BLACKBOX NSU: „ES WURDE NUR IN EINE RICHTUNG ERMITTELT!“

Am 4. April 2016 jährt sich der NSU-Mord an dem türkischstämmigen Dortmunder Kioskbesitzer Mehmet Kubaşık zum zehnten Mal. Im Rahmen der Diskussions-Reihe BLACKBOX lud das Schauspiel Dortmund im Mai 2015 Antonia von der Behrens ein. Im laufenden Münchner NSU-Prozess vertritt die Anwältin die Interessen der Familie von Kubaşık. Im Gespräch mit dem Journalisten David Schraven berichtete sie vom Prozessalltag, zweifelhaften Zeugenaussagen, dem Schweigen von Beate Zschäpe, Terrorstrukturen, V-Männern und Versäumnissen der Polizei – auch der Dortmunder. 

David Schraven und Antonia von der Behrens
David Schraven und Antonia von der Behrens im Institut vom Schauspiel Dortmund

David Schraven: Frau von der Behrens, Sie sind während des Münchner Verfahrens sehr nah dran an der einzigen Person, die über den NSU detailliert Auskunft geben könnte – und diese Person schweigt. Wie ist das, wenn man Beate Zschäpe vor sich hat?

Antonia von der Behrens: Schwierig. Vielleicht für uns Anwälte ein bisschen weniger als für die Angehörigen. Die Ehefrau und auch die älteste Tochter von Mehmet Kubaşık waren oft in München, und die belastet das extrem. Man sitzt sich im Gerichtssaal auf der Pelle. Und gerade am Anfang hatte Zschäpe noch eine sehr selbstbewusste Haltung und fixierte jeden Einzelnen im Gerichtsaal – insbesondere Zeugen, die davon durchaus eingeschüchtert wurden. Nach außen spricht überhaupt nichts dafür, dass sie Reue empfindet. Sie sieht mit ihrem Business-Kostüm aus wie eine ihrer Verteidigerinnen. Natürlich muss sie nicht vor Reue zusammenbrechen. Es ist ihr gutes Recht, dass sie sich so verhält. Aber als die Angehörigen von Kubaşık im Zeugenstand saßen und aussagten, was am Tag des Mordes geschah, saßen sie nur zwei, drei Meter von ihr entfernt. Es muss beklemmend sein, der Frau direkt gegenüber zu sein.  Die weiß, warum er sterben musste, und von wem der Tipp kam, ob es Helfer gab. Und sie schweigt.

Wie geht denn so ein Richter damit um? Die Zeugen aus dem rechten Umfeld lügen doch mitunter so doof, dass das jeder merkt.

Ja, das ist schwer zu ertragen. Seit 1992/93 waren die Mitglieder des späteren NSU rechtsradikal in einer festen Gruppierung organisiert. Sie hatten ja schon alle möglichen Propagandadelikte begangen, bevor sie 1998 untergetaucht sind. Wir haben viele Zeugen aus diesem ersten Szene-Umfeld in Jena. Andere Zeugen sind Nazis aus Sachsen, mit deren mutmaßlicher Hilfe sie damals untertauchen, im Untergrund leben und ihre Mordzüge unternehmen konnten. Wir haben bei diesen Zeugen stets das gleiche Bild: Sie setzen sich auf den Stuhl und haben Erinnerungslücken bis zum Gehtnichtmehr. Natürlich liegt das alles lange zurück. Aber die NSU-Mitglieder werden immer noch als Kameraden angesehen, denen man verpflichtet ist.

Vor Kurzem hatten wir einen ehemaligen Neonazi aus Jena im Gerichtssaal, der gesagt hat, was er wusste – nach 202 Prozesstagen der Erste. Keiner im Saal konnte die Situation richtig fassen. Er erzählte, dass er mit den NSU-Mitgliedern, als die in Jena noch offen lebten, eine Puppe an der Autobahn aufgeknüpft hat. Mit Davidstern und „Jude“-Schriftzug, als Botschaft an Ignatz Bubis, der daran vorbei zu einer Veranstaltung in Weimar fahren sollte. Der Mann hat den Uwes bei der Polizei und auch in zwei Instanzen vor Gericht ein Alibi gegeben: „Nein, nein, ich war auf einer Party mit denen.“ Das war auch ein Grund, weshalb Uwe Böhnhardt damals freigesprochen wurde. Und jetzt brach der Mann im Münchener Gericht psychisch zusammen: „Es ist mir egal, ich werde meinen Job verlieren und ich verliere meine Freunde, aber ich sag, was war.“ Alle anderen aber – die gehen da raus, sind stolz und lassen sich von den Nazis im Publikumsblock feiern.

Und der Angeklagte Carsten S., der die Szene inzwischen verlassen hat und sich zu seiner Homosexualität bekannt hat – hat der denn alles erzählt?

Wir haben fünf Angeklagte: Neben der Zschäpe sind das Ralf Wohlleben, Holger Gerlach, der auch noch aus der Jenaer Zeit kommt, und André Eminger aus Zwickau, der bis zum Schluss ganz eng mit Böhnhardt und Mundlos befreundet war. Und eben Carsten S., der mit Wohlleben zusammen die Mordwaffe besorgt haben soll. Beide waren in der Kameradschaft Jena, Teil des „Thüringer Heimatschutz“. Carsten S. hat für Wohlleben Handlangerdienste erledigt, unter anderem auch die Betreuung des Trios im Untergrund. Einmal rief Böhnhardt ihn an, sie bräuchten eine Waffe mit Schalldämpfer. Carsten S. hat sie organisiert und nach Chemnitz gebracht. Er sagt heute natürlich, dass er annahm, die Waffe sei zur Selbstverteidigung. Als er den beiden Uwes dann die Waffe überreichte, öffneten sie ihren Rucksack und zeigten ihm all die Waffen, die sie schon hatten. Außerdem erzählten sie ihm, dass sie in Nürnberg einen Anschlag mit einer Taschenlampe verübt hätten und bezahlten ihn mit Geld, an dem noch Banderolen waren, also aus einem Banküberfall. Er realisierte plötzlich: Die machen Raubüberfälle und Bombenattentate – und ich bringe denen noch eine Waffe. Das fiel ihm extrem schwer. Bis heute ist nicht geklärt, ob er wirklich einen Schalldämpfer mitlieferte. Er und Holger Gerlach sind im Verfahren die Einzigen, die überhaupt reden. Das muss man würdigen.

Man konnte durch seine Aussage z. B. rekonstruieren, dass es 1999 in Nürnberg diesen Bombenanschlag auf ein türkisches Restaurant gab. Der Wirt erlitt schwere Verbrennungen, aber sie waren nicht lebensgefährlich. Der Anschlag wurde nicht als rechte Tat eingeordnet. Man dachte, der Wirt habe das selbst gemacht.

In NRW gibt es zwei ungeklärte Fälle: einen antisemitischen Bombenanschlag in Düsseldorf-Wehrhahn auf die S-Bahn und einen Anschlag mit einer Sprengfalle in Duisburg, bei dem ein türkischstämmiger Mann schwer verletzt wurde. Ist es wahrscheinlich, dass der NSU da seine Finger mit drin hatte?

Wir können das nicht ausschließen. Wir haben aber auch keine Hinweise gefunden, die dafür sprechen. Angeblich hat das BKA auch noch andere unaufgeklärte Mordfälle untersucht – allerdings hatten sie das auch in Nürnberg getan, aber den Taschenlampen-Anschlag nicht dem NSU zugeschrieben oder überhaupt rechte Täter vermutet.

Konnte man bei dem Prozess zumindest etwas Licht ins Dunkel bringen, wie die Leute in die Szene geraten? Und wie sich die gesamte Szene radikalisierte?

Es gab in den Neunzigern einen Rudolf-Heß-Gedenkmarsch im thüringischen Rudolstadt, der zwei- bis dreitausend Besucher anzog. Er wurde nicht verboten, es gab keine größere Gegendemo, auch die Polizei griff kaum ein. Für die Nazi-Szene war das ein großer Erfolg, der die rechten Kreise in Thüringen enorm gepusht hat. Vorher waren das irgendwelche Nobodys, danach ernteten sie von Nazis bundesweit Lob. Auf unsere Bemühungen aber, das im Prozess alles weiter zu thematisieren – auch im Kontext der fremdenfeindlichen Pogrome Anfang der 1990er – wird geantwortet, die Frage der Radikalisierung gehöre nicht zum Verfahrensstoff.

Wir haben es aber geschafft, die Ideologien des NSU zum Thema zu machen: führerloser Widerstand, Anschläge ohne Bekenner-Schreiben, das Arbeiten in Zellen. Zu zeigen, aus welchen Texten und Strukturen diese Ideen kommen, gelingt uns zumindest partiell. Das Gericht war anfänglich nicht begeistert und konnte mit Begriffen wie „Blood and Honour“ oder „Turner-Tagebücher“ nichts anfangen. Inzwischen bemerken sie die Relevanz. Es hilft, die Vorsätze der Zeugen oder Angeklagten zu verstehen.

Die hiesige Naziszene lernte über Jahre, dass sie sich in Dortmund ungestört ausbreiten kann. Es gab den Mord an Mehmet Kubaşık. Zeugen sprachen von zwei verdächtigen Männern am Tatort, die wie Nazis aussahen. Daraus wurden im Laufe der Ermittlungen relativ schnell Ausländer, die mit Drogen handeln.

Bei Mehmet Kubaşık wurde wenig ermittelt. Die Akten sind im Verhältnis zu den anderen Akten sehr dünn. Das Einzige, was sie abarbeiteten, waren Fragen wie: Hat der was mit Drogen oder organisierter Kriminalität zu tun? Ist er in der PKK?

Es gibt die Aussage einer Frau, sie habe ein verdächtiges Pärchen am Tatort gesehen. Es gibt Personenbeschreibungen, die treffen auf Zschäpe und die Uwes zu. Das wurde nicht weiter verfolgt, weil sie als deutschstämmig beschrieben wurden. Und es gab eine Zeugin, die Böhnhardt und Mundlos gesehen und sogar die Straßenseite gewechselt hat, weil der eine von beiden so böse geschaut habe. Sie hat ausgesagt: „Das waren entweder Nazis oder Junkies.“ Dann fahren zwei Beamte zu ihr, einer von denen ist vom Staatsschutz. Nachdem sie mit ihr gesprochen haben, fällt das Wort „Nazi“ nicht mehr.
Stattdessen geht man immer wieder zu den Freunden und Verwandten des Opfers: „Hatte er nicht doch eine Geliebte? Gab es nicht doch was mit Drogen?“ Die Ermittlungsfehler haben die Betroffenen über Jahre nicht nur stark belastet, sondern auch stigmatisiert.

Auf einmal standen sie als eine Familie da, die mit Drogen und Mafia zu tun hat.

Genau. Mehmets Witwe Elif Kubaşık hat hellsichtig reagiert und der Presse gesagt: „Wir können es uns eigentlich nur mit Nazis erklären.“ Sie hat sogar auf die Parallele zu dem Mord hingewiesen, der zwei Tage später stattfand – am 6. April starb Halit Yozgat in Kassel: Beide Tatorte lagen an Ausfallstraßen zur Autobahn, um schnell die Stadt verlassen zu können.

Daran hätten die Ermittler merken müssen, dass es Zufallsopfer waren. Die Mafia schaut ja nicht, ob ihr Opfer an einer Ausfallstraße wohnt. Die Opfer waren Linke, Rechte, Kurden, Nichtkurden, Gläubige, Atheisten. Unwahrscheinlich, dass diese Menschen in irgendeiner fiktiven Organisation miteinander verbunden sein sollten. Auch der Satz „Hinterher ist man schlauer“ ist keine Ausrede. Es wurde ganz einfach nur in eine Richtung ermittelt.

Gibt es Hinweise darauf, dass es in Dortmund ein ähnlich aktives Unterstützerfeld für den NSU gab wie in Jena?

Wir wissen, dass die drei auf Konzerten von NRW-Bands in Sachsen und Thüringen waren. Aber richtig harte Indizien, dass es Kontakt nach Dortmund gab, danach suchen wir noch. Es gab hier im Jahr des Mordes aktive Strukturen, eine COMBAT 18-Zelle mit derselben Ideologie wie die des NSU. Dass sie voneinander wussten und COMBAT 18 den Mord verstanden hat, auch ohne Bekenner-Schreiben – davon ist auszugehen. Von der COMBAT 18-Zelle in Dortmund wissen wir übrigens nicht durch das BKA oder die Bundesanwaltschaft, sondern von Journalisten.

In Baden-Württemberg gab es wohl eine Unterstützer-Gruppe, und in Hessen zumindest Verflechtungen mit dem Verfassungsschutz. Was ist mit dem Mord an Mehmet Turgut in Rostock?

Der Tatort in Rostock war eine Imbissbude auf grüner Wiese zwischen Plattenbauten. Man war zwar nahe einer Ausfallstraße. Aber bevor man dort hinkam, war es recht klein und verwinkelt. Diesen Ort findest du nicht im Vorbeifahren. Und in der frühen Jenaer Zeit hatten sie enge Kontakte nach Rostock. Das spricht dafür, dass es vor dem Mord einen Hinweis gab. Wir können es aber wieder nicht beweisen, es wird alles abgestritten. Und ganz offensichtlich gibt es kein Interesse von der Bundesanwaltschaft, vom BKA, da wirklich was herauszufinden. Eine Ausnahme davon gibt es im Prozessalltag nur, wenn wir Nebenklage-Vertreter einen Antrag stellen – z. B. um Sebastian Seemann anzuhören, dieser Dortmunder Neo-Nazi und V-Mann. Ob er kommen wird, wissen wir noch nicht.

In Duisburg gab es dieses rechte Fanzine namens Förderturm. Man weiß, sie erhielten Geld vom NSU.
2002 schaltete der NSU dort eine Anzeige. Sie schrieben: „Wir sind ein Netzwerk. Wir haben zwar keine Adresse, aber wir sind erreichbar.“ Das zeigt, dass der NSU nie eine kleine, isolierte Gruppe war – was die Bundesanwaltschaft behauptet. Sie haben offen in der Neonazi-Szene für sich geworben und Geldgeschenke verteilt. Welche Strukturen es aber in Duisburg gab, und welchen Kontakt sie dort pflegten – das ist alles nicht ermittelt worden. Wenn wir nicht zufällig Infos dazu in die Hand kriegen, können wir nichts davon im Verfahren thematisieren. Wir sind auf Journalisten angewiesen, viel auch auf die Antifa, die Sachen findet und ausgräbt.

Ich verstehe aber auch die Generalstaatsanwaltschaft, die ein klares Ziel definiert und sich fragt: „Wie setzen wir unsere Mittel effektiv ein, damit Zschäpe möglichst lange in den Knast wandert?“ Warum kann man den Prozess nicht in 14 Tagen durchziehen? Was genau muss Zschäpe bewiesen werden?

Schon ein normales Mordverfahren kann ein, zwei Jahre dauern. Hier haben wir zehn Morde, zwei Anschläge und 15 Banküberfälle. Zschäpe ist als Mittäterin angeklagt. Wir werfen ihr vor, dass sie mit Böhnhardt und Mundlos die Menschen umgebracht hat. Das heißt nicht, dass sie selbst geschossen haben oder am Tatort gewesen sein muss. Es heißt, sie wusste Bescheid und wollte die Morde aus ideologischen Gründen. Es gibt z. B. Fingerabdrücke von ihr auf Zeitungsartikeln über die Morde. Sie leistete ihren Anteil, dass die Uwes in der Anonymität bleiben konnten. Das reicht für eine Verurteilung. Wir schätzen, Ende des Jahres 2015 ist der Prozess durch.

Darüber hinaus ist sie angeklagt, Mitglied einer terroristischen Vereinigung zu sein. Man muss also auch noch nachweisen, dass es überhaupt eine Organisation gab und welche Ideologien und Ziele sie hatte. Wie groß sie war. Bei anderen terroristischen Organisationen weiß man das – bei der RAF oder der PKK. Zschäpe aber ist Angeklagte einer Organisation, von der bis 2011 angeblich keiner wusste. Das Gericht muss also erst feststellen: wer, wo, wie, wann, wie lange, was?

Aber die Bundesanwaltschaft würde Zschäpe am liebsten 200 Jahre lang weg sperren und dann zur Tagesordnung übergehen. Es sollen keine weitergehenden Fragen aufkommen, z. B. welche V-Männer in der Szene waren oder ob manche von ihnen sogar Mitglied des NSU waren.

Bei dem Mord an Halit Yozgat in Kassel war der V-Mann-Führer Andreas T. direkt anwesend. Auf einer Rekonstruktion des Tatorts erkennt man, dass er beim Verlassen des Internetcafés sogar über den Ermordeten drüber gestiegen sein muss.

Das macht uns immer noch fassungslos. Zwei Tag nach dem  Mord an Mehmet Kubaşık fährt der NSU nach Kassel zu diesem Internetcafé. Dort sitzt Andreas T., ein Hobbyschütze, der sich auch mit Waffen und Schussgeräuschen auskennt. Yozgat wird mit einem doppelten Kopfschuss getötet. Man hat diesen Mord zeitlich rekonstruiert, was aufgrund der Nutzungszeiten der Computer gut möglich war. Andreas T. hat den Laden unmittelbar nach dem Mord verlassen. Der Typ ist fast zwei Meter groß und das Opfer liegt erschossen hinter einem niedrigen Schreibtisch. Überall Blutspritzer. Angeblich hat er weder die Schussgeräusche noch das Fallen des Körpers gehört. Er sei rausgegangen und habe dabei fünfzig Cent auf den Schreibtisch gelegt, sich in sein Auto gesetzt und weggefahren. Das ist die Story, die er seit 2006 durchgängig erzählt. Vieles spricht aber dafür, dass er nicht zufällig in dem Café war, sondern von der geplanten Tat wusste. Dass er trotzdem davongekommen ist, liegt vermutlich auch daran, dass er von seiner Behörde geschützt wurde und irgendwann versetzt. Da gibt es abgehörte Gespräche, die das nahelegen. Heute sitzt er mit vollen Boni im Regierungspräsidium. Er ist nicht der einzige Beamte, der in diesem Verfahren gelogen hat.

Was weiß man über den Hintergrund des Manns?

Er stammt aus einem kleinen Dorf in Hessen und hat selbst eine rechte Einstellung. Bei Hausdurchsuchungen wurden entsprechende Materialien gefunden. Er hatte im Landesamt für Verfassungsschutz in Kassel fünf V-Männer unter sich, war also viel auf der Straße unterwegs, hat sich mit ihnen getroffen und sie – wie es im Jargon heißt – „abgeschöpft“. Vier dieser V-Männer kamen aus dem islamistischen und einer aus dem rechten Bereich. Über diesen rechten V-Mann müssen Informationen über den NSU an Andreas T. geflossen sein, so dass er am Tag der Tat zum genauen Zeitpunkt im Internet-Café sein konnte. Er war zwar häufiger in diesem Café, aber die exakte Uhrzeit ist auffällig – ebenso, dass er vor dem Mord mit seinem V-Mann telefonierte, und zwar fünfzehn Minuten lang, was sie erst verschwiegen haben. Heute behaupten beide übereinstimmend, sie wüssten nicht, was sie damals beredet hätten.

Das ist das Traurige – man hat zu viele lose Enden. Eines der Auffälligsten ist die Schredderaktion beim Bundesamt für Verfassungsschutz.

Es gab zwei verschiedene Vernichtungswellen – einmal in der Zeit vor der Enttarnung des NSU am 4. 11. 2011. Die Akte von einem thüringischen V-Mann wurde bereits 2002 vernichtet . Es sind noch ganze drei Blätter davon erhalten. Er war hoch bei „Blood and Honour“ und kannte das Trio. Hat der damals mehr berichtet, als man wissen wollte?

Die zweite Vernichtungswelle war nach der Enttarnung. Am 8.11.2011 wurde öffentlich, dass es so etwas wie den NSU gab, und am selben Abend wurden im Bundesamt mehrere Akten über thüringische V-Männer vernichtet. Die zeitliche Koinzidenz ist offensichtlich. Die Beamtin, die das angeordnet hat, sollte eigentlich im Untersuchungsausschuss des Bundes vernommen werden. Aber sie war dann leider so krank, dass sie nicht nach Berlin konnte. Ausschussmitglieder haben sie an ihrem Krankenbett befragt, in Anwesenheit ihrer Vorgesetzten. Entschuldigung, aber das ist absurd. Da gibt es nur einen Schluss: in diesen Akten standen Dinge, die nicht öffentlich werden sollten.

Aufgezeichnet am 21. Mai 2015 im Institut des Schauspiel Dortmund. Transkription und Foto: Matthias Seier, Bearbeitung: Alexander Kerlin.


Die Reihe BLACKBOX ist in offener Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Institutionen und Menschen entstanden, so z. B. bodo – das Straßenmagazin (Bastian Pütter), European Homecare (Said Arab), CORRECT!V (David Schraven) und Ulrike Märkel. Wer sich einmischen und die Diskussionsreihe mit dem Schauspiel Dortmund fortschreiben möchte, wer also Ideen dazu hat, welche Menschen in diesem Zusammenhang unbedingt öffentlich zu Wort kommen sollten, schreibe bitte eine Mail an: akerlin@theaterdo.de.

Über Matthias Seier

Matthias Seier wurde 1993 im Münsterland geboren. Er studierte Kultur- und Literaturwissenschaften sowie Soziologie in Dortmund und Athen. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er Dramaturgieassistent und betreut die Social Media-Kanäle des Schauspiels. Assistenzen u.a. bei "Das Goldene Zeitalter" (2013, Regie: Kay Voges), "Szenen einer Ehe" (2014, Regie: Claudia Bauer), "Elektra" (2015, Regie: Paolo Magelli) und "hell / ein Augenblick" (2017, Regie: Kay Voges). Seine erste Produktionsdramaturgie "Heimliche Helden" (Regie: Julia Schubert) feierte im Oktober 2016 Premiere. Gemeinsam mit Anne-Kathrin Schulz übertrug er das Stück "TRUMP" von Mike Daisey aus dem Englischen ins Deutsche. Das Internetportal nachtkritik.de ehrte ihn 2016 mit der Auszeichnung "Goldener Hashtag" für den besten Tweet des Jahres in der Kategorie "Visionär".

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