Archiv der Kategorie: H-O

KASPAR

Theaterstück des frühen Peter Handke, in dem ein Chor von sogenannten „Einsagern“ dem sprachlosen Kasper (Hauser) in unbarmherzigen, nicht enden wollenden Variationen Worte und Grammatik einpeitscht.

KAUSALITÄT

Mentaler Klebstoff, mit dem wir Erfahrenes zu sinnvollen Einheiten strukturieren: „Dieses folgte deshalb aus jenem“. Wo jedoch das ‚Deshalb’ fehlt und nur ‚Dieses’ und ‚Jenes’ ohne Haftung durch den Äther schweben, ist das Denken anders gefragt: Wir müssen uns erstmal um die Beschaffenheit des Klebstoffs kümmern.

KEITH ALEXANDER

(*1951) war bis März 2014 Direktor der National Security Agency (NSA) – von Kritikern wird ihm ein juristisch grenzwertiger Drang, den ultimativen Spionageapparat aufzubauen, vorgeworfen. Internationale Bekanntheit erlangte Alexander im Sommer 2013 im Zuge der Snowden-Enthüllungen, die riesige Datensammlungen offenlegten. Aus dieser Zeit stammt auch das berühmte Zitat Alexanders: „Man braucht die Daten, man braucht den Heuhaufen, um die Nadel zu finden.“ | →ALGORITHMEN | →DATENKEYWORDS | →LAURA POITRAS | →PANOPTISMUS | →POST-PANOPTICON | →WHISTLEBLOWER

KEYWORDS

2012 wurde das amerikanische Department of Homeland Security gerichtlich dazu verpflichtet, eine Liste mit Schlagwörtern zu veröffentlichen, auf die sie Internet-Kommunikation durchsucht hatten, darunter auch Begriffe wie Schwein, Afghanistan, Irak, biologisch, China, Puder, Tsunami, Flughafen, Wolke, Piraten oder Kain & Abel. Es gilt als wahrscheinlich, dass hierbei nicht nach einzelnen Wörtern Ausschau gehalten wurde, sondern nach bestimmten Wortkombinationen. Dass diese Liste mit 377 Wörtern die einzige ihrer Art ist, gilt dagegen als unwahrscheinlich. | →ALGORITHMUS | →DATEN | →KEITH ALEXANDER | →ONLINE | →ÜBERWACHUNG

KINECT

ist eine 3D-Kamera von Microsoft, die von einem der größten Experten für Mensch/Maschine-Schnittstellen, Johnny Chung Lee, ursprünglich für die Spielkonsole Xbox entwickelt wurde, um Computerspiele durch Körperbewegungen und Stimme zu steuern. Die visionäre Sensoren-Technik der Kinect (u.a. Tiefensensoren, Farbkamera, 3D Mikrophon) stieß schnell auch außerhalb der Gamer-Szene auf großes Interesse – inzwischen gibt es die verschiedensten Open Source-Softwareentwicklungen, die es dem Anwender erlauben, die Kinect auch ohne die Xbox anzusteuern, Menschen und Objekte digital zu erfassen und die so gewonnenen Daten auf die vielfältigsten Arten mit anderen Daten, Algorithmen und Layern zu verknüpfen, z.B. für 3D-Modelle und als Grundlage für Animationen. Bei „Hamlet“ steht die Kinect in der Bühnenmitte nahe der Rampe und generiert live Daten aus den Schauspielern. | →ALGORITHMEN | →DATEN | →KAMERAS | →VIDEOART

KOBOLT

Staubsaugermodell der Firma Vorwerk mit 11cm langem Ansaugstutzen, an dessen Ende sich ein rotierender Ventilator befindet. Führte zu mindestens sechzehn Fällen von Riss-Quetschungen an Penissen während der Selbststimulation. Über die Staubsauger-Szene hinaus bekannt geworden durch die Dissertation „Penisverletzungen bei →MASTURBATION mit Staubsaugern“ des Urologen Michael Alschibaja Theimuras.

KOPIE

Hatte immer mit dem schlechten Ruf zu kämpfen, so in etwa, jedoch nicht ganz wie das →ORIGINAL zu sein. Imageverbesserungen durch künstlerische Produktionsverfahren im 20. Jh., die das Unperfekte und Serielle (→SERIE) der K. selbst als Qualität entdeckten (→ WARHOL, ANDY). Digitale Kopien sind heute ohne Qualitätsverlust möglich, siehe jedoch → GLITCH

KYBERNETIK

(Engl.: ‚cybernetics’) Wissenschaft von der Steuerung und Regelung, u.a. von Menschen. Ihre Erfinder erträumten sich Mitte des 20. Jh., mit Hilfe von Datenanalysen Verhalten vorauszusagen. Der Traum scheint in fortgeschrittenen Zeiten des Internets realisiert: Wir produzieren ausreichend Daten von uns (Bilder, Worte), um unsere nächsten Schritte mit hoher Wahrscheinlichkeit voraussagen zu können | →DATEN | →FREIHEIT | →ZOMBIES IM KAUFHAUS

L’ÂGE D’OR

(Dt.: ‚Das →GOLDENE ZEITALTER’) Rätselhafter Tonfilm des Regisseurs Luis Buñuel von 1930 über Skorpione und eine bourgeoise Feierlichkeit. Gilt als Hauptwerk des surrealistischen Kinos. Laut Metzler Film Lexikon mit dutzenden bewusst gesetzten Tabubrüchen ein „anarchistischer Hymnus auf die →FREIHEIT Freiheit.“ Spielte bei der Titelwahl zum Dortmunder Stück keine Rolle.

LAURA POITRAS

(*1962) ist eine amerikanische Dokumentarfilmerin, die derzeit in Berlin lebt. Poitras wird seit Veröffentlichung ihres Oscar-nominierten Irak-Films „My Country, My Country“ (2006) von Behörden ihres Heimatlandes als terrorverdächtig eingestuft und auf einer „watchlist“ geführt. Sie wurde zigmal bei Einreise in die USA schikaniert und verhört, ihre Unterlagen und Datenträger beschlag­nahmt. Poitras traf Edward Snowden zusammen mit Glenn Greenwald in Hongkong. Seit Februar 2014 ist sie vor allem für die Website „The Intercept“ tätig. | →ANTHROPOZÄN | →COLLETERAL MURDER-VIDEO | →ÜBERWACHUNG | →REGIZID | →REVOLUTION | →WHISTLEBLOWER | →ZWEIFEL

LECK MICH AM ARSCH

Sechsstimmiger Kanon von Wolfgang Amadeus Mozart (1782), dessen Originaltext mit repitetiver Struktur („Leck mich, leck mich, leck mich, leck mich, leck mich. Leck mich, leck mich, leck – g’schwindi, g’schwindi, g’schwindi, g’schwindi! G’schwindi, g’schwindi, g’schwindi, g’schwindi! Leck mich im Arsch g’schwindi, g’schwindi, g’schwindi!“ usw.) lange Zeit durch die Zeilen „Lasst uns froh sein! Murren ist vergebens!“ ersetzt wurde.

LOOP

Musikalisches oder dichterisches Verfahren mit intensiver Wirkung, bei dem ein Abschnitt herauspräpariert, beliebig oft wiederholt und zu anderen L.s ins Verhältnis gesetzt wird. Dabei können Variationen durch Effekte, Rhythmusverschiebungen und Melodiewechsel erzeugt werden. L.s verändern die Wahrnehmung von →ZEIT | →BEUYS; JOSEPH