PAOLO MAGELLI IM GESPRÄCH

„Schade, dass es uns so geht, aber schön ist es trotzdem.“

Paolo Magelli inszeniert Joël Pommerats Die Wiedervereinigung der beiden Koreas. Warum er das Stück so liebt, verrät er hier.

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„Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ – ein metaphorischer, ja vielleicht sogar etwas kryptischer Titel. Was hat es damit auf sich?

Die Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea ist ein Spiel mit der Unmöglichkeit einer Verbindung. Aber natürlich ist der Titel allegorisch zu verstehen: Dieses Stück ist wie drei Scheiben Brot. Eine ist das Leben, in der Mitte ist die Liebe und die andere Scheibe ist die unentrinnbare Wahrheit unserer Existenz, der Tod. Diese drei Scheiben gehören zusammen und sie interagieren die ganze Zeit als Thema miteinander. Vielleicht ist es ein bisschen einfach, das so zu erklären. Aber ich finde es ein sehr interessantes Stück, das zugleich einfach und kompliziert ist. Kompliziert, weil es viele Referenzen aufweist und viele Echos aus der Theatergeschichte anklingen. Denn Pommerat ist ein sehr erfahrener Regisseur und Autor, der viel Hintergrundwissen hat.

Paolo Magelli

Das Stück verfolgt keine lineare Handlung. Ist es für dich eine Szenen-Collage um ein bestimmtes Thema?

Es ist alles andere als eine Collage. Collage hieße, dass es bewusst zusammengestellt ist. Ich vergleiche es eher mit einem Fenster-Mosaik: Wenn man in einer schönen Kirche ist und die Sonne scheint durch ein Fenster herein, dann werden verschiedene Farben sichtbar, in denen man langsam ein Bild erkennt. Ich glaube, dass Pommerat mehr in diese Richtung geschrieben hat, ohne vorab einen genauen Plan zu haben, wie er die Szenen zusammenfügt. Es gibt eine grundlegende Idee des Stücks, das Selbstgespräch am Anfang. Darin wird die Frage gestellt: „Wer bin ich und warum bin ich so unglücklich?“ Nach dieser Eröffnung hat Pommerat den Mut gehabt, keine Antworten zu finden, sondern weiter Fragen zu stellen. Die Szenen sind eigentlich eine Reihe von Fragen. Pommerat sucht permanent Fragen in sich mit dem Bewusstsein, dass er keine Antworten auf diese Fragen geben kann. Und das ist eine große Qualität.

Sind das Fragen an das Leben, die Liebe oder den Tod oder bedingt sich alles gegenseitig?

Es bedingt sich alles gegenseitig. Ich würde das Stück nicht nur auf das Leben, die Liebe oder den Tod reduzieren. Das wäre ein großer Fehler. Es gibt ein innerliches Gleichgewicht. Beispielsweise in der Hochzeits-Szene: Da sieht man vor allem das Leben und die Liebe, aber dieser Mann, der im Zentrum steht, der ist so allein, dass durch ihn das Ende des Daseins erkennbar wird. Während der Arbeit an dem Stück muss man darauf achten, dass man alle drei Seiten berücksichtigt.

Uwe Schmieder, Frank Genser, Friederike Tiefenbacher

Leben, Liebe, Tod sind ja universelle Fragen, die das Theater immer wieder stellt. Vielleicht hat auch das Anteil am internationalen Erfolg. Wir haben hier in Dortmund ja auch eine internationale Konstellation: Französisches Stück trifft auf italienischen Regisseur an einem deutschen Theater. Glaubst du, dass sich ein Stück wie „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ besonders dafür eignet, einen internationalen Erfolg zu haben?

Absolut. Ich würde das Stück auch gerne noch einmal inszenieren, in einem anderen Land und Kulturkreis. Ich bin einfach neugierig zu sehen, wie die kulturelle Rezeption dann aussieht, was für Resonanzräume das Stück woanders hat. In vielen Kunstwerken geht es um die drei Themen Leben, Liebe und Tod. Nicht nur im Theater, auch in der Literatur, in der Malerei, in der Kunst überhaupt – ohne Bewusstsein dieser drei universellen Themen gibt es keine innerliche Bewegung. Das Stück spricht ganz offen über diese drei Komplexe, wie ein Kind – im Gegensatz zu anderen Kunstwerken, in denen man sie erst entdecken muss. Ich glaube, dass es kein großes Kunstwerk ohne diese drei Wahrheiten gibt.

Der Tod spielt in deiner Inszenierung eine wichtige Rolle – inwiefern?

Bei den angesprochenen drei Themen hat der Tod als Ende einer Reise natürlich ein besonderes Gewicht und eine besondere Präsenz. Liebe und Leben sind immer in Bewegung, der Tod ist immer ein Punkt. Aber der Tod ist nicht unser Ziel, sondern der Weg ist das Ziel. Der Tod ist das Ende, das für alle gleich ist.

Manche Szenen erinnern an andere Autoren und Stücke. Pommerat selbst hat in einem Interview gesagt, dass das für ihn Autoren wie Bergman, Tschechow und Schnitzler sind. Wer ist es für dich?

Bergman und Tschechow sicher, aber ich finde nicht maßgeblich. Die Hochzeits-Szene beispielsweise erinnert mich mehr an Gogol oder auch den jungen Brecht einer „Kleinbürgerhochzeit“ oder eines „Baal“. Jede Szene hat ihre eigenen Referenzen und Geschmack. Ich sehe weniger Schnitzler, aber insgesamt schon mehr Anklänge an die deutsche Literatur als Pommerat selbst. Natürlich haben mich diese Referenzen interessiert. Beispielsweise Horváth oder Wedekind oder Fassbinder. Wenn man das Stück macht, dann muss man das spüren, aber nicht direkt ausdrücken wollen als direkte Referenz oder Zitat. Das Stück ist eine Reise in unsere Kultur und ihren Hintergrund. Auch deswegen hat es so großen Erfolg. Pommerat spricht mit großem Bewusstsein zum einen die Zuschauer an, die bereits Einiges gesehen und gelesen haben. Sie können die Referenzen in der Theatergeschichte erkennen. Aber natürlich lässt sich das Stück auch ohne dieses Hintergrundwissen genießen. Pommerat hat schließlich etwas Neues und Eigenes geschaffen. Die Echos sind da – aber wie äußert sich ein Echo?

Marlena Keil, Ekkehard Freye, Caroline Hanke, Merle Wasmuth, Sebastian Kuschmann, Julia Schubert (v.l.n.r.)

Die Süddeutsche Zeitung hat über das Stück geschrieben, es habe „Kultpotenzial“. Wie stehst du dazu?

Für mich ist es einfach ein gutes, klares Stück. Was mich daran so beeindruckt, ist seine geistige „Unschuldigkeit“, mit der es verschiedenste Genres verbindet. Wenn Pommerat bewusst entschieden hätte, ein bisschen Komödie und ein bisschen Tragödie zusammenzustellen wie nach einem Rezept, dann wäre es nicht so interessant. Denn das Stück ist kein Rezept. Hier hat jemand die Entscheidung getroffen, etwas zu erzählen. Aber die Erzählweise ist total unschuldig und neugierig, das ist das größte Potential.

Transportiert das Stück für Dich eine zentrale Botschaft?

Ich glaube, Botschaften bekommt man per Post und nicht im Theater. Pommerat sagt eigentlich: Schade, dass es uns so geht, aber trotzdem ist es schön. Das Leben ist wie ein Tal von Tränen, aber in diesem Tal weine ich sehr gerne. Von diesem schwarzen Humor hat das Stück sehr viel. 


Fotos: Birgit Hupfeld

Über Dirk Baumann

Dirk Baumann ist seit der Spielzeit 2013/14 Dramaturg am Schauspiel Dortmund. Während des Studiums assistierte und hospitierte er u.a. am Burgtheater Wien, dem Theater an der Parkaue Berlin und am Staatstheater Kassel. Im Anschluss an sein Studium arbeitete er als Assistent und Dramaturg am Maxim Gorki Theater Berlin und der Komischen Oper Berlin, u.a. mit Armin Petras und Sebastian Baumgarten. Daneben entstanden in Zusammenarbeit mit der Regisseurin Anja Gronau und der Theatergruppe PortFolio Inc. mehrere Inszenierungen und Stückentwicklungen am Berliner Theater unterm Dach, zuletzt "Untertan. Wir sind dein Volk". Es folgte ein Engagement als Regieassistent und Dramaturg am Deutschen Nationaltheater Weimar, hier entstand auch seine erste eigene Inszenierung "Kein Ort. Nirgends" nach Christa Wolf. In Dortmund arbeitet er u.a. regelmäßig mit den Regisseuren Claudia Bauer, Sascha Hawemann und Kay Voges zusammen. Außerdem initiierte er mit der Theaterpädagogin Sarah Jasinszczak die Reihe "Herbstakademie" für Jugendliche von 14 bis 21 Jahren.

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