AUFRUF ZUR UN-HIPNESS: SEID NICHT SEXY, SEID POLITISCH!

Im Sammelband „Subversionen – Zum Verhältnis von Politik und Ästhetik in der Gegenwart“ werden verschiedene Aspekte von Subversion beleuchtet, von allgemeineren Betrachtungen über die einzelnen Kunstsparten hin zu einem Abschlussgespräch der Beteiligten. Der Aufsatz „Für eine Subversion der Subversion“ von Martin Doll ist gleich in mehrfacher Hinsicht spannend: Er stellt den Begriff der „Subversion“ mit seiner positiven Konnotation radikal in Frage, und das mithilfe vieler alter Bekannter: es finden sich Foucault und sein Machtbegriff, die Frage nach der Möglichkeit von Kritik im globalen Kapitalismus mit Boltanski und Chiapello, Subversion in Form von Kommunikationsguerilla wie im „Handbuch für Kommunikationsguerilla“ bis hin zu Rancières neuer politischer Philosophie und seiner Gleichheit der Intelligenzen.

Doll definiert wirksame Subversion als Mittel, um einen „Umsturz der Ganzheit einer bestimmten Ordnung“ voranzutreiben. Subversion ist somit an ihrem Ziel zu bemessen. Eine Subversion, welche an ihrem Ziel vorbei wirkt, ihre Richtung nicht weiß oder nur Einzeldinge minimal bewegt, löscht sich selbst aus. Voraussetzung für eine politische Subversion ist, dass die politische Ordnung erst einmal grundlegend verstanden wird, bevor sie attackiert werden kann.

Weiterhin arbeitet Doll heraus, wie Subversion als positiv konnotiertes politisches Werkzeug im Laufe der Zeit durch die Werbung nicht nur einverleibt wurde, sondern sogar das Konsumstreben in der kapitalistischen Gesellschaft befördert, indem Konsumgüter mit dem Versprechen von Freiheit, Individualität und Rebellion verknüpft werden. Subversion gilt heute als erstrebenswert, hip und cool und scheint dabei käuflich.

Schreibt nun nicht jegliche politische Subversion diesen Mythos fort und hilft so, Rebellion noch cooler und hipper zu machen und damit die Konsumversprechen, die daran geknüpft sind, noch zu vergrößern? Subversion verändert und unterläuft das System in diesem Fall nicht, sie IST das System.

Mithilfe von Foucaults Machtbegriff, welcher vereinfacht gesagt ein „Handeln auf ein Handeln“ bedeutet, zeigt Doll, das Subjektivierung und Individualisierung „als internalisierte Normierung eine von den einzelnen Subjekten auf sich selbst ausgeübte Kontrollfunktion“ ausüben. Die in der Werbung genutzten Befreiungs-Standards wie „Sei einzigartig! Sei Du selbst! Sei frei!“ führen dazu, dass Rebellion und Individualität zu Konsumgütern werden, welche einfach im Laden nebenan gekauft werden können. Somit wird die Werbung zum Promoter des „objektlosen Subversiv-Seins“: Oberflächlich können scheinbar herrschende Machstrukturen angegriffen werden, während weitaus subtiler bestimmte Normierungen und Machtbeziehungen des Individualismus und des Konsumkapitalismus wirken.

Attackiert Aktivismus lediglich Grundstrukturen oder verbleibt in Phrasen des Individualismus, läuft er gar mit Marketingstrukturen und ökonomischen Regeln konform, läuft er ins Leere und wird unpolitisch.

Wenn nicht grundlegend gesellschaftliche Ordnungen und zugrundeliegende Machtbeziehungen mitgedacht und in Frage gestellt werden, ist Subversion und Aktivismus daher nicht nur wirkungslos, sondern sogar affirmativ. Aktivismus als Lifestyle täuscht über fehlende Handlung und Aktion hinweg. Und fühlt sich dabei noch gut an, denn man steht schließlich auf der richtigen Seite. Nebenbei wird das Konsumstreben innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft noch befördert, da durch neue Abgrenzungsmechanismen neue Produkte geschaffen und mit dem Versprechen von individueller Freiheit und Rebellion aufgeladen werden.

Politisches Handeln, welches darum bemüht ist, die kapitalistische Ordnung und ihre zugrunde liegenden Machtverhältnisse zu verändern, muss sich daher des Begriffes der Subversion entledigen. Es muss sich vom Bild der Coolness und Hipness, der Individualisierung entledigen und dem Bilder von Gemeinschaft, Gleichheit und Gerechtigkeit entgegensetzen.

Zur Gleichsetzung im Gegensatz zur Individualisierung schlägt Martin Doll die politische Philosophie von Jaques Rancière vor. Dieser definiert die Begriffe Politik und Polizei radikal neu: Polizei ist das, was vornehmlich als Politik in institutionalisierter Form verstanden wird, also die „Distribution von Stellen und Funktionen, von der eine gesellschaftliche Ordnung gebildet wird“ (Rancière). Politik dagegen steht für das Handeln, das grundlegend Ordnung hinterfragt und Minderheiten und Ausgebeutete zu Wort kommen lässt. Es geht um eine neue Form des Streitens, um einen Dissens, der ständig ausgetragen wird und bestehende Ordnungen und Redepositionen in Frage stellt. Hier sollen nicht nur diejenigen sprechen und herrschen, welche „einen Titel haben“. Es geht um die Eröffnung von Räumen, in denen auch diejenigen sprechen und handeln können, welche vorher nicht gehört wurden – fluide, prozesshaft und immer bereit, sich selbst wieder in Frage zu stellen. Nichts ist per se und an sich politisch, sondern erst, wenn es den Individualitäts- und Normierungs-Bestrebungen das Prinzip der Gleichheit entgegensetzt.

Wenn politische Aktion und Subversion also nur dazu dienen, das eigene Ego und die eigene Individualität zu füttern, sich selbst im besten Licht dastehen zu lassen und Distinktionsmerkmal wird, ist sie nicht mehr politisch. Vielmehr bedeutet politische Aktion, „Bühnen des Dissens“ zu errichten, weit weg von den Bühnen der subversiven Aktivist_innen, deren Entwurf von politischer Aktion in der Postmoderne mit den polizeilichen Regelungen des Spätkapitalismus korrespondiert und sie nicht hinterfragt – denn hier werden nur diejenigen gehört, welche die Zeichen der Postmoderne kreativ beherrschen und dabei noch hip und cool sind und durch ihre Opposition und ihr Rebell_innentum die Anerkennung der Gesellschaft erlangen.

Einen Ausweg aus diesem Dilemma der Einverleibung der Subversion durch den Kapitalismus (näheres hierzu übrigens auch in „Der neue Geist des Kapitalismus“ von Boltanski und Chiapello) und der daraus folgenden Wirkungslosigkeit – bzw. schlimmer: Affirmativität – sieht Martin Doll in einem Umdenken von politischer Aktion: Er fordert eine Subversion der Subversion. Wirksame politische Aktionen sind für Doll eher sachte und unspektakuläre Aktionen, welche jedoch den Raum für eine permanente Selbst-Infrage-Stellung und eine Praxis des Dissens lassen. Aktionen, die darauf achten, nicht selbst zur Marke oder Selbstverständlichkeit zu werden, die die Logik der Herrschaft hinterfragen und Räume schaffen, in denen eine Gemeinschaft von gleichberechtigten Intelligenzen eine Praxis des Streitens entwickeln kann. Diese Art der politischen Aktion ist vielleicht weniger sexy, aber dafür umso politischer.

Zum Weiterlesen:

Martin Doll: „Für eine Subversion der Subversion“, in: Thomas Ernst, Patricia Gozablez Cantó, Sebastian Richter, Nadja Sennewald, Julia Tieke (Hrsg.): „Subversionen. Zum Verhältnis von Politik und Ästhetik in der Gegenwart“, transcript Verlag, Bielefeld, 2008, S. 47-68.

Luc Boltanski, Ève Chiapello: „Der neue Geist des Kapitalismus“, UVK Verlagsgesellschaft mbh, Konstanz, 2003.

autonome a.f.r.i.k.a. gruppe: „Handbuch der Kommunikationsguerilla“, Assoziation A, Berlin und Hamburg, 2012.

Jaques Rancière, „Das Unvernehmen“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2002.

 

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