„EIN ECHTER GEGENENTWURF ZUM ALLTAG“ – FÜNF JAHRE SPRECHCHOR

Bärbel Schreckenberg ist Sprechchor-Mitglied der allerersten Stunde. Im Interview spricht sie über ihre Erfahrungen auf der Bühne in mehr als fünf Jahren im Dortmunder Sprechchor – sowie über das neue Sprechchor-Stück, Das Bildnis des Dorian Gray.

"Die Hamletmaschine", 2014 (Regie: Uwe Schmieder)
„Die Hamletmaschine“, 2014 (Regie: Uwe Schmieder), Bärbel Schreckenberg zentral mit geballter Faust.

Du warst dabei, als alles mit dem Sprechchor anfing. Was hat dich daran gereizt, mitzumachen?

Ja, ich bin Mitglied der allerersten Stunde. Ich las vor sechs Jahren in der Zeitung, dass das Schauspiel Mitglieder für einen Sprechchor sucht. In meinem Bekanntenkreis gingen zu der Zeit vor allem die Frauen dazu über, sich Gesangschören anzuschließen. Ich hatte immer schon eine Allergie gegen Gesangschöre. Ich habe nichts gegen Arbeit im Chor, aber Singen ist das Problem für mich. Ich hab’s auch nicht mit der Oper. Da ich aber gern spreche, und auch einigermaßen akzentuiert, probierte ich daher diesen Sprechchor einmal aus. Ich wusste nicht, was mich erwartet. Aber eins wusste ich: Die singen da nicht. Das war schon mal ein Plus.

Nun, 2016 und nach über hundert Vorstellungen mit dem Sprechchor, bist du immer noch dabei. Warum?

Da gibt es viele Gründe. Der wichtigste:  Im Sprechchor tut man etwas, wo weder man selbst noch all die anderen eine Vorerfahrung mitbringen. Man fängt bei Null an, man probiert sich aus und es ist mitunter ein Sprung ins kalte Wasser.  Ich hetzte mitunter von der Arbeit zur Probe und tauchte dann bei der Probe in eine andere Welt ein, da ist man plötzlich mit Antigone unterwegs, mit Lessings Gespenstern – oder nun mit Dorian Gray. Und ich gehe fast immer völlig zufrieden wieder raus, der Stress vom Tag ist weg. Es ist ein echter Gegenentwurf zum Alltag. Es geht mir beim Sprechchor garnicht so sehr um die inhaltiche Dimension der Texte. Bei Lessings Gespenster wusste ich mitunter gar nicht, von wem die Texte sind, die wir da sprechen. Der Inhalt ist nicht so mein Zugang zum Geschehen, sondern eher das Lernen und Erleben des chorischen Sprechens. Und natürlich das Zusammensein mit netten Leuten und gemeinsam mit ihnen zu arbeiten – das ist ein totaler Gewinn.

"Antigone", 2012. (Regie: Charlotte Zilm)
„Antigone“, 2012. (Regie: Charlotte Zilm), mit Chorleiter Christoph Jöde.

Der Chor arbeitet in immer neuen Konstellationen – wird Euch auch deshalb nie langweilig?

Das ist immer wieder interessant. Ich wusste bei Dorian Gray beispielsweise auch nicht, dass ich als Lord Henry eingeteilt werde und mit wem ich dann zusammenkomme. Da sind nun auch Chormitglieder bei, mit denen ich vorher nicht viel zu tun hatte, und nun sieht man sich häufiger. Das ist doch toll. Es sind wirklich viele faszinierende, nette Menschen in diesem Chor.

Bei welchen Stücken hast du denn alles mitgespielt?

Ich war bei Lessings Gespenster, Das phantastische Leben der Margot Maria Rakete, Die Hamletmaschine, Kaspar Hauser und Das Schweigende Mädchen dabei. Von der Hamletmaschine schwärmen wir noch alle, das hätten wir gerne länger weitergespielt. Das war ja im Prinzip eine Stückentwicklung. Es gab den Text, aber das ist ja kein richtiger Theatertext. Ich war auch mal ein Urlaubsersatz für ein anderes Mitglied bei Republik der Wölfe. Da war ich dann auch mit in Berlin bei der Volksbühne und habe gesehen, dass neben dieser großen, wichtigen, berühmten Bühne auch solch eine Unordnung herrscht wie bei jedem anderen Theater – mit Applausordnung-Zetteln an Heizungsrohren und so. Das hat mich amüsiert.

"Kaspar Hauser und Die Sprachlosen aus Devil County"
„Kaspar Hauser und Die Sprachlosen aus Devil County“ , 2015 (Regie: Alexander Kerlin und Thorsten Bihegue)

Gerade Endprobenphasen können sehr stressig sein. Wie erlebt man da, als eine von 70 Beteiligten?

Gerade in Endprobenphase platzt einem dann und wann der Kragen, gerade bei Stückentwicklungen. Dass es da ein bisschen rumpelt, ist ganz normal. Manchmal liegen die Nerven bei so Probenprozessen halt blank. Wir haben uns da mittlerweile dran gewöhnt, um es salopp zu formulieren. In den ersten zwei Jahren waren alle immer erst sehr erschrocken, wenn jemand laut wurde. Und mittlerweile kennt man das. Da bleibt man jetzt ruhig sitzen und weiß, dass sich die Stimmung auch wieder beruhigen wird. Das würde ich auch als positives Zeichen bezüglich unserer „Professionalisierung“ werten.

Was gab es an Höhepunkten in deiner langen Sprechchor-Karriere? Und was für Enttäuschungen?

Ohne die anderen Produktionen herabsetzen zu wollen: Mein Sprechchor-Debüt Lessings Gespenster. Wir liefen da mit Tüllröcken, weißen Strümpfen und Hosenträgern rum. Wir hatten Text, aber waren auch auf eine Art Bühnen-Deko. Das Schönste war daran, dass man Merle Wasmuth beim Spielen zusehen konnte. Ich weiß, dass ich mich bei ihren Solo-Abschnitten immer im Stück verloren habe, weil es so eine Freude war, ihr zuzuhören und beim Spiel zuzuschauen. Mein Über-Ich sagte mir stets: „Denk dran, gleich musst du aufstehen und Text sagen.“ Aber ihr Spiel war solch ein Sog, dass man fast die professionelle Distanz vergaß. Eigentlich muss man ja in jeder Situation ernst schauen, angespannt sein und auf das Stichwort warten – aber es war solch eine Freude, mit ihr zu arbeiten und zu proben. Auch die Hamletmaschine war eine ganz große Freude. Die Proben waren stressig, aber Uwe Schmieder, der Regisseur, war mit so einem Elan am Werk. Jeden Morgen bekam man von ihm eine E-Mail, was ihm noch in der Nacht als Idee eingefallen war. Da wusste man schon, beim oder nach dem Frühstück gab es wieder was von Uwe im Mail-Postfach. Darauf freute man sich nach einer Zeit richtig, denn es waren auch immer gute Ideen, die Sinn und Spaß machten. Eine Enttäuschung war hingegen Das schweigende Mädchen – da hatten wir eigentlich mehr Text und mehr Einsätze, aber das wurde dann vor der Premiere noch zusammengestutzt. Das war wirklich schade. Andererseits finde ich das Stück immer noch klasse, gerade wegen der Themenwahl und wegen der wunderschönen Kostüme von Mona Ulrich. Und außerdem war es das erste Stück im Megastore, als dieser noch kaum richtig eingerichtet war. Es war Proben unter erschwerten Bedingungen.

"Das schweigende Mädchen", 2015 (Regie: Michael Simon).
„Das schweigende Mädchen“, 2015 (Regie: Michael Simon).

Nun probt ihr in ebendiesem Megastore auch Das Bildnis des Dorian Gray.

Genau. Was ich jetzt schon sagen kann: Tolle Bilder und eine enorm spannende Nutzung der Halle. Der Walzer mit den rollenden Stellwänden ist so schön. Es gibt auch riesige, verlangsamte Videobilder von Dorian Gray, die unglaublich aussehen. Und eine großartige Bühne.

Alex Kerlin sagte im Interview, dass Sprechchor-Proben mitunter auch deshalb enervierend sein können, weil es langsamer vorangeht als bei anderen Proben. Ehrlich gesagt stelle ich mir das auch immer so vor: 80 Leute auf einer Probe, die dirigiert werden müssen! Wie ist die Stimmung auf Proben?

Man nimmt sich ja nicht so sehr als Masse wahr. Es ist anders, als es für den Zuschauer aussieht. Jetzt beim Dorian Gray sind nicht viele Neuankömmlinge dabei, die meisten sind alte Sprechchor-Hasen und wissen daher gut, worauf es bei einer Probe ankommt. Neuen Mitgliedern sage ich immer, dass sie unbedingt mit Bleistift und Radiergummi zur Probe kommen müssen, um Textänderungen oder Betonungen direkt mitschreiben zu können! Und natürlich gibt es auch Sätze oder Wendungen, die man einfach nicht in den Kopf kriegt. Bei Margot Maria Rakete gab es zu Beginn eine Auflistung statistischer Zahlen. Die konnte ich mir einfach nicht merken. Ich habs versucht, mir mit verschiedenen Farben aufzuschreiben oder nachts zu lernen – ging nicht. Und sowas hat jeder.

Was macht man denn in so einer Situation?

Ganz einfach: Der Trick ist, die Lippen zu bewegen, aber dabei nichts zu sagen. Fällt keinem auf.

Erste Proben mit dem Sprechchor, 2010.
Erste Proben mit dem Sprechchor, 2010.

Wer dem Sprechchor beitreten will:

Mail an dortmunder_sprechchor@theaterdo.de und schon wird man in den Verteiler aufgenommen!

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

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