WER SCHÖN IST, BRAUCHT NICHT AUCH NOCH GUT ZU SEIN

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„Schönheit ist ein Skandal“, schreibt der Autor Ulrich Renz in seinem Buch Schönheit. Eine Wissenschaft für sich. Die Schönheit Dorian Grays ist ein Skandal – denn sie altert nicht. Sein innigster Wunsch, das Bildnis, das sein Malerfreund Basil von ihm geschaffen hat, möge an seiner statt alt und runzlig werden, geht in Erfüllung. Mit der gesellschaftlichen Bevorteilung, die ihm ob seiner ewigen Jugend und Schönheit allenthalben entgegengebracht wird, verfällt jedoch sein moralisches Bewusstsein und führt ihn in ein geheimes Leben, beherrscht von Sünde und Verbrechen. Die Folgen trägt allein sein Bildnis, es mutiert in eine groteske, blutgetränkte Fratze. Nur er selbst bleibt äußerlich verschont, bleibt scheinbar ewig jung, schön und begehrenswert.

Schönheit ist ein Angriff auf unsere heiligsten gesellschaftlichen Werte: die Gleichberechtigung aller Menschen, die Chancengleichheit im Alltag; ein Angriff auf unseren Verstand und unsere Menschenkenntnis. Schönheit blendet. Sie verführt und erzeugt Neid. Alle unsere mühsam gesammelten Lebenserfahrungen drohen in ihrem Angesicht zu zerplatzen. Zu groß ist der Drang, sie zu besitzen, sie für immer zu behalten und auf Gedeih und Verderb zu verteidigen. Die Medienbilder und Wellnesideale unserer Zeit tun ihr Übriges dazu.

Auf der Bühne des Megastore lassen 70 Akteure zwischen Acht und 76 Jahren die Schauergeschichte des Dorian Gray, die sich Oscar Wilde im Stile einer Gothic Novel vor 125 Jahren ausdachte, wiederaufleben. Der Dortmunder Sprechchor, der zuletzt den Mythos des Kaspar Hauser im Studio des Schauspiel Dortmund massenhaft theatralisierte, wagt sich nun, nach fünf erfolgreichen Jahren als 17. Ensemblemitglied des Schauspielhauses, zum ersten Mal an die Königsdisziplin der Schauspielarbeit – an die Einfühlung in literarische Figuren – und zwar chorisch.

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Dorian Gray ist ein zehnköpfiges Individuum, dem von Lord Henry eingeflüstert wird, seine Schönheit zu nutzen und ganz auszuleben – im Guten wie im Schlechten. Dessen Freund, der Maler Basil, der das „Bildnis des Dorian Gray“ auf die Leinwand gebannt hat, fürchtet sich davor, das Bild auszustellen, da es seine Seele offenbaren könnte. Und diese Seele steht eben ganz im Dienste der Schönheit Dorian Grays. Basil und Lord Henry sind ebenfalls „gespaltene Persönlichkeiten“, verkörpert von jeweils zehn Spielern. Fehlt noch Tante Agathe, eine resolute Salondame, die Dorian Gray in die Welt des gehobenen Klatsches und Tratsches einführt – ein plapperndes Ungetüm, bestehend aus knapp 30 Choreuten.

Wenngleich sich die Figuren weitestgehend an die literarische Vorlage halten, wird der Zuschauer mit den Idealen und den Gefallsüchten unserer Gegenwart konfrontiert. Aus Interviews mit dem Sprechchor sind Textbausteine entstanden, die sich mit der Angst vor dem Altern und den Strategien, dessen Folgen zu umgehen, auseinandersetzen. Diese Alltagsbezüge fügen sich ein in ein Ringen um Schein und Wirklichkeit, um Schuld und Wahrheit, ein Ringen um ein zweites Ich, das auf der Bühne zu glänzen vermag, und das in der Garderobe einsam vor dem Spiegel kauert, in Erwartung des eigenen, unerträglichen Verfalls.

Die Premiere von Das Bildnis des Dorian Gray findet am 18. Juni im Megastore statt. Hier Infos, Tickets und weitere Termine.

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Über Thorsten Bihegue

Thorsten Bihegue studierte Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis an der Universität Hildesheim, sowie Performance Writing am Dartington College of Arts in England. Gemeinsam mit der Dramatikerin Abi Basch gründete er 2005 das Theaterkollektiv kInDeRdEuTsCh PrOjEkTs. Gastauftritte führten sie zu Festivals nach Bangkok, St. Petersburg und Austin. In zahlreichen freien Theaterproduktionen wirkte er als Schauspieler, Autor und Musiker mit. Von 2010 bis 2012 war er Dramaturg am Theater Rudolstadt. Seit 2012 springt er regelmäßig als Dramaturg am Schauspiel Dortmund ein und führt gemeinsam mit Alexander Kerlin Regie beim Dortmunder Sprechchor.

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