„SUBVERSION. EINE KLEINE DISKURSANALYSE EINES VIELFÄLTIGEN BEGRIFFS.“

Theater und Aktion

In: Psychologie & Gesellschaftskritik. 32. Jg., Heft 128 (2008), S. 9-34.

Wir beginnen den Blog mit einer Diskursanalyse des Begriffs der Subversion, um diesen wichtigen Begriff im Zusammenhang von politischer Aktion und Kunst einmal zu umreißen und zu verdeutlichen, wie unterschiedlich er genutzt wurde.

Nach Thomas Ernst entwickelten sich seit der Französischen Revolution im deutschsprachigen Raum vier Diskurse der Subversion.

In seinem Essay „Subversion. Eine kleine Diskursanalyse eines vielfältigen Begriffs.“ nutzt Ernst mit Hilfe von Michel Foucault eine diachronische, diskursanalytische Perspektive.

1.politisch-institutioneller Diskurs = Subversion als revolutionärer Staatsumsturz

Die Subversion bezeichnet ursprünglich die radikale Umkehrung bis hin zum revolutionären Umsturz einer politischen Herrschafts- oder Gesellschaftsordnung. Sie richtet sich auf die gesamte Gesellschaft und nicht auf bestimmte Teile einer grundlegenden Ordnung.

2.künstlerisch-avantgardistischer Diskurs = Subversion als künstlerisch-prozessuale Bewegung

Der Begriff der Subversion wird von den historischen Avantgarden wie zum Beispiel den Dadaisten, Futuristen und Surrealisten spielerisch verwendet. Sie überhöhen und nutzen die Subversion um, machen die Grenzen von Kunst und Alltagswelt fluide und die Herrschaft wird in Frage gestellt. Sie greifen mit einer Selbstironie die Machtstrukturen an, indem sie keine Antwort auf die Fragen geben bzw. keine Utopie einer besseren Welt formulieren, die Bedeutung von Subversion teilweise sogar bis zum Nonsens verschwinden lassen.

3.subkultureller Diskurs = Subversion als minoritäre Distinktion

Die Subversion wird hierbei als ein Distinktionsmerkmal verwendet, also als ein Mittel, um sich vom Mainstream oder von einer hegemonialen und kolonialen Macht abzusetzen. Dabei gibt es zum Einen Gegenkulturen, die sich durch ihren Lebensstil, also Musik, Kleidung, Drogen oder Sexualität vom Mainstream abgrenzen und zum Anderen eine diskriminierte bzw. minoritäre Subkultur, die ihre Mittel bei der Selbstermächtigung sieht und eine kollektive Identität emanzipiert und stärkt. Bei beiden Formen geht es um Abgrenzung und das Konstruieren einer Kollektividentität.

4.poststrukturalistischer Diskurs = Subversion als Dekonstruktion

Ernst bezeichnet den gesamten poststrukturalistischen Diskurs als Subversion. Dabei gilt als Ziel, die Herrschaftsordnung durch das Auflösen von Kategorien wie Geschichte, Identität, Wahrheit oder Geschlecht zu verändern und zu verschieben. (Siehe auch die Diskurse von Foucalt, Butler, Homi K. Bhabha, Derrida, uva.). Zudem werden in Anwendungsbereichen wie den gender-, queer- und postcolonial studies zentrale Kategorien der abendländischen Geistesgeschichte dekonstruiert.

 

Thomas Ernst, Autor und Literaturwissenschaftler, arbeitet seit November 2010 als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Assistent an der Universität Duisburg-Essen im Studiengang “Literatur und Medienpraxis”; dort schreibt er derzeit an seinem Habilitationsprojekt zur Geschichte des geistigen Eigentums. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören u.a. die deutschsprachige Gegenwartsliteratur; Literatur-, Medien- und Kulturtheorien des 18. bis 21. Jahrhunderts und Konzepte ästhetischer Subversion.

 

 

Zum Weiterlesen:

Thomas Ernst: „‚Subversion. Eine kleine Diskursanalyse eines vielfältigen Begriffs.

In: Psychologie & Gesellschaftskritik. 32. Jg., Heft 128 (2008), S. 9-34, online unter: http://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/32577/ssoar-psychges-2008-4-ernst-Subversion_-_eine_kleine_Diskursanalyse.pdf?sequence=1

Thomas Ernst: „Ein Gespenst geht um. Der Begriff der Subversion in der Gegenwart“ (2004), online unter: http://www.gradnet.de/papers/pomo02.papers/subversion.pdf

Diedrich Diedrichsen: „Subversion – Kalte Strategie und heiße Differenz“, in: Ders., „Freiheit macht Arm: das Leben nach Rock ‚n‘ Roll, 1990-93“, Kiepenheuer & Witsch, Köln 1993.

w. Goerdt, H.-D. Gondek, K. Röttgers, : „Subversion“, in: Joachim Ritter, Karlfried Gründer (Hrsg.): „Historisches Wörtrbuch der Philosophie“, Scwabe Verlag Basel, 1998, S. 567-572.

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