DAS ABENTEUER AUF DER SUCHE NACH DER WAHRHEIT

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Neue Wege sind der Schlüssel zu Veränderung. Ob als Flüchtling auf der Reise, Reporter auf der Jagd nach Fakten oder als Theaterschaff ender im Prozess, Geschichten auf die Bühne zu tragen. Das Stück Die schwarze Flotte ist erzählter Journalismus, eine erlebbare Reportage in gespielter Wirklichkeit. Über ein halbes Jahr hat das Reporterteam von CORRECTIV im internationalen Sumpf von Reedereien, Briefkastenfirmen, Waffen-, Drogen- und Menschenschmugglern recherchiert.
Welche Herausforderung es war, den Stoff in ein Theaterstück zu wandeln, welche Möglichkeiten und Chancen diese Liaison aus Journalismus und Bühnenkunst bietet, erklären Regisseur Kay Voges, die Autorin Anne-Kathrin Schulz und der Schauspieler Andreas Beck im Gespräch mit dem Chefdramaturgen Michael Eickhoff.

Wie entstand der Kontakt zum Recherchezentrum CORRECTIV und David Schraven?
Kay Voges, Regisseur: Wir kamen erstmals ins Gespräch, als David Schraven beim Schauspiel Dortmund für seine Comic-Reportage „WEISSE WÖLFE“ anfragte, ob er sie hier als Ausstellung präsentieren dürfe. Die Gespräche mit ihm waren so aufregend, dass er auch prompt in unserer Diskussionsreihe BLACKBOX auftrat, wo er von seinen Recherchen berichtete. Bei all den Gesprächen und Veranstaltungen erhielten wir dann neue Informationen, woran CORRECTIV gerade arbeitet und was sie zurzeit interessiert – beispielsweise diese gigantische Recherche, die dann die Grundlage für „Die schwarze Flotte“ wurde.

Worauf basiert die Idee zum Stück?
Voges: In der digitalen Moderne gehen dem Theater die narrativen Erzählformen verloren. Wir fragen uns, wie man es schafft, für unsere Gegenwart Theater zu machen: Wie geht politisches Theater heutzutage? Und die Journalisten haben ein ganz ähnliches Problem: Wie geht in der digitalen Moderne noch Journalismus, wenn die Print-Medien zurzeit mehr und mehr an Substanz und Bedeutung verlieren? Wie kommuniziert man Recherchen heute? CORRECTIV geht da seit Jahren Wege der Erneuerung, ob nun in Zusammenarbeit mit Comic-Künstlern, Radio-Features, Podcasts oder Webseiten. Auf der Suche nach neuen Wegen des Journalismus und neuen Erzählungen des Theaters trafen wir uns. Wir dachten uns, vielleicht finden wir neue Möglichkeiten durch Kollaboration.

„Auf der Suche nach neuen Wegen des Journalismus und neuen Erzählungen des Theaters trafen wir uns. Wir dachten uns, vielleicht finden wir neue Möglichkeiten durch Kollaboration.“ – Kay Voges

Es treffen sich also Schauspiel und Journalismus im gemeinsamen Interesse an einer politischen Erzählung für das 21. Jahrhundert. Was war als Autorin die Herausforderung, die Recherche in einen dramatischen Text auszubuchstabieren?

Anne-Kathrin Schulz, Autorin: Es gab für mich zwei Hauptfragen: Wie verwandelt man die vielen Informationen, die in der journalistischen Recherche stecken, in einen Theatertext? Was wählt man aus, was nicht? Und: Wer ist die Figur des Erzählers im Stück? Denn eine solche Position gibt es in der journalistischen Reportage nicht, es ist ja keine Ich-Erzählung. Die Suche nach der Figur wurde für mich dadurch sehr begünstigt, dass wir uns vor dem Sommer mit Kay Voges, Andreas Beck, Mona Ulrich, David Schraven und Frederik Richter in Dortmund zu einem mehrstündigen Gespräch trafen. Darin war so viel weiteres Material enthalten, dass ich damit sehr gut arbeiten konnte. Was für mich beim Schreiben ein weiterer großer Vorteil war, zu wissen, für wen ich den Monolog schreibe. Ich wusste, Andreas Beck wird die Figur spielen, und Kay Voges wird inszenieren. Ich hatte beim Schreiben stets die Stimme von Andreas im Kopf.

Andreas, was für eine Figur spielst du?
Andreas Beck, Schauspieler: Es ist ein Journalist auf der Suche, auf einer großen Recherche. Es heißt beispielsweise im Stück „Die Welt verstehen und der Welt mitteilen, was man verstanden hat“. Es ist also eine große Suche und auch eine große Sehnsucht nach diesem Suchen vorhanden.

„Was für mich beim Schreiben ein weiterer großer Vorteil war, zu wissen, für wen ich den Monolog schreibe.“ – Anne-Kathrin Schulz

Der Stoff ist ja zum einen sehr der Gegenwart abgelauscht, horcht aber auch tief in die Geschichte hinein. Wenn ich den Proben zusehe und den Text lese, denke ich oft an den Begriff „Verantwortung“. Liegt es daran, dass der Text konkretes realistisches Recherche-Material ist?
Beck: Auf jeden Fall! Ich habe angefangen, in einem Land Theater zu spielen, in dem das Theater den offenen journalistischen Teil oft übernahm. Die Zeitungen in der DDR waren ja allesamt Partei-Organe. Da hat das Theater dann oft jene Funktion der Zeitungen übernommen und die Menschen informiert und gesagt, was wo verändert werden müsse. Das ist in diesem Text genauso. Es ist ein sehr journalistischer Text mit belegbaren Fakten. Von Verantwortung würde ich aber eventuell nicht sprechen. Man hat genau die gleiche Verantwortung, wenn man bei Schneewittchen den siebten Zwerg spielt – man trägt dort vor den Kindern eine große Verantwortung. Die Verantwortung ist immer für einen Schauspieler auf der Bühne groß, weil man immer ein Publikum hat, das dabei etwas lernen oder empfinden soll. Mir persönlich macht es aber mehr Spaß, solch einen konkreten Text zu haben, den man erzählen kann, als irgendetwas Fiktives.

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Anne, wie gelang dein Schreibprozess?
Schulz: Ich hatte die Reportage von CORRECTIV gelesen und die Fernsehreportage gesehen. Wir führten dann ein sechsstündiges Gespräch in Dortmund, und ließen es transkribieren. Dieses Gespräch war für uns Dortmunder unglaublich faszinierend. Wir wollten eigentlich gar nicht aufhören zu sprechen! Und dann stieß ich in den folgenden Wochen beim Sortieren und Denken und Schreiben immer wieder an Punkte, wo ich merkte: Ich habe Nachfragen! Und mit diesen habe ich Frederik und David gelöchert. Das führte dann z.B. dazu, dass mir Frederik die Excel-Tabellen mit Schiffsnamen – und Daten schickte, mit denen das vierköpfige Reporterteam damals während ihres Rechercheprozesses gearbeitet hatte. Ich bin dann in diese Daten eingetaucht, habe versucht, sie zu verstehen, für das Stück neu zu strukturieren. Die Reise, von der der Protagonist im Stück erzählt – dieses Abenteuer auf der Suche nach der Wahrheit – habe ich sozusagen auch angetreten. Und dann entstand ein kontinuierlicher Austausch zwischen Kay und mir, und auch mit Andreas. Für mich war diese Zusammenarbeit etwas ganz besonderes, auch die Großzügigkeit, mit der sich David und Frederik zur Verfügung stellten, wie sie mir kontinuierlich dabei halfen, die Thematik im Detail so zu verstehen, dass ich sie für einen Dritten notieren konnte. Auch heute noch! Wenn auf einer Probe eine Frage entsteht, die ich nicht beantworten kann, dann greife ich zum Telefon und rufe Frederik oder David an. Der Arbeitsprozess war also ein kontinuierlicher Austausch mit vielen Menschen.
Voges: Der Satz, den Andreas eben zitierte – „die Welt verstehen und der Welt mitteilen, was man verstanden hat“ – ging so ein bisschen wie Stille Post: Von Frederik und David zu Anne, die es dann aufschrieb, so dass wir nun verstehen mussten, was Anne geschrieben hat. Und nun ist Andreas das Sprachrohr, das der Welt mitteilt, was man verstanden hat. Und im besten Falle passiert es, dass Zuschauer, die aus dem Theater kommen, die Welt ein bisschen mehr verstanden haben und dann anderen mitteilen, was sie von der Welt verstanden haben.

Würdest du denn sagen, Andreas, dass dich diese Arbeit anders als andere Inszenierungen verändert?
Beck: Ehrlich gesagt, nein. Weil ich ein Mensch bin, der mit offenen Augen durch die Welt geht. Viele der Fakten und Themen, die im Stück behandelt wurden, sind mir vertraut. Ich versuche auch, möglichst vielen Leuten solche Themen mitzuteilen – man redet im Freundeskreis darüber, in der Familie. Angesichts des Unterschieds von Recherche und Theaterstück: Ein großer Vorteil von Theater ist das kollektive Erleben eines Textes und dass man sich diesem Narrativ nicht so schnell entziehen kann. Eine Zeitung oder ein Buch kann man schnell weglegen, aber solch einen Abend, den muss man aushalten. Natürlich kann man das Theater verlassen, aber das ist schon ein größerer Schritt, als ein Buch beiseite zu legen. Das ist vielleicht unsere Chance in der heutigen Zeit, in der doch ganz viele Leute sagen, die Welt sei schon schlimm genug und man brauche diese ganzen Nachrichten nicht mehr und wolle nicht mehr drüber nachdenken. Wenn man solche Geschichten dann im besten Fall noch charmant und mit einer gewissen Komik erzählt bekommt, dann hat man doch eher Lust zuzuhören. Da besteht für uns als Theater eine Chance, auch solche „unschönen“ Sachen zu verpacken und den Leuten nahezubringen.

„Ein großer Vorteil von Theater ist das kollektive Erleben eines Textes und dass man sich diesem Narrativ nicht so schnell entziehen kann. Eine Zeitung oder ein Buch kann man schnell weglegen, aber solch einen Abend, den muss man aushalten.“ – Andreas Beck

Kommen wir genauer zu deinem Text, Anne: Was ist fiktionaler Anteil, was ist Recherche?
Schulz: Die Fakten im Stück wie z.B. die Schiffe, diese gibt es tatsächlich, es sind die Fakten, die die Journalisten von CORRECTIV recherchiert haben. Die Erzählerfigur gibt es so in der Realität aber nicht. Es gibt sehr viele Sätze im Stück, die nie jemand gesagt hatte, bevor ich sie aufschrieb. Aber die Figur ist durchaus stark inspiriert von den Menschen, die an dieser Arbeit beteiligt waren. Die Begeisterung, mit der uns David Schraven und Frederik Richter von den Frachtern, dem Mittelmeer und ihrer ganzen Recherche erzählt haben, hat mich begeistert. Ich habe David und Frederik als Menschen kennen gelernt, die die Komplexität eines Themas als etwas höchst Positives erleben, etwas, wo man schnell Lust bekommt, noch genauer und genauer hinzuschauen. Das war ein Momentum, das wir alle enorm interessant fanden, und das ich für meinen Text habe nutzen können – als Idee, warum jemand das Wort ergreift und uns Zuschauer mit auf ein großes Abenteuer nimmt.

Was ist der Mehrwert der Begegnung zwischen Journalismus und Schauspiel?
Voges: Der Inhalt wird dadurch transportiert, dass hier ein Mensch versucht, diesem Inhalt Herr zu werden. Ich als Zuschauer vereine mich mit ihm, weil ich auch diesem Inhalt folgen können möchte. Diese Zurückführung auf den Menschen – in diesem Fall auf den Journalisten – schafft einen neuen Blick auf die Welt, aus seiner Perspektive heraus. Das ist ja sowieso die Kraft des Theaters: Wir lernen, neue Perspektiven durch die Schauspieler zu sehen und so aus unserer eigenen Subjektivität heraustreten zu können. Das schafft Andreas wunderbar, die Menschen mitzunehmen auf diese Reise und auch auf die Fragestellung, was das Wissen um die Komplexität der Welt für Konsequenzen besitzt.

Probenfotos: Birgit Hupfeld.

Über Michael Eickhoff

Michael Eickhoff, 1972 in Göttingen geboren, studierte Geschichtswissenschaft, Germanistik, Romanistik und Philosophie in Bielefeld und Paris. Während seines Studiums arbeitete er u.a. am Deutschen Literaturarchiv Marbach, am Institut Mémoires de l‘Édition Contemporaine in Paris sowie an der Universität Bielefeld (Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft und Fakultät für Geschichtswissenschaft). Seine Arbeit am Theater begann er am Theater Bielefeld, noch als Regieassistent, später als Produktionsleiter. Der Wechsel in die Dramaturgie führte ihn für kurze Zeit an das Berliner Ensemble, gastweise an das Staatstheater Wiesbaden und von 2003 bis 2009 an das Theater Bonn, wo er mit zahlreichen Regisseuren Inszenierungen, Projekte, Szenische Lesungen etc. realisierte. Seit der Spielzeit 2010/11 ist Michael Eickhoff Chefdramaturg am Schauspiel Dortmund und Lehrbeauftragter an der Folkwang-Hochschule Essen (Studiengang Schauspiel Bochum). Er ist Mitglied der „dramaturgischen Gesellschaft“.

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