„Momente der Unsterblichkeit“

Momente der Unsterblichkeit

Ab dem 19. April ist unser Ensemble-Mitglied Marlena Keil als Magd Zerline im Studio zu erleben! Die legendäre Erzählung von Hermann Broch als packender Theater-Soloabend.
Die Magd Zerline hält Rückschau auf ihr Leben, das sie im Dienst einer Baronin verbracht hat: eine Lebensbeichte voller Sehnsucht nach einer erfüllten Liebe, die sie glaubte, im Liebhaber ihrer Herrschaft zu finden. Sehnsucht, Begehren und Schmerz mischen sich mit Neid, Stolz und Heimtücke an diesem sommerlichen Nachmittag, der zuletzt im Anzetteln eines Mordprozesses gipfelt.

Ein Gespräch mit Marlena Keil und dem Regisseur des Abends, Matthias Rippert.

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Hermann Brochs Text der „Magd Zerline“ besitzt einen ganz eigenen Stil. Wie habt ihr euch diesen Text erarbeitet, wie seid ihr auf ihn gekommen?

Marlena Keil: Auf der Suche nach guten Theaterrollen für meinen Diplomabend am Max-Reinhardt-Seminar habe ich vor mehreren Jahren eine Theaterpädagogin des Jugendtheaters Cactus in Münster gefragt, da ich auch während meines Schauspielstudiums immer mit ihnen in Kontakt war, falls ich auf Textsuche war. Und sie antwortete: „Ja, da gibt es da diesen einen großartigen Text von Broch für eine ältere Frau, die Magd Zerline, den wollte ich schon immer mal machen!“ Ich war ganz und gar nicht auf der Suche nach älteren Frauenrollen, aber ich habe den Text einfach mal gelesen. Und ich fand ihn direkt bezaubernd schön! Der Text hat eine sehr literarische, fabulierte Sprache, besitzt aber gleichzeitig auch sehr sinnliche Bilder. Und doch: Viele Satzstellungen des Texts wirken erstmal sehr unorganisch und verquer.

Matthias Rippert: Es ist eine Herausforderung, diesen verquer-literarischen Text so zu sprechen, als wäre es normale gesprochene Sprache. Ich glaube, es ist ein großer Anreiz für Marlena, diesen Text so zu sprechen, dass man als Zuschauer oder Zuhörer gar nicht mitbekommt, dass es eigentlich schriftliche Sprache ist.

Marlena Keil: Ja, das stimmt tatsächlich.

Marlena Keil

Was hat dich an der Figur der Zerline direkt so beim ersten Lesen „verzaubert“?

Marlena Keil: Die Situation, in der sich die Figur befindet, ist enorm reizvoll. Sie lebt als Magd und Dienerin in einer ständischen Gesellschaft beim Adel. Sie lebt also bei einem großen, reichen Leben mit, allerdings bloß als Zaungast – sie gehört nicht dazu! Eine Gesellschaft, in der man als Mensch so klar in seine Schranken gewiesen wird, birgt interessantes Material als Figur, aber auch als Schauspielerin, die die Figur spielt. Diese Figuren wissen ganz klar: „Es gibt ständische Grenzen und die werde ich wahrscheinlich niemals durchbrechen können!“

Wobei Zerline natürlich durchaus auch intrigant in dieser Adelswelt vorgeht.

Marlena Keil: Genau! Das ist das Schöne: Zerline nutzt alle Register, um aus ihrem Dienerinnen-Dasein das Beste herauszuziehen und daraus herauszuschlüpfen. Sie sucht jeden noch so kleinen Freiraum, um eigenständig und selbstbestimmt-stark leben zu können. Und natürlich besitzt Zerline Proletarierstolz: Sie ist eine Arbeiterin! Sie ist keine zartbesaitete Blume, die irgendwo stickend in der Gegend herumsitzt. Da schlummert auch eine gewisse Verachtung für das Bürgertum mit, allerdings ist dieses Klassenbewusstsein auch immer zwiespältig. Ihr Dienstherr, der Baron, ist für sie der absolut edelste Mensch.

Matthias Rippert: Ich glaube, Zerline denkt von der Bourgeoisie, dass sie in einer völligen Scheinwelt leben. Und das, was sie erlebt, ist das echte Leben! Sie beansprucht für sich das eigentliche Leben, während Adel und Bürgertum bloß das uneigentliche Leben führen.

Marlena Keil: Diese Lebenssituation war also interessant. Und obwohl der Text zwar schon aus der Sicht einer alten Frau geschrieben wurde, erzählt Zerline enorm viel vom Leben als junge Frau – quasi als Rückschau. Ich muss für diesen Text also keine alte Frau sein oder spielen, sondern auch als junge Schauspielerin angehen.

Marlena Keil

In Brochs Text taucht immer wieder das Wort „Seelenlärm“ auf. Was meinen Broch bzw. Zerline mit diesem schönen Wort?

Matthias Rippert: Für Zerline sind die Leute im Adel genauso sehr in ihre Schranken verwiesen wie der Arbeiterstand – sie sind in ihren Ehen oder in den Konventionen des gesellschaftlichen Umgangs gefangen. Vermutlich ist deren Leben da sogar noch viel, viel eingeschränkter als im Proletariat. Und die Flucht aus diesem starren Korsett wird dann, wie es in dieser Geschichte auch vorkommt, durch Brief-Korrespondenzen, Briefliebe versucht. Sie versuchen, in Worten irgendetwas herbeizureden, was sie im realen Alltag nicht leben dürfen – es ist auch überhaupt nicht in der Wirklichkeit angekoppelt, sondern findet bloß in diesen Briefen statt. Sie machen also quasi einen großen seelischen Lärm, ohne ihn in die tatsächliche Tat umzusetzen.

Marlena Keil: Genau. Es wird nie fleischlich. Lust wird völlig verneint, als „Liebesverlangen“ umformuliert. Alles wird romantisiert, und mit einer großen Sehnsucht verschleiert, ohne sich mal einzugestehen, dass man einfach bloß mal gern mit wem schlafen würde. Und das Schöne an Zerline ist: sie ist sich durchaus bewusst, dass man sich manchmal halt jemanden krallen und mit ihm kurz hinter den Vorhängen mal verschwinden muss, knick-knack, und dann ist auch wieder gut!

Matthias Rippert: Zerline unterstellt ihren Dienstherren und –frauen, dass sie nur in ihre Liebesbriefe schreiben, von dem sie glauben, dass es so zu sein hat. Als würden sie quasi das Schreiben von konventionellen Liebesbriefen nachahmen. Es ist für Zerline bloß Lärm, nicht echte Emotion.

In Brochs Erzählung – eigentlich auch eigenständiger Teil eines längeren Romans – gibt es diese Figur Andreas, dem Zerline eigentlich alles erzählt. Hier ist es das Publikum, dem gegenüber Zerline aus dem Nähkästchen plaudert. Wie ist es, diesen Text in einer so klaren Nähe mit dem Publikum zu spielen?

Marlena Keil: Ich habe den Text bisher an drei verschiedenen Orten gespielt: mal an Orten mit einer großen Raumtiefe, mal in Räumen mit einer sehr unmittelbaren Nähe zum Publikum. Die Distanzen zum Publikum konnte ich also bisher mal in allen Facetten testen; hier im Studio wird es vermutlich die beste Mischung von allen sein. Ich kann nah an die Zuschauerreihen herangehen, und ich kann mich auch in die Tiefe des Raums zurückziehen. Generell bekomme ich viel vom Publikum mit, und das möchte ich auch. Ich möchte auch dann und wann das Publikum anspielen, einzelne Zuschauer anschauen und ansprechen. Es kann sich niemand verstecken, so wie ich mich auch nicht verstecken kann.

Marlena Keil

 Hannah Arendt sprach von der Erzählung als „einer der größten Liebesgeschichten aller Zeiten.“ Was macht sie dazu?

Marlena Keil: Allein die Dauer, die in dieser Geschichte abgebildet wird, macht die Geschichte zu etwas Besonderem. Da steht eine alte Frau, die von sich als Jugendliche berichtet und jetzt im alten Leben immer noch behauptet, ich hab den Baron mein Leben lang geliebt.

Matthias Rippert: Und was an dieser Geschichte so wahnsinnig schön ist, ist dieser Moment daran, der einen unsterblich werden lässt. Zerline erlebt etwas, was unvergesslich ist und was einem über die Jahre und Jahrzehnte begleiten wird.

Marlena Keil: Auch die Beschreibungen körperlicher Liebe sind in diesem Text wunderschön. Broch findet da Worte für Sex, dass es um eine Vereinigung zweier Körper, zweier Menschen geht, und was das eigentlich bedeutet – fernab von Fortpflanzung oder blindem Rummachen. Sondern, dass man wirklich nicht mehr alleine ist. Dass die Nähe eine so starke Verbindung schafft.

Matthias Rippert: Und es geht auch weniger um die Beziehung, die sie mit ihrer Affäre hat, sondern um diese Momente der Liebe. Es ist keine Ehe-Geschichte, es ist eine momenthafte Beschreibung der Liebe. Es geht um die Liebe selbst, und das ist wahnsinnig klug gemacht. Zerline erinnert sich da an einzelne Momente, die anscheinend so viel wichtiger waren und sind als der ganze lange Rest ihres Lebens. Alles schrumpft auf diesen einen Punkt in der Zeit zusammen.

Marlena Keil: So, dass Zerline von diesem Punkt sagen kann: „Das hat mich getragen.“

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

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