„AUS DEM NICHTS SCHÖPFEN“ – SCHAUSPIELSCHÜLER RAAFAT DABOUL AUS DAMASKUS

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Vor einem Jahr war Raafat Daboul Schauspielschüler in der syrischen Hauptstadt Damaskus. Ab dem 15. April steht er bei DIE BORDERLINE PROZESSION im Dortmunder Megastore auf der Bühne.

Matthias Seier hat mit ihm über sein Leben vor und nach der Flucht, über Theater in Syrien und Deutschland, sein neues Leben in Deutschland sowie über seine Rolle bei der BORDERLINE PROZESSION gesprochen.


Du hast in Damaskus Schauspiel studiert. Wie hast du Damaskus vor dem Bürgerkrieg erlebt?

Vor dem Krieg war es da wunderbar. Es gab zwar viele Probleme, aber dennoch war es bedeutend besser als jetzt. Damals lebten dort über vier Millionen Menschen, es ist die größte Stadt Syriens. Man konnte viel unternehmen. Es gab viele Partys abseits des ganzen religiösen Lebens. Aber nun ist die Situation dort schrecklich. Der IS nutzt Mörserbomben, um sie direkt in die Straßen zu feuern. Viele sind geflohen.

Sind noch Mitglieder deiner Familie in Damaskus?

Ja, alle. Meine Eltern und meine zwei Brüder, die 18 und 25 Jahre alt sind. Manchmal spreche ich mit ihnen über Whatsapp oder Skype. Die Internetverbindung in Syrien ist zurzeit sehr fehleranfällig und langsam. Manchmal gibt es Netz, manchmal nicht. Meine Familie ist dort nicht in Sicherheit, aber es ist so schwierig, sie herzubekommen. Ich wurde schon gefragt, warum ich sie unbedingt hierhin bringen möchte: „Sollen die etwa für dich kochen?“ Aber darum geht es doch nicht. Ich möchte bloß, dass meine Familie in Sicherheit sein kann. Ich habe bei der Ausländerbehörde in Unna nachgefragt, wie ich sie hierherholen kann. Aber das sei ohne viel Geld unmöglich, ich müsste ihnen die Reise bezahlen.

Sind deine Kommilitonen oder Freunde auch in Deutschland?

Fast alle sind noch immer in Damaskus. Ein paar sind in Belgien oder in den Niederlanden.

Wie gefährlich ist es momentan in Damaskus?

Das kann ich dir nicht sagen. Wenn es Kämpfe gibt, gibt es Kämpfe. Vor dem Krieg gehörte meine Familie der Mittelklasse an. Wir hatten zwei Autos, ein Wohnhaus und ein Geschäft für Sanitäranlagen. Aber durch den Krieg haben wir fast alles verloren. Meine Familie muss jetzt eine kleine Wohnung anmieten.

Bist du traurig oder wütend, wenn du über deine Situation nachdenkst?

Traurig und wütend! Weißt du warum? Ich bin 23 Jahre alt. Und ich muss wieder bei Null beginnen, wie ein Kind. Ich stehe wieder ganz am Anfang und es kommt mir vor, als hätte ich in meinem gesamten Leben bisher nichts geleistet, in diesen 23 Jahren.

Du spielst bei uns nun Theater und hast deine eigene Rolle in der Borderline Prozession. Wie waren die Proben für dich?

Die waren natürlich stellenweise schon mühselig, weil man immer übersetzen musste, was Kay [Voges, der Regisseur] wollte. Zudem war ich anfangs ein wenig vom Abend verwirrt: Was sollte das sein, worum sollte es sich drehen? Es war für mich schwer verständlich, zumal auf den Proben ja nur Deutsch gesprochen wurde. Aber die Produktionsbeteiligten waren enorm nett zu mir: es gab fünf oder sechs Leute, die zu mir kamen und sagten, ich könne mich bei Problemen immer an sie wenden und sie könnten ins Englische übersetzen.

Rafaat Daboul in der Borderline Prozession (hinter ihm im Fenster: Ekkehard Freye). Foto: Birgit Hupfeld

Gefällt dir denn die Borderline Prozession?

Ja! Ich glaube, das Stück wird toll werden. Mir gefällt, dass es nicht bloß eine Geschichte erzählt, sondern ganz viele und zwar gleichzeitig. Die einzelnen Bestandteile des Abends waren mir aber gar nicht so neu, denn in Syrien – ich weiß nicht, ob du davon weißt – sind sie im Theater echt professionell geworden. Es gibt da tolle Stücke und Inszenierungen.

Was spielen sie denn in Damaskus?

Vor allem junge Leute spielen und mögen Europäisches. Shakespeare, Tschechow, Ibsen… aber auch arabische Stücke. Mein Lieblingsstück ist Der Kaufmann von Venedig von Shakespeare. In der Schauspielschule habe ich den Monolog von Shylock gelernt, den ich ja auch in der Borderline Prozession spreche.

Warum wolltest du damals Schauspiel studieren?

Ich wollte schon seit meiner Kindheit Schauspieler werden und habe mich dann mit 16 dazu entschlossen. Ich wollte verschiedene Menschen mit ihren verschiedenen Hintergründen darstellen: einen Arzt, einen Kapitän, einen Geschäftsmann oder auch einen Straßenreiniger. Ich würde gerne fühlen, was andere fühlen und das auch zeigen. Zeigen, was reiche Menschen und arme Menschen bewegt. Außerdem hatte ich keine Lust auf einen Job mit Routine. Schauspieler können ihre Rollen täglich ändern, mal ein Richter, mal ein Soldat, mal was völlig anderes sein.

Hast du Vorbilder als Schauspieler?

Ich mag Al Pacino. Die ganzen syrischen Schauspieler wirst du aber ja vermutlich nicht kennen. Bassem Yakour zum Beispiel. Er spielt Theater, ist viel im Fernsehen und außerdem Comedian.

Wie bist du an das Schauspielstudium gekommen?

Als ich in der neunten Klasse war, wollte ich nicht mehr zur Schule gehen, weil mir das Lernen und die Lehrer nicht mehr sonderlich gefielen. Ich sagte meinen Eltern, ich wolle lieber reisen oder Aushilfsjobs machen. Das hat aber nicht geklappt, ich war desillusioniert und wusste nicht mehr, was ich mit meinem Leben machen sollte. Deswegen habe ich die Abschlussklasse wiederholt und auch mein Abitur gemacht. 2013 fing ich dann mit dem Studium an.

Hat es dir gefallen?

Ja, klar. Ich habe dort eineinhalb Jahre lang studiert. Sie bringen einem viel über Kultur, Theatergeschichte und Theatertraditionen bei, also auch über Tschechow, Molière oder Shakespeare. Generell lernt man viel über Europa und europäisches Theater. Zudem gibt es dann noch Kurse über Tanz und Gesang. Oder allgemeine Geschichtskurse. Schauspieler müssen über vieles Bescheid wissen. Ich fand das immer sehr sinnvoll.

2011 begann der jetzige Bürgerkrieg recht klein, danach entwickelte er sich zu diesem undurchschaubaren Chaos. Wann hast du dir zuerst gedacht, dass du abhauen musst?

Als der Krieg begann. Ich war damals siebzehn Jahre alt. Ich wollte schon immer auf eine große Reise gehen, aber die Reise nach Europa war dann sehr hart. Von Damaskus ging es in den Libanon, dann mit einem kleinen Boot in die Türkei und wieder mit einem alten, überfüllten Boot nach Griechenland. Das war schaurig. Den Rest des Weges kennst du, die Balkanroute. Griechenland, Mazedonien, Kroatien, Ungarn, Österreich. Und dann kam ich in München an. Mit dem Zug ging es nach Dortmund.

Wie lange warst du unterwegs?Raafat Daboul

Zehn Tage. Das ist recht schnell, da ich keine Pausen einlegte. Wenn ich schlafen musste, schlief ich stets im Zug oder Bus.

Du lebst jetzt in Schwerte. Seit wann?

Ich bin jetzt hier seit sieben Monaten.

Für die kurze Zeit sprichst du echt schon ziemlich gut Deutsch.

Ja, ein bisschen.

Wie oft hast du Deutschkurse?

Ich hatte täglich einen Kurs morgens an der Dortmunder Uni für internationale Studenten. Der hat mir toll gefallen, weil da auch Amerikaner und Koreaner saßen. Nachmittags hatte ich dann einen Kurs in Schwerte. Beide Kurse sind jetzt aber vorbei. Bald fangen wieder neue an, und in der Zwischenzeit besuche ich ein Gymnasium. Ich setze mich in den Unterricht und höre einfach den Lehrern und Schülern zu. Sie sind alle echt freundlich. Ich versuche, die deutsche Sprache durch dieses Zuhören zu lernen. Aber ich hasse die deutsche Grammatik, die ist so fürchterlich mit all diesen ganzen Artikeln: der, die, das, dem, den… Aber ich werde sie lernen! Als Deutscher Arabisch zu lernen, wäre vermutlich noch schwieriger.

Dann die große Frage: Gefällt es dir hier in Deutschland?

Natürlich. Es ist ein neues Leben. Syrien wäre zur Zeit ein Albtraum.

Wenn ich mir vorstelle, dass ich ganz allein in ein mir völlig fremdes Land käme, mit fremder Sprache und fremder Kultur, ohne Freunde oder Familie – ich würde mich wirklich verloren fühlen! Wie waren deine ersten Tage in Deutschland?

Ich habe nach einem Hotel gesucht, einfach um mir ein Zimmer zu nehmen, um zu schlafen und zu duschen. Schließlich war ich zehn Tage lang ohne Unterbrechung unterwegs. Aber dann musste ich zur Erstaufnahmestelle nach Dortmund, dann nach Wickede. Dort lebte ich knapp zwei Wochen. Von dort aus ging es nach Schwerte.

Gibt es etwas, was dir hier nicht gefällt?

Die Wochenenden sind schrecklich, weil es nichts zu tun gibt. Ich empfange nur deutsches Fernsehen, das ich nicht verstehe und meine Wohnung hat keinen Internetanschluss. Meist laufe ich dann einfach nur rum. Ich bin nicht hierher gekommen, um in der Wohnung zu hocken.

Hast du neue Freunde gefunden, vielleicht im Deutschkurs?

Ich kenne mittlerweile viele neue Leute, aber das sind keine echten Freunde. Auch hier am Theater kenne ich viele und sie kennen mich – aber auch das sind keine Freunde. Das ist halt das Problem der Sprachbarriere.

Was hältst du denn überhaupt vom Theater hier? Hast du dir schon was angeschaut?

Ja, ich habe mir ein Stück hier in Dortmund angeschaut, aber frag mich nicht nach dem Namen. Es war auch von Kay. Es ähnelte der Borderline Prozession – es lief auch ständig eine Kamera umher, die ganzen Schauspieler feierten. Es gab einen Schwarzen, der nur Englisch sprach… Ich glaube, es hieß Das Fest. Mir haben die vielen Sounds gefallen, zum Beispiel von Flugzeugen oder Tieren, die in dem Stück eingesetzt werden. Von der Handlung hab ich leider sonst nicht viel verstanden, aber es sah toll aus. Ich war auch am „Theater am Fluss“ in Schwerte, dort habe ich Faust gesehen und Drei Männer Schnee. Hab ich das richtig ausgesprochen?

Ja, Drei Männer im Schnee.

In dem Stück war ich auch auf der Bühne, aber ohne Sprechrolle. Das spielte in einem Hotel und ich war ein Statist als Hotelgast. Hier in der Borderline Prozession mache ich mehr.

Wie wird die Zukunft aussehen? Glaubst du, in Syrien wird in fünf Jahren Frieden herrschen?

Ich glaube, irgendwann wird Frieden herrschen, aber nicht in fünf Jahren. Das wird noch lange dauern. Ich werde aber nur heimkehren, wenn es sich wirklich beruhigt hat. Ich habe jetzt die Unterschiede zwischen einem europäischen und einem arabischen Land gesehen. In Syrien dreht sich so viel um Religion. Und alle kämpfen darum, wer am religiösesten ist. Der IS zum Beispiel tötet für den Islam. Ich bin überhaupt nicht religiös, aber ich merke doch, dass der IS überhaupt nicht muslimisch sein kann. Im Koran und der Bibel steht, dass man niemandem wehtun, niemanden töten darf. Und in Saudi-Arabien hacken sie jemandem die Hand ab, wenn er etwas stiehlt. Das ist doch bekloppt! Junge Syrer feiern wie ihr, trinken wie ihr, haben Freunde, fahren in den Urlaub wie ihr. Ich trinke Alkohol, ich esse Schweinefleisch, ich wuchs im christlichen Viertel von Damaskus auf und daher sind viele meiner Freunde auch Christen. Ich würde schon sagen, dass ich an Allah glaube, aber wirklich religiös bin ich nicht. Mir ist die Religion eines Menschen völlig egal, ich glaube an das Gute im Menschen. Und zweitens: Ich möchte hier, in Deutschland, etwas gemeinsam mit Menschen machen. Ich möchte mich gegen den Hass engagieren. Es darf niemand grundlos angeschrien, gehasst werden. Und hier gibt es eine Möglichkeit dafür. Die Polizei zum Beispiel ist hier so freundlich. In arabischen Ländern tun die, was die wollen.

Was ist denn dein ganz persönlicher Plan für die Zukunft? Wo möchtest du in fünf Jahren sein?

Ich würde gern meinen Traum des Schauspielens weiter verfolgen. Also gut die deutsche Sprache lernen und dann an eine richtige Schauspielschule. Aber ich muss jetzt erstmal hart dafür arbeiten, um meine Familie herholen zu können. Sie möchten auch hierher, aber es ist so fürchterlich schwierig und teuer geworden. Ich hab’s dir ja gesagt: Ich muss wieder ganz von vorne beginnen. Auf Whatsapp fragen sie mich immer, ob es mir gut geht und dann werde ich immer ungeduldig, weil es doch vor allem ihnen gut gehen soll und ich das eigentlich sie fragen müsste!

Ich wäre an deiner Stelle stets so… keine Ahnung. Ich kann es mir überhaupt nicht vorstellen.

Ich denke mir immer, nimm die bösen oder negativen Dinge, die dir widerfahren, und mach was draus. Wandle es in etwas Produktives und Kreatives um. Schöpfe aus dem Nichts.

Fotos: Matthias Seier, Birgit Hupfeld, privat.

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

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