Archiv der Kategorie: STERNTAGEBÜCHER

AUF IN DEN SPIEGEL

Visitor Q

 

Als mein Onkel ein Kind war, pflegte er, sobald es unter einer Autobrücke her ging, zu schluchzen: „Ich will oben lang, Vati.“ Wenn Vati, der geduldige, den Wagen aber ein paar Schleifen später über die Brücke steuerte, war das auch nicht richtig. „Ich will doch unten lang“, weinte er dann.

Was der arme Junge eigentlich wollte, war unmöglich: auf der Brücke stehen und sich selbst dabei zusehen, wie er unter ihr her fährt. Am besten noch Winken dabei. Schmerzhaft ist die Erkenntnis, dass die einzige lebendige Person, die einem mit Sicherheit niemals zuwinken wird, man selbst ist. Man steht sich buchstäblich zu nah – hat sich aber deshalb auch am schlechtesten im Blick. AUF IN DEN SPIEGEL weiterlesen

DIE ECHTE ZOE

Meine Tochter ist Fan der Zeichentrickserie „Zoés Zauberschrank“, in der ein Mädchen namens Zoé mit ihren Freunden Abenteuer besteht. Der Schritt in den Kleiderschrank katapultiert sie mal nach Schottland, wo sie als golfende Ärzte einen blinden Büffel heilen, mal ins Weltall, wo sie als reinliche Astronauten die eingestaubten Sterne zu altem Glanz wienern. Einige Folgen sind ziemlich raffiniert (meine Empfehlung: „Der Schatz des sprechenden Berges“), und ich ziehe „Zoé“ anderen Schrecklichkeiten wie „Peppa Wutz“ (über eine debile Schweinefamilie) oder „Der Bär im großen blauen Haus“ (über einen Bär in einem großen blauen Haus) bei weitem vor. DIE ECHTE ZOE weiterlesen

WENN UNS EINER TRÄUMT

Das goldene Zeitalter

Als mein Cousin sechs Jahre alt war, saß er mit seinem Vater zusammen im Computerzimmer. Er blätterte in einem Buch, während sein Papa auf den Bildschirm blickte. Beide waren in ihre Gedanken und Aufgaben vertieft. Plötzlich sah mein Cousin auf und sagte nachdenklich: „Papa. Wenn uns einer träumt, der träumt aber lange.“

Wenn uns einer träumt, der träumt aber lange. Das ist ein Satz, den in seiner Schlichtheit und Tiefe kein Dichter am Schreibtisch herbei phantasieren könnte. Was mich an ihm so berührt, ist die Mischung aus Unbedarftheit, Melancholie, Weisheit und dieser besonderen Inspiration von Kindern. Mein Cousin hatte offenbar schon früh eine Ahnung für das Absurde am Dasein.

Was, wenn der, der uns träumt, plötzlich aufwacht? Sind wir dann alle weg? Sigmund Freud ging davon aus, dass wir im Traum nur in Zitaten sprechen, sehen und in gewisser Weise auch fühlen. In Träumen gibt es keine Originale. Wenn wir also Objekte im Traum eines Anderen wären – was wären wir dann anderes als Zitate von etwas, das wir selbst nicht sind?

Die Frage ist, ob das nicht eigentlich eine ganz treffende Definition des Menschen wäre. Menschen sind Zitate. Die Sprache? Gab es vor unserer Geburt. Unsere politischen Haltungen? Nichts als ausgeborgte Gesten. Die Gefühle? Angst, Liebe und Traurigkeit sind Jahrtausende älter als unsere individuellen Leben. Unsere Gedanken? Milliardenfach gedacht zu allen Zeiten.

Und das Theater? Ein Ort, gebaut für das Rezitieren selbst: Dort schleudern wir uns die Zitate aus Literatur, Kunst und Musik um die Ohren. Wir experimentieren mit dem Nachlass der Welt, aus dem wir uns selbst zusammensetzen. Wozu? Wo Zitat auf Zitat trifft, in noch nicht dagewesener Weise – an diesen „Nahtstellen“ kommt es mitunter zu glücklichen Momenten, die unplanbar und unwiederholbar sind, in denen unser Dasein als Zitat übertroffen wird.

Am Freitag ist Premiere von „the return of DAS GOLDENE ZEITALTER“: Schopenhauer trifft auf Mario Götze trifft auf Sahnejoghurt trifft auf Goethe trifft auf Duracell-Hase trifft auf Karl Marx trifft auf Wagner trifft auf „Die Ärzte“ treffen auf Supergirl. Hoffentlich werden wir geküsst von der Inspiration der Kinder. Auf meinen Cousin. Der Abend ist für dich. Zitat Ende.

 

Das Sterntagebuch wurde am 25. Januar 2015 in den Ruhr Nachrichten veröffentlicht.

Foto: Edi Szekely

OTTER UND DACHS

Meine Töchter haben kürzlich von Opa und Oma zwei Kuscheltiere geschenkt bekommen: einen kleinen Otter und einen kleinen Dachs. Die neunmalkluge Dreijährige hatte sofort zwei super Rufnamen parat – und zwar „Otter“ und „Dachs“. Mit dem Dreh, dass der kleine Otter nun Dachs und der kleine Dachs nun Otter heißen sollte. Entscheidungen dieser Art zweifelt man nicht an. Getauft ist getauft. Jedoch: Wir haben es mit einer verzwickten Überkreuzung von Gattungs- und Eigennamen zu tun, die durch die Angewohnheit im Pott, Eigennamen mit bestimmten Artikeln (der oder die) zu versehen, noch verkompliziert wird. OTTER UND DACHS weiterlesen

WEM GEHÖRT CHARLIE?

Sonntagabend, kurz vorm Dortmunder Tatort. Die Tagesschau läuft. Ein kleiner Bericht über die jährliche Kranzniederlegung am Grab Rosa Luxemburgs, eine Kamerafahrt über die Stele: „Die Toten mahnen uns.“ Ich schaue aus dem Fenster und sehe die großen, weißen Buchstaben des „JE SUIS CHARLIE“-Schriftzugs am Dortmunder U. Auch die Toten der fürchterlichen Terroranschläge in Paris mahnen uns. Scheint es. Doch jeder erhält anscheinend eine andere Ermahnung: die einen zur Wahrung der Meinungsfreiheit und Toleranz, die anderen zum erneuten lauten Nachdenken über Vorratsdatenspeicherung und verschärfte Grenzkontrollen. PEGIDA und Sympathisanten fühlen sich zur islamophoben, unbelehrbaren Hetze ermahnt. Und AfD-Politiker zum Wahlkampf.

Schon wenige Stunden nach den Anschlägen hatten sich Abertausende mit den Opfern solidarisiert, als wäre es ein Wettlauf. Sowohl die Organisatoren der PEGIDA- und HoGeSa-Demos wie auch die Organisatoren der Gegendemonstrationen ließen verlauten, sie seien Charlie. Die Opfer waren noch nicht bestattet und wurden schon für die unterschiedlichsten Zwecke vereinnahmt. Die überall spürbare Angst und Unruhe der letzten Tage fördert wieder einmal den Kampf um die Aussagekraft und Botschaft der Toten. Wer also bemächtigt sich ihrer? Wer bemächtigt sich der Vergangenheit und ihrer Erinnerung? Und wie?

„Du malst den Toten Sprechblasen auf die Grabsteine / die du mit deinen eigenen Gesetzestexten füllst.“ Das sagt Elektra zu ihrer Mutter, der Königin Klytaimnestra. Auf unseren Proben zur „Elektra“ (Premiere am 7. Februar) wird derzeit viel über Vergangenheit und Gegenwart geredet: über das nächtelange, fassungslose Lesen der PEGIDA-Facebookseiten, den aufflammenden Naziprotest gegen die Asylunterkunft in Eving, das Verschwimmen von linker und rechter Gesinnung. Über das diffuse Gefühl, dass gerade ziemlich viel vor die Hunde geht.

Aber Angst produziert keine gute Zukunft. Wir müssen Ängste anschaulich machen, damit sie bearbeitet werden können: Herzlich willkommen in der Erzählmaschine Schauspiel Dortmund. Es gibt noch Karten für die Elektra-Premiere. Gemeinsam gegen die Angst!

Das Sterntagebuch wurde am 14. Januar 2015 in den Ruhr Nachrichten veröffentlicht.

LIEBES JAHR 2015

Dialog am Frühstückstisch. Meine Frau: „Hast du gute Vorsätze für das neue Jahr?“ Ich: „Interessant. Genau zu dieser Frage wollte ich mein Sterntagebuch schreiben. Ich finde gute Vorsätze bescheuert.“ „Warum? Sie sind das einzig wirklich Sinnvolle an Silvester.“ „Aber wozu sollte ich mir vom Kalender diktieren lassen, wann ich mein Leben ändern will? Ich kann mir Vorsätze auch zum 21. Mai machen. Oder einfach gar nicht. Als ob das Leben nicht von allein genug Druck auf die Menschen ausübt.“ „Hast du wirklich keinem einzigen guten Vorsatz?“ LIEBES JAHR 2015 weiterlesen

WÜNSCHE, LIEBE, LÜGEN

Nicht zu übersehen, nicht zu verdrängen derzeit: Weihnachten steht vor der Tür. Wir schenken uns was, hoffen auf Erfüllendes und tauschen allenthalben Grüße, Geschenke, Wünsche.

Ob unter all den dahingesagten Wünschen jetzt im Dezember jene nach Toleranz und Frieden noch Konjunktur haben? Wenn sie sich auf die große Politik beziehen – wer weiß? Ich würde mir wünschen, diese Wünsche könnten voll Selbstbewusstsein und Mut auf einen Passus des Matthäus-Evangeliums gedacht sein: „Jesus Christus spricht: Wer einen Fremden aufnimmt, der in Not ist, der nimmt mich auf; wer einen Fremden, der Hilfe braucht, zurückweist, der weist mich zurück.“ Voll Scham können wir derzeit erkennen, wie begrenzt die Macht unserer Wünsche ist – angesichts von PEGIDA in Dresden, Dügida in Düsseldorf und HoGeSa in Köln, angesichts einer menschenfeindlichen Asylpolitik einer Koalition, deren hälftiger Part das Adjektiv „christlich“ in ihrem Namen zu führen sich nicht schämt. Allein, es liegt in unserer Hand, unseren Wünschen auch Taten Folgen zu lassen… WÜNSCHE, LIEBE, LÜGEN weiterlesen

DIE WILDEN SIND LOS!

Am Wochenende gab es ein feuriges Premieren-Stelldichein am Schauspiel Dortmund zu bewundern. In „Szenen einer Ehe“ verwandelte die Regisseurin Claudia Bauer unser Ensemble in ein wildgewordenes Rudel, das den Lebenswunsch nach einer harmonischen Ehe genüsslich zerfleischt. In „Nosferatu“ erinnerte uns Jörg Buttgereit an das ureigene Verlangen, die Fantasiewelt in ein lustvolles Horrorkabinett zu tauchen. Und just brüte ich über der Textfassung unserer Punk-Operette „Häuptling Abendwind“, in der eine Horde Kannibalen einen musikalisch-karnivorischen Festschmaus zubereitet. Die legendäre Ruhrpott-Punkband Die Kassierer wird diesen Abend live begleiten – ungestüm und laut natürlich! Sind die Errungenschaften unserer Zivilisation also in Gefahr? Steckt unter dem Deckmantel der Kultiviertheit allzeit das unbändige Tier? Steppt da der Bär?

Gehen wir nicht gerade ins Theater, um uns besonders kultiviert zu zeigen? Mit dem Gläschen Sekt in der einen Hand und der brandaktuellen Zeitdiagnose auf dem Zeigefinger der anderen Hand reflektieren wir die Abgründe des Menschseins – aber bitte distinguiert und distanziert. Oder steckt der wahre Spaß am Theaterbesuch nicht viel eher darin, dem schändlichen Drachen ins Maul zu schauen, dem Leviathan auf den schäbigen Essteller zu gucken? – Schließlich kennen wir die darauf lauernden ungesunden Ingredienzien nur all zu genau…

Also wenn das nächste Mal auf der Bühne ein großes, wildes – wenn auch bloß symbolisches – Menschenfressen stattfindet, denke ich einfach an die Worte des Ethnologen Claude Lévi-Strauss: „Wenn bestimmte Zeremonien bei ganz verschiedenen Völkern immer wiederkehren, dann muss es sich um etwas handeln, was nicht vollkommen absurd ist.“ Egal ob Kannibalen, Vampire oder Ehebrecher die Szene bevölkern, der „wilde“, im Mythos verankerte Mensch versucht doch stets, die gleichen Fragen zu beantworten wie der „zivilisierte“ Mensch.

 

Veröffentlicht am 3. Dezember 2014 in den Ruhr Nachrichten.

 

SÜSSE ILLUSIONEN

Etwa 25 Millionen Euro ließ sich das englische Königshaus im April 2011 die Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton kosten. In mehr als 180 Länder wurde das Spektakel übertragen und erreichte dort bis zu zwei Milliarden Menschen. Facebook registrierte knapp drei Millionen Beiträge zum Thema, Twitter 237 Tweets pro Sekunde. Zehntausende Untertanen versammelten sich am Buckingham Palace, um den – laut Experten übrigens deutlich zu kurzen – Kuss des frisch vermählten Paars zu bejubeln. SÜSSE ILLUSIONEN weiterlesen

MAUERN, ZÄUNE UND ZAHLEN

Am 9. November jährt sich der Fall der Berliner Mauer zum 25. Mal. Ein Grund zum Feiern und zur Erinnerung an politische Gefangene der SED-Diktatur und die Menschen, die am innerdeutschen Grenzzaun starben. Während in Berlin durch die symbolische Markierung des Mauerverlaufs mit einer „Lichtgrenze“ aus 8000 leuchtenden Ballons allein der Vergangenheit gedacht wird, versuchen die Aktionskünstler des „Zentrum für Politische Schönheit“ eine Engführung von Gedenken und Gegenwart: Die innerdeutsche Mauer ist weg, aber an den Außengrenzen der EU ist in den vergangenen Jahren eine neue „Mauer“ entstanden – hochgerüstete Grenzanlagen in Bulgarien, Griechenland, im spanischen Melilla. An dieser Mauer wird gestorben, jetzt und heute.

Sicher ist es moralisch streitbar – wie geschehen – Teile der Gedenkstätte für die Mauertoten zu entfernen und an den EU-Außengrenzen zu inszenieren. Aber die kontroverse Diskussion der letzten Tage zeigt die Brisanz des Themas: Wo liegt unsere Verantwortung Flüchtlingen von heute gegenüber? Wir alle kennen die Berichte von gekenterten Nussschalen auf dem Mittelmeer und überfüllten Aufnahmelagern in Italien. Und auch bei uns: volle Aufnahmelager, Gewaltexzesse von Sicherheitsdiensten, Hausbesetzungen durch Asylbewerber, politische Diskussionen um die weitere Aufnahme von vergleichsweise wenigen Flüchtlingen.

Die Gedenkstätte für die Mauertoten erinnert an individuelle Schicksale. Aber wer verleiht den Flüchtlingen der Gegenwart ein Gesicht? Hinter der anonymen Masse stehen Menschen. Im Gepäck: Verzweiflung und Hoffnung auf eine Zukunft. Wie damals an der innerdeutschen Grenze. Der Autor Miltiadis Oulios gibt den Schicksalen der Gegenwart in seinem Buch „Blackbox Abschiebung“ eine Stimme: Menschen, die es zwar nach Deutschland geschafft haben, aber nicht bleiben durften. Gemeinsam mit dem Stadtmagazin Bodo, Pro Asyl und dem Schauspiel Dortmund präsentiert Oulios sein Buch am 9. Dezember im Institut des Schauspiels (19:30 Uhr). Der Eintritt ist frei.

Veröffentlicht am 5. November 2014 in den Ruhr Nachrichten

IDEENSTAU

Von Alexander Kerlin

 

Auf der Suche nach einem Thema für die heutige Kolumne bin ich meine Notizen durchgegangen. Über meinem Schreibtisch kleben etwa 30 Zettel mit Ideen und Zitaten, rund die Hälfte davon mit dem Vermerk STB: Sterntagebuch. In meinem Smartphone finden sich weitere 452 Notizen aus den letzten Monaten, notiert an allen denkbaren Orten: In der U-Bahn, in Besprechungen, mitten in der Nacht im Bett. Darüber hinaus: Bekritzelte DinA4-Zettel und Buchdeckel, verteilt über mein ganzes Büro.

Notiz vom 29. September 2014, 13:16 Uhr: „Die Angst, die einsetzt, sobald man keinen Output mehr generiert.“ Der Zwang zur Produktion. Vielleicht hatte ich schon ein Sterntagebuch im Kopf, als ich mir das notierte. Ich stand in irgendeiner Warteschlange und fühlte mich fremd gesteuert. Körperstau vor der Kasse, Ideenstau im Hirn. Hölle für den Arbeitssüchtigen.

„Alles ist Material für die Kunst.“ (Heiner Müller) Also auch die Angst, die einsetzt, wenn man unproduktiv wird. Man betrachte die eigene Situation von außen und verwandele sie in eine kleine Notiz, die ein Denk-Potential gespeichert hat. Schon geht es besser – ein Trick, zumindest mit den Symptomen klarzukommen.

Notiz vom 21. Oktober 2014, 13:21 Uhr, direkt in die Kolumne eingefügt: „Das zerstörerische Gefühl, das einsetzt, wenn man beim Schreiben kein Ziel vor Augen hat.“ Notiz am selben Tag, 13:42 Uhr: „Mir fällt immer noch nichts ein. Habe das Büro-Fenster aufgemacht. Frischluft tut gut. Der Himmel ist grau, die Straßen nass, die Blätter bunt. Das nervtötende Geräusch von Autos, die durch Pfützen fahren. Zum Mittag gab es Rote Beete-Salat. Der Herbst ist die beste Zeit, um ins Theater zu gehen.“

Wikipedia verrät mir, dass Arbeitssucht und Perfektionismus zwei Seiten derselben Medaille sind. Ertappt, denn mich treibt gerade die Frage: Wie bringe ich diese Kolumne zum perfekten Abschluss? 21. Oktober, 13:56 Uhr: „Sterntagebuch für morgen mit einem Schnitt beendet. Stein vom Herzen gefallen. Ich sollte mal wieder einen Tag ohne Notizen verbringen!“

Veröffentlicht am 22. Oktober 2014 in den Ruhr Nachrichten.