INTERVIEW: Wie werden Parallelwelten möglich?

DIE PARALLELWELT

Am 15. September wird zwischen dem Schauspiel Dortmund und dem Berliner Ensemble eine Uraufführung stattfinden, die es so noch nicht gegeben hat. Auf zwei Bühnen, die 420 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt liegen, findet zeitgleich ein einziges Stück statt: Zwei identische Bühnenwelten, jeder Schauspieler und jede Schauspielerin hat einen “Zwilling” im anderen Theater.
Verbunden sind die Bühnen via Glasfaser, Bildschirm und Lautsprecher – und so können die Ensembles miteinander spielen und sprechen. Die Textgrundlage für Die Parallelwelt ist wie schon so häufig in den letzten Jahren (z.B. in Die Borderline Prozession) eine Textcollage, die Kay Voges im Autorenkollektiv mit der Schauspielerin Eva Verena Müller und dem Dramaturgen Alexander Kerlin geschrieben hat.

Doch wie gelingt dieses große Vorhaben überhaupt technisch? Von welchen Datenmengen reden wir? Und bekommt man von der großen Distanz nach Berlin als Zuschauer etwas mit?

Das fragen wir Dominik Bay, als Experte für die lichtschnelle Versendung von Daten und als Netzwerk-Ingenieur weltweit tätig. Erste Zusammenarbeit mit dem Schauspiel Dortmund im Rahmen von „Crashtest Nordstadt“ – seitdem immer wieder auf, neben oder unter der Bühne am Start, wenn in der analogen Welt Raum und Zeit überwunden werden müssen.


Ganz grob formuliert: wie funktioniert die Simultan-Theateraufführung technisch überhaupt, wie geht sowas? Letztlich ist es nichts anderes als eine Liveschalte im TV, jedoch mit einem besonders kritischen Punkt der Interaktionsfähigkeit. Für eine flüssige Interaktion darf die Zeitverzögerung nicht zu hoch sein. Üblicherweise fällt man sich ab 100 Millisekunden (ms) ins Wort, die Reaktionszeit eines Menschen liegt im Schnitt bei 250ms, visuelle Reize können jedoch schon innerhalb von 13ms wahrgenommen werden. Da wir auf der Bühne sowohl visuelle als auch akustische Latenz haben, muss beides perfekt passen. Schauspieler orientieren sich nicht nur an Gehörtem, sondern auch an Bewegungen oder Mimik. Nachrichtensprecher müssen das nicht.

Wird es eine für das Publikum bemerkbare Rückkopplung oder Zeitverzögerung geben? Es kann im Fehlerfall eine Zeitverzögerung geben, die man als Zuschauer vermutlich nicht bemerken wird. Schauspieler, die das Stück perfekt in- und auswendig kennen, werden aber vermutlich merken, wenn etwas später kommt als sonst üblich. Der Übertragungsweg hat eine Länge von ca. 597km und damit eine Latenz je Richtung von 2.99ms. Da wir noch diverse Effekte kompensieren muessen, kommen noch ca. 0.41ms hinzu. Damit sind wir bei 3.4ms – das betrifft jedoch nur das Lichtsignal. Die angeschlossenen Netzwerkgeräte werden weitere 1.5ms hinzufügen, damit sind wir bei 4.9ms je Richtung. Um das Bild auf die Leinwand oder den Bildschirm zu bringen, benötigen wir im Schnitt weitere 9ms – damit haben wir 13.9ms je Richtung – und noch ca. 11ms Puffer bis zu unserer selbst gesetzten Obergrenze von 25ms.

Derzeit bastelst und verkabelst du viel am Berliner Ensemble und am Schauspiel Dortmund miteinander und steigst sogar auf deren Häuserdacher. Was genau machst du? Der Dortmunder Teil war eigentlich ziemlich einfach. Zum Glück sind wir wieder im Schauspielhaus in der Innenstadt, und nicht mehr im abgelegenen Megastore. Daher haben wir Zugriff auf Glasfaserinfrastruktur, die das Schauspielhaus mit den Geräten im Rechenzentrum im Osten von Dortmund verbindet. Und dann sind wir schon fast an der „Rennstrecke“ nach Berlin, einmal an der B236 hoch und es geht auf eine Glasfaserleitung, die etwa parallel zur A2 verläuft. Dort endet das Kabel in einem engmaschigeren Stadt-Netzwerk mit mehr Wegen. Zum Glück war die Wahl des Providers einfach, da es im Berliner Ensemble schon einen Glasfaseranschluss gibt. Bei diesem Provider versuchen wir gerade einen Weg zu finden, der möglichst wenige weitere Verbindungsarbeiten innerhalb der Stadt erfordert, das ist nicht immer ganz einfach. Eine Alternative war daher, eine Richtfunkverbindung aufzubauen. Leider war das Thema ziemlich schnell erledigt, da die hohen Gebäude am Potsdamer Platz zwischen dem Rechenzentrum und dem Berliner Ensemble stehen. Ohne Sichtverbindung können wir da leider nichts machen. Die andere Möglichkeit: das Signal am Schöneberger Gasometer umlenken. Das ist jedoch weit weg und denkmalgeschützt.

Wie funktioniert der Datentransfer über Glasfaser-Leitungen von Berlin nach Dortmund und zurück? Bei jedem der verschiedenen Netzbetreiber mieten wir eine Wellenlänge auf den Glasfaserleitungen an. Das ist eine Farbe, die dann nur von uns verwendet wird. Auf dieser Wellenlänge außerhalb des Sichtbereichs des menschlichen Auges können wir dann unseren Daten in Lichtpulse mit dieser Farbe umwandeln, und die wird dann von den Providern durchgelassen. Damit wir nur unsere Farbe benutzen können und auch die anderen Nutzer nicht stören, sind an unserem Leitungsanfang und Ende entsprechende Filter installiert. Wie ein Brillenglas, welches nur für eine bestimmte Farbe durchlässig ist. Danach geht es mit vielen anderen Signalen auf ein Prisma, und dann auf die Glasfaserleitung.


Die Parallelwelt

Premiere: 15. September 2018 (ausverkauft).

Weitere Termine: 20./26. September, 28./31. Oktober, 16 November,…

Probenfotos: Birgit Hupfeld.

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

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