Archiv der Kategorie: DER WIDERSACHER

VERBRANNTE LEBEN

Verbrannte Leben.

Einige Assoziationen zum Widersacher

Jean-Claude Romand gibt jahrelang vor, ein erfolgreicher Forscher der WHO zu sein. Er täuscht seine Umwelt dabei so gründlich, dass niemand Verdacht schöpft. Erst als seine Finanzen aufgebraucht sind, beendet Romand seine Maskerade. Er ermordet seine Familie und wird in Haft zum frommen Katholiken. Emmanuel Carrère schreibt den unglaublichen Kriminalfall auf, Ed. Hauswirth inszeniert den daraus entstandenen Tatsachenroman am Schauspiel Dortmund.
Ein Essay zur Inszenierung von Matthias Seier
Alida Bohnen, Max Ranft, Berna Celebi

Femizid.
  1. 2019 gibt die dpa bekannt, die Begriffe „Familiendrama“ und „Beziehungstragödie“ ab sofort nicht mehr für Gewaltverbrechen im privaten Umfeld des Täters zu nutzen. Zu sehr würden die dem Theater entlehnten Begriffe „Drama“ und „Tragödie“ die gezielte Gewalt gegen Frauen und Kinder verschleiern und sie stattdessen in die Nähe eines schicksalhaften Geschehens rücken. Denn haben beim Drama im theatralen Kontext nicht oft auch die Opfer Anteil an der Tat? Und gehört es nicht zu einer echten Tragödie dazu, dass selbst die Täter irgendwie auch Opfer sind?
  2. Mehr als 114.000 Frauen sind im vergangenen Jahr Opfer von Partnerschaftsgewalt geworden. Insgesamt waren 2018 von solchen Übergriffen etwa 140.000 Menschen betroffen gewesen. Der Frauenanteil unter den Opfern beträgt dabei 81 Prozent. 122 Frauen sind 2018 von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet worden. Jeden Tag findet ein Versuch statt, an jedem dritten Tag wird ein Versuch vollendet. 
 
Rolle.
  1. Wie nähert man sich dem Unnahbaren an? In diesem Fall einer wahren Geschichte, die im tiefsten Inneren aber monströs und unerklärlich bleibt? In der im Zentrum ein Schmerzpunkt haust, der sich nie wird diagnostizieren und entfernen lassen? In der jeder Versuch, die eine letztgültige Wahrheit verkörpern zu können, direkt scheitern muss? In der jeder Satz, jede Rekonstruktion, jedes empathische Moment ein Versuch bleiben muss? In der jede Rollenzuteilung letztlich doch nur ein Kampf gegen das ist, das einem die Sprache raubt?
  2. „Als Jean-Claude Romand die häusliche Bühne seines Lebens betrat, dachte jeder, er käme von einer anderen, auf der er eine andere Rolle spielte. Doch es gab keine andere Bühne und kein anderes Publikum, vor dem er diese andere Rolle hätte spielen können. Ging er hinaus, fand er sich nackt wieder. Er kehrte zur Abwesenheit, zur Leere, zum Nichts zurück.“ (Emmanuel Carrère)
  3. Die Rolle des Autors: Emmanuel Carrère ist als Autor schonungslos autofiktionaler Tatsachenromane bekannt geworden. Einer seiner einflussreichsten Romane trägt den programmatischen Titel Alles ist wahr. Der Widersacher ist der erste Roman, in den er sich selbst als Figur mit in die Geschichte hineinschreibt: Er geht auf Spurensuche, besucht Romand im Gefängnis, recherchiert vor Ort, befragt ehemalige Freunde. Er gibt Kommentare ab, reflektiert seinen Schreibprozess, versucht einen Hybrid aus Reportage und Essay und Krimi. Damit wird seine Schreibpraxis und Konstruktion als Autor transparent und angreifbar (sagen die Einen), damit macht er sich aber auch ungeheuer wichtig (sagen die Anderen).
Uwe Rohbeck, Björn Gabriel
Banal.

Das Banale und das Böse sind seit jeher geschmeidige Tanzpartner in der Manege der Erzählungen. Auch der Fall Romand fußt auf einer banalen Notlüge, wie sie vielleicht jedem von uns in einem schwachen Moment hätte passieren können: Romand wollte als Student ein Scheitern nicht eingestehen und behauptete überall, er habe eine Medizinklausur bestanden, zu der er in Wahrheit gar nicht erschienen war. Auf diese Lüge folgte die nächste und daraufhin die nächste und irgendwann war das gesamte Leben nichts als Lüge.

Täuschung.
  1. Wenig fasziniert uns mehr als das Sujet der Hochstaplerei. Der Fall von Anna Sorokin, die sich in die High Society New Yorks schwindelte, fesselt unsere Imaginationskraft genauso sehr wie all die Reportagen über moderne Heiratsschwindler auf Tinder oder das berüchtigte Fyre Festival, bei dem auserlesene Instagram-Influencer auf einer Privatinsel statt eines exklusiven Festivals nur Funklöcher, undichte Plastikzelte, Hunger und Durst erleben durften. Wird unser Interesse an diesen Geschichten nicht stets auch durch heimliche Genugtuung gespeist? Durch das diebische Vergnügen daran, dass sich die Gesellschaft immer wieder kongenial täuschen lässt? Dass man eine Wahrheit von den Füßen auf den Kopf stellen kann? Dass es immer wieder Personen schaffen, die Porosität der gesellschaftlichen Raster und Kontrollmechanismen unter Beweis zu stellen? Dass ihre Lügen und Beschönigungen nicht auffallen, und sie zumindest eine Zeit lang die Früchte ihrer Manipulationen ernten können? (Moment. Ist es vielleicht mehr als Genugtuung? Ist es Neid?)
  2. In der Informationsarchitektur der Gegenwart ist man im Zeitalter des Diffusen und Unglaubwürdigen angelangt, scheint es: Politiker wie Trump, Johnson, Weidel oder Strache benehmen sich in aller Öffentlichkeit mal wie die halbseidenen Intriganten oder bauernschlauen Trottel eines House of Cards-Drehbuchs. Gregor Seeßlen und Markus Metz beschreiben dieses Gefühl als „kapitalistischen Surrealismus“ – es herrscht pure Kontingenz, Fiktion wirkt vertrauenswürdiger als Wirklichkeit, das Irreale erscheint uns immer mehr wie die natürliche Ordnung der Dinge.
  3. Die vielleicht am Schwersten zu durchschauende Täuschung ist die Selbsttäuschung – all die eigens fabrizierten Lügen, Irrglauben und Erzählungen, die uns durch das Leben begleiten und uns als veritabler Selbstschutz dienen. Unbequemen Wahrheiten, lästigen Einsichten und sonst unvermeidbaren Konfrontationen geht man am besten aus dem Weg, in dem man sie gar nicht erst realisiert. Auch im Fall Romand wird immer wieder darauf verwiesen, dass Romand sich die ihn lebenslang verfolgende Depression und Melancholie nie eingestehen wollte. Indem er sich ein Netz aus Lügen und Weltfluchten schuf, drückte er sich davor, zu seinem wirklichen, authentischen Selbst vorzudringen. Die schmerzhafte Konsequenz bestünde dabei natürlich auch darin, wirklich einmal einzusehen, was er getan hat.
  4. Das Ende jeder Täuschung ist die Desillusion, die Ent-Täuschung. Man wird eines Besseren belehrt und findet sich plötzlich inmitten der Ruinen wieder, die vormals noch Gewissheiten und Sicherheiten waren. Je brutaler und plötzlicher eine solche Ent-Täuschung geschieht, desto mehr relativiert sich der moralische Wert der Wahrheit. Sicherlich stehen Glück und die Freude eines Lebens nicht im proportionalen Verhältnis zur Wahrheit dieses Lebens. Wäre es manchmal nicht besser, in einem falschen Glauben gelassen zu werden? Oder hat Ingeborg Bachmann Recht, und ist die Wahrheit dem Menschen zumutbar?
Wahrheit.

„Wahrheit ist ein bewegliches Heer von Metaphern. Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind. Metaphern, die abgenutzt und sinnlich kraftlos geworden sind, Münzen, die ihr Bild verloren haben und nun als Metall, nicht mehr als Münzen in Betracht kommen.“ (Nietzsche, Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne)

 

Max Ranft, Alida Bohnen, Björn Gabriel
Familiendrama.
  1. Was einen Menschen zum Mord an der eigenen Familie treibt, ist längst ein eigener Forschungszweig der Kriminalistik. Oftmals offenbart sich bei den (eigentlich immer männlichen) Tätern ein unbedingtes Anspruchs- und Besitzdenken: Sie wollen mit fast schon kindischem Trotz bis in den Tod hinein die Kontrolle über die Leben ihrer Familienmitglieder ausüben. Ihre Familie wird ihr Besitz, und nur sie wissen, wie mit diesem Besitz am besten umzugehen sei.
  2. „Häufig heißt es, Misogynie sei eine Manifestation von Scham, was am Offenkundigsten ist, wenn sie von einem einzelnen Mann kommt, vielleicht aber auch darüber hinaus. Theoretisch könnte dies die Grundlage für Empathie oder Solidarität zwischen den Tätern und den Opfern sein. Misogyne Angriffe lösen bei ihren Opfern ein Gefühl der Scham aus (…). Solche Reaktionen sind nicht unbedingt irrational: Scham hat einen sozialen Sinn. Sie führt typischerweise zu einem Wunsch, die Sichtlinien zwischen sich selbst und dem anderen zu unterbrechen. Wir sprechen von dem Wunsch, das Gesicht zu verbergen, vom gesenkten Kopf und Blick. Das ist jedoch nicht die einzige Möglichkeit, eine solche Loslösung zu erreichen. Statt sich zu verstecken, kann man den Zuschauer beseitigen. ‚Derjenige, der beschämt ist, möchte die Welt zwingen, ihn nicht anzusehen und seine Blöße nicht zu bemerken. Er möchte die Augen der Welt zerstören‘, wie Erik Erikson es 1963 formulierte. Das männliche Personalpronomen mag an dieser Stelle unwillentlich vielsagend sein.“ (Kate Mann, Down Girl – Die Logik der Misogynie, 2019)
Scheitern.

Samuel Becketts Mantra „Try Again. Fail Again. Fail Better.“ fingiert als Glaubensbekenntnis einer Gesellschaft. Wer etwas auf sich hält, deutet sein privates oder berufliches Scheitern einfach um: in eine dornige Erfahrung auf dem Weg zum großen, lichtumkränzten Erfolg! Wahres, unumkehrbares Scheitern ist in einer Gesellschaft, die den Wert nur anhand von Erfolg und Effizienz misst, zum Tabu geworden – jeder darf so oft scheitern, wie man mag, aber nur solang das Scheitern im Handumdrehen als Erfolg verkauft werden kann! Jean-Claude Romand hat diese radikale Erfolgsphilosophie tief verinnerlicht: Der unumkehrbare Misserfolg (das Versagen in der Universität) darf niemals publik werden; aber der gelogene, herbeifantasierte Erfolg (die glänzende WHO-Karriere) wird so elegant und bescheiden behauptet wie nur möglich.
Uwe Rohbeck, Marlena Keil.

Schweigen.
  1. Häufiger Grund für das Ende einer Beziehung ist das Schweigen. Das wissentliche Nicht-Kommunizieren. Die absichtlich nicht angesprochenen Themen, die sich nach einer Zeit mehr und mehr in ein unberührbares Tabu verwandeln, in eine Landschaft des Geheimen, in einen achten Gesprächskontinent, der nicht mehr betreten werden soll. Die kurz- und mittelfristige Hoffnung dahinter ist oft, dass das Verschweigen einen potentiell schwelenden Konflikt nicht eskalieren lässt, dass er wie ein Pflaster eine Wunde vor möglicher Infektion schützt.
  2. „Weißt du, Folgendes ist mir damals passiert.“ Man versucht, das Nicht-Begreifliche der Vergangenheit durch Geschichten begreiflich zu machen. Wir dramatisieren und narrativisieren die Ereignisse, die uns eigentlich stammeln, vermuten, radebrechen, schweigen lassen müssten. Durch epische Kontrolle entsteht eine Ordnung und Struktur, eine Händelbarkeit und Abfolge, ein Kontext. Das Unverständliche wird als Teig in vorgeheizte Gussformen des Erzählens gegossen, von denen wir uns dann einen Teil abbrechen, um in Ruhe daran knabbern zu können.
Toxisch.

         “It’s impossible for a man and a woman to have a discussion. Men are tired, they are a bit sick, a bit suicidal, they don’t possess any real curiosity, they only possess a certain guilt. The future is female. I say that with a little sadness because I would like for the future to be both genders, but I believe it’s female. Men are sick with that sickness, masculinity, always and forever. I love men, I love only them.” (Marguerite Duras, 1981)

Idylle.

Die Idylle und ihr dazugehöriger Imperativ zum Schönen und Sittlichen ist gleichzeitig Auslöser und wasserdichtes Alibi für die Lügenwelt des Täters. Denn so wie die Inszenierung der Idylle nach außen hin wirkt, so wirkt sie auch nach innen. Menschen aus dem Umfeld der Romands beteuerten immer und immer wieder, Jean-Claude Romand sei tatsächlich ein guter Ehemann, liebender Vater, bester Freund, Fels in der Brandung gewesen. Niemand habe es kommen sehen.

Glauben.
Uwe Rohbeck im Bärenkostüm, Björn Gabriel
  1. Wie gern glauben wir das Unglaubliche? Glauben wir unseren Freunden lieber, wenn sie von steilen Karrieren, von optimalen Finanztipps und außergewöhnlichen Beziehungen sprechen? Oder glauben wir nur das Glaubhafte, das uns allerdings nicht mehr so aufregend erscheint – also den Leben mit durchschnittlichem Beruf, gewöhnlichem Erfolg und unspektakulärem Alltag?
  2. In Haft konvertiert Jean-Claude Romand innerhalb weniger Monate zum frommen Katholiken. Sein Glaube an Jesus ist felsenfest. Er hilft Carrère sogar mit Recherchen für eine Neuübersetzung des Markus-Evangeliums. Die Namen seiner Opfer erwähnt er in Briefen nie.
  3. „In der Geschichte von Jean-Claude Romand gibt es mehrere Dinge, die völlig unglaubwürdig sind. Die Fiktion ist an Plausibilität gebunden, die Wirklichkeit nicht.“ (Emmanuel Carrère)
Opfer.
  1. Wieso interessieren uns die Täter immer mehr als ihre Opfer? Was geschieht mit den Erzählungen der Opfer? Sind sie ewig dazu verdammt, die Unglücklichen der Geschichte zu bleiben? Passiv, wehrlos, ungesühnt, zur falschen Zeit am falschen Ort? Und wie können die Opfer nach ihrem Tod noch zu uns sprechen? Durch Gerichtsakten, Zeugenaussagen, Täterwissen? Durch unseren Versuch, ihre Geschichten in ein Verhältnis zu setzen? Ihre Leben, ihre Wünsche, ihre etwaigen geheimen Rebellionen zu rekonstruieren? Oder durch plötzlich zum Beweismittel gewordene Familienfotos? Was versuchen wir zu begreifen und zu spüren, wenn wir die Fotos der Opfer betrachten?
  2. Jean-Claude Romand schrieb in Haft mehrere Briefe an christliche Gefängnisinitiativen, in denen seine große Sühne- und Opferbereitschaft betonte. Er selbst habe sich schließlich zum Leben verurteilt, seine Existenz hinter Gittern weihe er dem Gedenken an seine Opfer.
  3. Die Opfer des 9. Januar 1993: Aimé (78) und Anne-Marie Romand (71) sowie Florence Romand (39) mit ihren Kindern Caroline (7) und Antoine (5).
Caroline Hanke
Gespenster.
  1. Ghosts of my Life – so der Titel eines Essays des viel, viel, viel zu früh verstorbenen Kulturtheoretikers Mark Fisher. Fisher beschäftigte sich zeit seines Lebens mit den seltsamen und mitunter unheimlich wirkenden Artefakten, die nicht eingelöste Utopien in der Gegenwart hinterlassen. Eine ungute Wehmut, eine schaurige Melancholie scheint in diesen entschwundenen, aber doch noch irgendwie greifbaren Objekten und Ideen zu spuken (Hauntology ist daher auch der Titel für Fishers Theorie). Ob es die euphorische Rave-Musik der 90er ist, die auf Wohlfahrt und Selbstermächtigung fußenden sozialen Wohnungsbauten der 70er, die futuristische Aufbruchsstimmung der Nachkriegs-Kunst, oder die nunmehr bloß schaurig anmutenden Gesellschaftsutopien des Ostblocks – Fisher spürt all diesen verstorbenen Hoffnungen auf eine bessere Zukunft nach, während unsere Gegenwart kaum mehr Zukunftsoptismismus, Vision und Sinnstiftung versprüht (Fisher schreibt von einer spürbaren slow cancellation of the future).
  2. Denken wir uns den Gedanken der Hauntology auf einer privaten Ebene. Was spukt in unseren Leben? Welche uneingelöste Hoffnung wird zum Wiedergänger? Wie unsicher ist der Boden unter unseren Füßen? Woher kommt die Rauchfahne über unserem Haus? Was bleibt von unseren Leben übrig, als Artefakt, als Brandstätte, als Ruine, als Spukschloss? Was sind die ghosts of my life?
  3. Whatever hour you woke there was a door shutting. From room to room they went, hand in hand, lifting here, opening there, making sure — a ghostly couple.” (Virginia Woolf, A Haunted House)

 


 

Der Widersacher, nach dem Roman von Emmanuel Carrère (aus dem Französischen von Claudia Hamm)

Es spielen: Alida Bohnen, Berna Celebi, Björn Gabriel, Caroline Hanke, Marlena Keil, Max Ranft, Uwe Rohbeck.
Termine: SO, 01. DEZEMBER 2019
FR, 06. DEZEMBER 2019
FR, 13. DEZEMBER 2019
SO, 29. DEZEMBER 2019
SO, 12. JANUAR 2020.  Weitere Termine folgen.

„Das ganze Leben nichts als Lüge“: DER WIDERSACHER

Der Widersacher

Ed. Hauswirth inszeniert die Geschichte eines unglaublichen, aber wahren Kriminalfalls – als mörderisches Mentaldrama nach dem Kultroman von Emmanuel Carrère!

Ein Interview mit dem Regisseur vor der Premiere

Ist Ihnen der Begriff True Crime geläufig? Dieses Genre bezeichnet Werke, die sich mit besonderen, aber stets realen Kriminalfällen beschäftigen und sie nacherzählen wie ein Krimi oder eine Reportage. Als Klassiker des True Crime-Genres gilt Truman Capotes legendärer Roman Kaltblütig über einen Familienmord aus dem Jahr 1965. Derzeit feiert das True Crime-Genre insbesondere im Internet eine Renaissance. Dass das echte Leben unfassbare Geschichten zu schreiben vermag, beweist auch der französische Kultroman Der Widersacher von Emmanuel Carrère. Auch er erzählt einen Kriminalfall, den man beinahe nicht glauben mag, obwohl er wahr ist – und der 1993 ganz Frankreich erschütterte!

Worum geht es? Wenige Tage nach Neujahr 1993 tötet der bis dato unbescholtene Mediziner Jean-Claude Romand im Laufe mehrerer Tage seine Ehefrau, seine zwei kleinen Kinder, seine Eltern und deren Hund. Eine Liebhaberin aus Paris kommt nur durch Glück mit dem Leben davon. Nach der Tat herrscht große Ratlosigkeit: was trieb diesen kompetenten, freundlichen Traumschwiegersohn zu der monströsen Gewalttat? Freunde und Nachbarn im kleinen französischen Vorort beschreiben ihn als glücklichen Ehemann, liebenden Vater und auch als wohlhabenden, erfolgreichen Forscher bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf.

Jean-Claude Romand 1996 während des Gerichtsprozesses.

Doch die Ermittlungen der Polizei bringen schnell die Wahrheit über Jean-Claude Romand ans Licht. Seine gesamte Existenz war nichts als Fassade! Die Arbeit bei der WHO, wichtige Geschäftsreisen, berühmte Kollegen – alles frei erfunden! In Wahrheit verbrachte er die Zeit auf Raststätten oder ziellos durch die Wälder streifend. Das Geld für sein Doppelleben erlog er sich mit angeblichen perfekten Finanzkonditionen in der Schweiz aus seinem engsten Familienkreis. Jahrzehntelang hatte Romand ein gigantisches Bauwerk aus Lügen errichtet, bis es in einer Eruption aus Gewalt in sich zusammenstürzte.

Der Schriftsteller Emmanuel Carrère ging auf Spurensuche, besuchte Romand im Gefängnis, recherchierte vor Ort, befragte ehemalige Freunde. Wie konnte die Hochstapelei so lange unbemerkt bleiben? Gibt es einen Unterschied zwischen der Oberfläche und dem Wirklichen? Wie zerbrechlich sind unsere Masken?  Ed. Hauswirth seziert den Fall Romand: als Annäherung an das Monströse, als Blick hinter die Vorortfassade – und als zutiefst menschliche Auseinandersetzung mit dem Widersacher, der in uns allen steckt.

Ed. Hauswirth ist Gründungsmitglied und künstlerischer Leiter des Theater im Bahnhof in Graz. Seit 2016 inszeniert er regelmäßig am Schauspiel Dortmund („Triumph der Freiheit – Wir schaffen das schon“, „Die Liebe der Zeiten in Glasfaser“ und „Memory Alpha“).

Ed. Hauswirth, was interessiert dich am Fall Romand?

Das Besondere an diesem Fall ist, dass diese furchtbare Tat auf einer banalen Notlüge fußt: Romand wollte als Student ein Scheitern nicht eingestehen und behauptete überall, er habe eine Medizinklausur bestanden, zu der er in Wahrheit gar nicht erschienen war. Auf diese Lüge folgte die nächste, und daraufhin die nächste, und irgendwann war das gesamte Leben nichts als Lüge.

Romand ist gewissermaßen in diesen Abgrund hereingerutscht?

Sozusagen. Ich glaube, diese Ursprungslüge hätte vermutlich jedem von uns in einem schwachen Moment passieren können. Insofern können wir uns auch als Gesellschaft mitgemeint fühlen – wie präsentiere ich mich in der Öffentlichkeit, und wer bin ich in Wahrheit privat mit mir selbst?

Wie ging es dir, als du das erste Mal den Tatsachenroman von Carrère gelesen hast?

Was mich faszinierte, war die Banalität des Vorgangs und die Brutalität des Verbrechens gleichermaßen. Carrère beschreibt beeindruckend, was für ein gewaltiges Unterfangen es gewesen sein muss, diese gigantische Lebenslüge zuerst hochzuziehen und dann aufrecht zu erhalten. Romand verfügte einerseits über unglaubliches Charisma und große Glaubwürdigkeit, andererseits spürte er eine tierische Versagensangst und Panik, dass alles auffliegt. Und in diesem Spannungsverhältnis findet man sich heutzutage in der Leistungsgesellschaft immer öfter wieder – wenn auch gottseidank natürlich auf deutlich ungefährlichere Art und Weise!

„Auf eine Lüge folgte die nächste, und daraufhin die nächste, und irgendwann war das gesamte Leben nichts als Lüge.“

Wäre so ein Fall wie Romand heutzutage noch denkbar?

Durch die mediale Überwachung unserer Gegenwart und die genaue GPS-Ortung unserer Handys ist es vermutlich schwerer geworden – man kann nicht so wie Romand einfach in den Wald fahren und behaupten, man sei in Wahrheit bei der WHO. Aber das Prinzip der Täuschung ist immer noch möglich – die allgemeinen menschlichen und gesellschaftlichen Kräfte hinter diesem Fall gibt es immer noch. Mir geht es darum, mit unserem Ensemble eine Erzählung dafür zu finden, die auch heute noch Gültigkeit besitzt.

Rousseau sagte, das Theater sei eine „Schule der Lüge“. Bei guten Theaterabenden glaubt man als Publikum ja auch einer Erzählung, und damit eigentlich einer Lüge, sehr gern. Wie bringst du diesen Stoff also auf die Bühne?

Ja, auch Theater ist im Grunde nur ein großes „Was wäre wenn“, das sich im besten Falle verselbstständigt und wo man der Erzählung am Ende auch glaubt. Ich interessiere mich für das Narrativ, das man sich von seinem Leben macht: man erzählt sich etwas konsistent, aber in Wirklichkeit ist wahrscheinlich alles mehr eine Ansammlung von Bruchstücken, die also leicht ins Rutschen geraten können. Sich erzählen und Vorstellungen von etwas entwickeln ist zudem eine ureigene Tätigkeit für Schauspieler.

Was darf das Publikum bei deiner Inszenierung erwarten?

Der Abend wird hochspannend – wir bleiben der wahren Geschichte natürlich eng verhaftet – gleichzeitig entstehen aber auch unwillkürlich humorvolle Momente. Diese Geschichte hat mitunter so unglaubliche Momente, die man in einem fiktiven Stoff direkt als viel zu unglaubwürdig beanstandet hätte! Wir erzählen die Geschichte vorrangig aus der Sicht der Überlebenden, die auf die Geschichte zurückblicken wie auf einen Spuk.

„Was mich faszinierte, war die Banalität des Vorgangs und die Brutalität des Verbrechens gleichermaßen.“

Wieso griff Romand am Ende zu dieser entsetzlichen Tat? Wieso brachte er eher seine gesamte Familie um, anstatt die Wahrheit zu gestehen?

Wir haben viel zum Thema des in den Medien sogenannten „Familiendramas“ recherchiert. Bei diesen Taten spielt stets das Vermeiden von Kontakt eine Rolle, es wird etwas tabuisiert oder verschwiegen. Zugleich besteht ein unbedingtes Anspruchs- und Besitzdenken. Die Täter, eigentlich immer männlich, haben oft eine narzisstische Grundstörung: sie glauben, ihre Familie soll ohne sie nicht weiter auf der Welt sein und glücklich sein können. Manchmal geschehen diese Taten aus fast schon kindischem Trotz. Diese Brutalität und Banalität spuken gewissermaßen auch bei uns auf der Bühne.

Die Familie Romand 1991.

Inwiefern spielt das Thema der Männlichkeit da eine Rolle?

Hinter unseren Lebensvorstellungen liegen Werte, Haltungen, Erfahrungen. In den frühen 90ern, als sich dieser Fall ereignete, beginnt ein gesellschaftlicher Konsens zum Wettbewerb: wir befinden uns ab sofort in einer Wettbewerbsgesellschaft, ab sofort müssen wir flexibel und effizient sein, plötzlich redet man von erfolgreichen Männern und starken Frauen. Mich beschäftigt die Auseinandersetzung und Hinterfragung dieser Rollenbilder: ich kann mir nie gewiss sein, was oder wer ich eigentlich gerade bin. Welchen Konsens haben wir über die Rolle, die wir erfüllen sollen? Welche Vorstellungen von Idylle oder Albtraum bevölkern heute unsere Rollenbilder?

Romand erscheint bei Carrère ja auch als landläufige Verkörperung dessen, was man heute oftmals als toxische Männlichkeit umschreibt: weinerlich, sich permanent im Recht fühlend, unsensibel, herrschsüchtig.

Diese Sichtweise klingt bei der Lektüre des Romans im Jahr 2019 an. Romand gibt sich da oftmals ambivalent, laut allen Aussagen war er tatsächlich ein guter Ehemann und liebender Vater. Er erscheint mir als Vertreter einer sich auflösenden oder transformierenden Männlichkeit, die nichtsdestoweniger unerbittlich und gnadenlos ist. Er kann das Spiel der Macht schon spielen – sonst hätte er die Autorität des Arztes oder des Elite-Tiers nicht aufrechterhalten können. Das war die Rolleneinteilung, die sich Romand gegeben hat, und die konnte er offenbar einlösen! Und gleichzeitig muss es auch eine Projektion der Umgebung in ihn gegeben haben: man sieht ja auch immer, was man sehen will.

„Romand erscheint mir als Vertreter einer sich auflösenden oder transformierenden Männlichkeit, die nichtsdestoweniger unerbittlich und gnadenlos ist. Er kann das Spiel der Macht schon spielen – sonst hätte er die Autorität des Arztes nicht aufrechterhalten können.“
Jean-Claude und Florence.

Wie siehst du die Rolle von Jean-Claudes Ehefrau Florence, die sein erstes Opfer wurde? Im Roman wird sie einerseits als besonnen, fromm, etwas spießbürgerlich dargestellt; aber ebenfalls auch als lebenslustig, hedonistisch, offen.

Genau, es stellt sich die Frage: Wer erzählt uns von dieser Frau? Die Hauptquellen im Roman sind Gespräche mit den überlebenden Freunden Luc und Cecile, dann die Recherchematerialien im Gerichtsprozess, und ein Briefdialog mit dem Mörder. Höchstwahrscheinlich sind Einschätzungen und Rollenbilder dieser Quellen auch in die Figurenzeichnung miteingeflossen, das bleibt ja gar nicht aus. Das sind alles auf die eine oder andere Art Miterzähler dieses Arztes, die gesamte Dorfgemeinschaft wirkt wie ein großes Simulacrum. Und da werden Frauen oftmals dann mit zwei Kategorien umschreiben, nämlich offen/lebensfroh und gleichzeitig brav/systemerhaltend. Das ist sicher zu kurz gegriffen. Wir versuchen, bei unserer Arbeit Momente der Selbstbestimmung und Handlungsoption zu finden.

Das finde ich auch bemerkenswert, wie dieser Fall zu einer Zeit in Frankreich groß durch die Medien ging, als französische Philosophen wie Jean Baudrillard oder Paul Virilio eh eine Theorie der Simulation, und der medialen Chimärenhaftigkeit aller Eindrücke formulierten. Jedes Abbild ist gewissermaßen schon eine Hochstaplerei in sich, hieß es in den 90ern plötzlich.

Ja, Romand betrieb eine Simulation. Er triggerte unsere Imaginationskraft so sehr, dass man mitspielte. Bei unserem Versuch, diesen Roman für die Bühne anzueignen, wollen wir das nicht direkt vorspielen, aber wir wollen es vorstellbar machen.

Du hast gerade von Rolleneinteilung gesprochen. Wäre der Mörder Jean-Claude Romand ein guter Schauspieler auf der Bühne?

Ich glaube nicht. Er war ein sehr guter Erzähler im direkten Kontakt, im kleineren Gespräch konnte er einen um den Finger wickeln. Er war ein Tischzauberer, kein Schauspieler.


 

Der Widersacher, nach dem Roman von Emmanuel Carrère (aus dem Französischen von Claudia Hamm)

Es spielen: Alida Bohnen, Berna Celebi, Björn Gabriel, Caroline Hanke, Marlena Keil, Max Ranft, Uwe Rohbeck.
Termine: SO, 01. DEZEMBER 2019
FR, 06. DEZEMBER 2019
FR, 13. DEZEMBER 2019
SO, 29. DEZEMBER 2019
SO, 12. JANUAR 2020.  Weitere Termine folgen.