Archiv der Kategorie: DENKEN

Thesen, Theorien, Leitartikel. Überlegungen, Betrachtungen, Essays. Die Denkzentrale des Schauspiel Dortmund.

„SUBVERSION. EINE KLEINE DISKURSANALYSE EINES VIELFÄLTIGEN BEGRIFFS.“

Theater und Aktion

In: Psychologie & Gesellschaftskritik. 32. Jg., Heft 128 (2008), S. 9-34.

Wir beginnen den Blog mit einer Diskursanalyse des Begriffs der Subversion, um diesen wichtigen Begriff im Zusammenhang von politischer Aktion und Kunst einmal zu umreißen und zu verdeutlichen, wie unterschiedlich er genutzt wurde.

Nach Thomas Ernst entwickelten sich seit der Französischen Revolution im deutschsprachigen Raum vier Diskurse der Subversion. „SUBVERSION. EINE KLEINE DISKURSANALYSE EINES VIELFÄLTIGEN BEGRIFFS.“ weiterlesen

DU GUCKST JA NUR ZU!

stbMeine große Tochter, die eigentlich gar nicht groß ist, aber immerhin größer als die kleine, nämlich fast vier, war am Sonntag mit mir im Theater. Es lief „Minority Report“ im Studio, ich hatte Abenddienst. Sie schaute über weite Strecken gebannt zu, was sicher nicht am Thema lag (Wie steht es um die Freiheit in Zeiten von Big-Data?), sondern eher am Mitwirken ihrer Freundin, der Schauspielerin Merle Wasmuth und mehrerer Barbie- und Ken-Puppen auf großen Leinwänden.

Und weil das Stück „gar nicht so gruselig“ war, wie sie zunächst befürchtet hatte, und weil ich sie bei den allzu expliziten erotischen Szenen kurz mit raus nahm („Warum hat Barbie sich hingelegt?“ – „Äh, die ist total müde! Komm, wir holen eine Brezel!“), wertete ich den Abend stolz als Erfolg für unser Papa-Tochter-Verhältnis. DU GUCKST JA NUR ZU! weiterlesen

AUSSTEIGEN: „INTELEXIT“

stbWer zuviel trinkt, findet Hilfe bei den Anonymen Alkoholikern. Wer zuviel arbeitet, geht zu den Anonymen Arbeitssüchtigen. Wer kein Bock mehr darauf hat, ein Neonazi zu sein, wendet sich an Initiativen wie „Exit Deutschland“. Oder du bist gewaltbereiter Salafist? Versuch es mal mit dem Projekt „Wegweiser“. Willst du aus der linksextremen Szene raus? Für dich bietet der Verfassungsschutz Aussteiger-Programme an.

Nun gibt es eine neue Initiative für Menschen, die eigentlich auf dem Radar der Hilfebedürftigkeit nicht auftauchen. Sie heißt „Intelexit“ und richtet sich an Mitarbeiter von Geheimdiensten wie dem Bundesnachrichtendienst, der NSA oder dem britischen GCHQ. „Diese Menschen“, so die Wiener Psychologin Angelika Schneider in einem Informationsvideo von „Intelexit“, „leiden unter dem, was wir Kognitive Dissonanz nennen.“ Darunter versteht man den Leidensdruck von Menschen, die ständig gezwungen sind, Dinge zu tun, die ihren Werten zuwider sind. AUSSTEIGEN: „INTELEXIT“ weiterlesen

WENN DIE SYRER WALE WÄREN

von Philipp Ruch / Zentrum für Politische Schönheit

„Warum sollen wir Mitleid mit Menschen haben?
Von ihnen können wir jederzeit mehr machen,
aber ein Pferd – versuch mal, ein Pferd zu machen!“
Stalin

stbAls der letzte Bär im Zoo von Sarajevo 1992 während des Bosnien-Krieges verhungerte, war die öffentliche Empörung groß. Der geplante Massenmord von Hunderttausend Menschen, gerade auch die mit gezielten Kopfschüssen getöteten Kinder zu Kriegsbeginn, verkörperten dagegen das kleinere Problem. Der Dortmunder Zoo ist ein Liebling der Lokalmedien; bedrohte Tiere sind immer auch eine Herzensangelegenheit der (medialen) Weltöffentlichkeit. WENN DIE SYRER WALE WÄREN weiterlesen

TROLLE

Vor kurzem gab es bei Maybrit Illner eine Meinungsverschiedenheit zwischen dem Aktivisten Sascha Lobo und dem Kripo-Gewerkschafter André Schulz. Die Frage: Ist der gegenwärtige Hass gegen Fremde ein Randphänomen („eine Gruppe von ca. 20.000 radikalisierten Deutschen“, Schulz)? Oder ist der Rassismus längst ein Massenphänomen (Lobo)?

Lobos Einschätzung ist durch das Netz geprägt. Er beobachtet eine tiefgreifende Veränderung des Verhaltens in den Sozialen Medien. Offen rassistische und verfassungsfeindliche Kommentare werden massenhaft unter „Klarnamen“ (d.h. nicht mehr unter Pseudonymen) veröffentlicht – ein Indiz für Lobo, dass ein gesellschaftliches Tabu gebrochen ist. Zum Glück stimmt das nicht ganz: Die Website „Perlen aus Freital“ hat in den letzten Wochen freundlicherweise Facebook-Rassisten und Holocaust-Leugner direkt mit ihren Arbeitgebern in Kontakt gebracht hat – in mehreren Fällen kam es zu Entlassungen. So mancher wird sich da über sein Netz-Verhalten geärgert haben: „Nüchtern bin ich doch eigentlich ganz anders und sogar Roberto Blanco-Fan“. TROLLE weiterlesen

JEDER ZUSCHAUER IST TÄTER.

Nikolaus Köhler, hier 2013 in Köln als Teilnehmer des Symposiums "Mein Fernseher spricht nicht mehr mit mir".
Nikolaus Köhler, hier 2013 als Teilnehmer des Symposiums „Mein Fernseher spricht nicht mehr mit mir“ in Köln.

Seit 1998 forscht Prof. Dr. Nikolaus Köhler am Institut für Medienrecht und Gewaltprävention in Wuppertal. Der folgende Text ist ein Vorabdruck seines neuen Theoriebands „Die Medien der Empörung – 10 Einschlafgeschichten für die Revolution“ (edition schneeleopard, 156 Seiten, 14,99€), den wir mit freundlicher Genehmigung des Verlags hier veröffentlichen dürfen.


Jeder Zuschauer ist Täter. Fünf mediale Grenzübertritte


JEDER ZUSCHAUER IST TÄTER. weiterlesen

BLACKBOX NSU: „ES WURDE NUR IN EINE RICHTUNG ERMITTELT!“

Am 4. April 2016 jährt sich der NSU-Mord an dem türkischstämmigen Dortmunder Kioskbesitzer Mehmet Kubaşık zum zehnten Mal. Im Rahmen der Diskussions-Reihe BLACKBOX lud das Schauspiel Dortmund im Mai 2015 Antonia von der Behrens ein. Im laufenden Münchner NSU-Prozess vertritt die Anwältin die Interessen der Familie von Kubaşık. Im Gespräch mit dem Journalisten David Schraven berichtete sie vom Prozessalltag, zweifelhaften Zeugenaussagen, dem Schweigen von Beate Zschäpe, Terrorstrukturen, V-Männern und Versäumnissen der Polizei – auch der Dortmunder. 

David Schraven und Antonia von der Behrens
David Schraven und Antonia von der Behrens im Institut vom Schauspiel Dortmund

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WEISSE WÖLFE

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WEISSE WÖLFE – Eine grafische Reportage über rechten Terror von David Schraven und Jan Feindt von CORREKTIV hängt seit dem 15. April als Ausstellung im Schauspielfoyer.

Anbei die Eröffnungsrede zur Ausstellung von Friedrich Küppersbusch:

„Guten Abend, sehr geehrte Damen und Herren,

herzlichen Dank an das Schauspiel Dortmund für die Gastfreundschaft heute und für die kommenden zwei Monate der Ausstellung. Willkommen an Vertreter des Recherchenetzwerkes „Correctiv“. An die Ruhrbarone, Nordstadtblogger, an Kolleginnen und Kollegen, die ich namentlich nicht erwähnen muss, weil Sie sie aus degoutanten Todesanzeigen kennen. (Auch an Mitarbeiter der Dortmunder Behörden, die dagegen kämpfen müssen.) Und vor allem – herzlich willkommen und schön, dass Ihr da seid – an die beiden Autoren, David Schraven, und, in Abwesenheit : Jan Feindt. WEISSE WÖLFE weiterlesen

LOOP IST NICHT GLEICH LOOP

Loop ist nicht gleich Loop

Im Theater gelten Wiederholungen eher als unüblich. Nicht so im „Goldenen Zeitalter“. Ein Abend, der aus zahllosen musikalischen, sprachlichen und szenischen Loops besteht. Doch was sind Loops und warum lohnt es sich, über sie nachzudenken? Musiker Tommy Finke und Matthias Seier über das Prinzip der Wiederholung und dessen verschiedene Auswirkungen.

„Musik stellt Ordnungsverhältnisse in der Zeit dar.“
– Karlheinz Stockhausen: Wie die Zeit vergeht
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DER BAUSCHUTT DER MODERNE

Müssen wir in den Theatern eine Stunde Null ausrufen? Matthias Weigels Vorschlag (Kritiker bei nachtkritik.de), die Images der Theater mit „Pools und Party“ zu neutralisieren, ist vermutlich augenzwinkernd gemeint – und doch legt er dem Theater nahe, sich von einem bestimmten Strang seiner Geschichte zu trennen, zumindest zu distanzieren. Dieser Strang betrifft, wenn ich das richtig verstehe, in erster Linie die sogenannten „Klassiker“: die großen Erzählungen, die großen und kleineren Würfe seit dem 16. (England), 17. (Frankreich) und 18. Jahrhundert (Deutschland) sowie die Tragödien der griechischen Antike. Weigels Vorschlag kommt vermutlich nicht zufällig zu einem Zeitpunkt, an dem unser Vorrat an Vergangenheit ohnehin merklich schwindet – eine der unzähligen Folgen der Digitalen Revolution. Im Netz erreichen uns die Botschaften unabhängig von ihrer objektiven Relevanz in Permanenz, Überfülle und Echtzeit. Daher meine erste These: Die „Klassiker“ taugen durchaus als Munitionslager, um sich gegen den von Apple, Google, Facebook, Twitter und Amazon orchestrierten Angriff des Jetzt auf unsere Leben zu wehren. Andererseits hat Weigel recht, wenn er implizit in Zweifel zieht, dass uns die „Klassiker“ überhaupt noch ohne Umwege „etwas sagen“. Jeder sensible Bewohner des 21. Jahrhunderts wird das im Theater schon gespürt haben. Das wäre die zweite These, die ebenfalls als eine Folge der Digitalisierung beschrieben werden kann: Das Internet hat die Macht des Kanons längst gebrochen. Um diesen Widerspruch soll es im Folgenden gehen: Wir können die Klassiker nicht mehr gebrauchen, aber wir brauchen sie. Was machen wir also mit ihnen? DER BAUSCHUTT DER MODERNE weiterlesen

WEM GEHÖRT CHARLIE?

Sonntagabend, kurz vorm Dortmunder Tatort. Die Tagesschau läuft. Ein kleiner Bericht über die jährliche Kranzniederlegung am Grab Rosa Luxemburgs, eine Kamerafahrt über die Stele: „Die Toten mahnen uns.“ Ich schaue aus dem Fenster und sehe die großen, weißen Buchstaben des „JE SUIS CHARLIE“-Schriftzugs am Dortmunder U. Auch die Toten der fürchterlichen Terroranschläge in Paris mahnen uns. Scheint es. Doch jeder erhält anscheinend eine andere Ermahnung: die einen zur Wahrung der Meinungsfreiheit und Toleranz, die anderen zum erneuten lauten Nachdenken über Vorratsdatenspeicherung und verschärfte Grenzkontrollen. PEGIDA und Sympathisanten fühlen sich zur islamophoben, unbelehrbaren Hetze ermahnt. Und AfD-Politiker zum Wahlkampf.

Schon wenige Stunden nach den Anschlägen hatten sich Abertausende mit den Opfern solidarisiert, als wäre es ein Wettlauf. Sowohl die Organisatoren der PEGIDA- und HoGeSa-Demos wie auch die Organisatoren der Gegendemonstrationen ließen verlauten, sie seien Charlie. Die Opfer waren noch nicht bestattet und wurden schon für die unterschiedlichsten Zwecke vereinnahmt. Die überall spürbare Angst und Unruhe der letzten Tage fördert wieder einmal den Kampf um die Aussagekraft und Botschaft der Toten. Wer also bemächtigt sich ihrer? Wer bemächtigt sich der Vergangenheit und ihrer Erinnerung? Und wie?

„Du malst den Toten Sprechblasen auf die Grabsteine / die du mit deinen eigenen Gesetzestexten füllst.“ Das sagt Elektra zu ihrer Mutter, der Königin Klytaimnestra. Auf unseren Proben zur „Elektra“ (Premiere am 7. Februar) wird derzeit viel über Vergangenheit und Gegenwart geredet: über das nächtelange, fassungslose Lesen der PEGIDA-Facebookseiten, den aufflammenden Naziprotest gegen die Asylunterkunft in Eving, das Verschwimmen von linker und rechter Gesinnung. Über das diffuse Gefühl, dass gerade ziemlich viel vor die Hunde geht.

Aber Angst produziert keine gute Zukunft. Wir müssen Ängste anschaulich machen, damit sie bearbeitet werden können: Herzlich willkommen in der Erzählmaschine Schauspiel Dortmund. Es gibt noch Karten für die Elektra-Premiere. Gemeinsam gegen die Angst!

Das Sterntagebuch wurde am 14. Januar 2015 in den Ruhr Nachrichten veröffentlicht.