Archiv der Kategorie: ARCHIV

DER REGISSEUR SASCHA HAWEMANN

Ein kurzes Porträt des Regisseurs Sascha Hawemann:

Sascha Hawemann (*1967), aufgewachsen in der DDR, war in seiner Jugend Punk. Nach seiner Flucht aus der DDR begann er ein Regiestudium in Belgrad, das er nach erneuter Flucht und Rückkehr ins wiedervereinigte Deutschland an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ beendete. Von 1995-2000 war Hawemann Haus- und Leitender Regisseur am Hans Otto Theater Potsdam. Seither inszenierte Hawemann u.a. am Deutschen Theater Berlin, dem Staatstheater Hannover, den Theatern in Chemnitz, Nürnberg, Magdeburg und Bielefeld. Unter der Intendanz von Sebastian Hartmann in Leipzig (2008-13) realisierte er verschiedene Arbeiten am dortigen Centraltheater, davon zwei Jahre als Hausregisseur.

2004 war seine Inszenierung 3 von 5 Millionen zum NRW-Theatertreffen eingeladen, seine Leipziger Regie-Arbeit we are blood 2011 zu den Stücken in Mülheim an der Ruhr. Eine Familie (August: Osage County) ist Sascha Hawemanns erste Regie am Schauspiel Dortmund.

Eine Familie

ZWISCHEN IDEALISMUS UND REALISMUS

Die Familie – das ist noch immer der feste Kern der Gesellschaft, das politische Ideal unseres Zusammenlebens. Wir werden in sie hineingeboren und unser Leben lang nicht mehr los. Doch das, was früher als Großfamilie ein Bündnis fürs Leben war, in dem alle Generationen unter einem Dach lebten, und das nicht selten gemeinsam eine „Wirtschaft“ betrieb, hat inzwischen der Zahn der Zeit gewandelt. Familie meint heute viel öfter Kleinfamilie, bestehend aus einer Kernfamilie und an anderen Orten lebenden weiteren Verwandten. Und die Gegenwart pluralisiert sich weiter und entwickelt immer neue Konstellationen: Patchwork-, Regenbogen-, Wahlfamilie etc. Empirisch betrachtet gibt es so viele individuelle Konstellationen, Geschichten, Verwicklungen, Verstrickungen, dass keine Familie ist wie die andere – genau wie der individuelle Umgang mit ihr: Fühlen sich die einen erst dann wohl, wenn um sie herum die Großfamilie tobt, halten die anderen es kaum aus, wenn eine Familienfeier ansteht. ZWISCHEN IDEALISMUS UND REALISMUS weiterlesen

XELL – DER MUSIKER IM PORTRÄT

In Eine Familie steht neben den Schauspielern auch ein Musiker mit auf der Bühne: Xell, mit bürgerlichem Namen Alexander Dafov. Ein Porträt.

Alexander Xell Dafov wurde 1973 in Plovdiv (Bulgarien) geboren und lebt seit 1978 in Deutschland. Seit Kindesbeinen nahm er Musikunterricht, zunächst in Flöte und Oboe. 1989 wurde er in das Musikgymnasium Schloss Belvedere Weimar für begabte Musiker aufgenommen, ab 1990 studierte er Oboe bei Prof. Axel Schmidt an der Musikhochschule Franz Liszt in Weimar, wo er sein Studium 1995 mit Auszeichnung abschloss und in die Meisterklasse aufgenommen wurde.aea9f5ef46

Es folgten Zusammenarbeiten mit dem Pianisten Sebastian Roth, Solokonzerte und Rundfunkaufnahmen. Xell Dafovs Interesse an der Musik gilt nicht nur der klassischen Interpretation, sondern dem Klang als Sprache und Ausdrucksmittel. So erhielt er 1998 einen Kompositionsauftrag für die BallettperformanceZucht von Robert Maytaf am Balletthaus Halle. Nach seinem Umzug nach Berlin war er einige Jahre als Sounddesigner und Produzent für SAT.1/ PRO7 tätig, bevor ihn Dimiter Gotscheff für die Produktion Das Pulverfass (Berliner Festspiele) engagierte. Daraufhin folgten etliche Aufträge an Theaterhäusern.

2005 gründete er sein theatralisches Progressiv-Rockensemble Xell and his Schizophonic Orkestar, mit dem er 2010 ein Album veröffentlichte. Dieses wurde vom Bundeministerium für Kultur aufgrund seiner originellen und multikulturellen Idee gefördert. Alexander XellDafov ist als freier Bühnenkomponist, Theatermusiker und musikalischer Leiter u.a. am Deutschen Theater Berlin, am Deutschen Nationaltheater Weimar, Centraltheater Leipzig, Oldenburgischen Staatstheater und am Schauspielhaus Hannover tätig. Im Februar 2013 bekam er einen Gastdozentenvertrag an der Universität der Künste in Zürich.

Er arbeitete u.a. mit den Regisseuren Dimiter Gotscheff, Sandy Lopicic, Lemi Ponifasio, Fabrizio Cassol, Robert Gerloff, Christel Hoffmann und Sascha Hawemann. Eine Familie ist seine erste Arbeit am Schauspiel Dortmund.

LINKS
www.xellmusic.com

ZUM STÜCK

Lebenslügen, Drogen, Inzest, und verbale Schlachten: Das sind die Zutaten für Tracy Letts tragikomisches Familiendrama, das unter die Haut geht!

Hochsommer, Osage County, Oklahoma, im mittleren Westen der USA. Violet und ihr Mann Beverly leben alleine in einem einsamen Haus im Nirgendwo. Doch Violet ist inzwischen ein Wrack: krebskrank, tablettensüchtig, cholerisch. Der selbst alkoholabhängige Beverly engagiert eine Pflegekraft für Violet – doch die ist davon alles andere als begeistert. Wenige Tage darauf verschwindet Beverly spurlos, Violet bestellt ihre Familie ein: ihre drei Töchter – Ivy und Karen sowie Barbara mit Mann und Tochter – und ihre Schwester Matti Fae mit Ehemann. Als sich herausstellt, dass Beverly tot ist und Violet nicht mehr alleine im Haus bleiben kann, brechen verdrängte Konflikte auf: Keines der Kinder will Violet erhören, die vor nichts mehr Angst hat als der Einsamkeit – und die umso mehr Mittel der Manipulation einsetzt, je aussichtsloser es erscheint, dass eine der Töchter bei ihr bleibt. Was heißt Familie, was Verantwortung? Es entspinnt sich eine Schlacht um Schuldzuweisungen, alte Narben, gekränkte Eitelkeiten und unangenehme Wahrheiten. Alle rechnen mit allen ab.

Eine Familie
Nach dem Erfolg von Das Fest folgt mit Eine Familie das nächste große Familiendrama auf der Dortmunder Schauspielbühne: ein packendes und tragikomisches Ensemblestück über eine Familie im Auflösungszustand, über Bedeutung und Stellenwert von Familie, Verantwortung, Zusammengehörigkeit und Individualität. Tracy Letts’ mit dem Pulitzer-Preis und dem Tony-Award ausgezeichneter Broadway-Hit atmet den Geist von Tennessee Williams, Edward Albee und Anton Tschechow und ist doch einzigartig.

Eine Familie

VOM STAUBFÄNGER ZUR WELTLITERATUR: MOBY DICK ODER DER WAL

von Marina Biermann

Als Hermann Melville im Jahr 1851 seinen Roman Moby Dick oder der Wal veröffentlichte, wurde sein Werk vom Publikum und den Kritikern verrissen. Melville, bekannt geworden durch seine ersten beiden Romane Taipi und Umu, konnte den Erwartungen nach einem weiteren romantischen Südseeabenteuer nicht gerecht werden. Heute hingegen zählt Moby Dick zur Weltliteratur und zu den Klassikern des englischsprachigen Realismus. Zunächst verstaubte das 900 Seiten starke Werk jedoch jahrelang in der Walkundeabteilung der Yale-Universität. In den 1920er wurde es wiederentdeckt und hat seitdem viel Beachtung gefunden. Entlang der Geschichte um den Ich-Erzähler Ismael entspannen sich kaleidoskopartig zahlreiche philosophische, wissenschaftliche, kunstgeschichtliche und mythologische Exkurse. Die Erzählung lebt außerdem von einer großen stilistischen Vielfalt, die sich von wissenschaftlichen Kapiteln, über dialogische Szenen bis hin zu inneren Monologen erstreckt. VOM STAUBFÄNGER ZUR WELTLITERATUR: MOBY DICK ODER DER WAL weiterlesen

TRIVIA

Was man unbedingt wissen sollte:

– Der Sänger Moby benannte sich selbst nach dem berühmtesten Roman seines Ur-Ur-Großonkels Herman Melville. Mit bürgerlichem Namen heißt Moby Richard Melville Hall.

– Gudrun Ensslin, Top-Terroristin und Mitglied der RAF, gab ihren Gefährten für ihre Kommunikation im Stammheimer Gefängnis, die über heimlich geschmuggelte kleine Notizen abliefen, Decknamen aus Moby Dick, um mögliche Überwacher in die Irre zu führen. Andreas Baader war Ahab, Starbuck stand für Holger Meins, Zimmermann für Jan-Carl Raspe, Quiqueg für Gerhard Müller, Bildad für Horst Mahler, Smutje für Gudrun Ensslin selbst. Die RAF sah sich selbst im Kampf mit dem Leviathan, dem Sinnbild für den Staat.

– Das Literarische Quartett wurde von 1988 bis 2001 im ZDF ausgestrahlt. Marcel Reich-Ranicki, Sigrid Löffler, Hellmuth Karasek debattierten seit 1990 mit je einem wechselnden Gast über verschiedene Bücher. Über Haruki Murakamis Gefährliche Geliebte zerstritten sich Marcel Reich-Ranicki und Sigrid Löffler so sehr, dass Löffler das Quartett 2000 verließ. Mit der Ersatzbesetzung Iris Radisch konnte das Quartett nicht mehr an seinen ursprünglichen Erfolg anknüpfen.

MOBY DICK vs A.H.A.B. - All Heroes Are Bastards

– Im kanadischen Freizeitpark Canada’s Wonderland eröffnete am 6. Mai 2012 die Achterbahn Leviathan. Sie orientiert sich thematisch am Seeungeheuer und hat eine Höhe von 93 Metern.

– Im Jahr 2007 erschien eine Comic-Ausgabe von Moby Dick bei Marvel, wo u.a. auch die Comics von Batman, Superman, Spiderman und anderen beheimatet sind.

– In verschiedenen Computerspielen sind Figuren namens Leviathan zu finden, beispielsweise in StarCraft II, Final Fantasy, Mass Effect 3 – sowohl als Protagonisten als auch als Antagonisten.

 

KAMPF GEGEN WINDMÜHLEN?

Wenn man Kapitän Ahabs Mission der Jagd nach dem weißen Wal Moby Dick bei Lichte betrachtet, drängen sich schnell Motivkomplexe auf: Rache, Wahn, Fanatismus – vielleicht ist es sogar eine Blaupause für terroristische Gruppen. Schaut man jedoch genauer, stellt sich die Frage, was hinter Ahabs Hass auf Moby Dick steht? Ist es nur der Rachegedanke – Auge um Auge, Zahn um Zahn? Aber warum will er Moby Dick dann gleich töten? Oder ist es der Wunsch nach Veränderung? Aber was kommt dann nach dem Tod des weißen Wals? Ist dann nicht sämtlicher Lebensinhalt des besessenen Kapitäns dahin? KAMPF GEGEN WINDMÜHLEN? weiterlesen

DER LEVIATHAN DES THOMAS HOBBES

Herman Melville umschreibt den weißen Wal in seinem Roman mit der Metapher des Leviathan. Der Leviathan wird in der Bibel als Ungeheuer des Meeres beschrieben (u.a. Buch Hiob). Große Bekanntheit hat der Begriff Leviathan mit der gleichnamigen staatstheoretischen Hauptschrift von Thomas Hobbes von 1651 erlangt, der darin den Staat als Leviathan beschreibt und die Allmacht des Staates mit der Unbezwingbarkeit des biblischen Ungeheuers vergleicht. Hobbes stellt sich den Staat als einen riesigen, aus Einzelmenschen bestehenden Körper vor: DER LEVIATHAN DES THOMAS HOBBES weiterlesen

DIE RETROFUTURISTEN

Die Retrofuturisten sind ein freies Berliner Theater- und Puppenspielkollektiv, dem die Regisseurin Roscha A. Säidow, die Puppenspielerin und -bauerin Magdalena Roth und die Puppenspielerin Franziska Dittrich angehören. Die Gruppe fand sich 2011 im Rahmen ihres Studiums an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Ihre Arbeit ist geprägt von der Lust am Erfinden schräger Dystopien und der Suche nach neuartigen und ungewöhnlichen Erzählformen und Mitteln: Mit der Verbindung von Elementen aus modernem Puppenspiel, Schauspiel, Objekttheater und punktgenau komponierter Musik entwickeln sie eine einzigartige Ästhetik zwischen Tim Burton, Sin City und Comic. Dabei setzen die Retrofuturisten in den jüngsten Produktionen vor allem auf den Einsatz von Overhead-Projektoren bzw. Polyluxen, mit denen sie individuelle Bildwelten erschaffen. DIE RETROFUTURISTEN weiterlesen

DIE MÖGLICHKEIT DES GLÜCKS

Möglichkeit einer Insel 8

Planet Erde, im fünften Jahrtausend. Das ewige Ringen um sexuelle Attraktivität hat die Menschheit solange erschöpft, bis sie ausgestorben ist. Jedenfalls so gut wie – nur noch hier und da hausen ein paar verwilderte Exemplare in postapokalyptischen Zivilisations-Trümmern: Die Starken essen die Schwachen.
Die nun dominierende Menschenform ist der genetisch veränderte sogenannte Neo-Mensch, der alleine lebt, sich durch Photosynthese ernährt und weder Liebe noch Hass kennt. Und auch nicht das Trauma des körperlichen Alterns, denn jeder Neo-Mensch wird regelmäßig neu geklont und als Achtzehnjähriger wiedergeboren. Gefühle sind längst wegoptimiert. DIE MÖGLICHKEIT DES GLÜCKS weiterlesen

DIE MÖGLICHKEIT EINER INSEL

LIVE GESPIELT, ANIMIERT, GESCHNITTEN UND VERTONT VON VIER SCHAUSPIELERN:
DER ALLERERSTE LIVE-TRICKFILM DER GESCHICHTE

Mit Die Möglichkeit einer Insel schreibt das Schauspiel Dortmund nach DAS FEST (nominiert für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST 2013) und MINORITY REPORT oder MÖRDER DER ZUKUNFT erneut Theater- und Filmgeschichte – im Geiste des Dortmunder Manifests DOGMA 20_13: Eine große Reise durch Zeit und Raum, live gespielt, animiert, geschnitten und vertont von vier Schauspielern, direkt vor den Augen der Zuschauer mit über 200 handgemachten Zeichnungen  auf teil-beweglichen Animation-Plates sowie mit zahlreichen liebevoll gestalteten Miniaturen, vier Tricktischen, zwei Dolly-Robotern und fünf Kameras Michel Houellebecqs Figuren zum Leben erwecken – der allererste Theaterabend, in dem ein Trickfilm live auf der Theaterbühne erschaffen wird.

Das Krefelder Design- und Künstlerkollektiv sputnic (Malte Jehmlich, Nicolai Skopalik, Nils Voges) arbeitet deutschlandweit und international im Spannungsfeld zwischen Theater, Film, Musik, Performance und Installation. 2008 für ihrenwurde ihr Stop-Motion-Trickfilm SÜDSTADT mit dem renommierten European Grand Off-Award für die Beste Animation ausgezeichnet. Am Schauspiel Dortmund entwickelte sputnic zuletzt Animationen und Visual Effects für EINIGE NACHRICHTEN AN DAS ALL und erfand (zusammen mit kainkollektiv) die Reihe STADT OHNE GELD.

Das „Making of  Die Möglichkeit einer Insel“ von Jan Voges gibt Einblick in den Live-Trickfilm und schaut hinter die Kulissen: