„EINTAUCHEN IN ANDERE ERFAHRUNGSWELTEN“ – 5 JAHRE SPRECHCHOR

Udo Höderath ist seit fünf Jahren Mitglied des Dortmunder Sprechchors. Im Interview erzählt er uns von seinen Highlights , vom Lampenfieber vor der Vorstellung und wie es ist, als Sprechchor das 17. Ensemble-Mitglied eines Theaters zu sein.

Udo Höderath vor einer Probe von "Das Bildnis des Dorian Gray"

Udo Höderath vor einer Probe von „Das Bildnis des Dorian Gray“

Wie bist du zum Sprechchor gekommen?

Das war 2011, einfach durch das Lesen vom Spielzeitbuch. Dort stand, dass Choreuten für die Bildung eines Sprechchors gesucht werden. Da fühlte ich mich sehr angesprochen. 2012 hörte ich auf, aktiv zu arbeiten und bin in Altersteilzeit gegangen. Und ab 2011 war dieser Sprechchor dann für mich eine tolle Perspektive, etwas anderes zu machen als das, was ich schon mein ganzes Leben vorher gemacht habe. Nämlich das Arbeiten nach einem festgefügten Plan. Jeder hat ja so seine Landkarte, wie er leben und arbeiten muss, und diese Karte wollte ich mit dem Ende meiner aktiven Arbeitszeit beiseitelegen. Von daher kam sowas wie der Sprechchor wie gerufen.

Was war dann deine erste Produktion?

Lessings Gespenster zusammen mit dem kainkollektiv, danach Das fantastische Leben der Margot Maria Rakete. Ich fand von Anfang an, dass es eine hohe Hypothek vom Schauspiel war, den Sprechchor als festes Ensemblemitglied zu behandeln – ohne dass eine Person wirklich gecastet wurde. Das war eine Botschaft, das man ernst genommen wurde – und das fand ich toll. Die beiden Chorleiter Alex und Christoph haben damals enorm viel an schauspielerischen und chorischen Ideen dazugegeben.

Luise Heyer, Christoph Jöde und der Dortmunder Sprechchor
Der Meister und Margarita, 2012. (Regie: Kay Voges)

Wie waren die ersten Proben?

Von Anfang an mochte ich, dass man beim Chor auf seine Choreuten angewiesen ist. Allein ist man auf der Bühne ja nichts. Diese Gruppenerfahrung war besonders. Die ersten Proben waren dann eine sowohl körperlich wie geistig ganz neue Erfahrung. Ich bin da in eine neue Welt eingetaucht, von daher ich zuvor überhaupt keinen Plan hatte.  Durch dieses Eintauchen in diese andere Erfahrungswelt wird unser Tun ja auch zur Kunst – ob wir das nun so sehen oder andere so sehen.

Wie stark war das Lampenfieber vor den ersten Auftritten?

Sehr stark. Das ist heute aber auch noch so. Das merken wir jetzt in der Endprobenzeit von „Dorian Gray“, nach der ersten Hauptprobe kommt es dann immer langsam von hinten angeschlichen und klopft einem auf die Schulter. Aber diese Art innerer Anspannung braucht es auch, um bei der Sache zu bleiben und sich ihr hochkonzentriert zu widmen.

Du hast auch bei der Hamletmaschine mitgespielt, oder?

Ja, es ist immer toll, wenn man auch mal mit anderen Regisseuren zusammenarbeitet und man so anders an Texte und Inhalte rangeht. Die Hamletmaschine ist ja ein sehr politischer Inhalt, der mir sehr gelegen hat. Es war auch toll, mit Uwe Schmieder als Regisseur daran zu arbeiten, einen wirklichen Vertreter Heiner Müllers, und diesen Text wirklich kennenzulernen. Ich hätte mir noch mehr gewünscht, dass wir als Chor noch szenischer agiert hätten. Wir haben ja schon viel aus dem Textbuch abgelesen. Die tollste Erfahrung am Sprechchor ist nämlich auch, dass ich dank des Chors keine Probleme mehr damit habe, etwas auswendig zu lernen.

Der Sprechchor liest Heiner Müller im Museum Ostwall, 2014
Der Sprechchor liest Heiner Müller im Museum Ostwall, 2014

Gab es in diesen fünf Jahren für dich denn auch mal ein Highlight oder eine Enttäuschung?

Als Highlight, neben der Hamletmaschine: Ich finde es grandios, wie der Sprechchor von den Schauspielern und Schauspielerinnen hier am Haus aufgenommen wird – bis hin zu Kay [Voges, Intendant], der uns mit offenen Armen hier am Haus empfängt und es klug versteht, durch eine Mischung von Nähe und Distanz einen guten Umgang mit uns zu pflegen.

Bei der Jelinek-Inszenierung, Das schweigende Mädchen, gab es die etwas frustrierende Erfahrung, dass der Chor eingangs viel mehr geprobt hatte und auch viel mehr Anteil am Stück hatte als wir letztlich dann hatten. Andere Choreuten hatten dabei eine ähnliche Frustrationserfahrung und wir überlegten zwischenzeitlich, ob wir nicht vielleicht ganz aussteigen sollten. Dann hätten wir aber einiges quittiert. Wir fühlten uns am Ende nämlich doch auch mitverantwortlich für die Produktion und ihr Gelingen. Man ist halt tatsächlich ein Ensemblemitglied als Sprechchor – es ist nicht bloß eine Floskel.

Leonce und Lena, 2011 (Regie: Paolo Magelli)
Leonce und Lena, 2011 (Regie: Paolo Magelli)

Was ist dein Part beim „Dorian Gray“? Erstmals gibt es ja eine richtige Figurenwahl.

Ich fand die Auswahl, die Thorsten Bihegue für uns getroffen hat, absolut richtig. Ich bin Lord Henry und diese Rolle tut mir gut. Ich hatte sehr wenige Schwierigkeiten, mich da reinzufinden. Ich finde, „Dorian Gray“ ist ein großer Gewinn für den Chor. Wir haben erstmals verschiedene Rollen, es gibt einen Plot und wir haben uns dazu durchgerungen, bestimmte Dinge auch szenisch darzustellen. Wir sind mit einem hohen Ernst und einer Entschlossenheit dabei, die es vorher vermutlich noch nicht so gab. Auf der großen Bühne im Megastore geht das natürlich auch besonders gut, da es dort unglaublich viele Bewegungsmöglichkeiten gibt. Verbunden mit der Musik und der Ausleuchtung der Bühne ist das wirklich ein Gesamtkunstwerk, was sicherlich nicht nur uns Spaß bringt, sondern auch den Zuschauern.

Dir gefällt das Stück also sehr?

Ja, es macht wirklich Spaß und wir arbeiten sehr daran, dass die Premiere ein Knaller wird. Auch die Probenarbeit war von Anfang an sehr gut, da Thorsten eine große Verbindlichkeit in die Proben gesetzt hat, die einer Gruppe von Menschen gut tut, die aus einem täglichen Arbeitsleben kommen und ihr Leben verbindlich strukturieren müssen. Das hat dieser relativ kurzen Probenphase sehr gut getan.

Wer dem Sprechchor beitreten will:

Mail an dortmunder_sprechchor@theaterdo.de und schon wird man in den Verteiler aufgenommen!

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

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