KRIEG OHNE SCHLACHT – INTERVIEW MIT UWE SCHMIEDER

KRIEG OHNE SCHLACHT

Soll ich von mir reden Ich wer

Von wem ist die Rede wenn

Von mir die Rede geht

Ich Wer ist das

(aus: Medea Material, Landschaft mit Argonauten, Heiner Müller)

Der Theater-Malocher Uwe Schmieder hat sich ein Jahr lang dem Werk des politischen Dramatikers und Lyrikers Heiner Müller (1929-1995) gewidmet. An zehn Abenden, jeder für sich einzigartig und immer ungeprobt, hat er dem Publikum Text und Themen aus dem uferlosen Werk vorgestellt. Mal in einer eindringlichen Lesung im Studio, mal als offene Performance mit Bratwurst auf dem Vorplatz des Schauspielhauses, und immer wieder mit Gästen aus dem Ensemble: Schauspieler_innen, Dortmunder Sprechchor, Jugendclub Theaterpartisanen oder Dramaturgie. Was an Müllers 86. Geburtstag am 9. Januar 2015 begann, geht nun am 30. Dezember mit seinem 20. Todestag zu Ende. Schmieder plant eine ausufernde Totenfeier für den Dichter und einen Rückblick auf alle Folgen der Factory: Zeit, mit dem Schauspieler ein bewegtes Jahr zu rekapitulieren. Alexander Kerlin hat ihm eine Email geschrieben.

Heiner Müller Factory_Uwe Schmieder by Philip Lethen

Lieber Uwe, ich würde gerne mit Dir Deine zehn Folgen der Müller Factory Revue passieren lassen, die von den beiden Terror-Anschlägen in Paris vom 7. Januar und dem 13. November eingerahmt sind. Spielregel: Ich stelle eine Frage, dann musst Du eine Nacht drüber schlafen, erst dann antwortest Du. Bist du einverstanden? Das wäre im Übrigen die erste Frage.

Sehr gut. Deine Idee passt gut zu Müllers Arbeitsweise. Über Nacht wird geträumt, und Träume waren immer wichtig für ihn und seine Schreib-Arbeit. Schon als 15jähriger hat Müller die Träume seiner Klassenkameraden für seine Lyrik benutzt.

„Träume und dergleichen haben mich schon immer interessiert. Da hatte ich angefangen über Literatur, Psychoanalyse, Psychologie und Psychiatrie zu lesen, natürlich auch die Traumdeutung von Freud. Ich fragte alle erreichbaren Personen nach ihren Träumen. Bedeutung für meine Arbeit hat der Traum nicht als bloße Erscheinung dessen, was nachts passiert, wenn man schläft. Es geht weit darüber hinaus.“ (aus: Krieg ohne Schlacht, Heiner Müller)

Mann, Alex! Guten Morgen. Ich bin gleich auf dem Weg zur Probe, Jelinek, DAS SCHWEIGENDE MÄDCHEN. Du weißt schon, Nationalsozialistischer Untergrund (NSU), Beate Zschäpe usw… Bei der Sprengung des NSU-Wohnwagens und dem Selbsttod der beiden „Uwes“ 2011, hat Heiner Müller nicht mehr gelebt. Und 1995, als Müller starb, war dieser „Untergrund“ noch niemandem bekannt. Der Prozess in München läuft weiter, und es ändert sich eigentlich nichts. Das ist eine Katastrophe. Nur Stalin und Hitler hätte das gefallen. Und wir wissen doch, dass alles nach rechts rückt. Müller auch. Moment. Müller war doch links, oder? Wo stand der eigentlich? Dieser kommunistische Träumer? Immer auf der Suche nach einer Utopie. Aber dabei ist er vor nichts zurückgeschreckt, nicht einmal vor Ernst Jünger. Solchen Autoren hat er sich näher gefühlt als irgendwelchen Friedensträumern. Auf Pazifisten hat er immer herabgeblickt. Vielleicht stand er auf der Mauer, die angeblich zwischen gut und böse verläuft. Ich bin sicher, von dort aus beobachtet er uns bis heute.

Erinnerst du dich an deine erste Müller-Lektüre?

Das war während meines letzten Jahres bei der NVA, 1981 in Zwickau. Das ist dieselbe Stadt, in der fast dreißig Jahre später Beate Zschäpe das Wohnhaus in Brand steckte, in dem sie mit den anderen Mitgliedern des NSU ihr Liebes- und Terrornest hatte. Ich bekam seine Stücke „Die Lohndrücker“ und „Die Bauern“ von der Schauspielschule zugeschickt, um mich auf mein Studium vorzubereiten. Ich habe gar nichts verstanden. Da waren Worte so zusammengefügt, dass ich ihren Sinn einfach nicht entschlüsseln konnte. Ich las sonst ja eher Sowjetischen Realismus, z.B. Nikolai Ostrowskis „Wie der Stahl gehärtet wurde“.

Ist es heute, 25 Jahre nach dem Ende der DDR, noch schwieriger geworden, einen Zugang zu Müller finden?

Man muss seine Scheu überwinden und sich von der Frage befreien, was uns „der Dichter damit sagen wollte“. Dann spürt man, wie universell die meisten Sachen waren. Man findet überall Anknüpfungspunkte für die Gegenwart. Nehmen wir ein Gedicht wie „Mommsens Block“. Das ist erstmal völlig unverständlich. In der Factory haben wir es gemeinsam mit dem Publikum und mit Hilfe von ein paar Experten live interpretiert. Wir haben immer Sachen ausprobiert. Das hat unheimlichen Spaß gemacht. Müller löst immer etwas aus. Man muss ihn nur laut lesen, um ordentlich angeregt zu sein.

Und was hat der NSU nun mit Müller zu tun, bzw. umgekehrt?

Gar nichts. Alles. Müller ist auch ein Untergrund, aber ein ganz anderer. Er hat den NSU in seinen Texten erahnt, davor gewarnt. Müller konnte sich schon immer besser als andere „an die Zukunft erinnern“, wie Brecht das mal ausgedrückt hat. Er hätte an unserem sogenannten Verfassungsschutz seine Freude gehabt, wie der sich selbst verwickelt hat in die NSU-Mordserie. Übrigens: Warum sollte der Verfassungsschutz 1989, nach dem Ende der DDR, nicht die besten Leute von der Stasi übernommen haben? Die brachten ja eine wertvolle Expertise mit. Enttarnt wurden 1989 nur die einfachen Spitzel, aber viele höhere Agenten sind nie aufgeflogen. Müller liebte solche Zusammenhänge, in denen plötzlich die Guten gar nicht mehr so gut dastehen.
Noch mal apropos Zschäpe und Jelinek: Müllers Gedicht „Ajax, zum Beispiel“ (1994), das ich bei der dritten, vierten oder fünften Factory vorgestellt hatte, ich weiß es nicht mehr, endet übrigens so: „Das letzte Programm ist die Erfindung des Schweigens.“ Wenn das nicht passt… Moment – ich höre gerade im Radio: ab heute gibt es die neuen 20€-Scheine. Na, dann nichts wie hin.

Ja – „an die Zukunft erinnern.“ Man kann auch Bilder von etwas haben, dass man (noch) nicht gesehen hat. Als Kind hatte ich Kriegsträume. Ich erinnere mich an einen besonderen. Das Dorf in Niedersachsen, in dem ich groß geworden bin, war in diesem Traum entlang der Hauptstraße in zwei Teile und zwei verfeindete Parteien geteilt. Es war mir unmöglich, von der einen zur anderen Seite zu gelangen. Meine Eltern, meine Schwester, unser Haus waren unerreichbar. Und dann kamen die Flieger, sie bebombten auch das Haus meiner Eltern. Überall Trümmer, Rauch und Schreie. Woher diese Plastizität im Traum, diese Konkretheit? Woher kamen diese Bilder? Ich bin doch im Frieden aufgewachsen.

Heiner Müller ist nie davon ausgegangen, dass in Europa Frieden herrscht, auch wenn die Waffen dem Anschein nach ruhen. Krieg ohne Schlacht eben. Ich hätte nie geglaubt, dass mich in diesem Leben noch ein Krieg einholen wird. Vielleicht bin ich deshalb wie ein Kind schockiert von den Anschlägen in Paris. Manchmal beschleicht mich eine regelrechte Angst, verstärkt natürlich durch intensive Auseinandersetzung auf der Bühne mit dem NSU oder islamistischem Terror. Ich fahre abends auf dem Fahrrad durch Dortmund und nehme eine angespannte Stimmung war – ob die real ist oder nur in mir, das kann ich kaum unterscheiden. In diesen Tagen werden wir Zeuge, wie die Bundeswehr in den Krieg in Syrien eingreift. Gestern geisterten Nachrichten durch die Ticker, ein Anschlag in Dortmund sei durch eine Razzia verhindert worden. Es ist fast nicht glaubhaft.
Dem Turbo-Kapitalismus laufen halt im Moment sämtliche Töpfe über. Die, die er auf dem Herd hat und in denen er sein Süppchen kocht. Alles endet früher oder später im Terror. Im Terror von Paris, in Belgien, in Dortmund bei den Rechten und Linken, auf den Bänken vor der Deutschen Bank oder vor dem Dresdner Staatstheater, in Heidenau, Rostock, im gewöhnlichen Faschismus in der Familie. Als Schauspieler frage ich mich immer und in diesen Zeiten immer mehr: Reicht das, worüber ich gerade spreche?
Hans Otto, der Schauspieler, sprach für das Richtige, oder eben für das Falsche – und wurde dann von der Gestapo aus dem Fenster geworfen. Unter Stalin mussten Künstler in den Archipel Gulag. Mich schmeißt sicher so schnell niemand aus dem Fenster. Aber die Zeiten sind vorbei, in denen ich dachte, dass so etwas in Deutschland wirklich nie wieder möglich sein wird. „Wo ist der Morgen, den wir gestern sahen?“ fragt Müller. Haltung bewahren und weiterträumen, das kann man sich bei Müller abschauen. Auch wenn die Träume mitunter zum Gruseln sind.
Ich vergesse leider meine Nachtträume sofort. Oder Gott sei Dank. Ich weiß ja nicht. Die Träume, die ich nachmittags träume (Ich bin ja schon älter und brauche wenigstens 20 Minuten Schlaf. Früher brauchte ich das nicht.) bleiben immer sehr stark im Gedächtnis. Letztens träumte ich: Ich arbeite im Megastore, das ist unsere neuen Spielstätte in Hörde. Aber niemand kommt mehr da hin, es erinnert sich einfach niemand daran, dass ich dort arbeite, keine Techniker, auch die Schauspieler-Kollegen und Zuschauer nicht. Ich war vollkommen allein. Der Moment, in dem ich das begriff, war furchtbar: Wieso bin ich überhaupt hier, wenn niemand weiß, dass ich hier bin, oder noch hier bin, oder schon dort bin. Dann bin ich aufgewacht.

Wie geht Deine Reihe nun zu Ende? Worauf dürfen wir uns freuen?

Der 30. Dezember ist für mich nicht irgendein Tag. Es ist der 20. Todestag von Müller. Ich möchte ihm zu Ehren mit den Zuschauern ein Fest veranstalten, eine vierstündige Totenfeier, die zugleich auf ein Jahr „Müller Factory“ zurückblickt. Wir wollen „Müller fluten“. Es wird um Paris gehen, die sprechenden Toten. Was muss Theater leisten nach Paris, Ankara, Beirut, Heidenau? Viele Mitstreiter und Mitstreiterinnen des letzten Jahres werden wieder dabei sein: Der Musiker Ole Herbström von Small Disco, die Malerin Suse Kipp, der Dortmunder Sprechchor und insbesondere seine Grande Dame Ingeborg May, die Schauspieler_innen Merle Wasmuth, Ekkehard Freye, Nicole Janze und Sebastian Graf, die Kamerafrau Julia Schubeius, Medienkünstler Mario Simon, Robert Adamek, Anatol Käbisch – und Du, Alex! Du darfst den Sekt für die Zuschauer ausschenken. Wie findest Du das, ist das nicht eine einmalige Chance? Kannst du dafür bitte einen schicken Anzug anziehen?

Dortmund, im Dezember 2015

Die Müller Factory auf der Website des Theater Dortmund: https://www.theaterdo.de/detail/event/16626/

 

Über Alexander Kerlin

Alexander Kerlin ist seit 2010 Dramaturg und Autor am Schauspiel Dortmund. Er schreibt Kolumnen, Essays und Mash-Up Theaterstücke, so z.B. DAS GOLDENE ZEITALTER, DIE SHOW und DIE BORDERLINE PROZESSION (gemeinsam mit Kay Voges). 2015 organisierte er die Konferenz THEATER TRIFFT AKTION. Aus der Konferenz gingen zahlreiche Projekte zwischen Theater, Internet und Aktionskunst hervor, z.B. die "Spiegelbarrikade" mit Tools 4 Action sowie die Stückentwicklungen "Nach Manila" und "Flammende Köpfe" (beide 2017). Alexander Kerlin initiierte die Gesprächsreihe BLACKBOX. Seit 2011 Leitung des DORTMUNDER SPRECHCHORS und Regie bei Sprechchorstücken. Lehraufträge in den Studiengängen "Dramaturgie" und "Theaterwissenschaft" in Leipzig, Bochum und Frankfurt. 2014 zeichnete ihn das Land NRW für seine Arbeit mit dem Förderpreis für junge Künstlerinnen und Künstler in der Sparte Theater aus.

Ein Gedanke zu „KRIEG OHNE SCHLACHT – INTERVIEW MIT UWE SCHMIEDER

  1. Man muß Dich kennen, um Dich zu verstehen. Wenn man Dich nicht kennt, versteht man Dich vielleicht besser und erkennt Deinen Standpunkt. Wir kennen Dich und erkennen Deinen Standort.
    Bei Dir „Müllert es“ eben immer und sehr erfolgreich.
    Heute wünschen wir Dir eine „erfolgreiche Feier“ und morgen einen guten Rutsch.
    Bleibe gesund und auch im Jahre 2016 toi,toi,toi !
    Wir leben, um zu träumen. Wir träumen,um zu verändern!

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