„AUCH EIN BISSCHEN URSCHREI-THERAPIE“: TOMMY FINKE ÜBER DAS MUNDORGEL PROJECT

Seit 2015 wird im Schauspiel Dortmund gemeinsam Liedgut ge- und zerschmettert: das MUNDORGEL PROJECT von und mit Tommy Finke und Band ist längst zur Kult-Reihe  geworden. Das Konzept ist dabei simpel: das bekannte Liederbuch „Die Mundorgel“ wird im Institut oder der Megabar dem ultimativen Live-Test unterzogen – mithilfe der Band, des mitsingwilligen Publikums und Special Guests!

Am Samstag feiert das Mundorgel Project Jubiläum: zum zehnten Mal wird dann gemeinsam gejammt und gesungen. Anlässlich des Mundorgel Projects #10 hier ein paar Fragen an Tommy Finke.


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Tommy, wie kam es eigentlich zu der Idee, sich die Mundorgel im Rahmen einer Late-Night-Musikreihe vorzuknöpfen?

In erster Linie hatte ich die Vision, die Fallhöhe zwischen Künstler und Publikum aufzuheben. Bei den vorherigen „Small Beast“-Konzerten waren häufig Lichtgestalten aus der Musikszene zu Gast, das Publikum war meist auf die Rolle des staunenden Beobachters reduziert. Mir ging es um eine Liberalisierung von muskalischem Schaffen. Nicht unbedingt nach dem Motto „Jeder kann singen“, aber vielleicht nach dem Motto „Jeder darf es versuchen“. Und wenn man bei gemeinsamen Singen gedanklich angekommen ist, dann ist der Schritt zur Mundorgel, dem auffällig rot leuchtenden Buch, wirklich nicht mehr so groß. Das passt einfach, weil das Buch trotz der eigenen Geschichte einen Fehler nie begangen hat: der Inhalt war nie wichtiger als das gemeinsame Ritual.

Hast du in deiner Zeit als Mundorgel-Experte ein Lied gefunden, das dich wirklich vom Hocker gehauen hat? Oder gibt es Lieder, die dir mittlerweile sehr ans Herz gewachsen sind?

Die Mundorgel ist voll von schönen Liedern, sie ist aber auch voll von Kuriositäten. Ich liebe „Nehmt Abschied, Brüder“ geradezu hingebungsvoll, eine deutsche Version von „Auld Lang Syne“. Auch „Kein schöner Land“ oder „Der Mond ist aufgegangen“ kriegen mich, wenn sie ohne Volkstümelei gesungen werden. Ich mag diese romantische Naturliebe sehr. Aber ich glaube, nichts geht über „Schön ist ein Zylinderhut“. Das Lied hat unser Bassist Pele Caster mal für einen Abend vorbereitet und wir wussten alle nicht, was auf uns zukommt. Das Lied ist wunderbar grenzdebil, der Refrain erinnert mich immer wieder an Katzeklo von Helge Schneider. Da sieht man aber auch schon das große inhaltliche Spektrum unseres Mundorgel-Abends.

The Mundorgel Project #1

Und andersrum gefragt: Gibt es Lieder, die du nicht mehr hören kannst? Oder die dich leider völlig kalt lassen?

Wenn man das fünfte Mal hintereinander „Bolle“ spielt, macht es immernoch Spaß, kaum zu glauben, aber wahr. Und „Die Moorsoldaten“ und „Heute hier morgen dort“, das sind Lieder, die nie an Relevanz einbüßen. Mich lassen meist die Lieder kalt, die kritiklos religionstreu sind. Und damit meine ich nicht die in der Mundorgel zu findenden amerikanischen Gospels, die erzählen ja häufig Geschichten aus dem Alten Testament und rocken wie, Verzeihung, Bolle. Aber es gibt schon Lieder in der Mundorgel, die mich nicht begeistern. Das mag aber auch an meiner Sozialisation liegen: Ich bin nicht getauft und in einem eher agnostischen Umfeld aufgewachsen. Außerdem, das ist ja das Schöne: Jeder hat da was Anderes in sich, was sie oder ihn mit der Musik verbindet.

Gab es in all den Mundorgel Projects – ob nun im Institut, der Megabar oder auf anderen Konzerten – einen magischen Moment, den du nicht vergessen wirst? 

Wir haben, völlig außer der Reihe, nach den Anschlägen in Paris „Imagine“ von John Lennon gespielt. Das war sehr berührend.  Ansonsten ist „Nehmt Abschied, Brüder“ wirklich mein Highlight am Ende jedes Abends. Wobei mir gerade einfällt: Wir saßen mal bei den Proben und wollten „When the Saints Go Marchin In“ arrangieren, als wir gleichzeitig mit „The Lion Sleeps Tonight“ rumgeblödelt haben. Dabei haben wir dann plötzlich bemerkt, dass man das eine wunderbar auf das andere singen und dabei noch das Publikum richtig gut einbinden kann. Das war ein großer Abend und diese Version liebt auch unser Publikum. Die kramen wir immer mal raus, wenn wir bei einem Übergang unsicher sind.

Warum, glaubst du, ist die Reihe „The Mundorgel Project“ so erfolgreich? Trifft die Reihe einen Nerv?

Ich möchte nicht zu weit ausholen, aber ich glaube, die Globalisierung schafft ein Millieu, in dem Rückzugsorte in privatere Welten einen emotionalen Ausweg aus der Hilflosigkeit gegenüber der verlorenen Kontrolle herstellen. Diese Rückzugsorte können schädlich sein für eine Gesellschaft, weil sie eine Ausgrenzung mit sich bringen, sie können vielleicht aber auch ein Gewinn sein, wenn sie die Gemeinschaft ohne Schauklappen vor der Außenwelt in den Mittelpunkt stellen. Unser Mundorgel-Abend soll ein positiver Rückzugsort sein. Und, naja, vielleicht singen sich die Leute auch einfach total gerne zwei Stunden lang den Weltfrust von der Seele. Insofern ist das Mundorgel Project auch ein bißchen Urschrei-Therapie. The Mundorgel Project #1


Die zehnte Ausgabe vom Mundorgel Project ist leider bereits ausverkauft.
Es gibt aber noch Karten für das Mundorgel Project #11 im Dezember und Ausgabe #12 im Januar.

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

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