeutet eben einen hohen Verantwortungsgrad für Regie und Schauspiel: Man muss die Situationen, die Figuren, die Schicksale, die Tragik in die Texte hineinerfinden, weil sie aus sich heraus „nur“ eine Welt, eine Gesellschaft und ein Thema anbieten. Die Minimalpsychologie, die Spielweise, die Strukturierungen haben wir dazuerfunden. Aber genau deswegen habe ich das Stück ja ausgesucht, das macht es zwar komplizierter, aber das mag ich (lacht).

„Fünf Global Player, die merken, dass sie nichts mehr bewirken können.“

Zum ersten Mal führst Du Regie bei einer Koproduktion zwischen Schauspiel Dortmund und den renommierten Ruhrfestspielen Recklinghausen. Wie ist das für Dich, die Premiere bei den Ruhrfestspielen zu zeigen?

Ich freue mich immer darüber, wenn Theater verreist und nicht nur dort funktioniert, wo es „zu Hause“ ist. Das ist ja eigentlich der alte romantische Urgedanke des Theaters, dass man in einer „Reisekiste“ oder auf einem Planwagen spielt. Dementsprechend haben wir auch die Bühne entworfen: Der Ort ohne Wiederkehr ist eine Kiste, in der die Figuren agieren. Damit kann man gut verreisen, das finde ich toll. Ich mag die Unabhängigkeit, die dadurch gegeben ist. Für mich ist solch eine Koproduktion immer auch eine Legitimation, eine reisegerechte Inszenierung zu machen. Vielleicht fahren wir mit dem Stück ja um die ganze Welt? Das wäre natürlich ein Traum.

Bettina Lieder Björn Gabriel Ekkehard Freye
Bettina Lieder, Björn Gabriel, Ekkehard Freye

„Ich mag Texte, die etwas einfordern und nicht alles liefern.“

Du inszenierst oft Uraufführungen – u.a. hast Du die Uraufführung von Wolfram Hölls „Und dann“ am Schauspiel Leipzig inszeniert, das zu den bedeutendsten deutschsprachigen Stückefestivals eingeladen war, zum Heidelberger Stückemarkt und zu den Mülheimer Stücken. Würdest Du Dich als Expertin für Uraufführungen bezeichnen?

Ja, für bestimmte Uraufführungen. Das Well-Made-Play interessiert mich dabei weniger, weil es mich nicht braucht. Mich interessieren solche Uraufführungstexte, die meine Phantasie herausfordern. Bei Wolfram Höll ist es das Lyrische – der Text ist ja eigentlich ein 60 Seiten langes Gedicht – da musste ich auch Figuren, Situationen und Struktur erfinden. „Die Simulanten“ ist vielleicht 50 Seiten „moderne, globale Verzweiflung“, aber auch hier musste ich etwas dazuerfinden. Und genau das ist es, was mich daran interessiert: dass ein Text mich anregt, etwas zu erfinden und ich nicht der Erfüllungsgehilfe des Textes bin. Ich mag Texte, die etwas einfordern und nicht alles liefern. „Die Simulanten“ braucht mich als Regisseurin. Es ist inspirierend, gerade wegen der Leerstellen, die es hat. Einige Sachen, auf die wir gekommen sind, haben mich dann selbst überrascht.

Probenfotos: Edi Szekely

Über Dirk Baumann

Dirk Baumann ist seit der Spielzeit 2013/14 Dramaturg am Schauspiel Dortmund. Während des Studiums assistierte und hospitierte er u.a. am Burgtheater Wien, dem Theater an der Parkaue Berlin und am Staatstheater Kassel. Im Anschluss an sein Studium arbeitete er als Assistent und Dramaturg am Maxim Gorki Theater Berlin und der Komischen Oper Berlin, u.a. mit Armin Petras und Sebastian Baumgarten. Daneben entstanden in Zusammenarbeit mit der Regisseurin Anja Gronau und der Theatergruppe PortFolio Inc. mehrere Inszenierungen und Stückentwicklungen am Berliner Theater unterm Dach, zuletzt "Untertan. Wir sind dein Volk". Es folgte ein Engagement als Regieassistent und Dramaturg am Deutschen Nationaltheater Weimar, hier entstand auch seine erste eigene Inszenierung "Kein Ort. Nirgends" nach Christa Wolf. In Dortmund arbeitet er u.a. regelmäßig mit den Regisseuren Claudia Bauer, Sascha Hawemann und Kay Voges zusammen. Außerdem initiierte er mit der Theaterpädagogin Sarah Jasinszczak die Reihe "Herbstakademie" für Jugendliche von 14 bis 21 Jahren.

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