„EINE ERSCHRECKENDE UNBEDARFTHEIT“

„Eine erschreckende Unbedarftheit“

Furcht und Hoffnung in Deutschland: Ich bin das Volk

Die Regisseurin Wiebke Rüter über Rechtspopulismus in Deutschland und ihre Collage von zwei Stücken des Volkstheater-Autors Franz Xaver Kroetz, die im Dezember im Megastore Premiere feiert: „Ich bin das Volk“ von 1993 und „Furcht und Hoffnung in Deutschland“ von 1983.


Wiebke Rüter studierte am Institut für Theaterwissenschaften an der Universität Leipzig. Seit 2014 ist sie Regieassistentin am Schauspiel Dortmund; in dieser Zeit richtete sie u.a. den ersten dramatischen Text von Wolfram Lotz „(In Ewigkeit Ameisen) szenisch ein. Mit dem gesamten Ensemble und dem Videokünstler Mario Simon realisierte sie 2015 den vielbeachteten virtuellen Adventskalender A Christmas Candy.

Das BKA hat im November davor gewarnt, dass es in Deutschland zu rechtsterroristischen Morden kommen kann. Ist Ihre Inszenierung vor diesem Hintergrund besonders aktuell?

Schon. Es wird ein Abend über Deutschland, also gehört auch der Terror von rechts dazu. Was mir aber noch wichtiger ist: Das Einschleichen von rechten Tendenzen in die bürgerliche Öffentlichkeit und der Populismus, der gesellschaftsfähig geworden ist. Heute darf jeder alles rausquatschen, was ihm so durch den Kopf rauscht.

Das ist doch auch typisch für die Figuren von Kroetz?

Ja. Sie sind oft am Palavern und mischen die Gedanken ohne Bewusstsein durcheinander. Egal, ob es sich um politische oder private Themen wie Liebe, Einsamkeit und Tod handelt. Sie reden schneller als sie denken. Dadurch entsteht  eine Unbedarftheit, die je nach Thema sehr liebenswert, unterhaltsam, aber auch erschreckend sein kann.

Es gibt dieses Ehepaar in ihrer Küche: Willi und Martha, gespielt von Ekkehard Freye und Marlena Keil.

Willi ist arbeitslos geworden. Seine Frau ist berufstätig. Er ist den ganzen Tag allein und weiß nichts mit sich anzufangen, er ist rausgefallen aus Halt gebenden Strukturen. Er fühlt sich nicht mehr als Ernährer, wird eins mit seiner Küche und zunehmend wunderlich. Das belastet die Beziehung. Er hat Eifersuchtsanfälle und spielt mit neuen Identitäten, z.B. der des Opfers, worauf Martha zunächst mit stoischer Ruhe reagiert.

Und dann tritt die Dokumentarfilmerin in ihr Leben?

Diese Figur ist unsere Erfindung. Wir haben ja aus zwei Kroetz-Stücken eins gemacht, uns aus dreihundert Seiten die siebzig für uns besten herausgefiltert. Bei Kroetz gibt es viele Dutzende Figuren und fast fünfzig voneinander unabhängige Szenen. In Dortmund spielen wir eine Auswahl der Szenen mit drei Schauspielern und versuchen, durch bestimmte Figuren einen roten Faden durch die losen Szenen zu ziehen. Julia Schubert spielt also diese Filmerin, die eine Dokumentation über Arbeitslosigkeit machen soll, aber unzufrieden mit dem Auftrag ist. Sie wird zunehmend in die merkwürdige Welt von Willi und Martha hineingesogen.

Wird Willi denn ein Rechtsextremer?

Nein, einen Kausalzusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Rechtsextremismus möchte ich nicht erzählen. Mich interessiert, was mit Menschen im Allgemeinen geschieht, die sich nicht mehr wertgeschätzt fühlen. Das ist eine Komödie und Tragödie zugleich. Willi wünscht sich, von einer Aufgabe aufgefangen zu werden, selbst wenn es Krieg wäre. Nur, um sich männlich und gebraucht zu fühlen.

Hat Sie die Aktualität von „Ich bin das Volk“ überrascht?

Stellenweise sehr. Die Argumente gegen das Asylrecht sind heute extrem ähnlich wie damals, 1993. Oder die Angst in der Politik vor linkem Terror, während man für den rechten Terror blind ist. Trotzdem habe ich 2016 ein anderes Bild als Kroetz. Dass Rechte nur dumme, zündelnde Glatzköpfe wären – also, wenn das unser einziges Problem wäre, dann hätten wir nicht wirklich eins.

Kroetz erzählt viel davon, wie aus Arbeitslosigkeit und Bildungsferne Extremismus entsteht.

Aber heute, 2016, ist es eben nicht mehr so einfach. Ich möchte die Kroetz-Stücke also weitertreiben und davon erzählen, wie heute jeder sanktionsfrei seinen eigenen kleinen Populismus-Account (im Netz) betreiben kann. Dadurch ist ja ein anderes, härteres Sprechen entstanden, das wiederum von den Politikern aufgegriffen wird. Sie imitieren die Sprache der Radikalisierung und verkaufen das dann als Wille des Volkes. Rassismus und Angstmache werden normalisiert. Damit werden wir noch lange zu tun haben.


Termine: 17. Dezember 2016, 19.30 Uhr (Premiere, bereits ausverkauft), 23. Dezember 2016, 29. Januar 2017, im Megastore (Dortmund-Hörde)

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

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