+++ BREAKING NEWS: THEATER IST GAR NICHT PER SE EMANZIPATORISCH +++

Sogar im Gegenteil: Theater reproduziert hegemoniale Machtstrukturen und Hierarchien. Selbst Theateransätze, welche sich im Kern als politisch begreifen und zum Ziel haben, das Publikum zu aktivieren und die Revolution weiter zu treiben, basieren auf Machtverhältnissen und Hierarchien.

Betrachten wir zum Beispiel Piscators politisches Theater: Er strebte darauf hin, Hierarchien im Publikum und auch unter den Mitwirkenden möglichst abzubauen. In seinem Entwurf für ein Totaltheater wurde die klassische Raumstruktur einer Guckkastenbühne aufgebrochen, der Publikumsraum sollte flexibel und beweglich sein, und vom Bühnengeschehen eingeschlossen werden. Es gab keine Logen mehr im Publikumsraum, welche schon durch die räumliche Anordnung Klassenunterschiede deutlich markierten. Nein, Piscators Anliegen war es, Theater für das Proletariat zu machen, welches als Mittel diente, um den Klassenkampf weiter voran zu treiben. Auch innerhalb der Gruppe der Theatermachenden sollten die Hierarchien relativ flach bleiben: Die Aufführungen wurden im Kollektiv erschaffen. Eine ganz klare hierarchische Trennung wurde jedoch nicht oder nur ansatzweise in Frage gestellt: Die Trennung zwischen Darsteller_innen und Publikum, zwischen jenen, welche Theater FÜR die Anderen machen, um sie von einem politischen Anliegen zu überzeugen, welches von den Agierenden schon verstanden war und von den Zuschauenden erst noch verstanden werden musste. Ähnlich ist es bei Brecht: Trotz Ansätzen wie den Lehrstücken, in denen die Grenze zwischen Agierenden und Zuschauenden aufgelöst werden soll, gibt es trotzdem eine Hierarchie, zumindest eine Wissenshierarchie zwischen denen, die eine bestimmte Art von Wissen schon besitzen, und jenen, die dieses Wissen noch erwerben müssen, und dies erst durch ein bestimmtes Setting, eine bestimmte Aufführung, welches die Wissenden gestalten, können.

Jaques Rancière vergleicht diese Hierarchie in seinem Aufsatz „Der emanzipierte Zuschauer“ (Passagen Verlag, Wien, 2010) mit dem Verhältnis zwischen Lehrer_in und Schüler_in: Es gibt einen Wissensvorsprung, welcher von dem_der Schüler_in minimiert werden soll, durch Methoden, welche die Lehrperson vorgibt. Das Paradoxe an dieser Situation ist, dass die Position der Lehrperson obsolet würde, wenn sie die Wissenshierarchie auflösen und so ihre Aufgabe erfüllen würde.

Ein ähnliches Paradox ist das der Zuschauenden: Theater gibt es nicht ohne Zuschauer_innen, Zuschauen wird allerdings als passiv betrachtet, ohne die Möglichkeit der Erkenntnis und der Handlung. Wie also soll Theater dann dazu aktivieren, den Klassenkampf weiter zu führen und ein handelndes Subjekt zu werden? Rancière fordert die Auflösung von Konstrukten und Gegenüberstellungen wie aktiv und passiv, Sehen und Handeln, Kollektivität und Individualität. Wenn diese Konstrukte als „Teil der Struktur der Herrschaft und der Unterwerfung“ aufgelöst werden können, ergibt dies Chancen für die Betrachtung des Publikums: Sehen wird nicht mehr als passiv, Handeln nicht mehr als aktiv betrachtet. Rancière fordert eine Gleichheit der Intelligenzen: Die Zuschauer_innen werden genauso wichtig genommen, wie die Darsteller_innen. Die Zuschauer_innen kommen mit ihren Vorerfahrungen und individuellen Wahrnehmungen in die Aufführung und verknüpfen das Gesehene mit ihrer Erfahrungswelt. Sie können Distanz zum Geschehen aufnehmen, was wiederum bedeutet, Position zu beziehen und diese zu diskutieren, Differenzen zwischen Wahrnehmungen auszuhalten und einen Dissens zu schaffen. Hier löst sich auch das Versprechen des Theaters als gemeinschaftsstiftende Situation ein: Das Publikum bildet nicht automatisch eine Gemeinschaft durch ihre bloße Anwesenheit und die gleiche Wahrnehmung der gleichen Aufführung, sondern durch das Aushandeln ihrer individuellen Wahrnehmungsweisen und Erfahrungen. Der Sinn der Aufführung ist nicht vorherbestimmt, kann nicht von den Produzierenden besessen werden, sondern entwickelt sich erst im Zusammenspiel der verschiedenen Elemente einer Aufführung: Zuschauen, Darstellen, Handeln, Distanzieren und Positionieren. Allesamt aktiv.

Die Verbindung von Ursache und Wirkung, also, dass etwas aufgeführt wird, die Zuschauer_innen dazu eine Position einnehmen und daraufhin in Aktion treten, wie sie von Brecht und Piscator mit dem politischen Theater gefordert wurden, gibt es also so nicht. An diese Stelle tritt eine Gemeinschaft aus gleichberechtigten Individuen, Zuschauer_innen und Akteur_innen, Erzähler_innen und Übersetzer_innen. Hierin liegt die Emanzipation der Zuschauer_innen, die nicht mehr als passiv, sondern als aktive Mitgestalter_innen der Handlung betrachtet werden und dadurch die Möglichkeit bekommen, Machtstrukturen zu hinterfragen, auszuhandeln und zu verändern.

Zum Weiterlesen:

Erwin Piscator: „Das politische Theater“, Adalbert Schultz Verlag, Berlin, 1929.

Jaques Rancière: „Der emanzipierte Zuschauer“, Passagen Verlag, Wien, 2010.

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