Archiv der Kategorie: STERNTAGEBÜCHER

KLEINER BRAUNER FLECK

stbÜber unserem Küchentisch hängt eine Weltkarte, schön in Pastellfarben. Wenn die Kinder fragen, in welchem Land wir leben, antworten meine Frau und ich, der Wahrheit entsprechend: „Seht nur, in dem kleinen, braunen dort.“ In der Tat: Australien ist gelb, USA pink, China grün. Aber der kleine, braune Fleck: Deutschland. KLEINER BRAUNER FLECK weiterlesen

DIE ZEIT DAVOR

stbSzene 1. Dort, wo noch vor einem Jahr jemand war, ist nun keiner mehr. Hier gingen wir spazieren, du und ich, an der Mauer entlang auf dem Weg zur kleinen Brücke. Es lag Schnee. Wir sprachen von einer Zukunft, die offen vor dir lag wie ein gerade bestellter Acker. Sie gehörte dir. Heute nieselt es. Die Mauer ist die gleiche. Ich erkenne die Risse, das Moos. Aber dort, wo noch vor einem Jahr jemand war, ist nun keiner mehr. Hätten wir das gewusst; du und ich. DIE ZEIT DAVOR weiterlesen

GRENZENLOSER EINBLICK

stbIch weiß nicht, vielleicht ist das eine masochistische Ader von mir. Ich lese obsessiv die Facebook-Seiten der politisch ganz Rechten. Ich verzweifle dabei – aber ich tu es. So fand ich mich schon kurz nach den Paris-Anschlägen auf der Seite von Pegida. Um in der Annahme bestätigt zu werden, dass der islamistische Terror dort sofort mit dem Schicksal der Geflüchteten in einen Kausalzusammenhang gebracht wird, der aus einer großen Mehrzahl von Opfern Täter macht.

Facebook hat ein überragendes Gedächtnis. Aber es weiß nicht, mit welcher Haltung jemand liest – kritisch oder bejahend. Es weiß nur: den interessiert Pegida, und die Algorithmen laufen dann automatisch. In meiner Timeline tauchen derzeit vermehrt „gesponserte Beiträge“ (sprich: Werbung) vom rechten Rand auf, z.B. von GDD („Gegen die Destabilisierung Deutschlands“) oder von der „European Defence League“. Letztere griffen mich kürzlich mit einem Video an, das wahllos Bilder von rennenden, dunklen Menschenmassen mit bedrohlicher Musik kombiniert und weiße Menschen zeigt, die dazu schluchzen: „Sie drangen in mein Haus ein und nahmen mir alles.“ GRENZENLOSER EINBLICK weiterlesen

DU GUCKST JA NUR ZU!

stbMeine große Tochter, die eigentlich gar nicht groß ist, aber immerhin größer als die kleine, nämlich fast vier, war am Sonntag mit mir im Theater. Es lief „Minority Report“ im Studio, ich hatte Abenddienst. Sie schaute über weite Strecken gebannt zu, was sicher nicht am Thema lag (Wie steht es um die Freiheit in Zeiten von Big-Data?), sondern eher am Mitwirken ihrer Freundin, der Schauspielerin Merle Wasmuth und mehrerer Barbie- und Ken-Puppen auf großen Leinwänden.

Und weil das Stück „gar nicht so gruselig“ war, wie sie zunächst befürchtet hatte, und weil ich sie bei den allzu expliziten erotischen Szenen kurz mit raus nahm („Warum hat Barbie sich hingelegt?“ – „Äh, die ist total müde! Komm, wir holen eine Brezel!“), wertete ich den Abend stolz als Erfolg für unser Papa-Tochter-Verhältnis. DU GUCKST JA NUR ZU! weiterlesen

AUSSTEIGEN: „INTELEXIT“

stbWer zuviel trinkt, findet Hilfe bei den Anonymen Alkoholikern. Wer zuviel arbeitet, geht zu den Anonymen Arbeitssüchtigen. Wer kein Bock mehr darauf hat, ein Neonazi zu sein, wendet sich an Initiativen wie „Exit Deutschland“. Oder du bist gewaltbereiter Salafist? Versuch es mal mit dem Projekt „Wegweiser“. Willst du aus der linksextremen Szene raus? Für dich bietet der Verfassungsschutz Aussteiger-Programme an.

Nun gibt es eine neue Initiative für Menschen, die eigentlich auf dem Radar der Hilfebedürftigkeit nicht auftauchen. Sie heißt „Intelexit“ und richtet sich an Mitarbeiter von Geheimdiensten wie dem Bundesnachrichtendienst, der NSA oder dem britischen GCHQ. „Diese Menschen“, so die Wiener Psychologin Angelika Schneider in einem Informationsvideo von „Intelexit“, „leiden unter dem, was wir Kognitive Dissonanz nennen.“ Darunter versteht man den Leidensdruck von Menschen, die ständig gezwungen sind, Dinge zu tun, die ihren Werten zuwider sind. AUSSTEIGEN: „INTELEXIT“ weiterlesen

WENN DIE SYRER WALE WÄREN

von Philipp Ruch / Zentrum für Politische Schönheit

„Warum sollen wir Mitleid mit Menschen haben?
Von ihnen können wir jederzeit mehr machen,
aber ein Pferd – versuch mal, ein Pferd zu machen!“
Stalin

stbAls der letzte Bär im Zoo von Sarajevo 1992 während des Bosnien-Krieges verhungerte, war die öffentliche Empörung groß. Der geplante Massenmord von Hunderttausend Menschen, gerade auch die mit gezielten Kopfschüssen getöteten Kinder zu Kriegsbeginn, verkörperten dagegen das kleinere Problem. Der Dortmunder Zoo ist ein Liebling der Lokalmedien; bedrohte Tiere sind immer auch eine Herzensangelegenheit der (medialen) Weltöffentlichkeit. WENN DIE SYRER WALE WÄREN weiterlesen

TROLLE

Vor kurzem gab es bei Maybrit Illner eine Meinungsverschiedenheit zwischen dem Aktivisten Sascha Lobo und dem Kripo-Gewerkschafter André Schulz. Die Frage: Ist der gegenwärtige Hass gegen Fremde ein Randphänomen („eine Gruppe von ca. 20.000 radikalisierten Deutschen“, Schulz)? Oder ist der Rassismus längst ein Massenphänomen (Lobo)?

Lobos Einschätzung ist durch das Netz geprägt. Er beobachtet eine tiefgreifende Veränderung des Verhaltens in den Sozialen Medien. Offen rassistische und verfassungsfeindliche Kommentare werden massenhaft unter „Klarnamen“ (d.h. nicht mehr unter Pseudonymen) veröffentlicht – ein Indiz für Lobo, dass ein gesellschaftliches Tabu gebrochen ist. Zum Glück stimmt das nicht ganz: Die Website „Perlen aus Freital“ hat in den letzten Wochen freundlicherweise Facebook-Rassisten und Holocaust-Leugner direkt mit ihren Arbeitgebern in Kontakt gebracht hat – in mehreren Fällen kam es zu Entlassungen. So mancher wird sich da über sein Netz-Verhalten geärgert haben: „Nüchtern bin ich doch eigentlich ganz anders und sogar Roberto Blanco-Fan“. TROLLE weiterlesen

WORTE HELFEN NICHT, SONDERN TATEN

An einem Dienstagmorgen im Juni auf einem muslimischen Friedhof in Berlin. Aufgeworfene Erde. Zwei Särge werden hinabgelassen – ein großer und ein kleiner für eine Mutter und ihr zweijähriges Kind. Eine kleine Trauergemeinde spricht mit dem Imam das islamische Totengebet. Zahlreiche Journalisten umringen das Grab. Davor auf rotem Teppich mehrere Reihen leere Stühle. Doch die geladenen Trauergäste sind nicht erschienen: Angela Merkel, Thomas de Mazière und viele andere. Ein privater Moment, der Öffentlichkeit sucht… WORTE HELFEN NICHT, SONDERN TATEN weiterlesen

WILLKOMMEN UND ABSCHIED

Ich persönlich bin ja ganz schlecht darin, ein Ende zu finden. Sowohl beim Zeitpunkt – auf Parties bleibe ich meist zu lange – als auch beim Abschied an sich. Da bin ich ein großer Fan des stillen Abgangs: einfach ohne persönliche Verabschiedung gehen. Anfänge sind mir da lieber: Der Urlaubsbeginn, das frisch angeschnittene Brot, das neu beginnende Projekt. Jedem Anfang wohnt eben ein Zauber inne, das schrieb schon Hermann Hesse.

Aber alles hat eben irgendwann ein Ende. Manchmal ist das ein Grund zur Freude – und manchmal ist man sehr traurig. Wenn Beziehungen in die Brüche gehen, lieb gewonnene Menschen sterben oder einfach eine schöne Zeit zu Ende geht. Das ist im echten Leben genauso wie im Theater. Im Schauspiel mussten wir uns z.B. gerade von DAS GOLDENE ZEITALTER verabschieden. Und dabei wurde sicher das ein oder andere Tränchen im Publikum und bei den Beteiligten verdrückt. WILLKOMMEN UND ABSCHIED weiterlesen

SPANNUNG

Abendbrot. Die Große (3) trinkt Milch aus ihrem Becher (Marke: Lillifee). Die Kleine (1) hat auch Milch, aber im falschen Gefäß. Sie will wie ihre Schwester aus einem Lillifee-Becher trinken. Für eine Einjährige ist wollen gleichbedeutend mit handeln, also greift sie ohne Rücksicht auf Verluste zu. Zwei konkurrierende Kinderhände an einem Becher randvoll mit Milch: Meine Frau und mich überfällt zeitgleich dasselbe innere Bild (in dem ein Milchsee und zwei Erwachsene vorkommen, die mit Lappen bewaffnet zwischen den Stühlen herum kriechen). Ich: „Hey hey hey!“ Meine Frau: „Laaangsam!“ SPANNUNG weiterlesen

ANGST

Ungefähr mit zwanzig Jahren bekam ich es mit der Angst zu tun. Es gab keinen speziellen Anlass. Ich saß an einem Esstisch, im Gespräch mit Freunden. Zuerst bemerkte ich die Angst in den Schultern, dann in der Brust, schließlich in den Beinen. Vielleicht war der Auslöser eine Sehnsucht, von der ich schon zu lange ahnte, dass sie unerfüllt bleiben würde. Oder ich begriff zum ersten Mal mit vollem Bewusstsein, dass das Leben nicht unendlich lang sein wird. Oder, ganz im Gegenteil: Ich spürte, wie sich die Zeit dehnte, lang und zäh, und wie ich irgendwann am ewigen Aufschub zugrunde gehen würde. Oder alles drei zugleich. ANGST weiterlesen