„BOB DYLAN? TOTAL GROSSARTIG! UND TOTAL SCHEISSE!“

„Für seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Songtradition“ erhält Bob Dylan nach Jahren der emsigen Spekulationen endlich den Literaturnobelpreis. Ein Mensch, zu dessen Werk beinahe jeder eine Meinung hat.

Wir sprechen mit dem Musikalischen Leiter des Schauspiels, Tommy Finke, über sein schwieriges Verhältnis zu Bob Dylan und warum Bob Dylan auch noch nach dem Dritten Weltkrieg hilfreich sein wird.


Tommy Finke, geboren 1981 in Bochum, ist Sänger und Musiker in den Genres Indie, Alternative und Pop und Komponist für Elektronische Musik/Computermusik und Theatermusik. Seit 2015 ist er Musikalischer Leiter am Schauspiel und hat bis dato keinen Literaturnobelpreis erhalten (Stand: Oktober 2016).


Tommy, Bob Dylan erhält den diesjährigen Literaturnobelpreis. Wie ist dein Verhältnis zu Bob Dylan?

Ich finde Bob Dylan total großartig und ich finde Bob Dylan auch total scheiße. Er hat ja während seiner Karriere schon so viele Gesichter gehabt und Rollen gespielt, dass es nicht den „einen“ Bob Dylan gibt, sondern quasi mehrere verschiedene. Diese ganze Bob Dylan-Manie existiert ja deshalb, weil wir alle mehr oder weniger mit ihm aufgewachsen sind. Der war ja nie weg. Und am Tag, an dem Bob Dylan stirbt, werde ich nicht zur Arbeit kommen, sondern mein Handy ausschalten und mir seinen ganzen Kram nochmal anhören. Ich meine, so wie das Jahr 2016 bisher verlaufen ist… naja… der Mann ist ja schließlich 75…

Anders als David Bowie, der ja zum Beispiel in seinen letzten Lebensjahren wieder großartige Musik rausgebracht hat, hört man von Bob Dylan mittlerweile ja eher wenig. Der bringt alle Jubeljahre mal was raus, aber insbesondere in den 80ern und 90ern war der ja völlig weg vom Fenster. Auch große Dylan-Fans finden seine jetzigen Live-Auftritte mitunter fürchterlich.

Aber das ist ja der Punkt, warum er jetzt den Literaturnobelpreis erhalten hat: Bei ihm ging es ja immer eher um den lyrischen Inhalt. Ob nun mit ohne elektrischer Gitarre, oder auf seinen konfusen christlichen Wiedererweckungs-Alben, die er eine Zeit lang veröffentlichte – Bob Dylan ist ein Geschichtenerzähler. David Bowie hingegen griff immer eher Jugendkultur auf und arbeitete damit. Bei Dylan geht es ja eher um ein klassisches Zusammenspiel und nicht um eine Entwicklung von neuen Studio-Techniken und Musiktrends.

Bob Dylan war also der ehrliche Mann mit der Gitarre, und David Bowie war der Vielleicht-Mann mit der Vielleicht-Gitarre.

Ja. Der Stil, der sich bei Bob Dylan durch seine Karriere zieht, ist der des klassischen Amerikanismus – Anzüge, Hüte, Mundharmonika. Bob Dylan wurde auch massiv von Woody Guthrie inspiriert und besuchte ihn vor seinem Tod 1967 im Krankenhaus. Diese frühe Phase bei Bob Dylan ist übrigens die, die ich gar nicht mal so gut finde. Diese ganzen Protestsongs wirken wie ein trotziges „Macht doch alle mal!“-Jammern. Wenn der Begriff nicht so fies wäre, könnte man es „Hippiescheiße“ nennen. Aber das ist ja auch ein zentrales Bild der Hippie-Bewegung: Bob Dylan im Central Park und The Times They Are A-Changing.

Glaubst du, man kann heutzutage noch Fan von Bob Dylan werden? Könnte man heute noch 16-jährige Hörer zu Bob Dylan ins Boot holen?

Ja, ich denke schon. Das kommt auch immer auf die musikalische Sozialisation an, womit man aufwächst und was man dabei hört. Und zudem hat Bob Dylan einfach unglaublich viele gute Lieder – vielleicht nicht unbedingt immer in seinen eigenen Versionen. Aber „Tangled Up In Blue“, „Hurricane“… das sind halt Lieder im besten Sinne mit einer politischen Dimension, nicht bloß einer „Wir müssen uns alle lieben“-Hippiedimension.

Was wird das Vermächtnis von Bob Dylan sein?

Wir reden hier über Bob Dylan, als wenn er schon tot wäre. Das ist er ja noch nicht. Aber an dem Tag, an dem er stirbt, wird der Welt etwas Massives verloren gehen. Wenn man die Popmusik betrachtet, ist sie ja noch unglaublich jung im Vergleich zu anderen Kunstformen. Und Bob Dylan lebt halt seit dieser Zeit, als Popkultur zum Massenmedium wurde. Gemeinsam mit Leuten wie Neil Young gehört er zu dieser alten Garde, die etwas kultivierten, was ich gern mag: wenn eines Tages mal eine Atombombe detonieren sollte und alle Computer ausfallen, kann man immer noch eine alte Gitarre in der Ecke stehen haben, und man kann diese ganzen Sachen spielen! Es ist eine von der Internetzeit losgelöste Form der Reproduktion.

Um dem Leser vielleicht was zu empfehlen – was ist dein Lieblings-Dylan-Song?

Ganz schwierig, da Bob Dylan ja laufend veröffentlicht. Aber ich glaube, Tangled Up in Blue ist mein absoluter Favorit. Aber am meisten empfehlen würde ich den Klassiker: Like a Rolling Stone. Dieses wahnsinnige Orgel-Motiv! Und auch der Text, dieses Umherirren-Und-Nicht-Wissen-Wohin. Ungerichtetes Appetenzverhalten sozusagen. Man rollt von A nach B und legt sich hin, wo man gerade ein Bett findet. Und natürlich wird in dem Song die Schattenseite offenbar. Das ist der eine Song, der einen Großteil von Bob Dylans Historie zusammenquetscht. Ein enorm wichtiger Moment.

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

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