Archiv der Kategorie: GLOSSAR

Hier finden Sie ein stetig wachsendes Gedanken-Archiv unserer Arbeit am Schauspielhaus. Die Ideen, Begriffe und Überlegungen entstammen den Produktionsprozessen. Ein Schwerpunkt liegt auf der Frage nach der Zukunft von Theater und Netz.

PANOPTISMUS

Eine von Michel Foucault 1977 formulierte Theorie („Überwachen und Strafen“), nach der bereits im frühen Kapitalismus der Wunsch nach möglichst effizienter, allgemeiner gesellschaftlicher Disziplinierung immer drängender geworden sei. Das Extrem einer effizienten Überwachung: Ein sich über alle Sphären der Gesellschaft spannendes Netz. Wenn kein Bürger mehr wissen könne, ob er gerade überwacht wird oder nicht, diszipliniere er sich sicherheitshalber permanent selbst – überwacht sich also selber. Über einen längeren Zeitraum, so Foucault, führt dieser Mechanismus zu einer Verinnerlichung der erwarteten Normen und zur vollkommenen Unmöglichkeit, diese Normen brechen zu können – oder auch nur daran zu denken. |→ANTHROPOZÄN | →BLADE RUNNER | →WHISTLEBLOWER | →KAMERAS | →KEITH ALEXANDER |→MICHEL FOUCAULT | →ONLINE | →PANOPTICON | →POST-PANOPTICON | →REVOLUTION | →SCHREIBMASCHINE | →ÜBERWACHUNG | →WILLIAM SHAKESPEARE

EBEN MOGLEN

 ist (* 1959) ist Professor für Recht und Rechtsgeschichte an der Columbia Law School in New York. Er ist einer der prominentesten Verfechter für Open Software – in einer Welt, in der unser Leben so eng mit technischen Geräten verzahnt ist, sei es wichtig, dass durch freie Software alle Zugriff auf diese Technik hätten, damit die gesellschaftliche Macht auf viele verteilt werden könne. Freie Software sei also eine unverzichtbare Grundlage für die Demokratie. Zu den Snowden-Veröffentlichungen gab er eine mehrteilige Vorlesungsreihe . →WHISTLEBLOWER | →WEITERE STIMMEN

EHIJE ASCHER EHIJE

Hebräische Aussprache der berühmten Worte aus dem brennenden Dornbusch, die →GOTT in Exodus 3,14 als unmissverständlichen Ausdruck seiner Selbst-Identität zu Mose spricht, als dieser ihn nach seinem Namen fragt. Verschieden übersetzt, u.a. mit „Ich bin der ich bin“ (Elberfelder), „Ich werde sein, der ich sein werde“ (Luther), „Ich bin der Seiende“ (Septuaginta), „Ich werde sein der Ich bin“ (Zunz) und „Ich bin der, der ist und immer sein wird“ (Neue Evangelistische) | →IDENTITÄT

EINSTEIN ON THE BEACH

Experimentelle Oper in vier Akten mit fünfstündiger Aufführungsdauer, enormer hypnotischer Kraft, 1975 komponiert von dem Theatermusikers Philip Glass. Das Libretto besteht aus sich wiederholenden Silben, Zahlen und Gedicht-Fragmenten | →MANTRA

(Dies ist ein Glossar-Beitrag aus dem Jahr 2017. Zu unserer Inszenierung von EINSTEIN ON THE BEACH 2017 finden Sie hier Infos und Tickets.)

ENDE DER GESCHICHTE

Idee des Politikwissenschaftlers F. Fukuyama aus den 1990er Jahren, nach der mit dem Ende des Realsozialismus in Osteuropa der liberal-demokratische Kapitalismus endgültig gewonnen hätte und das →GOLDENE ZEITALTER einer liberalen Weltgemeinschaft vor der Tür stehe. Stand September 2013: Völliger Unsinn!

HALLUZINATIONEN

sind Sinneseindrücke, die vom Betroffenen als wahr erachtet werden, ohne dass es externe Grundlagen für diese Wahrnehmungen gibt. Gründe dafür können Schlafentzug, Drogeneinnahme, Drogenentzug, Reizüberflutung, Reizunterforderung, psychische Störungen oder eine Stoffwechselstörung im Gehirn sein. Als „Hypnagogie“ bezeichnet man Halluzinationen, die einen abends im fließenden Wandel vom Wachsein zum Halbschlaf oder Wegdämmern ereilen können. (Lesetipp: Oliver Sacks, „Drachen, Doppelgänger und Dämonen. Über Menschen mit Halluzinationen“). | →GEGENWARTSSCHOCKDIGIPHRENIE | →SCHIZOPHRENIE | →WILLIAM SHAKESPEARE | →ZWEIFEL | →POST-PANOPTICON

ENDLOSLIED

Lied mit textlicher und/oder musikalischer Struktur, in der das Ende notwendig zurück zum Anfang führt. Bekannte Beispiele sind die Volkslieder Ein Loch ist im Eimer und Ein Mops kam in die Küche sowie Eisgekühlter Bommerlunder (Die Toten Hosen) und Das rote Pferd (→ REMIX von Markus Becker und Mallorca Cowboys)

HEGEMANN, HELENE

Autorin, die in ihrem ersten Roman Axolotl Roadkill die Idee vom → Remix sehr weit trieb, indem sie Passagen des Bloggers Airen ohne Zitatangaben in den Roman integrierte, und damit den versammelten Groll des deutschen Feuilletons und diverser Schriftstellerkollegen auf sich zog  |  → COPY AND PASTE  |  →ZITATRECHT

HELSINGÖR

(auch Helsingør oder Elsinore) ist eine idyllisch gelegene Kleinstadt an Dänemarks östlicher Küste, direkt der schwedischen Stadt Helsingborg gegenüber. In die Literaturgeschichte ging das verschlafene und windumtoste Städtchen als Schauplatz der Hamlet“-Geschichte ein. Im hiesigen Schloss Kronborg siedelte Shakespeare die Geschichte an. Seit 2000 ist die Kronborg Weltkulturerbe der UNESCO. Erstmals wurde „Hamlet“ in jenen Gemäuern 1816 gespielt – zum 200. Todestag des Autors. Heutzutage bekommen Touristengruppen und Shakespeare-Fans jeden Tag um halb eins eine „Hamlet“-Führung, Kosten: 40 dänische Kronen pro Nase.  | → REGIZID | → WILLIAM SHAKESPEARE | → ZWEIFEL

HETZMASSE

Von E. Canetti bezeichnete Gruppe von Menschen, die sich in der Jagd (z.B. auf einen Menschen) zusammenrottet und durch sie bestehen bleibt. Laut Schriftsteller Klaus Theweleit 1998 „zunehmend an die Bildschirme und Zeitungen verwiesen.“  Berichterstattung sei überwiegend „Mord auf Raten“, der uns nicht „vorgesetzt wird, damit wir informiert sind, sondern damit wir etwas Lust verspüren im erlahmten Leben, wenigstens die Lust am Sterben anderer“ | → TAGESSCHAU

HERZ

Schlägt und schlägt und schlägt und schlägt und schlägt und schlägt dann, eines nahen oder fernen Tages, nicht mehr (→TOD). Metronom, konstanter Beat, Lebensmaschine, umgangssprachlich der Sitz der Liebe. Das H. sitzt im besten Falle am rechten Fleck.