ANDREAS BECK ÜBER „DER THEATERMACHER“

„Das Stück ist im besten Sinne zeitlos.“

Am 30. Dezember öffnet sich der Vorhang für den „Theatermacher“: Thomas Bernhards legendäre Komödie über den größenwahnsinnigen Staatsschauspieler Bruscon, der im kleinen Dörfchen Utzbach sein eigenes Stück zur Aufführung bringen will. Andreas Beck spielt in Kay Voges‘ Inszenierung den selbstverliebten und an der Welt verzweifelnden Bruscon. Ein Gespräch.


Andreas Beck als Bruscon

Was macht den „Theatermacher“ zu einer Komödie? Und was zu einer Tragödie? Eigentlich muss man da direkt die Hauptfigur des Stücks, den Theatermacher Bruscon, zitieren: Es handelt sich bei seinem Stück „Das Rad der Geschichte“, das er aufführen möchte, um eine „Komödie, die eigentlich eine Tragödie ist, wie Sie dann sehen werden.“ Und genauso ist es auch bei Bernhards Stück: Es sind komödienhafte Figuren, die aber am Ende scheitern und dadurch in einer Tragödie enden. Und das ist wiederum auch das Interessante und Komische daran. Es ist eben nicht bloß eine pure Komödie im klassischen Sinne. „Romeo und Julia“ gilt ja beispielsweise auch als Komödie, und doch liegen am Ende die Hauptfiguren tot beieinander. Das passiert ja beim „Theatermacher“ zum Glück nicht.

Inwieweit kannst du dich manchmal selber mit Bruscon identifizieren? Macht dir das Kollegen-Quälen auf der Bühne Spaß? Nein, natürlich nicht. Aber ich kann manche Haltungen von Bruscon verstehen: zum Beispiel die Behinderung des Theaterbetriebs durch überpenible Brandschutzmaßnahmen. Aber dieses Gottähnliche von Bruscon, der ja Autor, Regisseur und Hauptdarsteller seines eigenen Stückes ist und sich nur von Dilettanten umgeben fühlt, kann ich nicht nachvollziehen. Für mich ist Theater ein Teamsport. Man ist immer nur genauso gut oder schlecht wie alle, die auf der Bühne stehen. Es gibt eine Abhängigkeit zwischen den Leuten. Und da wäre man schlecht beraten, Kollegen zu dissen oder gegen die Wand zu spielen.

Und gerade dieser Widerspruch befeuert ja viele der komischen Stellen des Stückes. Man sieht Bruscon, der sich selbst als Genie einschätzt und doch bloß eine scheiternde Figur ist. Ja, auf jeden Fall. Es ist auch eine Figur, die vermeintlich kurz vor ihrem Lebensende steht oder zumindest eine gewisse Lebensmüdigkeit in sich trägt. Eine Figur, die scheinbar jahrzehntelang wie Don Quichotte gegen Windmühlen ankämpfte und es einfach leid ist. Das merkt man auch: das ständige Sich-Hinterfragen, warum man überhaupt noch Theater machen muss. Gerade als Schauspieler stellt man sich diese Fragen mitunter auch immer öfter, je älter man wird.

Anders als viele andere Bernhard-Stücke ist der Theatermacher weiterhin ein Evergreen im besten Sinne, der immer mal wieder auf den Spielplänen der Theater erscheint. Woran könnte das liegen, was glaubst du? Weil dieser Text im besten Sinne zeitlos ist. Genauso wie auch Theater zeitlos ist: zwar befindet es sich in einer ständigen Veränderung, doch das Grund-Vehikel und –Gerippe bleibt ja immer auch dasselbe. Und dadurch bleibt es aktuell, während andere Bernhard-Stücke wie Vor dem Ruhestand oder Heldenplatz mehr auf damalige gesellschaftliche Akteure und Stimmungen bezogen und deshalb ein wenig aus der Zeit gefallen sind. Hier beim Theatermacher ist das nicht der Fall.

Der berühmte Thomas Bernhard-Stil hat ja auch seine Tücken: das atemlose Wiederholen, das Umkreisen von Themen hin zu einem oft überraschenden Schmerzpunkt. Wie war es für dich, diesen Text zu proben? Das Schöne an dem Text ist, dass er mehrere Qualitäten besitzt. Schon beim Lesen bekommt man Lust, ihn zu sprechen. Wenn man ihn dann spricht, erfreut  man sich daran und wenn man ihn dann hört, dann freut man sich noch umso mehr. Denn der Text ist allein durch seine Form so bezaubernd. Wir haben zwar diese ganzen Klassiker – Schiller, Goethe, Kleist und so weiter – aber dann hört es auch rasch auf. Es gibt all diese „Dichter und Denker“, aber die Dramatik ist doch nicht so beschlagen mit großen Sprachkünstlern. Und dann sind es ja oft auch Übersetzungen, mit denen wir leben müssen: ich beneide englischsprachige Schauspieler für die originalen Shakespeare-Texte, aber wer weiß, vielleicht fluchen die ja insgeheim auch über dessen alte Sprache. Aber nochmal zurück zu Bernhard: so ein kunstvoller Stil findet sich selten. Jetzt bei unserer Werner Schwab-Inszenierung „ÜBERGEWICHT, unwichtig: UNFORM“ ist es ähnlich – zwar ganz anders, aber auch völlig künstlerisch. Das macht auch die Freude an meinem Beruf aus, dass man verschiedenste Sprachformen sprechen und spielen kann: ob nun amerikanische Alltags-Fuck Off-Sprache bei Mike Daisey, bishin zur Hochkultur von Bernhard oder Schwab.

Christian Freund und Andreas Beck

Der Theatermacher ist ja eine der vier Wiedereröffnungs-Premieren des Schauspielhauses und auch der deutlichste Kommentar zu dieser Wiedereröffnung. Die Problematik mit all den Brandschutz-Gesetzen findet sich ja original im Bernhard-Text, aber dennoch ist das Stück auch selbstironischer wie kritischer Kommentar über Theatermachen und Theatermacher in Dortmund. Wie gehst du unter dem Gesichtspunkt an die Premiere heran? Freust du dich auf Reaktionen? Naja, ich freue mich natürlich, wieder auf der Bühne zu stehen, auf der man engagiert wurde, und für das Publikum zu spielen, das unser Publikum ist. Ich hoffe, dass sie mit uns genauso diesen Weg gehen und sich genauso freuen, wieder auf den roten Sesseln in gewohnter Umgebung zu sitzen. Es ist ein bisschen so wie Weihnachten: man kommt heim zur Familie, alle sehen sich wieder. So eine Stimmung ist es eher für mich. Die thematische Ebene kommt dann eher durch die Inszenierung und das mitdenkende Publikum. Es ist also nicht so, dass ich mich nun diebisch auf Reaktionen freue.  


Der Theatermacher in der Regie von Kay Voges feiert am 3. März Premiere!

Fotos: Birgit Hupfeld

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

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