BITTE LIEBT ÖSTERREICH

Theater und Aktion

Eine Containeraktion von Christoph Schlingensief

Er ist bekannt für seine unzähligen Inszenierungen, Kunstinstallationen, Aktionen und Ausstellungen. Christoph Schlingensief, geboren 1960 in Oberhausen, gestorben 2010 in Berlin, war in den letzten zwei Jahrzehnten ein prägnanter Künstler, der im kulturellen und politischen Diskurs seinen Platz hat.

Wir könnten hier seitenlang über seine vielen Kunstaktionen und Projekte schreiben, doch in Anbetracht des Formats des Blogs müssen wir uns auf eins beschränken.

Schlingensief veranstaltete im Rahmen der Wiener Festwochen 2000 (11.06.-17.06.2000) die Containeraktion BITTE LIEBT ÖSTERREICH – ERSTE ÖSTERREICHISCHE KOALITIONSWOCHE.

Zwölf reale Flüchtlinge verschiedenster Herkunft wurden von Schlingensief anmoderiert. Sie waren für eine Woche auf dem Gelände neben der Wiener Staatsoper in einem Container einquartiert, von der Öffentlichkeit abgeschirmt und gleichzeitig kameraüberwacht. Außen waren die blauen Fahnen der rechtspopulistischen Partei Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) gehisst und ein Schild mit der Aufschrift: Ausländer raus angebracht. Redemitschnitte des damaligen FPÖ-Vorsitzenden Jörg Haider waren über das Gelände zu hören und fremdenfeindliche Transparente der FPÖ wie z.B. Stopp dem Asylmissbrauch am Container plakatiert. Die Zuschauer_innen applaudierten, keine_r weiß genau warum.

Die österreichische Bevölkerung wurde durch diese Installation dazu aufgerufen, täglich um 20 Uhr per Telefon oder Internet abzustimmen, um zwei nicht beliebte Bewohner_innen aus dem Container in ihr Heimatland abzuschieben. Dem/Der „Sieger_in“ wurde ein Geldgewinn versprochen und sofern sich Freiwillige fanden, eine Heirat in Österreich ermöglicht. Die Aktion orientierte sich stark nach dem TV-Format Big Brother. 6 Tage lang werden die Bewohner_innen live im Container begleitet. Auch besuchten Persönlichkeiten wie Elfriede Jelinek oder Gregor Gysi das Gelände und berichteten über die Ereignisse im Container.

Vor dem Hintergrund des Einzugs der FPÖ als zweitstärkste Partei Österreichs und damit das erste Mal als Teil der Regierung zusammen mit der ÖVP im Nationalrat, wollte Schlingensief mit diesem Live-Art-Projekt einerseits auf die stark verbreitete Fremdenfeindlichkeit in westlichen Kulturen hinweisen, andererseits die ununterscheidbare Grenze zwischen seiner Kunst und der Wirklichkeit in den Raum stellen. Für viele Zuschauende schien das Live-Projekt echt zu sein: So fanden Demonstrationen statt, in deren Rahmen Demonstrierende den Container stürmten, das Schild Ausländer raus zerstörten und Bewohner_innen aus dem Container befreiten. Durch seine Aktion schaffte Schlingensief mittels Inszenierungselementen wie Zuschauerpartizipation und Koketterie eine neue Realität. Dem Publikum gegenüber behauptete er zwar die Echtheit der Aktion, doch diese Diffusion zwischen Unterhaltung und Politik, Realität und Kunstaktion, schürt natürlich Zweifel über deren Authentizität. Dennoch – das Publikum spielte mit. Mittendrin. Sie konnten mitwirken und mitbestimmen. Durch BITTE LIEBT ÖSTERREICH wurde eine Diskussion angestoßen, sowohl in der Gesellschaft als auch in der Politik.

 

Videos über die Aktion:

Zum weiter Lesen:

https://jelinekschlingensief.wordpress.com/2011/01/16/paul-poet-uber-die-containeraktion-bitte-liebt-osterreich/

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/bitte-liebt-oesterreich-demonstranten-stuermen-schlingensief-container-a-81066.html

http://www.schlingensief.com/backup/wienaktion/html/archiv00.html

Matthias Lilienthal, Claus Philipp: Schlingensiefs Ausländer raus. Bitte liebt Österreich. Dokumentation (Suhrkamp 2210), Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2000.

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