Archiv der Kategorie: ARCHIV

LOOP IST NICHT GLEICH LOOP

Loop ist nicht gleich Loop

Im Theater gelten Wiederholungen eher als unüblich. Nicht so im „Goldenen Zeitalter“. Ein Abend, der aus zahllosen musikalischen, sprachlichen und szenischen Loops besteht. Doch was sind Loops und warum lohnt es sich, über sie nachzudenken? Musiker Tommy Finke und Matthias Seier über das Prinzip der Wiederholung und dessen verschiedene Auswirkungen.

„Musik stellt Ordnungsverhältnisse in der Zeit dar.“
– Karlheinz Stockhausen: Wie die Zeit vergeht
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DIE RÜCKKEHR DES GOLDENEN ZEITALTERS

Alles neu – Das Dortmunder Kultstück ist zurück

„The return of DAS GOLDENE ZEITALTER – 100 Wege dem Schicksal das Sorgerecht zu entziehen“. Regisseur Kay Voges beantwortet die wichtigsten Fragen.

Herr Voges, eine zweite Premiere vom gleichen Stück? Wie geht das?

Wir haben bisher 12 Vorstellungen gespielt, und jede war auf ihre Art eine neue Aufführung. Wir haben dutzende Szenen, die wir jedes Mal aufs Neue miteinander kombinieren. Durch meine Live-Regie und die Improvisation der Schauspieler kommt eine Unberechenbarkeit in den Abend, der an Performance erinnert. Und für „Die Rückkehr“ des Stücks entwickeln wir gerade eine Reihe neuer Ideen und Figuren, die wir mit den bekannten Szenen mischen. Es ist wie in der berühmten Beckett-Formulierung: Das Gleiche noch mal anders. DIE RÜCKKEHR DES GOLDENEN ZEITALTERS weiterlesen

WENN UNS EINER TRÄUMT

Das goldene Zeitalter

Als mein Cousin sechs Jahre alt war, saß er mit seinem Vater zusammen im Computerzimmer. Er blätterte in einem Buch, während sein Papa auf den Bildschirm blickte. Beide waren in ihre Gedanken und Aufgaben vertieft. Plötzlich sah mein Cousin auf und sagte nachdenklich: „Papa. Wenn uns einer träumt, der träumt aber lange.“

Wenn uns einer träumt, der träumt aber lange. Das ist ein Satz, den in seiner Schlichtheit und Tiefe kein Dichter am Schreibtisch herbei phantasieren könnte. Was mich an ihm so berührt, ist die Mischung aus Unbedarftheit, Melancholie, Weisheit und dieser besonderen Inspiration von Kindern. Mein Cousin hatte offenbar schon früh eine Ahnung für das Absurde am Dasein.

Was, wenn der, der uns träumt, plötzlich aufwacht? Sind wir dann alle weg? Sigmund Freud ging davon aus, dass wir im Traum nur in Zitaten sprechen, sehen und in gewisser Weise auch fühlen. In Träumen gibt es keine Originale. Wenn wir also Objekte im Traum eines Anderen wären – was wären wir dann anderes als Zitate von etwas, das wir selbst nicht sind?

Die Frage ist, ob das nicht eigentlich eine ganz treffende Definition des Menschen wäre. Menschen sind Zitate. Die Sprache? Gab es vor unserer Geburt. Unsere politischen Haltungen? Nichts als ausgeborgte Gesten. Die Gefühle? Angst, Liebe und Traurigkeit sind Jahrtausende älter als unsere individuellen Leben. Unsere Gedanken? Milliardenfach gedacht zu allen Zeiten.

Und das Theater? Ein Ort, gebaut für das Rezitieren selbst: Dort schleudern wir uns die Zitate aus Literatur, Kunst und Musik um die Ohren. Wir experimentieren mit dem Nachlass der Welt, aus dem wir uns selbst zusammensetzen. Wozu? Wo Zitat auf Zitat trifft, in noch nicht dagewesener Weise – an diesen „Nahtstellen“ kommt es mitunter zu glücklichen Momenten, die unplanbar und unwiederholbar sind, in denen unser Dasein als Zitat übertroffen wird.

Am Freitag ist Premiere von „the return of DAS GOLDENE ZEITALTER“: Schopenhauer trifft auf Mario Götze trifft auf Sahnejoghurt trifft auf Goethe trifft auf Duracell-Hase trifft auf Karl Marx trifft auf Wagner trifft auf „Die Ärzte“ treffen auf Supergirl. Hoffentlich werden wir geküsst von der Inspiration der Kinder. Auf meinen Cousin. Der Abend ist für dich. Zitat Ende.

 

Das Sterntagebuch wurde am 25. Januar 2015 in den Ruhr Nachrichten veröffentlicht.

Foto: Edi Szekely

THE NOISE OF ELEKTRA II – LARRY MULLINS

 Bei ELEKTRA steht ein wahnsinniges Musik-Trio auf der Bühne. Larry Mullins, Geoffrey Burton und Paul Wallfisch liefern den Sound der zersplitterten Tragödie. Ob nun laut und lärmend, sanft oder grotesk – die drei Vollblutmusiker sind Meister ihres Fachs. Kurz vor der Generalprobe von ELEKTRA hat Matthias Seier bei den drei Mitgliedern aufgeschnappt, welche Musik sie privat hören. Womit wuchsen sie auf? Was hat sie beeinflusst? Wem schulden sie Dank? Den Anfang macht Drummer und Perkussionist LARRY MULLINS, bekannt durch seine Arbeit mit Iggy Pop und den Swans. THE NOISE OF ELEKTRA II – LARRY MULLINS weiterlesen

WENN GOTT DIE WIEDERHOLUNG NICHT GEWOLLT HÄTTE

Eine Backstage-Dokumentation über DAS GOLDENE ZEITALTER 

Mario Simons Backstage-Dokumentation gibt Einblicke in den Denk-Kosmos der überregional gefeierten Theater-Performance DAS GOLDENE ZEITALTER – 100 Wege dem Schicksal die Show zu stehlen. Die Künstler und Schauspieler um den Regisseur Kay Voges kommen zu Wort und der komplexe technische Aufbau („Die Maschine“) wird erklärt. Zahlreiche Szenenausschnitte werden gezeigt. Darüber hinaus erzählen Zuschauer von ihren Eindrücken während des Abends: verstört, wütend, begeistert.

Die Welt urteilte nach der Uraufführung: „Mit DAS GOLDENEZEITALTER etabliert sich das Dortmunder Ensemble als führendes deutsches Theaterlabor.“ Und amusio.de polterte: „Der größte Theaterskandal des Jahres.“


THE NOISE OF ELEKTRA I – PAUL WALLFISCH

 Bei ELEKTRA steht ein wahnsinniges Musik-Trio auf der Bühne. Larry Mullins, Geoffrey Burton und Paul Wallfisch liefern den Sound der zersplitterten Tragödie. Ob nun laut und lärmend, sanft oder grotesk – die drei Vollblutmusiker sind Meister ihres Fachs. Kurz vor der Generalprobe von ELEKTRA hat Matthias Seier bei den drei Mitgliedern aufgeschnappt, welche Musik sie privat hören. Womit wuchsen sie auf? Was hat sie beeinflusst? Wem schulden sie Dank? Den Anfang macht PAUL WALLFISCH. THE NOISE OF ELEKTRA I – PAUL WALLFISCH weiterlesen

ELEKTRA IST PUNKROCK

Am kommenden Samstag, 7. Februar 2015 feiert am Schauspiel Dortmund die Tragödie „Elektra“ von Alexander Kerlin Uraufführung – mit einer fantastisch besetzten Live-Band: Paul Wallfisch (u.a. Botanica) steht gemeinsam mit Drummer Larry Mullins (u.a. Iggy Pop and the Stooges, Swans) und Gitarrist Geoffrey Burton (u.a. Sophie Hunger und Iggy Pop) auf der Bühne. Matthias Seier hat mit Wallfisch, seit 2010 Musikalischer Leiter am Schauspiel, über den Abend gesprochen.

 Elektra ELEKTRA IST PUNKROCK weiterlesen

ZU AUTOR UND WERK

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Roman Sikora(*1970) ist ein tschechischer Dramatiker und Theaterkritiker. Zunächst arbeitete er in einem Stahlwerk in seinem Geburtsort Třinec, bevor er Regie und Dramaturgie an der Janáček Akademie der musischen Künste in Brno studierte. Jahrelang arbeitete er hier auch als Nachtportier am örtlichen Theater. 1997 erhielt er den Alfred-Radok-Preis, der jährlich für herausragende Leistungen im tschechischen Theater vergeben wird, für sein Stück „Smetení Antigony“ („Antigone weggefegt“). In seinen Stücken reagiert Sikora häufig auf die aktuelle politische und soziale Situation in Tschechien – so auch bei „Das Bekenntnis eines Masochisten“. Einige seiner Werke sind in andere Sprachen übersetzt, vor allem ins Französische, Ungarische, Slowenische und Deutsche. 2007 porträtierte der Dokumentarfilm-Regisseur Ivo Bystřičan Roman Sikora in dem Film „Sikora. A Small Personal Marketing Epic“ („Sikora. Malý osobní marketingový epos“). Der Film ist hier online zu sehen (Tschechisch mit englischen Untertiteln).

Das Bekenntnis eines Masochisten

„Das Bekenntnis eines Masochisten oder Labyrinth der Welt und Lusthaus der Peitsche“ (Originaltitel: „Zpověď masochisty“) wurde im Jahr 2011 am Prager Theater Letí, Zentrum für zeitgenössische Dramatik, uraufgeführt (Regie: Martina Schlegelová). Diese Inszenierung war 2014 auch zum Festival EIN STÜCK: TSCHECHIEN nach Berlin eingeladen. 2011 wurde es in der Reihe „Neue Dramatik aus Europa“ beim Berliner Theatertreffen präsentiert. In der Spielzeit 2012/13 feierte „Das Bekenntnis eines Masochisten“ seine Deutschsprachige Erstaufführung am Konzert Theater Bern in der Regie von Dominik Friedel.

DAS PROBLEM NICHT ERFÜLLTER VERTRÄGE

Vor der Premiere sprach Dramaturg Dirk Baumann mit dem Regisseur Carlos Manuel über das Stück und sein Interesse daran.

Herr Manuel, Sie inszenieren die Deutsche Erstaufführung von Roman Sikoras „Das Bekenntnis eines Masochisten“ – ein Titel, bei dem man Einiges erwartet. Worum geht es genau in dem Stück?

Das Stück dreht sich um Herrn M., der zu Beginn des Stückes keine Erfüllung seiner sexuellen Begierde findet. Nicht in einer Beziehung, nicht bei einer Domina, gar nicht. Um dieses Manko zu kompensieren, geht er in die Welt und sucht die Erniedrigung in der Verausgabung. Er beginnt in seiner unmittelbaren Arbeitsumgebung, einer Werbeagentur, und stellt dort die Hierarchien um. Anschließend erweitert er sein persönliches Arbeitspensum, nimmt fünf Jobs gleichzeitig an (in einer Bank, auf dem Bau, …) und erkennt dann die Möglichkeiten und Zusammenhänge mit der Politik: Er unterminiert die Gewerkschaft und sorgt dafür, dass die Arbeitnehmer von ihren Forderungen nach mehr Geld und Freizeit abrücken und stattdessen Verständnis für ihre Arbeitgeber aufbringen. „Menschlich sein“ und „Politik für die Menschen“ lauten die Credos. Außerdem vertritt er einen harten staatlichen Sparkurs. Seine Reise endet in einem global-politischen Wettbewerb, einer Olympiade der Humanressourcen und schließlich in seiner persönlichen Hölle. DAS PROBLEM NICHT ERFÜLLTER VERTRÄGE weiterlesen

PARIS, PEGIDA UND DIE ANGST

Wie das politische Klima in Europa einen Probenprozess verändert hat

Am 7. Februar feiert die Tragödie Elektra Uraufführung im Schauspielhaus. Der Dramaturg und Autor Alexander Kerlin hat in Zusammenarbeit mit Regisseur Paolo Magelli, dem Ensemble und Musiker Paul Wallfisch ein Stück geschrieben, das sich an dem antiken Vorbild von Euripides orientiert – und dabei einen eigenen Fokus setzt. Wir haben mit ihm über seine Arbeit gesprochen. PARIS, PEGIDA UND DIE ANGST weiterlesen

BÖSE MENSCHEN KENNEN KEINE LIEDER

Von unserem Regieassistenten Maximilian Steffan

Ein Blick in die nahe Zukunft: 24. Januar 2015. Premierenabend am Schauspielhaus Dortmund. Reisebusse, gefüllt mit bierdurstigen, Springerstiefel tragenden langhaarigen Chaoten, quetschen sich gemächlich über den Ring der Dortmunder Stadtmitte, bis sie mit zischender Hydraulik und dampfenden Motoren vor dem Schauspielhaus zum Stehen kommen. Die automatischen Türen öffnen sich und einem Schwall leerer Bierdosen folgen zweihundert Punks, die grölend das Foyer stürmen und mit erhobenem Mittelfinger das Interieur zerlegen. Müde und verschwitzt lässt sich die Meute zeitgleich mit dem Hochfahren des eisernen Vorhangs in die bequemen roten Theatersitze fallen. Es erklingen die ersten Akkorde von dem Kassierer-Song „Das schlimmste ist wenn das Bier alle ist“. BÖSE MENSCHEN KENNEN KEINE LIEDER weiterlesen