DAS KOMMENDE BILD

DAS KOMMENDE BILD.
Ein Begleitessay zur Borderline Prozession von Anika Koswič.
Borderline Bühne 2 bb


Anika Koswič (*1976) ist freie Autorin und Lehrbeauftragte
für Visuelle Ideengeschichte. Für ihren Lyrikband „Rauchfang.Schleuse“
erhielt sie ein Stipendium der Rudolf Meyer-Gesellschaft
in Bamberg. Im Auftrag des Schauspiel Dortmund
begleitete sie die Proben von DIE BORDERLINE PROZESSION.

A

GRAFIK 1Gottes Arbeit ist teilen: Am Anfang war alles wüst und leer (hebräisch „Tohuwabohu“). Das Ganze war das Nichts. Doch dann schied Gott Himmel und Erde, Land und Wasser, Licht und Dunkel. Schöpfen heißt Grenzen ziehen. Ohne Grenzen IST nichts DA. Damit etwas da sein kann, braucht es eine Begrenzung. Aber das einmal Geteilte (= alles, was da ist) überfällt eine nicht enden wollende Unruhe; die Unruhe alles Unvollständigen, d.h. aller Geschöpfe. Goethe: „Das Geeinte zu entzweien, das Entzweite zu einigen, ist das Leben der Natur, dies ist das ewige Ein- und Ausatmen der Welt, in der wir leben, weben und sind.“ Das Ganze zerfällt in Teile, und das Geteilte strebt zurück zum Ganzen. Zellteilung und sexuelle Vereinigung – zum Beispiel.

Das Ganze: Der Kreis ist in der Antike Symbol für die Perfektion, die Vollständigkeit, das Ungeteilte. Alle zweidimensionalen geometrischen Formen sind Varianten des Kreises. Der Kreis dagegen ist von nichts eine Variante, er ist Grundform. Er ist nicht aus anderem zusammengesetzt, er ist ohne Anfang und Ende, d.h. er fließt in sich selbst zurück, ist sich Quelle und Mündung zugleich. Zieht man eine Linie mittig durch den Kreis, erhält man zwei gleiche Hälften (siehe Grafik 1). GRAFIK 2Diese Hälften TEILEN sich eine gemeinsame Grenze, die sie trennt und durch die sie sich zugleich berühren. Michael Sieberock-Serafimowitschs Bühnenanordnung für DIE BORDERLINE PROZESSION ist so ein zweigeteilter Kreis, eine Modifikation davon (Grafik 3): GRAFIK 3Die Prozession aus Kameraauge und Schauspieler-Ensemble bewegt sich auf einem abgerundeten Rechteck. Das Rechteck umschließt eine Grenzmauer, die wiederum zwei Raumtypen voneinander trennt: Ein Innen (Wohnzimmer, Küche, Bad usw.) und ein Außen (Parkplatz, Bushaltestelle, Plymouth Voyager Van) – Grafik 4.

GRAFIK 4

Diese Raumanordnung schlägt das Thema des Abends vor und lädt zu einer spezifischen Art des Denkens ein; ein dialektisches Denken in Gegensätzen und Differenzen. Das Paar „Innen und Außen“ etwa zieht weitere Gegensatzpaare an, die einen Geschmack davon geben, was für die Figuren, die diesen zweigeteilten Raum der BORDERLINE PROZESSION bewohnen, alles auf dem Spiel steht: Wärme und Kälte, Sicherheit und Gefahr, Enge und Freiheit, das Eigene und das Fremde, privat und öffentlich, dazugehören und ausgeschlossen sein, Einblick und Ausblick, Zentrum und Peripherie, Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Und auf einer existentiellen Ebene: Traum und Wirklichkeit, Geburt und Tod, Liebe und Hass, Krieg und Frieden, Alles und Nichts.

Auf der Ebene (philosophischer) Begriffsbildung fragt der Raum nach dem Einen und dem Anderen, nach Aktion und Reaktion, Original und Abbild, Aktivität und Passivität, Yin und Yang (Grafik 2), These und Antithese. Um die Dialektik kommt man also nicht herum: Dialektik – das Wort bezeichnet ein Denken, das darum bemüht ist, der ersten Intuition (These) zu widersprechen (Antithese) und sich in der Aufhebung dieses Widerspruchs auf eine „höhere Stufe“ zu katapultieren: Synthese. Der prominenteste Ansprechpartner in der Philosophiegeschichte, was die Dialektik betrifft, ist Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831). Er erkannte in der Dialektik nicht nur eine Methode des Denkens, sondern erkor sie zum verborgenen Wirkprinzip in der Geschichte: In der Synthese von widerstreitenden Ereignissen (z.B. Revolution und Reaktion) sah er den sich vollziehenden geschichtlichen Fortschritt.

Hegel gab den sich herausbildenden Nationalstaaten in Europa und dem aufstrebenden Bürgertum eine wichtige Zutat für ihre Anschauung der Welt, die bis heute wirkt: die Vorstellung, dass Geschichte (in sogenannten zivilisierten Gesellschaften) grundsätzlich fortschrittlich auf einen Endzweck hin verlaufe. Hegel ging von einer Art universellen Vernunft im Inneren dieses geschichtlichen Fortschritts aus. Auch wenn es nicht immer zu erkennen sei, gebe es hinter dem (wie wir wissen: nicht selten blutigen) Wirrwarr der Erscheinungen doch eine höhere, sozusagen dem Himmel entgegenstrebende Logik: Er nannte das „Weltgeist“. In dem französischen Kaiser Napoleon sah er z.B. den verkörperten „Weltgeist zu Pferde.“

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Viele der Texte, die in DIE BORDERLINE PROZESSION gesprochen oder projiziert werden, sind von diesem idealistischen Zeitgeist um die Jahrhundertwende 1800 durchweht. Wie besessen kümmerten sich die Dichter und Denker der Epoche um Begriffe des Unbegrenzten, wie z.B. „Das Ganze“, „Die Einheit“, „Die Totalität“, „Das Allgemeine“, „Das Wesen“. Leute wie Étienne Pivert de Senancour, Goethe, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling oder Adolf Tredelenburg fragten sich, wie diese Begriffe in Bezug auf die Begrenztheit der Einzelteile zu denken wären, also kurz: „Was die Welt im Innersten zusammenhält“ (Goethe: „Faust“).


B

Auf die steilen Thesen und Ordnungsversuche der Philosophen antwortet der Alltag mit dem Gleichmut praktischer Notwendigkeit: Der Raum des Alltags ist nicht zweigeteilt, und für das Ganze oder die Totalität interessiert er sich schon gar nicht. Er ist vielfältig gespalten, von hunderten Grenzen durchzogen, die sich beständig umsortieren, erneuern, einstürzen und zugleich löchrig sind wie Schweizer Käse. Der Raum des Alltags gewährt hundertfach Ein- und Ausblick, verwehrt jedoch zugleich den letzten Durchblick. Er kennt zahllose Varianten von Schleusen, Türen, Fenstern und Durchreichen (für Licht, Geräusche, Menschen, Waren), einseitig verspiegelte Scheiben, unüberwindbare Festen und einstürzendes Mauerwerk. Wand an Wand existieren die Menschen, die ihre Haut durch Kleidung, ihre Kleidung durch Wände und Dächer, ihre Häuser durch Städte und ihre Ländereien durch nationale Grenzen umgeben und schützen (Grenze folgt auf Grenze, konzentrisch).

Das Kameraauge auf Kreisfahrt ist der „behinderte Gott“. Es kann prinzipiell alles sehen (= zeigen), aber nicht zu jedem Zeitpunkt. Auch ein Bild existiert erst durch raumzeitliche Begrenzung. Der Raum und die Figuren organisieren sich für das kommende Bild. Das Kameraauge ist ihr heimlicher Fetisch, die Bildwerdung letzte Sehnsucht und Zweck an sich (Lolita).Die_Borderline_Prozession_02

Der Zuschauer sammelt und addiert Perspektiven. Er HAT das Bild nicht, er setzt es in einem unabschließbaren Prozess von Ein- und Ausgrenzung zusammen. Alles existiert zur selben Zeit: Geburt und Tod, Leid und Freude, Krieg und Frieden. Das klingt schlimm, „ist es aber nicht ganz, denn zum Glück gibt es die räumliche Distanz“ (Funny van Dannen). Das BORDERLINE-Bühnenbild ist nicht ausschließlich verräumlichte Dialektik, sondern zugleich ein Labyrinth aus von Wänden und Zäunen begrenzten Raumtypen: Aufenthaltsräume, Transiträume, Verstecke, Hygiene- und Wellnessräume, Lagerräume und Handelskorridore, Räume der Abschottung und der Einladung, Niemands- und Grenzland – ein beständiger Wettstreit zwischen „glattem“ und „gekerbtem“ Raum, um an das bekannte Begriffspaar von Gilles Deleuze zu erinnern: Glatter Raum ist unbebaut, unbegrenzt und unbemessen, er ist der Raum der Nomaden, das Meer. Gekerbter Raum ist gerastert, aufgeteilt, besessen, hierarchisch – er ist der Raum der sogenannten Zivilisation.

Zu einem Zeitpunkt X wird sich dieses Labyrinth auf keinen (Kamera-) Blick vollständig erschließen. Auch zu diesem Denken oder Wahrnehmen lädt die Bühne ein: Die Gleichzeitigkeit des Ungleichen, die Multiperspektive, die für kurze Momente Blickachsen freigibt, die mitunter mehrere Räume durchqueren. Eine Topologie der Ein- und Ausblicke (neun Fenster, zehn Türen), eine Apparatur zur Beobachtung der Beobachtung, die dazu anregt, Gott und Teufel im Detail zu suchen. Die Figuren sehen hinaus und hinein (Sehnsucht!), das Kameraauge sieht und zeigt und sieht und zeigt, das Publikum sammelt und addiert Perspektiven: Alltag und Krise. Eine Raumordnung und ein Figurenkabinett, die vielleicht weder Geschichte noch Geschichten erzählen, sondern Zwischenräume öffnen wollen, in denen sich Denken ereignen kann. Die Position des Autors gerät in ein multiples „Dazwischen“: Zwischen Figur, Bild, Raum, Text, Musik – und Zuschauer.


C


Auch Wachen und Träumen sind als dialektischer Gegensatz gedacht worden. Die Surrealisten im 20. Jahrhundert um André Breton z.B. sahen ihre künstlerische Arbeit darin, den Gegensatz von Wachen und Träumen AUFZUHEBEN. Die Synthese aus wacher Vernunft und der Unlogik des Traumes, aus Bewusstsein und Unbewusstsein, aus der fast mathematischen Klarheit der Dialektik und den komplexen Schichtungen von Bedeutung im Traum – das ist der Surrealismus selbst. Der Surrealismus bezog Stellung gegen die Unterwerfung des Rätselhaften unter die Rationalität, gegen die DEUTUNG des kommenden BILDES.

In diesem Geiste, zum Abschluss, Heiner Müller: „Das Problem des Künstlers ist, dass er sein ganzes werktätiges Leben versucht, auf das poetische Niveau seiner Träume zu kommen. Das geht nur, wenn er nicht interpretiert, was er hervorbringt.“Die_Borderline_Prozession_01


Fotos: Birgit Hupfeld, Max Steffan. Grafiken: sputnic.tv.

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