Kategorie-Archiv: MINORITY REPORT

Minority Report oder Mšrder der Zukunft

YOU WILL

YOU CAN RUN BUT YOU CAN’T HIDE. Was dich verfolgt, kommt aus der Zukunft auf dich zu. Du wirst dich für ein Produkt interessieren. Du wirst bestimmte Urlaubsziele aufsuchen. Du wirst einen Partner finden, mit folgenden Eigenschaften. Du wirst den Kredit nicht zurückzahlen können. Aller Wahrscheinlichkeit nach, aller Berechnung nach. Deshalb verraten wir es dir schon mal, weil es ohnehin eintreten wird. Dann kannst du die Augen offen halten. Wir werden das natürlich auch tun. Du wirst einen Mord begehen

Minority Report oder Mšrder der Zukunft

MOIREN ÖDIPUS OREST

Da sind sie wieder, die antiken Moiren, Göttinnen des Schicksals, der Zirkellogik, der sich selbst erfüllenden Prophezeiungen, die schon alte Helden und Mörder wie ÖDIPUS oder OREST der Zukunft preisgegeben haben – Vorgänger und Leidensgenossen des FBI-Agenten John Anderton aus MINORITY REPORT. Vor den Sprüchen der antiken Orakel standen die Menschen machtlos. „Ödipus wird eines Tages seinen Vater töten, den König Laios.“ Und dann: Ausgerechnet indem Laios sich vor diesem grauenhaften Schicksal schützen will, setzt sich eine Ereignis-Kette in Gang, die unweigerlich zum Tod des Königs führt. Mord am Vater durch den Sohn. Hat das Orakel also Zukunft vorhergesagt oder produziert? Ist Orakeln ein passives oder ein aktives Geschäft? Und Orest? Der versucht gar nicht erst, sich gegen den Spruch zu wehren. Apollon sagt ihm den Mord an seiner Mutter voraus. Orest geht, obwohl er von Zweifeln geplagt wird, nach Argos, sucht die Mutter und tötet sie. Vorhersage und Auftrag werden eins. Diese Ergebenheit ins Schicksal war in Orests Orakelspruch genauso einkalkuliert wie Laios’ Aufbegehren. Freier Wille? Wie du dich auch verhältst, der Weg zum prophezeiten Ziel ist schon eingeschlagen. Die Moiren haben deinen Lebensfaden längst gesponnen und gespannt. Dein Schicksal in ihn eingearbeitet.

Minority Report oder Mšrder der Zukunft

GLOBALE ÜBERWACHUNG/AUGEN

Derzeit wird nicht nur immer nachvollziehbarer, gläserner, was einer getan hat und tut, sondern auch immer kalkulierbarer, was einer vorhat, vor sich hat und tun wird. Über 79,1% der Deutschen sind 2014 online, 50% von ihnen immer und überall via Smartphone (ARD/ZDF-Onlinestudie 2014). Tendenz steigend. Das Internet der Dinge kommt, der gewöhnliche Alltag wird
in Zukunft noch einmal deutlich mehr Daten über alles Mögliche abwerfen: Zähne putzen, Musik hören, Energieverbrauch, Einkaufsverhalten, Autofahren, Krankengeschichte, Sexleben usw. Schätzungen zufolge verdoppelt sich derzeit alle zwei Jahre die Menge des weltweiten Datenvolumens. Die 14- bis 29-Jährigen verbringen inzwischen mehr Zeit im Netz als vor dem Fernseher. Glenn Greenwald, Autor von DIE GLOBALE ÜBERWACHUNG – DER FALL SNOWDEN, DIE AMERIKANISCHEN GEHEIMDIENSTE UND DIE FOLGEN, schreibt dazu: „Das Internet ist nicht nur unser Postamt und unser Telefon, sondern das Epizentrum unserer Welt – der Ort, wo sich praktisch das ganze Leben abspielt.“ Die Goldminen von heute sind die Datenberge. Kein Fahnder darf sie meiden. Es ist noch nicht lange her, dass in letzter Sekunde eine Zusammenarbeit von FACEBOOK und SCHUFA verhindert wurde. Mehr Daten bedeuten potentiell mehr Möglichkeiten, mit Hilfe von Algorithmen Wissen (Wissen ≠ Wahrheiten) über das zu produzieren, was war, ist und sein wird: Marktforschung, Marketing, Polizei, Wissenschaft, Energieversorgung, Telekommunikation, Geheimdienste, Industrie, Medizin schlagen Salti. Wissen lässt sich besser Bewirtschaften als Nicht-Wissen.

 

„Augen auf statt Finger drauf: Augen-Scanner fürs Galaxy S5 – Samsung hat bereits beim Galaxy S3 sowie beim S4 die Steuerung einiger Funktionen mittels Augenbewegung integriert. So erkennen die Geräte beispielsweise, wann der Nutzer auf das Display blickt und verhindern dann das Abschalten des Bildschirms. Mit dem Galaxy S4 kann sogar mittels Augenbewegung automatisch im Text gescrollt werden. Wie die Indiatimes berichtet, hat Samsung die Augensteuerung ausgebaut und bietet Nutzern mit dem AugenScan beim kommenden Galaxy S5 die Möglichkeit, das Gerät mit einem Blick auf das Display zu entsperren. Der Scan der Augen soll im Vergleich zum Finger­abdruck-Scan deutlich sicherer sein, da die Retina schwerer gefälscht werden kann.“ (Quelle: www.teltarif.de)

Minority Report oder Mšrder der Zukunft

KASSIOPEIA

Ist es gut, die Zukunft zu kennen? In Michael Endes Roman MOMO kann die Schildkröte Kassiopeia eine halbe Stunde in die Zukunft sehen, sie ist eine Art Schwester der PRECOGS. Als Momo auf der Suche nach dem Hauptquartier der Grauen Herren ist, dieser Zeit-Diebe, erscheint auf Kassiopeias Panzer die Schrift „Du wirst sie finden!“ Von diesem Augenblick an geht Momo willkürlich durch die Stadt, links, rechts, wie auch immer, schlüpft wahllos durch irgendeinen Zaun und ist am Ziel. Die Vorhersage hat ihr die ungeheure Freiheit verliehen, zu tun und zu lassen, was sie wollte. Ob eine Vorhersage also gut ist („Du wirst sie finden“) oder schlecht („Du wirst deinen Vater töten“) hat anscheinend Folgen für die Frage, ob die daraus entstehende Determination als Freiheit (Momo) oder als schrecklicher Zwang (Ödipus) bewertet wird. Ja – aber! Es gibt in dieser Frage auch Unschärfen: Wolfgang Herrndorf, der Berliner Autor von ARBEIT UND STRUKTUR, hat die Jahre nach seiner Krebsdiagnose, die ihm den sicheren Tod in einem Zeitraum von 6 Monaten bis maximal 3 Jahren voraussagte, kurz vor seinem Ableben als „geilste Zeit“ bezeichnet; die produktivste war es ohnehin, als habe der medizinische Orakelspruch eine Art intensiviertes Lebensgefühl bewirkt, in alle emotionalen Richtungen.

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NEGATIVE FREIHEIT

John Anderton, Polizist im Washington D.C. des Jahres 2041, unterscheidet sich von Ödipus und Orest, indem er sich das Wissen um sein unabwendbares Schicksal (ein Mörder zu werden) nutzbar machen will: ausgerechnet, um es abzuwenden. „Ich habe die Wahl!“ sagt er wiederholt. Diese Hoffnung auf eine freie, innere Entscheidung des Individuums, gegen die geifernden
Moiren, gegen alle äußere Determination, ist modern. Orest hätte so noch nicht denken können. Fast noch nicht. Steven Spielberg beginnt seinen Film mit einer amerikanischen Kleinfamilie beim Frühstück. Das Kind büffelt für einen Test in der Schule, eine Rede des amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln, die sich u.a. auf die Amerikanische Revolution bezieht und die DECLARATION OF INDEPENDANCE von 1776: „Vor 87 Jahren gründeten unsere Väter auf diesem Kontinent eine neue Nation, in Freiheit gezeugt und dem Grundsatz geweiht, dass alle Menschen gleich geschaffen sind.“ Der Freiheitsbegriff, der hier aufgerufen wird, nennt sich in der Ideengeschichte NEGATIVE FREIHEIT, das heißt die Freiheit VON etwas, in diesem Fall u.a. von der Bevormundung und Überwachung der Amerikaner durch den britischen Kolonialherrn. (Einer der Auslöser für die Amerikanische Revolution war ein Gesetz, das britischen Beamten willkürliche Hausdurchsuchungen auch von Unverdächtigen ermöglichte, woran Glenn Greenwald in DIE GLOBALE ÜBERWACHUNG erinnert.) Auf den Begriff der negativen Freiheit stößt man häufig im Umfeld von Situationen, die unter dem Gesichtspunkt des Handelns (im doppelten Wortsinne) betrachtet werden, die also von „außen“ analysiert werden. Man fragt: Stehen den betrachteten Menschen alle Optionen zum Handeln zur Verfügung? Sind sie insofern frei? Oder gibt es objektive Zwänge, Restriktionen, die sie daran hindern, zwischen allen gegebenen Optionen auswählen zu können? Ungefähr dieses „frei“ ist gemeint, wenn man heute von der freien Marktwirtschaft spricht.

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HANDELN

PRECRIME ist grundsätzlich dem Primat des Handelns verpflichtet. Die Vorhersagen sehen von inneren Faktoren, Triebfedern und Wünschen sowie der Persönlichkeit des Mörders ab, „weil wir nicht so tun, als wüssten wir irgendetwas über menschliche Gefühle, Gedanken oder Motive,“ erklärt John Anderton der skeptischen Danny Witwer, und fügt hinzu: „Es wäre absurd zu denken, man könnte diese entschlüsseln und DESHALB etwas voraussagen. Wer weiß schon, warum Menschen so handeln, wie sie gerade handeln? Der entscheidende Punkt ist, DASS sie es tun! Wir vermessen lediglich die Summe ihrer Handlungen und können dadurch, mit einer nie gekannten Genauigkeit, die nächsten Schritte vorhersagen. Denn hat man erstmal ausreichend Informationen, dann braucht es nur noch Algorithmen, die sich durch diese Daten wühlen. Und an dieser Stelle kommen die Precogs ins Spiel. Die Precogs haben die spezielle Fähigkeit, diese Algorithmen zu entwerfen, mit denen sich die belastbaren Fakten herausfiltern lassen – mit der Unerbittlichkeit der Maschinen.“

WILLE

Selbst von einem Orakelspruch getroffen, verschiebt sich für John Anderton der Fokus. Wenn die eigenen vier Buchstaben auf dem Spiel stehen, lassen sich „menschliche Gefühle, Gedanken und Motive“ nicht mehr so leicht aus der Bilanz halten. Anderton kann sich nicht vorstellen, unter welchen Umständen er sich beim Showdown NICHT dagegen entscheiden können sollte, den Abzug zu drücken und Leo Crow zu töten. Gerade, weil er weiß, er wird es tun. Im Verlauf der Handlung trifft er jede Entscheidung so, dass er Crow Stück für Stück näher kommt. Er will wissen, was da los ist, wer dieser Mann sein soll, den er umbringen wird: Aufklärungsdurst eines Polizisten, den der Precog Agatha bereits einkalkulierte, lange bevor Anderton den ersten Schritt getan hat. Anderton ermittelt nun gegen und für sich selbst, erwartet den Moment der Entscheidung (schieße ich oder schieße ich nicht) nicht mehr von „außen“, sondern lädt ihn von „innen“ mit Befürchtung, Hoffnung und Neugier auf. Kann er Kraft seiner Willensstärke die fest geschmiedete, dicht gefügte Kausalkette aufsprengen, die für Crow den Tod und für ihn ewige Sicherheitsverwahrung vorsieht? Lassen sich Ursache und Wirkung in ihrem engmaschigen Wechselspiel noch in die Parade fahren? Auch ohne Rückendeckung eines MINORITY REPORTS? Eine ziemlich amerikanische Fragestellung, die dem freien und eisernen Willen fast alles zutraut (z.B. dem Individuum den unwahrscheinlichen Weg vom Tellerwäscher zum Millionär zu ebnen) – und für die sinnbildlich der gestählte Körper von Tom Cruise steht, der mit schierer Muskelkraft noch die letzte Fessel sprengt.

TRIEBFEDER

Objektiv betrachtet gibt es für Anderton kein unlösbares Problem. Die Vernunft möchte ihm in der ihr eigenen Überheblichkeit zurufen: Wirf die Waffe aus dem Fenster. Der objektiven Handlungsfreiheit entspricht auf der Seite des Subjekts die Willensfreiheit. Nichts lässt allerdings vermuten (und das ist ein unamerikanischer Gedanke), dass das Subjekt von innen her grundsätzlich frei wäre. Zwänge existieren innen wie außen. Die moderne Moralphilosophie, ausgehend von Kant, vermutet schon lange, was Neurowissenschaftler in jüngeren Jahren empirisch belegt haben oder zu haben glauben: Der Wille, genauer, das alltägliche Wollen und Wünschen, all die kleinen Entscheidungen an einem Tag, sind entgegen aller realen Wahrnehmung des Einzelnen gerade NICHT FREI, sondern vollständig DETERMINIERT. Sie sind manipuliert und manipulierbar. Und zwar immer, überall. Kant nutzte dafür den Begriff der „Triebfeder“, die noch jede Alltagshandlung einem Zweck unterordnet: der Befriedigung dieses oder jenes Triebs. Keine Entscheidung kann frei sein, die in einem derartigen um-zu-Verhältnis zu ihren Folgen steht und angezogen wird von einem Begehren, das auf Befriedigung aus ist – ein Begehren, das zwar irgendwie dem Subjekt angehörig erscheint, aber dennoch wie ein Fremdes, Bedrohliches agiert.

Minority Report oder Mšrder der Zukunft

ETAPPENSIEG FÜR DIE VERNUNFT

Rache begehren. Anderton betritt das Hotelzimmer, das zum Tatort werden soll. Er begreift, wer Leo Crow ist: Entführer und Mörder seines Sohnes Sammy. Die innere Kausalkette beginnt zu wirken. „Ich hab während der letzten sechs Jahre über zwei Dinge nachgedacht: Erstens, wie Sammy wohl aussehen würde, wenn er noch am Leben wäre. Und zweitens, was ich mit seinem Entführer machen würde.“ Wer experimentell etwas darüber erfahren möchte, wie frappierend unzuverlässig Wahrnehmung, Erinnerung und – noch gesteigert – die Erinnerung an eine Wahrnehmung und die Wahrnehmung einer Erinnerung sind, schaue mit einer Gruppe von Freunden Steven Spielbergs MINORITY REPORT. Am Ende des Films stelle man der Runde die Frage: Was genau ist zwischen John Anderton und Leo Crow während des Showdowns geschehen? Zu Beginn der Probenzeit verwendeten wir eine volle Stunde darauf, die entscheidende Szene wiederholt und in Zeitlupe anzuschauen, annähernd Frame für Frame, um die unterschiedlichen Ansichten darüber zu synchronisieren. HERE IS WHAT REALLY HAPPENS. Sekunden vor dem vorausgesagten Mord beißt Anderton/Cruise noch einmal fest die Zähne zusammen. Agatha flüstert: YOU CAN CHOOSE. Und tatsächlich sprengt der kleine FBI-Agent mit den dicken Armen die fest geschmiedeten Glieder der Kausalkette und ringt seinen inneren Drang nach Rache nieder wie einen übermächtigen Gegner – was ohne die Voraussage des Mordes tatsächlich kaum denkbar erscheint. Die Voraussage hat es der Vernunft gewisser Maßen erlaubt, mit langem Anlauf die Affekte im entscheidenden Moment zu kontrollieren, das Fingerzucken am Abzug zu unterbinden. Er schießt nicht, sondern schlägt den Weg einer Verhaftung innerhalb des Rahmens der Legalität ein, klärt Crow über seine unveräußerlichen Rechte auf usw. Ein Etappensieg für die ~Vernunft, die Freiheit des Willens.

WHAT REALLY HAPPENS

Crow ist entsetzt darüber, dass Anderton ihn nicht tötet, denn er ist von morbider Todessehnsucht. Er klärt Anderton über die Vorgeschichte auf: Er ist nicht der Entführer oder Mörder von Sammy, sondern ein verurteilter Verbrecher, der von einem Unbekannten dazu genötigt wurde, den Entführer zu spielen. Anderton ist abermals fassungslos. Beinahe hätte er den Falschen exekutiert, was er darüber hinaus nach getaner Tat niemals hätte erfahren können. Er senkt die Waffe, aber Crow greift entschlossen nach seiner Hand, Andertons Zeigefinger ist noch immer am Abzug, und hält sie sich direkt vor den Bauch. KILL ME. Anderton kann Crow kurzfristig beruhigen, abermals senkt er die Waffe. LEB WOHL LEO CROW. Als Anderton sich abwenden will, reißt Crow die Waffe hoch, Agatha schreit, Close-Up der Waffe, Crows Hände am Lauf, aber eindeutig nicht in der Nähe des Abzugs. Crow und Anderton stehen 20 cm voneinander entfernt, wenn der Schuss fällt. Andertons Arm mit der Waffe sehen wir nicht, er müsste jedoch in einem Winkel von ca. 90° gebeugt sein. Schnitt auf ein frisches Einschussloch in der Glasfassade. Durchschuss durch Körper und Fenster. Und dann der Schnitt, durch den MINORITY REPORT von einem sehr guten Film zu einem ernstzunehmenden Kunstwerk aufsteigt. Anderton steht da, mit Entschlossenheit im Blick und ausgestrecktem Arm, die Waffe auf Crow gerichtet, im Abstand von vielleicht zwei Metern. Leo Crow fliegt rückwärts durch die Scheibe, von der Wucht des tödlichen Treffers zurückgeschleudert. Der Zuschauer sieht – nur für zwei eindringliche Einstellungen, Bruchteile einer Sekunde – die Bilder der Hinrichtung aus Affekt, die der Zuschauer aus der Vorhersage kennt. Die Logik bringt Bild 1 (Anderton und Crow im Abstand von 20 cm, Arm gebeugt, Anderton im Abwenden begriffen) und Bild 2 (Abstand 2m, der entschlossene Anderton mit ausgestrecktem Arm) nicht zusammen. Der Rückstoß des Schusses, wie er sich aus Bild 1 ergeben hätte, geht mit dem gestreckten Arm aus Bild 2 nicht zusammen. Schnittfehler? Nachlässigkeit? Nur der aufmerksamste Zuschauer wird nach dem ersten Sehen all das rekapitulieren können. Ob es sich jetzt um einen Schnittfehler handelt oder, was wahrscheinlicher ist, clevere Berechnung von Spielberg, man könnte zunächst argumentieren, dass die Schnittfolge unnötig komplex ist – schließlich ist bereits Andertons freier Entschluss, Crow nicht zu töten, und der unmittelbar anschließende „Einspruch der Moiren“ Paradox genug: Crow reißt die Waffe rum, der Schuss fällt, und das ERGEBNIS des Showdowns wird ununterscheidbar von dem der Vorhersage. Crow tot, Anderton (steht da wie) ein Mörder, freier Wille hin oder her. Man könnte schon an dieser Stelle schöne Sätze aufschreiben wie: Man kann die Zukunft verändern, aber man kann sie nicht verändern. Es gibt den freien Willen, aber es gibt ihn nicht. Es hilft, die Zukunft zu kennen, aber es hilft nichts. In Abwandlung von Heiner Müllers „Wie soll ich ihn nennen: Mörder seiner Schwester oder Sieger über Alba?“ (aus: DER HORATIER, ein Stück über das moralische Dilemma im Zuge einer Kriegslist, die den Horatier zugleich schuldig und zum Helden macht) könnte man sagen: „Wie soll ich Anderton nennen: Mörder von Crow oder Beweisführer der Freiheit?“ Die Wahrheiten stehen nebeneinander, verknüpft durch ein sich ausschließendes ODER. Das gibt schon genug zu denken auf. Warum aber dieser rätselhafte Schnitt auf den BLOSSEN KILLER, der nahelegt, die Vorhersage habe sich doch 1 zu 1 erfüllt? Vielleicht ist er dazu da, Unsicherheit zu verbreiten über die generelle Lesbarkeit der Szene? So dass man drüber sprechen muss? Vielleicht ist sie als Vergrößerung des Umstands gedacht, dass Crows Finger nicht auf dem Andertons liegt, wenn der Schuss fällt (was zahlreichen Zusammenfassungen des Plots tatsächlich entgeht)? Wofür der Dreischritt? 1) Anderton begehrt auf und setzt seinen Freien Willen durch, 2) Dafür interessiert sich aber das Ergebnis der Situation nicht, und Andertons  „Wer weiß schon, warum Menschen so handeln, wie sie gerade handeln? Der entscheidende Punkt ist, DASS sie es tun!“ erweist sich als unterkomplex und juristisch unhaltbar. Motive gehören bei der Bewertung einer Tat dazu. 3) Alle Komplexität relativiert nicht die Tatsache, dass Anderton geworden ist, was er immer schon sein sollte, wie Orest, wie Ödipus: ein Mörder.

UNREINE WAHRHEIT

Bei Heiner Müller in DER HORATIER geht es ums Gedenken und Bestrafen, um eine Politik der Erinnerung und der Schuld. Soll der listige Horatier als Held verehrt, oder als Mörder getötet werden? Wikipedia über den Kerngedanken des Stücks: „Es werde entschieden, stets Verdienst und Schuld zugleich zu benennen, nicht fürchtend die unreine Wahrheit […], nicht verbergend den Rest. Hiermit beschreibt Müller eine andere Lösung, nämlich eine, die kenntlich machend die Dinge die Widersprüchlichkeit menschlichen Handelns beschreibt.“ (kursiv: Original Heiner Müller). NICHT VERBERGEND DEN REST.